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Digitaler Fortschritt, nein danke: Deutschland verliert den Anschluss

Digitaler Fortschritt, nein danke: Deutschland verliert den Anschluss

Die Innovations-Strategie des Bundes ist falsch aufgestellt – und die Bedingungen für sind schlecht, urteilt ein EFI-Gutachten. Digitaler Fortschritt findet woanders statt.

Digitaler Fortschritt, nein danke: Deutschland verliert den Anschluss

(Foto: Wikimedia / CC BY 2.0)

Ein Beraterkonsortium serviert es der Bundeskanzlerin jetzt schwarz auf weiß: Die Innovations-Strategie des Bundes ist falsch aufgestellt und enthält gravierende Mängel. Die Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) hat in dieser Woche ein Gutachten vorgelegt, das unter anderem die umfangreiche Förderung junger Startups sowie kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU) als längst überfällig einstuft.

Digitaler Fortschritt: Kanzlerin-Berater warnen, dass Deutschland den Anschluss verliert

EFI-Gutachten zur deutschen Innovationsfähigkeit kritisiert Kanzlerin Merkel und ihr Kabinett. (Foto: European's People Party / Flickr Lizenz: CC BY 2.0)
EFI-Gutachten zur deutschen Innovationsfähigkeit kritisiert Kanzlerin Merkel und ihr Kabinett. (Foto: European's People Party / Flickr Lizenz: CC BY 2.0)

Insbesondere beim Thema der Wagniskapitalfinanzierung bemängeln die EFI-Mitglieder, dass Versprechen aus dem 2013 veröffentlichten Koalitionsvertrag bislang nicht eingehalten worden seien. Die Kommission weist eindringlich darauf hin, dass vor allem Startups die heutigen Innovationstreiber und künftigen Konkurrenten aktueller Platzhirsche seien und dass sie es seien, die bezüglich software- und internetbasierter Technologien innovative Wege gehen.

Bisher sei aber „keine systematische Strategie erkennbar, um die Potenziale der internetbasierten Wirtschaft zu erschließen und Schwächen auszugleichen“, heißt es in dem EFI-Gutachten. Der Schwerpunkt der deutschen Digital-Politik liege derzeit „hauptsächlich auf der Verteidigung etablierter Sektoren“.

„Die Bereitschaft der KMU in Forschung zu investieren, hat seit Jahren abgenommen.“

Auch der deutsche Mittelstand sei so wenig innovativ wie fast nirgendwo in Europa. Das liege vor allem am Mangel interner Finanzierungsquellen und dem zunehmenden Fachkräftemangel. „Die Bereitschaft der KMU, in Innovationsaktivitäten wie auch in Forschungsprojekte zu investieren, hat seit Jahren abgenommen“, bestätigt auch Uwe Cantner von der Friedrich-Schiller-Universität in Jena und Mitglied der Expertenkommission.

Immerhin: Die Tagesordnung des Kabinetts zeigt, dass die Regierung die nicht ganz neue Kritik vernommen hat. Bundesforschungsministerin Johanna Wanka will ein neues Förderprogramm über 400 Millionen Euro voranbringen.

Digitaler Fortschritt wird woanders geschaffen. Die US-Internetwirtschaft ist wertvoller als die von Deutschland, Südkorea und Schweden zusammen. (Grafik: Die Welt)
Digitaler Fortschritt wird woanders geschaffen. Die US-Internetwirtschaft ist wertvoller als die von Deutschland, Südkorea und Schweden zusammen. (Grafik: Die Welt)

Wie notwendig das ist, zeigt allein schon die Marktkapitalisierung der digitalen US-Unternehmen Apple, Google, Amazon oder Facebook. Die ist 2015 mit 1.159 Milliarden Euro über 15 Mal so groß gewesen wie die gesamte Internetwirtschaft in Deutschland (34 Milliarden Euro), Südkorea (36 Milliarden Euro) und Schweden (drei Milliarden Euro) zusammen.

Diese Riesen „expandieren in immer neue Anwendungsfelder und Branchen“, warnen die EFI-Professoren. Deutschland verliere den Anschluss.

Die deutsche Digitalpolitik steckt seit Jahren fest. Und wo sich doch mal etwas bewegt, geht es in eine katastrophale Richtung. Andreas Weck zeigt in seiner Aufgeweckt-Kolumne das Elend der deutschen Digitalpolitik auf – anhand zweier bezeichnender Beispiele.

via m.welt.de

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3 Antworten
  1. von Guy am 19.02.2016 (16:34 Uhr)

    Ich habe vier KMUs aus eigener Anschauung erlebt. Mein Eindruck: Es mangelt nicht an Geld. Noch nicht. Und auch nicht an fähigen, motivierten Mitarbeitern. Es mangelt vor allem am Gestaltungswillen der Entscheider. Schön wäre doch, wenn alles so bliebe, wie es in den 70ern mal war. Wenn das nicht geht, dann kopieren wir zumindest irgendwas, wovon der oberste Manager gerade in irgendeinem Manager-Magazin gelesen hat. ("Müller, wir brauchen auch so ein response Webdesign!" "Müller, wir müssen auch Content Marketing machen!" usw. na, wer von euch aus KMUs kennt das nicht?)

