Du hast deinen AdBlocker an?

Es wäre ein Traum, wenn du ihn für t3n.de deaktivierst. Wir zeigen dir gerne, wie das geht. Und natürlich erklären wir dir auch, warum uns das so wichtig ist. Digitales High-five, deine t3n-Redaktion

Startups

Deutschland und seine Gründer – ein gestörtes Verhältnis

    Deutschland und seine Gründer – ein gestörtes Verhältnis
(Foto: jurvetson / flickr.com, Lizenz: CC-BY)

Eine Reportage über die Startup-Schmiede Rocket Internet der Samwer-Brüder sorgt für Diskussionen im Netz. Die gemeinsamen Recherchen von ZDF und Wirtschaftswoche für die am Dienstagabend ausgestrahlte Sendung namens „Die große Samwer-Show“ brachten tatsächlich neue Erkenntnisse wie die Tatsache, dass das Rocket-Unternehmen Zalando insgesamt 35 Millionen Euro staatliche Subventionen von Bund und den Ländern Berlin, Brandenburg und Thüringen erhielt.

Doch beim Umgang mit dem Phänomen Rocket Internet im ZDF zeigten sich leider auch wieder Ressentiments und ein für deutsche Medien leider verbreitetes Unverständnis für das Phänomen Startups und die ökonomischen Regeln der Internet-Welt.

Die Samwers sind bisher nicht durch eigene Unternehmerideen aufgefallen, sondern durch das – manche sagen dreiste – Kopieren der Ideen anderer Startups aus den USA. Soweit, so bekannt. Das Kopieren ging teilweise soweit, dass sogar Code-Schnipsel oder Teile von Allgemeinen Geschäftsbedingungen von der Konkurrenz so stümperhaft kopiert wurden, dass sogar der Name es Originals noch teilweise auftauchte. Das allerdings sind alte Geschichten – ebenso wie die umstrittene Geschäftspraxis des Klingeltonanbieters Jamba, den einst die Samwers aufgebaut hatten.

Interessanter waren da schon die angeblichen unfairen Praktiken der inzwischen geschlossenen Samwer-Startups in der Türkei, die von der Reportage recherchiert wurden. Ebenso interessant ist, dass es mit dem zur Schau gestellten Gutmenschentum der Rocket-Startups in Afrika offenbar weniger weit her ist, als Unternehmen wie Jumia behaupten. Sollten die Sachverhalte wie dargestellt zutreffen, ist Kritik daran natürlich völlig legitim.

Allgemeine Skepsis gegenüber dem Internet

Leider aber schwang in der Reportage auch das mit, was in der deutschen Gesellschaft allgemein verbreitet ist: Eine Skepsis gegenüber dem Internet und insbesondere allen, die damit auch noch Geld verdienen wollen. So muss man Rocket Internet nicht gleich allein verantwortlich machen für das Aussterben des Einzelhandelns. Eine weinende Boutiquen-Besitzerin, die von ihrer Tochter umarmt wird, rührt die Herzen der Zuschauer – doch wäre ihr Geschäft nicht von Zalando in die Enge getrieben worden, wären es andere E-Commerce-Anbieter gewesen.

Auch ist auffällig, dass die ZDF-Reporter der Leistung, funktionierende Internet-Geschäftsmodelle in Deutschland aufzubauen, keinerlei Wertschätzung entgegenbringen. Natürlich sind die Rocket-Startups keine eigenen Ideen. Aber eine Idee ist der kleinste und meist einfachste Teil eines funktionierenden Unternehmens. Bei Ausführung und Umsetzung der Ideen – der „Execution“ – konnten die Samwers sogar international Anerkennung finden. Und von ihren Methoden zum schnellen Aufbau von Unternehmen haben wiederum Gründer wie Investoren gelernt. Nicht wenige Gründer gehen mit dem Label „Ex-Rocket“ sogar regelrecht bei Medien und Investoren hausieren. Und mit Project A Ventures gibt es auch einen eigene Startup-Schmiede, die von Ex-Rocket-Mitarbeitern aufgebaut wurde.

