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Dirk Bach, bild.de und der EdgeRank

Dirk Bach, bild.de und der EdgeRank

Der Tod von Dirk Bach bewegte am Montagabend viele Internetnutzer, auch bei . Einige Nachrichtenseiten teaserten dort ihre News zum Tod des Comedians auf durchaus kontroverse Art und Weise an – nicht ohne Grund.

Dirk Bach, bild.de und der EdgeRank

 

„P.S. Gefällt mir = Mein Beileid!" – bild.de-Posting bei Facebook zum Tod von Dirk Bach.

Um 18:54 Uhr am Montagabend postete das Social-Media-Team von Bild.de den Link zur Todesmeldung – ganz professionell als „Image Post" (hochgeladenes Bild + URL), der erwiesenermaßen für bessere Visibilität und eine höhere Engagement Rate sorgt als Verlinkungen mit Thumbnails. Das Posting rundete bild.de mit einer diskutablen Aktivierung ab: „P.S. Gefällt mir = Mein Beileid!". Die Fans der Boulevardzeitung ließen sich nicht zweimal bitten: Mehr als 100.000 Likes sind selbst für bild.de-Verhältnisse (810.000 Fans) ein phänomenaler Wert.

Der Like-Button als Kondolenz-Knopf

In Social-Media-Professionals-Kreisen wird am Posting von bild.de sowie am sehr ähnlichem Beitrag von stern.de („Den "Like"-Button erklären wir hiermit zum Kondolenz-Knopf.") indes kaum ein gutes Haar gelassen – Carsten Knobloch nannte das Posting „arschlochoresk", Markus Sekulla erklärte gar, er hoffe auf „den großen Shitstorm".

Denn Likes und Shares sind bei Facebook kein Selbstzweck: Viel Interaktion mit Postings einer Seite befeuert deren „EdgeRank" und sorgt für eine höhere Sichtbarkeit in den Timelines anderer, was wiederum dem Fan-Wachstum zugute kommt. Der Vorwurf lautet hier also: bild.de, stern.de & Co. wollen die weitverbreitete Trauer über den Tod von Dirk Bach zum pushen der eigenen Facebook-Präsenz instrumentalisieren.

Torsten Beeck, Social-Media-Verantwortlicher bei der Bild, widerspricht: „Wir hatten in den letzten Tagen sehr häufig unfreundliche Diskussionen, weil die Nutzer bei schlechten Nachrichten nicht verstehen, warum andere Nutzer "gefällt mir" klicken. Wir machen das nicht, um Likes zu erbetteln, wir wollte nur diese anstrengende Diskussion von Anfang an unterbinden." Auch stern.de erklärte noch in der Nacht, man empfinde es als „ungerecht", unterstellt zu bekommen, „wir würden mit so einem Posting nur "Likes" scheffeln wollen". Man wolle sich aber noch selbstkritisch mit den Vorwürfen befassen.

Alles für den EdgeRank

Selbst Seiten ohne Bezug zum Nachrichtengeschäft (hier: Appstotal) sprangen mit Kondolenzbeiträgen auf den Like-Zug auf – mit Erfolg.

Die Beschaffung von Likes und Shares mit weitgehend inhaltsleeren Beiträgen ist nichts neues, die zunehmende Trivialisierung der Kommunikation im Social Web wurde bei uns neulich ausführlich thematisiert und kritisiert. Dass ein solch emotionales Ereignis wie der Todesfall eines beliebten Komikers zur aktiven Generierung von Interaktion genutzt wird, überrascht da nicht – die heftige Kritik sowohl von Nutzern als auch von professioneller Seite zeigt aber auch, dass Social-Media-Managern beim „Phishing for likes" durchaus Grenzen gesetzt sind – unabhängig von Torsten Beecks Argumentation, auch eine Nicht-Aktivierung hätte zu Ärger in den Kommentaren geführt.

Auch wenn Facebook auf absehbare Zeit wohl eher keine optionale Deaktivierung des Like-Buttons bei Postings anbieten wird (was der Königsweg wäre):  Social-Media-Manager wie Journalisten sollten in ihrem eigenen Interesse den Eindruck vermeiden, mit dem Leid anderer Kasse beziehungsweise Reichweite zu machen. Das ist naturgemäß ein schmaler Grad, wie schon die alte Medienmacher-Weisheit „Bad news are good news" besagt.