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    • von DerFrey am 19.02.2016 (17:13 Uhr)

      Musste gerade herzlich lachen. Kann ich so direkt unterschreiben! Kenne diesen "Plötzlich-Aktionismus" nur zu gut...

      Aber ich glaube, das es nicht ausschließlich bei der Frage der Finanzierung bleibt, sondern insbesondere der Mentalität die zu einem "digitalen Bewusstsein" führt.
      Und da ist Deutschland wirklich weit ab vom Schuß.

      Wie oft höre ich solche Sätze wie "Internet ist nichts für uns", oder "Unsere Kunden nutzen das nicht". Dabei tragen die Leute die sowas von sich geben die neuesten Smartphones mit sich rum, schreiben unterwegs Emails, suchen mal schnell auf Google nach Öffnungszeiten des Friseurs (und ärgern sich das sie die nicht finden, weil der Friseur keine Webseite hat...) und kaufen munter Produkte über die Amazon-App. Zu Hause läuft natürlich Entertain von der Telekom und / oder Netflix. Es fehlt einfach der Horizont für die digitale Allgemeinheit.

      Vor 14 Jahren habe ich eine Zeit lang in Holland gelebt. Da hatte ich einen gut bezahlbaren Internetanschluß über Breitband (lief über das Kabelnetz) - in Deutschland war da noch ISDN das Maß der Dinge.
      Heute müssen wir zu erst einmal das aufholen im digitalen Verständnis, was wir gefühlt 20 Jahre unbeachtet ließen.

      So lange unsere Regierung bis auf EU-Ebene auch noch mit solchen Begriffen wie "Neues Medium" auf Kaffeefahrt geht, wird das wohl nichts werden. "Neu" trifft ja tatsächlich nur im Verhältnis zur ersten Gutenberg-Bibel zu...

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  2. von Wir bezahlen täglich am 19.02.2016 (22:39 Uhr)

    "Öffnungszeiten des Friseurs". ich wollte schon vor über 10 Jahren (und wurde dafür wie üblich gemobbed) das die IHK systematisch alle ihre Mitglieder und Daten microformatiert verzeichnet und man diese dann dort bzw. z.b. google-local findet. Denn ein Kiosk oder Friseur muss keine Webseite haben und eine Vollzeitkraft für Webdesign mitfinanzieren. Zur Autowerkstatt geht man ja auch nur 1-2 mal pro Jahr zur Wartung und hat keinen Privat-Mechaniker auf der Lohnliste stehen.
    Damals gabs noch 1Euro-Jobs und die hätten die GPS-Positionen aller Mitglieder erfassen können. Viele haben ja mehrere Zufahrten/Eingänge für Lieferanten, Kunden, Rollstuhl-Rampe, Groß-Produkte usw. obwohl sie z.b. im 1ten Stock des Einkaufszentrums sind um z.b. Groß-Fernseher dem Kunden an die Tief/Hochgarage fahren zu können. Im TV suchen Leute bei den Reality-Dokus/Soaps/... immer Adressen. Adressen sind vorbei. GPS ist was man wissen muss. Leider gibts das bis heute nicht weil keiner daran verdienen würde...

    Wir warten ja auch immer noch auf brauchbareres Onlinebanking.

    Auch USA sind nicht besser:
    - wikipedia: Veoh . Chapter 7 (nicht Chapter11 wie wohl oft)
    - In 2-3 US-Bundesstaaten ist Tesla-Direktvertrieb verboten.
    - Aaron Swartz
    - ...

