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Karriere

Deutschlands Gründerszene hat ein Frauenproblem

    Deutschlands Gründerszene hat ein Frauenproblem
(Foto – zugeschnitten: Laineys Repertoire / Flickr Lizenz: CC BY 2.0)

In der deutschen Gründerszene sind Frauen noch immer unterrepräsentiert. Doch warum ist das so und wie sieht die Entwicklung aus – und was sagen Gründerinnen selbst dazu? Unser Autor hat sich mit der Thematik näher auseinandergesetzt.

Freya Oehle ist eine Exotin. Zusammen mit einem Mitstreiter hat sie das Startup Spottster in Hamburg gegründet – einen Dienst, der Interessenten bestimmter Artikel in Online-Shops über Preisrückgänge informiert.

Die 24-Jährige hat BWL studiert. Der Mut zum Risiko war unter ihren Kommilitonen relativ stark ausgeprägt: Rund 20 Prozent ihres Jahrgangs, insgesamt 25 bis 30 Leute, hätten sich für eine eigene Gründung entschieden oder seien in Startups gegangen, schätzt Oehle. Außer ihr wagte diesen Schritt jedoch nur eine weitere Frau – bei einem Anteil weiblicher Studentinnen von rund 30 Prozent.

Freya Oehle, Gründerin von spottster. (Foto: spottster)
Freya Oehle, Mitgründerin von spottster. (Foto: spottster)

Scheuen Frauen das Risiko einer Existenzgründung? Empirische Daten liefern ein differenziertes Ergebnis. Laut einer Studie des Branchenverbandes Bitkom aus dem Jahr 2012 – neuere Daten sind nicht verfügbar – waren bundesweit an immerhin 24 Prozent der Gründungen Frauen beteiligt. In der Hightech-Branche ist der Frauenanteil allerdings deutlich geringer: 16 Prozent der neuen Unternehmen hatten weibliche Gründer an Bord. Und schaut man nur auf den Informations- und Telekommunikationssektor, sinkt der Anteil auf 9 Prozent. Noch drastischer ist die Lage bei Einzelgründungen: Nur jedes zwanzigste Unternehmen in der ITK-Branche wurde von einer Frau alleine ins Leben gerufen, in der gesamten Wirtschaft war dies bei einem Fünftel der Startups der Fall.

Social-Media-Veranstaltungen ziehen Frauen an

Gründerinnen zeichnen hingegen ein anderes Bild. In Deutschlands Startup-Szene habe sich in der Geschlechterfrage in den vergangenen Jahren einiges getan, glaubt Madeleine Gummer von Mohl, Mitgründerin und Co-Geschäftsführerin des Berliner Betahauses, in dem viele Startups in der Anfangsphase ihr Zuhause finden. „Am Anfang saß ich da alleine unter Jungs“, sagt sie. Inzwischen sei das Verhältnis unter den Gründern im Betahaus und auf Veranstaltungen eher 40 Prozent Frauen zu 60 Prozent Männer. Auch in der Tech-Branche gebe es Fortschritte, sagt Jess Erickson, Gründerin der Initiative Geekettes in Berlin, die mehr Frauen zum Gründen von Tech-Startups bewegen will. „Als ich vor drei Jahren erstmals in Berlin auf der Startup-Veranstaltung Next war, zählte ich in einem Saal mit 200 Männern ganze 20 Frauen“, sagt sie. „Das ändert sich gerade definitiv. Es gibt deutlich mehr Frauen, die gründen.“

Bei Veranstaltungen in Berlin mit Social-Media-Schwerpunkt kämen vielleicht sogar etwas mehr Frauen als Männer, sagt Erickson. Drastisch unterrepräsentiert sind Frauen dagegen nach wie vor bei techniklastigen Veranstaltungen wie sogenannten Hackathons, bei denen Programmierer zusammenkommen, um zusammen Software zu schreiben. Hier schätzt Erickson den typischen Frauenanteil auf rund 15 Prozent.

Jess Erickson, die Gründerin der Geekettes. (Foto: Twitter)
Jess Erickson, die Gründerin der Geekettes. (Foto: Twitter)

An Initiativen das zu ändern, mangelt es nicht. Neben den Geekettes haben sich noch zahlreiche weitere Organisatoren der Aufgabe verschrieben, mehr Frauen für Tech-Gründungen und Programmierarbeit zu begeistern. Die Rails Girls beispielsweise bringen gezielt Frauen die Programmierung von Webanwendungen bei. Entre.fm sowie Initiativen wie die Gründerinnenzentrale wollen Frauen gezielt bei der Existenzgründung unterstützen. Mit Edition F und Bizz Miss gibt es seit kurzem auch zwei deutschsprachige Online-Magazine, die sich voll und ganz dem Thema Frauen in der Wirtschaft widmen.

Gründerin Oehle sieht vor allem ein Mentalitäts-Problem. Bei vielen Frauen stünde das Thema Sicherheit ganz oben. Während des Master-Studiums hätten sich einige weibliche Kommilitonen gesagt „Ich habe jetzt drei bis fünf Jahre, in der ich mir eine Position erarbeiten kann“, um dann in einer guten Ausgangslage zu sein, eine Familie gründen zu können. Und auch das Selbstvertrauen spiele eine Rolle: „Das habe ich bei sehr viele Kommilitoninnen gemerkt, denen ich eine Gründung zugetraut hätte und die eigentlich auch Lust hatten“, sagt Oehle. Viele von ihnen seien lieber auf Nummer sicher gegangen – das heißt in ein großes Unternehmen, um dort etwas zu lernen.