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10 Antworten
  1. von Christoph Praet am 02.10.2012 (11:11 Uhr)

    Ich kann es ja durchaus verstehen, dass das Social-Media Team (eagl von welcher Zeitung oder Fanpage) versucht Likes abzugreifen und somit den eigenen Edge-Rank verbessern möchte. Jedoch bin ich der Meinung, dass man dies eher durch Kreativität bewerkstelligen sollte und nicht mit dem Tod eines Menschen. Ich finde das mehr als kaltherzig und gehört in die unterste Schublade.

    Ich kann Markus Sekulla nur unterstützen und hoffe auch, dass der nächste große Shit-Storm nicht lange auf sich warten lässt.

    Bis dahin,
    LG

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  2. von Thorsten Ising am 02.10.2012 (11:11 Uhr)

    Es wäre ein Leichtes dieses "Hemmnis" zu umgehen und einfach zu schreiben "Wir trauern um Dirk Bach" - dann ist auch ein Like nicht mehr grotesk - so allerdings bleibe ich bei der Unterstellung des Like-Huntings - oder Alternativ bei der Pietätlosigkeit der verantwortlichen Redakteure/Community-Manager.

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  3. von Franky am 02.10.2012 (11:17 Uhr)

    Und weiter: Es wurden sogar Facebook-Ads von Bild.de gekauft.. solche hatte ich gestern Abend in meiner Sidebar. Unglaublich. Wurden wahrscheinlich mit einem riesigen CPC in den Himmel gehyped.

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  4. von K_Pliester am 02.10.2012 (11:23 Uhr)

    Eine Sauerei, mehr nicht!

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  5. von Michael am 02.10.2012 (12:46 Uhr)

    Like-Button und "Freunde" - ist beides banal, aber die falsche Begrifflichkeit ist auch ein Grund, warum ich mit Facebook nicht warm werde.

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  6. von Tanja am 02.10.2012 (12:56 Uhr)

    Carsten Knoblochs Aussage verlinkt leider auf Markus Sekullas Facebook-Post...

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  7. von egghat am 02.10.2012 (14:48 Uhr)

    Zustimmung. Aus Klickhuren werden jetzt Likekuren.

    Wieso Nico Lumma das verteidigt (http://lumma.de/2012/10/01/der-tod-und-social-media/), ist mir schleierhaft. Nur weil das 70.000 Menschen auf den Like-Knopf geklickt haben, ist das OK? Nur weil 4 Millionen Menschen Bildzeitung lesen, ist die Art der Berichterstattung bei der Bild dort OK?

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  8. von Benny Lava am 02.10.2012 (14:55 Uhr)

    Jetzt verfolgt einen dieser nervige Typ scon bis hierher. :-(

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  9. von Lukas Koch am 02.10.2012 (17:11 Uhr)

    Ich finde es bei negativen, schlechten oder traurigen Meldungen einfach unnötig den 'Like' Button zu bemühen. Der Button ist und bleibt für mich der Ausdruck, dass mir eine Meldung gut genug gefällt um diese mit meinen Freunden zu teilen und evtl. sogar eine Diskussion zu starten.

    In diesem Falle, müsste man schon extrem "blind" durch die Welt laufen, um solch eine Meldung die von allen Seiten auf einen hereinprasseln nicht zu sehen. Genau deswegen macht es für mich gar keinen Sinn diese Meldung 'liken' zu müssen.

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  10. von fancyPT am 03.10.2012 (03:44 Uhr)

    „Auch wenn Facebook auf absehbare Zeit wohl eher keine optionale Deaktivierung des Like-Buttons bei Postings anbieten wird (was der Königsweg wäre)“

    Wozu gibt es CMS?

    „Die Beschaffung von Likes und Shares mit weitgehend inhaltsleeren Beiträgen ist nichts neues“

    Das ist der eigentliche Kritikpunkt. Denn an einem Artikel, der kaummehr als eine DPA-Kopie ist, ist nichts toll zu finden. Am Inhalt auch nicht. Also was genau haben die Leute denn nun „geliket“?

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