All das fehlt in der Reportage, bei der sich schnell das Gefühl einstellt, dass die Macher von vorne herein auf Skandalisierung aus waren, statt auf eine faire und ausgewogene Berichterstattung. Dass dann auch noch Ex-StudiVZ-Mitgründer Ehssan Dariani als einer der Kronzeugen gegen die Samwers auftritt, der aber nicht mehr zu sagen hat als seine alten Vorwürfe zu wiederholen, diskreditiert für viele Insider der Startup-Szene die gesamte Reportage. Immerhin ist seit langem bekannt, dass Dariani eine öffentliche Schlammschlacht gegen große Teile der Startup-Szene angezettelt hat, nachdem er sich bei StudiVZ hintergangen fühlte.

Für viele mangelt es an Verständnis dafür, dass Startups auch Verlust machen können. (Bild: memegenerator.net)
Für viele mangelt es an Verständnis dafür, dass Startups auch Verlust machen können. (Bild: memegenerator.net)

Leider geradezu typisch für deutsche Medien ist das mangelnde Verständnis für die Regeln der Startup-Welt, wenn es um den wirtschaftlichen Teil der Reportage geht. Die ZDF-Macher betonen, dass fast sämtliche Rocket-Startups noch große Verluste einfahren. Das aber ist weder ein Geheimnis, noch sonderlich überraschend. Die Unternehmen sind überwiegend jung und voll auf Wachstum ausgerichtet. Ihr erklärtes Ziel ist es, jetzt vor allem in Schwellenländern schnell und aggressiv Marktführer zu werden, um sich eine strategische Ausgangsposition für Jahrzehnte großer Gewinne zu sichern. Die Internet-Ökonomie mit ihren starken Skaleneffekten kommt dabei dieser Strategie zu Gute.

Anzeige

Unverständnis für die Startup-Ökonomie kein Einzelfall

Die Wette ist riskant – doch so zu tun, als sei die Tatsache, dass Rocket-Startups heute Verluste schreiben schon der Beweis dafür, dass die Rocket-Aktie ein schlechtes Investment wird, zeugt von wenig wirtschaftlichem Sachverstand.

Leider ist die ZDF-Reportage hier kein Einzelfall. Selbst die etablierte Wirtschaftspresse in Deutschland tut sich häufig noch schwer damit, die Startup-Ökonomie zu begreifen. Als in einem Artikel über den abflauenden Berliner Startup-Hype in einem großen deutschen Wirtschaftsmagazin der Satz „Selbst vor Pleiten ist die Berliner Internet-Community nicht mehr gefeit“ fiel, sorgte das in Deutschlands Startup-Szene für kollektives Kopfschütteln. Pleiten gehören zu jeder Startup-Ökonomie dazu, ebenso wie große Verluste in der Wachstumsphase. Ohne Pleiten, Risiko und Verluste entstehen weder Googles noch Facebooks.

In der ZDF-Reportage war leider auch wieder die Art von deutscher Überskepsis deutlich zu sehen, die mit dazu beiträgt, dass allzu schnell aus Deutschland wohl auch keine Facebooks oder Googles zu erwarten sind.

Mehr Technologie-News auf wsj.de

Von Stephan Dörner

Ursprünglich publiziert bei wsj.de.

Finde einen Job, den du liebst

7 Reaktionen
NikolaiShulgin.Bitrix24
NikolaiShulgin.Bitrix24

Meiner Meinung nach wird öffentlich zu stark kategorisiert. Egal wie man Internet-Unternehmen nun nennen mag, im Grundsatz handelt es sich doch um ganz gewöhnliche Unternehmen, wie sie schon seit Jahrhunderten gegründet werden. Die im Bericht angesprochenen Probleme existieren in ihrer Grundform letztlich schon seit Existenz der Marktwirtschaft. In mehr oder weniger neuer Erscheinungsform - der Internetwirtschaft - entlädt sich nun wieder die allgemeine Kapitalismuskritik.

Antworten
Robert Reiz

Die Kritik aus den USA, das die Samwers den Ruf der Deutschen kaputt machen ist absolut richtig! Ich wurde in Silicon Valley auch schon mal auf die Samwers im negativen Sinne angesprochen. Rocket Internet gibt Millionen für Marketing aus und gründet neue Firmen (keine StartUps!) wie am Fliessband. Das zieht viel Aufmerksamkeit auf sich und aus den USA aus betrachtet erweckt es den anschein als wäre das tüpisch für die deutsche Gründerszene. Dabei kenne ich nur all zu viele Gründer die nichts mit Rocket Internet und den Samwers zu tun haben wollen! Und es gibt auch genug eigene und neue Ideen in der Deutschen Gründerszene!