Offene Startup-Kultur

Die Startup-Kultur in Deutschland, da sind sich Gründerinnen einig, steht Frauen nicht im Weg. „Unter Gründern ist das alles gar kein Problem“, sagt Spottster-Chefin Oehle. „Ob man männlich oder weiblich ist, spielt da gar keine Rolle.“ Gummer von Mohl vom Betahaus geht sogar noch einen Schritt weiter: „Ich sehe eigentlich nur Vorteile als Frau“, sagt sie. „Ich werde zum Beispiel ganz oft eingeladen, weil ich eine Frau bin“, sagt sie. „Bei der Startup-Tour mit [dem damaligen Wirtschaftsminister Philipp] Rösler ins Silicon Valley wurde zum Beispiel auch ich eingeladen, nicht meine männlichen Mitgründer“.

Allerdings zieht die Frauenkarte noch nicht überall: „Auf der einen Seite gibt die Tatsache, eine weibliche Gründerin zu sein, eine gewisse Sichtbarkeit, was hilfreich sein kann“, sagt Ida Tin, Mitgründerin und Chefin der Menstruation-App Clue. „Der Nachteil ist: Geschäftsverhandlungen, Kontakte – all das passiert innerhalb von Freundeskreisen und Netzwerken – und die sind zu einem gewissen Maße geschlechtsorientiert.“ Auf vielen Dinnern sei sie nur gewesen, weil ihr Mitgründer Hans Raffauf dazu eingeladen wurde, erzählt die Gründerin. „Manchmal habe ich das Gefühl, Männer vergessen uns einfach“, sagt sie. Trotzdem glaubt auch sie, dass es genug Raum für Frauen gibt, in der Tech-Community aktiv zu werden und Unternehmen zu gründen. „Frauen müssen es einfach nur tun.“

Ida Tin, Mitgründerin von Clou. (Foto:Twitter)
Ida Tin, Mitgründerin von Clou. (Foto: Twitter)

Dort, wo Frauen sich trauen, sind die Reaktionen in der Regel sehr positiv. „Man bekommt auf jeder Veranstaltung, wo Investoren anwesend sind, gesagt, dass man sich so sehr freut, dass auch mal eine Frau da steht“, sagt Oehle. Und Gummer von Mohl ergänzt, dass Startups, an denen sie beteiligt ist, die „Unterschiedlichkeit“ des Teams gezielt ausnutzen. „Bei manchen Meetings ist die Stimmung direkt ganz anders, wenn da plötzlich eine Frau dabei ist und nicht nur Alphamännchen, die sich gegenseitig aufschaukeln“, sagt sie.

„Warum möchten Sie keine Kinder?“

Beim Thema Schwangerschaft schwingt die Skepsis allerdings bis heute mit. „Das krasseste Beispiel war eine Journalistin, die – direkt nachdem sie gehört hatte, was ich mache – gefragt hat, warum ich keine Kinder haben möchte“, berichtet Oehle. Dabei war das vorher gar nicht Thema des Gesprächs. Doch auch bei Investoren würde das Thema angesprochen, wenn auch dezenter.

Familie und Gründung unter einen Hut zu bekommen, stellt sich Oehle auch schwer vor. „Wenn ich mir meine Arbeitsbelastung ansehe, das wäre tatsächlich schwierig“, sagt sie. Die Zeit direkt nach dem Studium sei daher die perfekte Zeit für eine Gründung.

Clue-Gründerin Tin kann als Gegenbeispiel herhalten. Sie ist derzeit schwanger und hat mit Kind gegründet – ihr Sohn war damals anderthalb. „Ich glaube, man kann Familie haben und ein Startup gründen“, sagt sie. „In gewisser Weise hilft es einem, nicht verrückt zu werden. Denn sonst würde ich einfach immer arbeiten.“

Mehr Technologie-News auf wsj.de

Von Stephan Dörner

Ursprünglich publiziert bei wsj.de.

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5 Reaktionen
Daniel Bartel
Daniel Bartel

Passend zum Thema findet in genau einem Monat das STARTUP WEEKEND WOMEN in Stuttgart statt: http://www.up.co/communities/germany/stuttgart/startup-weekend/3699

Antworten
Andreas
Andreas

Auch hier die Quote, warum müssen Frauen, wofür die 50% in Führungspositionen? Männer können keine Kinderkriegen! Warum müssen die Frauen die Härte des Geschäftslebens in die Familie tragen? Aber ein wichtiger Punkt ist hier angesprochen: Frauen werden weniger ernstgenommen. Hoffe es ändert sich mit der Zeit. Durfte viele respektable Frauen kennenlernen!

Antworten
molinari
molinari

Frauen müssen nicht gründen. Wenn das Startup groß genug ist, greift die Quote.

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Janun
Janun

Es ist kein *PROBLEM*, wenn mehr Männer als Frauen Firmen in der IT-Branche gründen. Es ist auch kein *PROBLEM*, wenn mehr Frauen als Männer Hebammen oder Kindergärtnerinnen werden.

Unterschiedliche Interessen, Leute. Keine Weltverschwörung. Kein Patriarchat. Keine unsichtbaren Fußfesseln.

Wir haben 2014!
Lasst die Leute doch einfach machen, was sie wollen, ohne ständig populistisch-opportun gegensteuern zu wollen!

Antworten
Peter
Peter

Ganz genau auf den Punkt gebracht!

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