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Kolumne

Warum digitale Zerstörung manchmal besser ist als digitale Transformation

    Warum digitale Zerstörung manchmal besser ist als digitale Transformation

(Foto: Shutterstock)

Unternehmen tun sich schwer mit der digitalen Revolution. Unser Kolumnist Alain Veuve kämpft trotzdem weiter dafür – erklärt er in der Transformiert-Kolumne.

Faule Kompromisse

Ich denke die digitale Transformation wird in den meisten grösseren Unternehmen komplett verpeilt. Zwar wird immer mehr Digitales gemacht, und von dem profitieren wir in der Digitalindustrie in großem Maß, vieles an Projekten ist aber schlicht und einfach lauwarmer Kaffee.

(Foto: Shutterstock)
Richtung Silicon Valley reisen muss man nicht – eher selber wirklich neue Wege sollte man gehen. (Foto: Shutterstock)

Zwar werden die Top-Execs jeweils nicht müde ins Silicon Valley zu reisen und erwähnen dann, sobald sie irgendwo etwas sagen dürfen, Uber, Airbnb, Apple und all diese Beispiele, die so richtig durchschlagen – aber selber wirklich neue Wege gehen: Fehlanzeige.

Unkonventionelle Businessmodelle + Technologie + Risiko + Risiko + Risiko = Disruption

Und so erzählen diese Manager von Disruption und ihren Visionen und was weiß ich alles. Bemühen fadenscheinige Vergleiche wie, dass Airbnb zwar der größte Hotelanbieter sei – aber kein einziges Hotelzimmer besitze. Das zeigt vor allem eines: Diese Leute haben meist keinen Schimmer von was sie sprechen. Sie mixen einfach alles – neue Technologie, den ganzen Silicon-Valley-Hype und ihr kümmerliches digitales Geschäft miteinander.

Wenn es aber darum geht, im eigenen Unternehmen wirklich Voraussetzungen zu schaffen, um in die Zukunft zu gehen, fallen dabei dann meist nur noch „Me-too“-Projekte raus. Wir müssen jetzt mal eine App haben, einen Online-Shop. Unsere Umsätze sind bereits bei 15 Prozent online. Unsere Digital Maturity ist im Konkurrenzvergleich bei 80 Prozent. Yay.

„Ohne sich selbst neu zu erfinden geht es nicht.“

Das ist schon mal viel besser, als überhaupt nichts zu machen, schon klar. Aber man muss verstehen, dass wirklich durchschlagende Businessmodelle, wie zum Beispiel Airbnb, Uber et cetera, erstmal mit Technologie nicht so viel zu tun haben. Es ist eher so, dass am Anfang ein Konzept steht, das eine Dienstleistung auf eine für alle bessere Art und Weise erbringt. Und entlang dieser Einsparungen für alle wird eine Marge für das Unternehmen abgeschöpft. Es ist schon klar, dass solche Ideen erst dann in die Realität umgesetzt werden können, wenn entsprechende digitale Technologie verfügbar ist und akzeptiert wird. Der Kern dieser Geschäftsmodelle sind sie aber nicht.

Die dritte Komponente ist das Risiko. Wirklich durchschlagende Geschäftsmodelle auf den Boden zu bringen ist immer mit viel Risiko verbunden. Und da ist es halt so, dass es für bestehende Player wesentlich schwieriger ist, hohes Risiko einzugehen. Zu groß sind die Verlustängste. So groß, dass bisweilen vergessen wird, dass man ohne sich selbst neu zu erfinden auf mittelfristige Sicht auch tot ist.

Warum das Ganze?

In diesem Umfeld habe ich die Lust ein wenig verloren, den Leuten dabei zu helfen Baby-Schritte zu machen, nur weil sie sich nichts trauen. Und dabei bin ich nicht etwa jemand, der leichtfertig Risiko in Kauf nimmt. Im Gegenteil. Es ist also nicht so, dass ich nicht auch ein wenig Verständnis hätte.

Ich treffe in meinen Coachings immer wieder auf Entscheidungsträger, die durchaus sehr offen sind für radikalere Möglichkeiten. Wir treffen gemeinsam Abwägungen und skizzieren wirklich potente Modelle. Meist bleiben diese Modelle trotzdem bewusst in der Schublade, ganz einfach darum, weil die Unternehmung für einen solchen Schritt noch nicht reif ist. Das finde ich legitim.

Diese Leute leiern aber auch keine „Airbnb-Phrasen“ oder „wir sind das nächste Amazon im Bereich XY“ an irgendwelchen Veranstaltungen herunter. Dafür wissen sie zu gut, dass ihre Organisation sich selber noch im Wege steht. Und arbeiten daran.

Nichts muss, alles kann

Wenn ich das alles aus einer etwas weiteren Perspektive ansehe, ist es doch überhaupt nicht so, dass sich jedes Unternehmen digitalisieren muss. Unternehmen sind Mittel zum Zweck. Nur jene, welche sich an den Wandel gut anpassen können, überleben auch. Natürlich ist es nicht toll für die Unternehmer, wenn ihre Firmen zu Grunde gehen. Aber in den allermeisten Fällen sind sie schlicht selber schuld. Und sie werden nun sagen, die Arbeitnehmer sind die Leidtragenden. Das mag wohl stimmen.

So erstellst du den perfekten Businessplan. (Foto: Shutterstock)
Es lohnt sich, neue Modelle zu skizzieren – auch wenn sie erstmal nicht umgesetzt werden. (Foto: Shutterstock)

Ich sehe es aber gerne differenzierter. Denn indem wir alte Strukturen und Unternehmen erhalten, eben solche, die sich nicht anpassen, erhöhen wir die soziale Fallhöhe der Leute beträchtlich. Es gibt diesbezüglich nichts Schlimmeres als Struktursubventionen. Diese kommen alle immer früher oder später zu Fall. Und mit ihnen viele Leute, welche sich an die subventionierte Wirtschafts-Wirklichkeit gewöhnt haben. Genau damit produzieren wir doch erst den hohen sozialen Kollateralschaden.

