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Innovation als Mitbringsel: Warum der Tech-Tourismus im Silicon Valley besser ist als sein Ruf

Innovation als Mitbringsel: Warum der Tech-Tourismus im Silicon Valley besser ist als sein Ruf

Innovationsreisen ins werden oft abfällig als „Tech-Tourismus“ bezeichnet. Häufig leider zu Unrecht, meint US-Korrespondent Andreas Weck und beschreibt das am Beispiel einer studentischen Reisegruppe aus Niedersachsen.

Innovation als Mitbringsel: Warum der Tech-Tourismus im Silicon Valley besser ist als sein Ruf

Innovationsreisen ins Silicon Valley sind beliebt. (Bild: Entrepreneurship Center)

Das Silicon Valley erlebt derzeit einen Boom und der hängt nur indirekt mit Technologie zusammen. Neben der nach wie vor florierenden Startup-Welt, kann die Region um die Bay-Area auch als interessanter Ausflugsort punkten. Das Tech-Mekka gilt als Pilgerort für Google-Fanboys, die ihren Idolen nachjagen sowie Managern der alten Geschäftswelt, die hoffen, im Tal der IT die nötige Kraft und Inspiration zu finden, um das eigene Unternehmen in der Heimat zu entstauben. Je nach Ambition lächelt der ein oder andere Beobachter – mal mehr und mal weniger abtrünnig – über die scharenweise einkehrenden Reisegruppen. Die Busladungen erinnern sehr oft an Kaffeefahrten.

Dabei gilt es genau hinzugucken, wer hier eigentlich was sucht. Sie alle wollen zwar dem dynamischen Geist der US-amerikanischen Technologie-Wirtschaft auf den Zahn fühlen. Jedoch unterscheidet sich ein Konzern-Boss, der glaubt es besser zu wissen und sich schlussendlich doch wieder nur bequem den alten Strukturen hingibt, enorm von angehenden Jungunternehmern, die von Anfang an alles anders machen wollen. Das weiß auch Oliver Hanisch zu berichten, der den German-Silicon-Valley-Accelerator (GSVA) in San Francisco leitet. Der GSVA öffnet sich seit Jahren interessierten Besuchern, um ihnen wichtige Fragen über die Gegebenheiten der Tech-Szene zu beantworten. „Gerade bei Studentengruppen, habe ich sehr oft das Gefühl, dass wir sie nachhaltig beeindrucken und ihnen helfen, eine andere Idee von Unternehmertum zu entwickeln“, gibt der Deutsche im Gespräch zu verstehen. Er zieht hier eine klare Linie: „Für Fanboys haben wir keine Zeit. Für Unternehmer nehmen wir sie uns, aber vor allem bei den zukünftigen Führungskräften glauben wir etwas Gutes zu tun.“

„Für Fanboys haben wir keine Zeit. Für Unternehmer nehmen wir sie uns.“

Eine dieser Studentengruppen, die Hanisch dieser Tage begrüßte, ist den langen Weg von Niedersachsen aus angetreten. Studierende des MBA für Entrepreneurship & Innovation an der Ostfalia-Hochschule in Wolfenbüttel haben zusammen mit Studierenden der TU Braunschweig eine Exkursion zu einigen Hotspots der hiesigen Tech-Wirtschaft unternommen: Neben Accelerator-Programmen wie dem GSVA und dem Plug-and-Play-Tech-Center, wurde die Gruppe auch in den Hauptquartieren von Facebook, Google und Eventbrite sowie an der Elite-Universität Stanford in Empfang genommen. Zudem konnten die Teilnehmer mit Verantwortlichen einiger Coworking-Spaces wie dem Impact Hub in Kontakt treten und ihre drängenden Fragen stellen. Die drehten sich oft um kulturelle Unterschiede: „Was wird hier anders gemacht? Und warum?“ Einige waren auch kritisch und wesentlich konkreter: „Warum blickt man hierzulande so unbesorgt auf die enormen Burn-Rates in den IT-Startups?“ Die Teilnehmer haben allem Anschein nach ihre Hausaufgaben gemacht.

