Diskussion: Rauben Algorithmen uns die Freiheit?

Ein „Menschenrecht auf Zufall“ hat die Kommunikationswissenschaftlerin Prof. Dr. Miriam Meckel heute in ihrem Vortrag im Rahmen der Buchtage Berlin gefordert. Ihre These: Algorithmisch bestimmte Empfehlungen von Facebook, Amazon, iTunes & Co. funktionieren zwar oftmals erstaunlich gut, aber sie bringen uns immer nur Varianten von dem, was wir schon kennen. Und am Ende verlieren wir darüber gar die eigene Freiheit. Was haltet ihr von dieser recht steilen These?

„Im Sog der E-volution“ ist das Motto der Buchtage Berlin, veranstaltet vom Börsenverband des Deutschen Buchhandels. Über drei Tage hinweg geht es hier auch sehr viel darum, wie das Internet, Tablets, E-Books und weitere digitale Entwicklungen Bücher, Verlage und den Handel verändern.

Der erste Vortrag von Miriam Meckel ging von zunächst harmlos scheinenden Erlebnissen aus, um einen weiteren Bogen in die Zukunft und über die ganze Gesellschaft zu spannen. So wollte sie eigentlich einem Freund auf Facebook zum Geburtstag gratulieren. Jemand anderes hatte auf dessen Profilseite eine virtuelle Torte gepostet. Miriam Meckel wollte per Klick auf „Like“ ihre grundsätzliche Zustimmung dazu signalisieren – und bekam eine Fehlermeldung. „Object cannot be liked“, teilte ihr Facebook mit. Sie fragte sich: Warum darf ich die Torte nicht mögen? Was ist eigentlich los mit meiner Beziehung zum Internet, wenn ich nicht alles mögen darf?

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Prof. Dr. Miriam Meckel fordert ein „Menschenrecht auf Zufall“. (Foto: re:publica 2011 / flickr.com, Lizenz: CC-BY)

Algorithmen werden immer besser, aber sie kennen keinen Zufall

Diese Anekdote klingt harmlos, aber man kann sie zum Anlass für weiterführende Überlegungen nehmen. Inwiefern beschränken wir uns und lassen uns etwas vorschreiben durch die Grenzen der technischen Machbarkeit?

Vor allem ging es in ihrem Vortrag um den Gegensatz zwischen dem, was ein Computer per Algorithmus errechnen kann und was uns der gute alte Zufall im Leben bringt oder auch der menschliche Faktor. Beispiel: Empfehlungen bei Amazon. Sie können manchmal geradezu verblüffend gut funktionieren. Aber dennoch greifen sie nur auf das zurück, was wir schon angesehen oder gekauft haben oder was in den weiteren Kreis dieser Dinge gehört. Vollkommen Neues werden wir hier eher nicht finden. Ein Buchhändler aus Fleisch und Blut hingegen kann das schaffen, wenn er gut ist. Er bringt das Unberechnbare ein, den Zufall eben.

Einen echten Zufall per Algorithmus könne es hingegen nicht geben. Denn letzten Endes unterliege auch der immer einer Systematik, sagte Meckel. Das seien „Pseudo-Zufallskomponenten“.

Algorithmische Empfehlungen halten uns in einem Tunnel

Ähnlich gilt es für Freundes-Empfehlungen auf Facebook oder für Musik-Empfehlungen durch die „Genius“-Funktion von iTunes: Im Grunde bewegen wir uns in einem Tunnel. Wir haben zwar soziale Kontakte, aber wir bekommen nicht mit, was außerhalb dieses Tunnels geschieht. Auch das Bild vom Internet als „echo chamber“ macht ja schon seit einigen Jahren die Runde: Man bekommt zurück, was man hineingerufen hat.

Klassische Medien funktionieren hingegen anders: Sie liefern ein Paket von Informationen, unabhängig davon, ob ich mich mit den Themen schon einmal auseinandergesetzt habe oder nicht. Die Redaktion bestimmt, wählt aus, stellt zusammen. Auf der einen Seite bekomme ich damit vieles geliefert, was mich nicht interessiert. Auf der anderen Seite bekomme ich Dinge geliefert, von denen ich gar nicht wusste, dass sie mich interessieren könnten.