Fail Fast FTW!

Ich bin eher dafür, dass Unternehmen, die sich nicht bewegen, möglichst schnell niedergehen. Damit werden die totalen Kosten für die Umwälzungen gesenkt und die Leute werden aus den „irreführenden“ Strukturen befreit. Diese Leute, wenn sie sich wieder aufgerappelt und abgeschüttelt haben, sind der Nährboden für neue, wegweisende Firmen. Natürlich nicht alle und schon gar nicht alle mit Freude.

Aber sie werden großmehrheitlich wieder von neuen Unternehmen aufgenommen. Unternehmen mit Zukunft. Und machen wir uns nichts vor, es ist wie mit allem im Leben: Wenn du etwas zum ersten Mal erlebst, ist das einschneidend, wenn du es aber zum vierten Mal durchmachst, gehst du um einiges entspannter damit um. So ist es auch mit Jobwechseln. Nicht schön, aber machbar.

Und es begünstigt den Prozess hin zu einer neuen flexibleren Arbeitswelt. Eine Arbeitswelt in der es eben nicht eine Ausbildung und eine Karriere in einer Firma gibt. Sondern verschiedene.

So gesehen bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob alle Unternehmen diese digitale Transformation „meistern“ müssen. Vielleicht ist es besser, ein erheblicher Teil davon geht unter. Und aus ihrer Asche entsteht Neues.

Dieser Artikel könnte auch für dich interessant sein: „Was ist eigentlich die „Digitale Transformation“?“.

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4 Reaktionen
Lars

Der Autor spricht mir aus der Seele. Man kann eben nicht alle retten.

Was vielen bei der digitalen Transformation nicht klar ist, ist das sie unvermeidlich ist. Man kann einfach gar nichts machen und langsam aber sicher dem Ende entgegen siechen. Oder man versucht sie radikal dem anzupassen und hat immerhin eine Chance weiterzumachen.

Ich habe mich vor einiger Zeit genau damit auch schon mit beschäftigt: http://www.larshaendler.com/2016/04/08/the-hidden-meaning-of-disruptive-innovation/

Antworten
Richard
Richard

Ich fasse die Kolumne mal für die tl;dr Fraktion zusammen:
"Ich bin noch in meiner Sturm-und-Drang Phase und denke noch - mangels Erfahrung - der Aufbau von etwas radikal Neuem auf einer grünen Wiese ist viel besser als 'Transformation'. Ich hatte noch nie Gesamtverantwortung für 100, 200 oder 1000+ Leute und gemäß der Devise Risiko+Risiko+Risiko sollte ich diese auf absehbare Zeit auch nicht bekommen."

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Christian Fischer,
Christian Fischer,

Es ist immer leicht die Revolutionen und disruptiven Geschäftsmodelle zu fordern. Aber machen wir uns nichts vor. Entscheider mit Personalverantwortung treffen selten die Wahl für "Risiko+Risiko", wenn davon die gesamte Firma betroffen ist.

Besonders im Mittelstand muss der Geschäftsführer am Ende auch gerade stehen und vor sich selbst die Entscheidung verantworten, die er getroffen hat. Und da wird es auch gern mal emotional. Immerhin geht es um den sozialen Abstieg der eigenen Mitarbeiter und deren Familien.

Für ein Startup ist es eine perfekte Startegie disruptiv und mit vollem Risiko das neue Geschäft anzugehen. Wenn nichts da ist kann nichts verloren werden. Außerdem kann das Personal nach diesen Aspekten zugestellt werden.

Unternehmen oder Familienbetriebe aus dem Mittelstand, die mehrere Generationen erfolgreich im Unternehmen integriert haben, können sich nicht einfach so agil auf neue Geschäftsmodelle einlassen. Und das hat gelinde gesagt nichts mit Angst sondern mit verantwortungsvollem handeln zu tun.

Bitte mich nicht falsch verstehen. Ich finde es sehr wichtig, dass es Innovationen in Unternehmen gibt. Aber es muss nicht immer die "Digitale Disruption" mit der Brechstange sein. Es reicht vielleicht doch aus einen Plan für die Veränderung zu haben, der sich an den "Ersten" bzw. "Disruptionen" anpasst - wobei "Aufwand+Nachhaltigkeit=Überleben" für die Firma darstellt.

Bei all den Debatten um Digitalisierung gewinne ich den Eindruck, dass es nur darum geht der Erste zu sein und möglichst viel zu zerstören.

Was ist aus dem Ethos "nachhaltig wachsen" geworden? Ist das heute nicht mehr möglich?

Christian Fischer, Geschäftsführer TecArt
https://www.tecart.de/team

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Nobbe
Nobbe

Nun, ich halte die Gedanken des Authors für richtig. Natürlich wird jeder, der in die Situations eines Firmenuntergangs gerät, alles andere als glücklich sein (wie der Author richtigerweise ja auch anmerkt), aber letztendlich muss eine Firma "überleben" können, auch ohne staatliche Unterstützung.
Ich würde auch gerne zu dem Artikel hinzufügen (soweit ich den Artikel verstehe, steht es so nicht drin), dass es auch Firmen und Konzepte gibt, die nur minimal mit Digitalisierung auskommen und erst recht (fast) ohne Internet. Nicht jede Firma oder Dienstleistung benötigt das Internet als Grundvorraussetzung zur Existenz.
Also sollte auch nicht JEDER bzw. jede Firma sein/ihr Wohl und Wehe mit dem Internet verknüpfen :-)

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