Mit einem hat Oliver Samwer aber recht! Eine Idee alleine ist nicht viel Wert! Ideen gibt es wie Sand am Meer. Erst durch die Umsetzung wird eine Idee zu einem Business und dadurch wertvoll! Aber bestehende Geschäftsmodelle, per copy & paste, 1 zu 1 kopieren ist trotzdem unehrenhaft!
Facebook war auch nicht das erste soziale Netzwerk, aber es war auch kein MySpace copy cat. Das sind wir uns wohl alle einig. Das selbe kann man von den Rocket Internet Firmen allerdings nicht behaupten.

Antworten
Markus Käkenmeister
Markus Käkenmeister

Dass die Deutschen skeptisch geworden sind, liegt vielleicht auch an den ersten zwei Dotcom Blasen während der wir viel Geld verloren haben. Rocket könnte die nächste Blase generieren und zum Platzen bringen.

Zum Thema deutsche Internet-Entrepreneure fallen einem Kim Dotcom, Unister und Youporn ein. Viele haben eben schon Schäden durch Internetabzocke, Abmahnanwälte und Knebelverträge erlebt.

Der Copycat - Vorwurf an Rocket ist auch kaum von der Hand zu weisen. Die Kritik aus dem Silicon Valley ist auch ohne ZDF nicht zu überhören.

Die deutsche Journaille schwankt immer zwischen Hype und Alarmismus, was das Webgeschäft angeht. Selbst das führende Branchenblatt, Internetworldbusiness hat einen eher boulevardesken, PR-geladenen Tiefgang.

Ich bin immer skeptisch, wenn TV über Web berichtet (meistens interviewt die blonde Zettelhalterin den Interneterklärbär). Aber dieses Stück war ja recht tough recherchiert, das Interview für Samwer sichtlich tough.

Antworten
Tobias Kirsch
Tobias Kirsch

Ich kann jetzt nicht so richtig nachvollziehen, wo ihr hier ein allgemeines Startup-Bashing erkennen könnt. Sicher, der Teil mit den armen, lokalen Geschäften, die von Internet-Riesen nieder gemacht werden, den hätte man versachlichen können und fragen können, wieso die Boutique-Betreiberin nicht einfach Waren und Leistungen anbietet, die die Kundin auch haben will.

Grundsätzlich finde ich diese Reportage aber sehr gut - die Samwer-Brüder sind die Chinesen der Internet-Welt und ich frage mich, ob es simples Duckmäusertum ist, diese Kopiererei nicht zu kritisieren. Oder ob das Abkupfern hierzulande tatsächlich als "Gründer-Kultur" angesehen wird. Beides halte ich für unerträglich und für einen Schlag ins Gesicht eines jeden Gründers, der tatsächlich eigene Ideen FINDET und UMSETZT. Dass ihr in dem Artikel das Argument vom Samwer auch noch übernehmt, dass ja das Umsetzen einer Idee die eigentliche Kunst ist und die Samwers mit ihrer Kopiererei ergo eigentlich ja nur den schweren Teil einer Gründung übernehmen, ist ein echtes Armutszeugnis und ein Abgesang auf den unabhängigen Journalismus, den ihr ja gerade bei den anderen Journalisten vermeintlich vermisst.

In der Internet-Community fehlt mir ein kritischer Umgang mit dem, was hier zu fabriziert wird. Die sog. Webworker, Gründer, Developer, Themer, Designer & Co, die alle irgendwie am Internet und den Projekten hier herumdoktorn, fühlen sich wie damals zu Zeiten der Internet-Blase als die neue Elite auf, frei von den verstaubten Vorstellungen aus der "Old Economy" (wozu Geschäftszahlen wie gesetzlich vorgeschrieben rechtzeitig veröffentlichen?). Alte Regeln gelten vermeintlich nicht, die Neuen im Internet wissen alles besser und alles Neue, Coole und Hippe wird unkritisch übernommen. Und Erfolg - ja der ist seiner selbst Willen schon cool und erstrebenswert, egal wie: Hauptsache fett Kohle machen.