Image polieren statt Innovation vermitteln: Einige Unternehmen zeigen nur ihre bunte Seite

Zu Besuch bei Facebook: Ein Rundgang auf dem Campus, aber wenig geteiltes Wissen. (Bild: Andreas Weck)
Zu Besuch bei Facebook: Ein Rundgang auf dem Campus, aber wenig geteiltes Wissen. (Bild: Andreas Weck)

Die Qualität der einzelnen Stationen und die Bereitwilligkeit tiefergehende Informationen preiszugeben, unterscheidet sich bisweilen extrem. Viele Tech-Unternehmen fürchten Wirtschaftsspionage und kommen über reine Image-Touren nicht hinaus. Während die Besucher bei Facebook beispielsweise nur eine Führung über den Innenhof und öffentlichen Orten wie der Cafeteria bekamen, hat man sich im Plug-and-Play-Tech-Center oder bei Eventbrite etwas mehr auf die Themen der Interessierten eingelassen.

So ist beispielweise Saeed Amidi, der als Seed-Investor von PayPal bekannt wurde und den Plug-and-Play-Accelerator vor knapp sieben Jahren gründete, höchstpersönlich vor die Gruppe getreten. Sein Anliegen war es vor allem über die infrastrukturellen Unterschiede – auch und gerade im Bezug auf die Investitionsbereitschaften innerhalb der verschiedenen Märkte – zu sprechen. Europa hat da nach wie vor starke Defizite. Bei Eventbrite hat sich die Expansionsleiterin Elsita Meyer-Brandt mit den Wissbegierigen beschäftigt und erklärt, wie das Unternehmen während eines neuen Markteintritts agiert und welche Probleme dabei auftauchen können. Für den MBA-Studierenden Alexander Peter, der zudem erste Schritte als Gründer des Startups PHANTOMINDS unternimmt, waren derartige Begegnungen besonders interessant. „Genau diese Gespräche schärfen das eigene Gründungsvorhaben und bilden die Grundlage für eine bessere unternehmerisches Denkweise“, gibt er zu verstehen.

Tech-Tourismus funktioniert, wenn Gastgeber und Gast ein ehrliches Interesse verfolgen

Für die Tour mussten die Teilnehmer indes selber aufkommen. Die Flüge, das Hotel und Verpflegung haben rund 1.500 Euro gekostet. Angesichts des klammen Geldbeutels vieler Studenten, war das für einige Gruppenmitglieder ein hohes Sümmchen. Doch auch nach mehrmaligem Nachhaken wird klar, dass sich der Einsatz gelohnt haben muss. „Die Tour hat uns einen guten Einblick in die amerikanische Gründerszene ermöglicht. Viele Ansätze haben mich sehr inspiriert“, entgegnet beispielsweise auch Tobias Sell, MBA-Studierender und Mitgründer einer App-Schmiede namens Mobfish. Dass diese Reise auch von den Organisatoren als voller Erfolg wahrgenommen wird, lässt zudem auch Prof. Dr. Asghari, der den Gemeinschaftslehrstuhl für Entrepreneurship an der Ostfalia Hochschule und der TU Braunschweig führt, durchsickern: „Die Teilnehmer der Exkursion konnten einen hervorragenden Einblick in den Kulturkreis am Standort Silicon Valley gewinnen und sich die Innovationstreiber vor Ort anschauen. Die Exkursion soll zukünftig jährlich stattfinden.“

Ob derartige Touren es generell verdient haben von Beobachtern belächelt zu werden, kann man verneinen. Es wird aber schlussendlich im Auge des jeweiligen Betrachters bleiben und hat zudem viel mit den Ambitionen der Gastgeber und der Gäste zu tun. Klar ist nach diesen Einblicken, wer die richtigen Fragen stellt und auch bereit ist ehrliche Antworten zu liefern, dürfte für einen gehörigen Mehrwert bei allen Beteiligten sorgen. Und darauf muss es ankommen.

t3n im Silicon Valley

Andreas WeckAndreas Weck hat 2014 für t3n aus San Francisco und dem Silicon Valley über neue Trends, spannende Tools und interessante Orte des Tech-Epizentrums berichtet. Sein Eindruck: Im Valley gibt es viele schlaue Köpfe und genauso viele bekloppte Geschäftsideen. / Twitter, Facebook.

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