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Kommentar

Warum du unbedingt Dinge tun solltest, in denen du vermeintlich schlecht bist

    Warum du unbedingt Dinge tun solltest, in denen du vermeintlich schlecht bist
Es stimmt ja auch, die Komfortzone wird umso bequemer, desto älter man ist. (Grafik: Shutterstock)

Texte über Motivation sind wie Kalendersprüche auf Facebook – sie werden augenrollend weggescrollt. Doch dieser hier ist vom Autor ernst gemeint und wird dich vielleicht vom Sofa reißen.

Da stand ich also wieder. Ein Jahr später. An genau der gleichen Stelle. Zusammen mit tausenden Menschen an der Startlinie. Bereit, fürchterlich lang anmutende 21 und ein paar zerquetschte Kilometer zu laufen. Sich mit Absicht zu quälen. Blasen an den Füßen und Muskelzerrungen in Kauf zu nehmen und dabei mit meiner Fitnessklamotte auszusehen, wie ein Typ in seiner ersten Midlife-Crisis. Ich war also bereit, mal wieder einen Halbmarathon zu laufen. Einen dieser „Volksläufe“, wie er auch genannt wird. Den Freizeitlauf für gestresste Großstädter. Profis sagen oft: „Zu gut für Fußball, zu schlecht für Marathon“, wenn sie Hobby-Läufer wie mich einordnen. Und ja tatsächlich hat das Rennen einen ziemlich faden Ruf. Doch egal, denn für mich fühlt es sich wie eine Offenbarung an. Der Lauf an sich erinnert mich heute nämlich an etwas, das wir als Kleinkinder gelernt, jedoch im Erwachsenenalter vergessen haben: und zwar, wie grandios es doch ist, Dinge zu tun, in denen wir vermeintlich schlecht sind.

Eat this, Nachbar Herrmann!

Ich finde es ja hoch faszinierend, wie wir uns als Kleinkinder einen Dreck darum scheren, ob wir in etwas gut sind oder nicht. Noch faszinierender ist eigentlich nur noch der Umstand, dass wir sogar die Sache an sich, und was andere von ihr halten, nicht allzu ernst nehmen. Als junges Gemüse im zarten Knirpsenalter, essen wir schleimige Regenwürmer, obwohl alle um uns herum die Nasen rümpfen. „Theodor, das ist bäh!“ Doch scheißegal, denkt sich Theodor, denn er kennt den Geschmack eines Wurmes noch nicht. Insofern: mal gucken, was passiert, wenn er das Ding jetzt runterschluckt. Jahre später wird er dann versuchen, Fahrrad zu fahren. Wird Spaziergängern in die Waden rasen, Rentnern die Blumenrabatte durchpflügen, kleinen Hunden das Fürchten lehren und dafür schrecklich ausgeschimpft werden – was ihn jedoch auch scheißegal sein wird: denn Klein-Theo will einfach nur sein Fahrrad fahren, weil es Spaß macht, obwohl er offenkundig schlecht darin ist. Noch jedenfalls. Der Bursche wird eines Tages nämlich besser fahren als manch einer der Nörgler – eat this, Nachbar Herrmann!

Wir sehen auf Facebook, Instagram und Co. tagtäglich diese schrägen Motivationstäfelchen mit Sonnenuntergängen und pathetischen Texten darauf, wie: „Lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter“ oder „Wir sind die Summe unserer Erfahrungen“. Doch was heißt Erfahrungen-machen im Erwachsenenalter eigentlich noch? Der Autor Max Frisch schrieb einmal, dass die meisten Menschen das Dabeisein mit dem Erleben verwechseln würden. Jeder von uns weiß natürlich, was ein Halbmarathon ist – und kann auch irgendwie mitreden: „Biste jeloofen, ja? Würd ick och jerne ma machen, aber jegen die Schwarzen haste ja keene Chance! Die haben dit im Blut!“, erzählt der Deutsche gerne. Stattdessen wird der Lauf von der Seitenlinie aus verfolgt, um dann doch noch irgendwie mitreden zu können. Wenn wir ehrlich sind, stimmt es ja auch irgendwie: die Komfortzone wird umso bequemer, desto älter man ist. Herzlich willkommen am Ende deines Lebens – alles, was von nun an passiert, ist wie Elfmeterschießen ohne Torwart.

Doch das muss doch nicht sein! An diesem besagten Wochenende lief ich zum vierten Mal einen dieser Läufe. Ich habe gar nicht mehr darüber nachgedacht und tat es einfach. An diesem Sonntagmorgen, um 10:10 Uhr, auf der Berliner Karl-Marx-Allee, feierte ich für mich selbst, was ich genau ein Jahr zuvor zum allerersten Mal tat. Und damals, anders als heute vielleicht, war ich vor zwölf Monaten ebenfalls wirklich scheiße darin. Ich dachte oft genug: wozu eigentlich das Ganze? Bierchen in der Sonne ist doch viel geiler. Inzwischen weiß ich es: die Sache hat mich wieder ein Stück mehr geformt, weil es mich selbstbewusster macht, zu wissen, dass ich da etwas geschafft habe, das mir nicht in die Wiege gelegt, sondern hart erarbeitet wurde. Denke ich über meine ersten gelaufenen Kilometer nach, sehe ich mich noch zitternd bei Kilometer vier an der Ampel stehen. Doch dann blicke ich beim Schreiben dieses Textes auf und sehe funkelnd auf dem Tisch meine Medaille vom Wochenende liegen.

Und jetzt überlege ich mir – was könnte ich wohl als Nächstes tun?

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