Egal ob Facebook, Google, Rocket oder Retargeting - das alles sind Auswüchse und Fehlentwicklungen, die kritisch zu hinterfragen sind. Und die eigentlich von der Internet-Gemeinde kritisch zu hinterfragen wären. Aber die Internet-Gemeinde fühlt sich wie ein Haufen Kleinkinder gleich beleidigt und angegriffen, wenn es jemand außerhalb der Gemeinde wagt, solche Dinge zu kritisieren. Vielleicht wird es mal Zeit, erwachsen zu werden?

Antworten
Tom
Tom

Sehe ich auf keinen Fall so. Der Einzelhandel hat andere Probleme, das liegt nicht an der Auswahl sondern an den Preisen für Innenstadtmieten, Einkaufspreis und Gehaltskosten.
Was die Samwers sehr gut machen ist Werbung. Und das kam sogar in der Reportage gut rüber. Klar schüttelt es jeden wenn er nur Jamba hört, aber die haben damit Kohle gemacht. Auch Zalando ist zum Schreien, aber meine Mitbewohnerin während der Studienzeit hat sich so ihre Schuhe gekauft.
Was ich aber gar nicht vertehe ist der letzte Absatz. Nicht Google, Facebook oder andere sind das Problem und v.a. ist auch nicht die Internet-Gemeinde gefragt... Wer hier basht und erwachsen werden sollte sind eher Sie. Die Probleme dieser Dienste liegen viel tiefschichtiger. Es sind tolle Dienste, Facebook ist (meiner Meinung nach eher bald war) ein toller Service, verbindet so viele Menschen. Google bietet so geile Dienste, die einfach funktionieren. Die Probleme dahinter sind, dass zumindest die EU ihre Gesetze nicht durchsetzen kann oder will. Irland und Liechtenstein wären hier am Zug die Auswüche des Datenschutzes zu stoppen. Die EU müsste gegen Monopole vorgehen. Tut sie aber nicht. Deswegen muss man hier unterscheiden zwischen einem tollen Dienst und der Firma dahinter, die durchaus schlecht sein kann.
Nur weil es auf den Straßen Tote gibt, benutzt man sie ja nicht nicht. Nein, es gibt Regeln, daran haben sich alle zu halten. Wer dagegen verstößt muss sein Führerschein abgeben oder bezahlen.
Dummerweise sieht man hieran wie unfähig unsere Politik ist; die kommen ja nicht mal mit der Maut klar. Wie wollen sie so die Datenautabahn regulieren? Wenn Rocket zu schnell fährt, andere nötigt, Etikettenschwindel betreibt?!

Antworten
christof_versacommerce.de
christof_versacommerce.de

Zu Zeiten des "New-Economy-Boom" um die Jahrtausend-Wende wurden wir 1x pro Woche interviewt - und waren anfangs noch entsetzt bis verwirrt, über die Beiträge. Die Journalisten kamen (fast) alle mit einem fertigen Vorurteil - hatten ihre Überschrift quasi schon vor dem Termin im Kopf - und wollten nichts anderes, als dieses zu bestätigen. Unpassendes wurde weggelassen - und teilweise wurde wild fantasiert. Eine Redakteurin der taz erfand beispielsweise ein "rotes Sofa", dass es überhaupt nicht gab und weil einmal auf einem Schreibtisch eine Packung Aspirin lag, war "die ungeheure Arbeitsbelastung nur mit Medikamenten auszuhalten" (kein Witz!). Selbst, als der Spiegel über uns schrieb, war der Artikel ungenau und enthielt ebenfalls Dinge, die es einfach nicht gab. Da habe ich meinen "Glauben" auch an den Top-Journalismus schnell verloren - leider.

Antworten
Lutz Finsterwalder

Warum soll man als deutscher Internet-Entrepreneur nicht dem Affen Zucker geben und offen damit kokettieren, dass man der Bösewicht ist? Ich tue das schon seit über einem Jahr.

Man kann es nie allen recht machen, schon gar nicht wenn man neues wagt und ganze Branchen (auch Medien) verwirrt, die bisher glaubten, die Alleinherrschaft zu haben. Und: Kopieren muss man erst einmal können.

Antworten
Bitte melde dich an!

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar schreiben zu können.

Jetzt anmelden

Hinweis

Du hast gerade auf einen Provisions-Link geklickt und wirst in Sekunden weitergeleitet.

Bei Bestellung auf der Zielseite erhalten wir eine kleine Provision – dir entstehen keine Mehrkosten.


Weiter zum Angebot