    Leider erfüllt die Presse ihre Kontrollaufgabe als weißes Blutkörperchen zur Austrocknung aller Nieten und Parasiten nicht. Nur Fußballpresse funktioniert anscheinend wirksam und Luscher fliegen ratzfatz raus während Cashburner in Hochpreismietgebieten auch noch gepriesen werden statt sich mal an den ja wohl vorbildlicheren Steuerzahlerfirmen zu orientieren.
    Die Presse kann öffentlich anfragen stellen.
    - In welchen Tiefkühlprodukten verwenden sie Analog-Käse oder Pressfleisch ?
    - Wie schnell kann ein Lumia-M$-Handy von FBI ausgelesen werden ?
    - Wie schnell kann M$-Bitlocker vom FBI ausgelesen werden ?
    - Ist der Staat auf die E-Autos vorbereitet ? Tankstellensterben, Strom-Rationierung, tausende Arbeitslose in den Autofirmen und 80%-90% aller die aktuell noch mit PKW-Benzinmotoren zu tun haben ?
    Wieso fragt kein Journalist das öffentlich an und regeln die Probleme auf diese Weise ? Stattdessen wird immer nur reagiert und dann erst wie bei Domino wenn mal wieder was in den Sand gesetzt wurde reagieren die Politiker z.b. aktuell weil die Presse die teilweise online-Preisschwankungen endlich aufgedeckt hat.
    Bei einem neuseeländischen Gründer wird immer dazugeschrieben das wir teilweise schon recht lange auf seine Projekte warten. Bei Google wird praktisch nie dazugeschrieben das die meisten Aufkäufe verschwinden oder (wie auch bei M$) danach vor sich hin stagnieren während die Firma sich vorher anstrengen musste bis sie sich wohl unterm Großkonzern-Dach ausruht und andere die Staffelstäbe übernehmen: ICQ wurde durch Skype ersetzt wurde durch Whatsapp ersetzt. Oder Square lieferte das, was Paypal nicht machte weil man nach dem Aufkauf wohl keine neuen Features mehr einbauen braucht.

    Und US-Fantasiebewertungen sind auch keine Relevanz. Wir erinnern an AOL-TIME-WARNER oder viele anderen Zillionen$-IT-Startups deren Name vergessen ist.

    Was passiert mit den 200 Millionen ? na also
    http://t3n.de/news/deutsche-startup-boerse-hoechste-500567/ schreibt:
    "Angesichts der Nebenkosten für Auflagen, Banken und Berater von etwa 20 Prozent der Gesamterlöse sei ein Börsengang deshalb „reine Geldverbrennung“. "
    Oder wenn man eine Firma für 1 Mrd verkauft kriegt man großzügige 1.6 PROZENT als Haupt-Gründer. Boar gut ey nicht ? Hier von "Exit-Auszahlungen" träumen wie damals beim neuen Markt. Da gabs keine Exit-Prämien sondern 1-Euro-Jobs und Hartz4.
    Man suche "utopischen Summen" in http://www.gruenderszene.de/allgemein/hacking-business-model
    um die Wahrheit zu sehen.

    Ein Geldgeber hat seine Ziele. Zufriedene Kunden usw. sind es eher nicht sondern billig einsteigen und teuer verkaufen.
    Oder nur 300.000 Euro Steuern bezahlen statt 420.000 auf 1 Mio Gewinn und die gesparten 120.000 an Bekannte und Verwandte für Jobs, Provisionen, Tantiemen, Gebühren usw. zu geben statt an den Staat. Beliebt kurz vor dem Neuemarkt-Crash waren auch Büros in Barcelona (Champions-League) und natürlich New York (Shopping mit der Geliebten).
    Warren Buffet, Craigslist, Dwolla, Vor der Übernahme Whatsapp und fast auch Oculus vor der Übernahme haben/hatten weit unter 100 Mitarbeitern.

    Mehr Geld wirkt nicht besser. Andere Entscheidungen wären wichtiger.
    Aber da es ab einem gewissen Alter vielen BoniManagern nur darum geht, die etablierten Einnahmen gegen Neulinge (wie Uber) zu verteidigen, stehen wir dort wo wir heute stehen.
    Warum kriegen wir nicht mal einen Flughafen fertiggestellt ? Zu viele zu leicht erworbene Doktor-Titel ? Nennt 3 deutsche erfolgreiche IT-Großprojekte und überlegt ob Deutschland überhaupt noch IT-Firmen haben oder Bauprojekte betreiben sollte. Wie oft wurde Griechenland gerettet ?
    Was hat uns rot-grün gebracht ? An der Geschichte der Grünen (Realos vs. Fundis), der Schill-Partei und Piraten oder aktuell AfD erkennt man den Vorteil neuer Parteien... Die Leute sind sogar in USA so unzufrieden das Trump vermutlich Präsident wird. Leider wird praktisch keiner z.b. für die Bankenkrise und jahrelange Volks-Verarmung zur Rechenschaft gezogen.
    Presse und Politik helfen sich gegenseitig. Und wir müssen ständig alle Probleme und angebliche Lösungen bezahlen die dann doch nicht funktionieren.

    Wahre Demokraten haben längst partizipative Systeme für jedes Mitglied um per Crowd das Wissen und den Willen der Mitglieder (Gewerkschaft, Partei, Fußball-Verein, Kleinaktionäre, bald auch Betriebs-Versammlungen...) konstruktiv zu organisieren. Die Rechtskosten und Softwarepatente machen diese triviale Aufgabe für mich finanziell uninteressant. Leider sieht niemand sonst das gigantische Potenzial für Verbesserung.

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