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Analyse

Digitalisierung: Wer jetzt nicht exponentiell denkt, droht unterzugehen

    Digitalisierung: Wer jetzt nicht exponentiell denkt, droht unterzugehen

Ray Kurzweil ist einer der Gründer der Singularity University. (Foto: Deutsche Messe)

Das Zeitalter der Digitalisierung ist von exponentiellen Entwicklungen geprägt. Menschen denken von Natur aus aber linear. In der Business-Welt von heute ein möglicherweise fataler Fehler.

Eine alte Legende aus Indien erzählt die Geschichte des angeblichen Erfinders des Schachspiels. Demnach sollte der Mann vom König belohnt werden. Sein Wunsch klang in den Ohren des Herrschers zunächst bescheiden: Er wolle mit Weizenkörnern belohnt werden – auf dem ersten Feld des Schachbretts ein Korn, auf dem zweiten zwei Körner, auf dem dritten vier und so weiter.

Der Wunsch ist keineswegs bescheiden, sondern unmöglich zu erfüllen: Rechnet man die exponentielle Funktion für ein Schachbrett mit 64 Feldern durch, ergibt sich eine Summe von etwa 18,45 Trillionen Weizenkörnern. Das liegt daran, dass die Summe mit jedem weiteren Feld nicht linear, sondern exponentiell wächst – ebenso wie die Anzahl der Transistoren auf einem Chip seit 1965 etwa alle zwei Jahre.

„Unser Denken ist linear – wir sind umgeben von linearen Prozessen.“

Diese Art des Denkens ist Menschen wesensfremd, weil wir exponentielles Wachstum aus Natur und Alltag nicht gewohnt sind. Doch da in jeder Branche Digitalisierung eine zunehmende Rolle spielt, drängt die Dynamik exponentieller Entwicklungen immer stärker in die Wirtschaft. Das bedeutet mehr und schnellere Veränderung – vor allem durch technologische Durchbrüche, die häufig zu Beginn scheinbar enttäuschen, um dann durch das exponentielle Wachstum abzuheben.

„Unser Denken ist linear – wir sind umgeben von linearen Prozessen“, sagte Pascal Finette, Vice President der Singularity University kürzlich beim SingularityU Germany Summit in Berlin. Den Mechanismus, der dahintersteckt, dass Technologien zu Beginn häufig überschätzt, langfristig aber unterschätzt werden, hat 1965 der  Intel-Ingenieur Gordon Moore erstmals beschrieben – andere haben seine Beobachtung dann Moore’s Law genannt. Lange bestimmte sie den Fortschritt der IT-Branche – inzwischen ist Moore’s Law abgeflacht. Doch die Dynamik dahinter hat weiter Bestand.

Kodak: Vom Digitalpionier zur Beinahe-Pleite

Und wer als Unternehmer die exponentielle Dynamik von technischem Fortschritt in der Ära der Digitalisierung nicht versteht oder beachtet, kann den Anschluss verlieren. Ein Beispiel aus der Vergangenheit ist der ehemalige Foto-Ausrüster Kodak, der sich inzwischen fast ausschließlich auf professionelle Druckmaschinen spezialisiert hat und für Konsumenten-Fotografie heute keine Rolle mehr spielt – obwohl das Unternehmen als eines der ersten mit der heute alles dominierenden Digitalfotografie experimentierte.

Die ersten Digitalkameras aus dem Kodak-Laboren allerdings waren teuer und die Qualität der Fotos war schlecht. „Natürlich waren die am Anfang Mist“, so Finette von der Singularity University. „Doch bald darauf wurde die Technologie besser – die Branche geht dann immer denselben Weg: Sie wird dematerialisiert, demonetarisiert und demokratisiert.“ Sprich: Was zuvor noch ein Milliardenmarkt für Foto-Kameras und Filme war, ist nun überwiegend durch einen rund zwei US-Dollar teuren Chip in unseren Smartphones ersetzt worden.

Das Potenzial der digitalen Technologie und die Geschwindigkeit des technischen Fortschritts wurden vom Kodak-Vorstand aufgrund der enttäuschenden ersten Laborversuche unterschätzt. Statt exponentiellen Fortschritt zu erwarten, gingen die Manager von einem linearen Fortschritt aus – so zumindest die Einschätzung des Futuristen Finette. Ein Fehler, der im Geschäftsleben vermutlich noch häufiger gemacht wird.

Heute ist auch das Geschäft mit Büchern und Musik zu großen Teilen schon „dematerialisiert.“ „Die Kosten einer weiteren Kopie sind nahe null, die Distributionskosten nähern sich null an“, sagt Finette. „Die Geschäftsmodelle passen sich daran an – für 9,99 Dollar habe ich heute Zugriff auf Millionen Songs bei Spotify.“

Die im Silicon Valley beheimatete private Singularity University stellt die exponentielle Entwicklung von Technologien in den Mittelpunkt ihres gesamten Wirkens – Kritiker beschreiben den Kult um den technischen Fortschritt auch schon mal als eine „sektenhafte Gemeinde.“ Die Organisation ist eine Mischung aus Teilzeituniversität für Manager, Thinktank und Investor in Startups, die an Technologien mit exponentiellem Potenzial arbeiten. Auch zahlreiche Manager von deutschen Dax-Unternehmen zog es schon zur Singularity University, um dort Silicon-Valley-Luft zu schnuppern – darunter Timotheus Höttges, Chef der Deutschen Telekom.

Singularity University: Warum sich fast jede Technologie heute exponentiell entwickelt

Und da fast alle Technologien inzwischen eine digitale Komponente haben, hat heute aus Sicht der Singularity University fast jede aktuelle Technik exponentielles Potenzial – von der künstlichen Intelligenz über neue Energiesysteme bis zur personalisierten Medizin. Einer der Gründungspartner der privaten Benefit Corporation ist Google – eine Sonderform im amerikanischen Gesellschaftsrecht, die eine Art kommerziell orientierte Wohltätigkeitsorganisation zulässt.

Vertreter der Singularity University glauben an eine baldige Welt des Überflusses aufgrund des sich exponentiell vollziehenden Fortschritts. „Langfristig werden wir einfach nur noch die Arbeit verrichten, auf die wir Lust haben“, sagte Rob Nail, CEO der Singularity University, einmal im Gespräch mit der Welt.

Finette glaubt, dass das, was wir bei Fotografie, Büchern oder Musik gesehen haben, künftig auch andere Branchen wie die Pharmazie treffen wird. „Wir können heute schon Moleküle drucken – es ist nur unglaublich teuer“, sagt der Futurist. Entsprechend der Entwicklung digitaler Technologien glaubt er aber auch hier an eine schnelle Verbilligung und Demokratisierung der Technik – so wie schon die Kosten für die Entschlüsselung des menschlichen Genoms zu einem Bruchteil der Kosten von vor einigen Jahren zusammengeschrumpft sind.

„In Zukunft brauche ich mir nur noch die Formel eines Medikaments als digitales Gut herunterladen und baue mir das Medikament selbst“, prophezeit er. Das würde die Frage nach dem geistigen Eigentum auf ganz neue Weise aufwerfen: „Vielleicht ziehe ich mir mein Medikament in Zukunft einfach als Torrent“, sagt Finette.

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