Geben wir also unsere Freiheit auf, Neues zu entdecken, wenn wir uns zu sehr auf algorithmische Empfehlungen verlassen? Deshalb proklamierte Miriam Meckel den Zufall als Menschenrecht. Ein Recht, sich überraschen lassen zu dürfen. Das ist natürlich sehr plakativ. Aber ist nicht doch etwas dran?

Die Frage ist: Wollen wir diesen Zufall wirklich noch, wenn doch die Empfehlungen von Facebook, Amazon und iTunes so gut zu funktionieren scheinen? Bekommen wir darüber nicht schon mehr als genug, so dass gar keine Zeit mehr bleibt? Falls ihr eine Meinung dazu habt, freue ich mich über eine Diskussion in den Kommentaren.

Video: Miriam Meckels Vortrag „This object cannot be liked“

Übrigens: Wer sich genauer mit Miriam Meckels Gedanken, Überlegungen und Thesen auseinandersetzen möchte, kann sich diesen Vortrag von der re:publica 2010 ansehen:

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9 Answers

  1. von Carsten 08.06.2011 (14:41Uhr) 1.

    2 Jahre alter Hut, wa.

  2. von Dustin Klein 08.06.2011 (15:48Uhr) 2.

    Ist eine recht alte Diskussion und es wird sich so schnell auch nichts ändern. Es ist doch wie im wahren Leben. Ich renne auch nicht jeden Tag am Buchladen vorbei und schaue mal zufällig die ein oder andere Rezension durch. Ich suche Bücher die mir empfohlen wurden, entweder durch Freunde oder das Netz. Das ist auch kein wirklicher Zufall.

    Und in Zukunft wird es mit den sozialen Suchmaschinen auch im Internet möglich sein, sich anzuschauen, was andere Menschen als lesenswert betiteln. Von daher kann ich einen Hype über so ein Thema nicht wirklich nachvollziehen. Wer verlässt sich schon komplett stumpf auf die Vorschläge von Amazon o.ä. Anbietern?

  3. von jati 08.06.2011 (17:19Uhr) 3.

    Gerade durch den Trend hin zu Social Search finde ich das Thema aktueller denn je. Denn wenn Google und andere nun Empfehlungen meines Netzwerks mit einbeziehen, sorgt auch das dafür, dass ich mich in einem eng begrenzten Umfeld bewege. Und das ist ja nur der Anfang. Aber wer sagt denn, dass Empfehlungen meiner Kontakte die besten sind, nur weil sie meine Kontakte sind? Vielleicht kennen die sich ja alle mit Thema X aus, haben zu Y aber keinen Schimmer. Woher soll Google das wissen?

    Das Problem beschränkt sich natürlich nicht nur aufs Netz. Ich denke hier nur einmal ans Formatradio, bei dem ebenfalls ein Algorithmus bestimmt, welche Titel aus welchem Genre in welcher Reihenfolge gespielt werden. Auch da gilt: Bloß nichts dem Zufall überlassen, alles schön aufs Optimum trimmen - oder das, was man dafür hält.

  4. von Audiodroid 08.06.2011 (17:51Uhr) 4.

    Nur kurz: 1) Ja, alter Hut, 2) finde ich auch bedenklich. 3) Aber einen - vielleicht etwas pedantischen - Einwand hätte ich noch...die Pseudo-Zufallsfunktion wird von unsereins oft und gerne mit der aktuellen Uhrzeit als Parameter aufgerufen. Das heißt, "je nach Uhrzeit" kommt eine andere Zahl hinten wieder raus. Das ist philosophisch gesprochen so ähnlich wie ein Buchhändler "eines Tages" (= Uhrzeit) beschließt mal nach ganz anderem Büchern (= Zufallszahl) zu gucken, um bei dem oben genannten Beispiel zu bleiben.

  5. von Michael 08.06.2011 (20:31Uhr) 5.

    Es ist ja irgendwie ulkig, dass eine Gesellschaft, die permanent vergeblich versucht, den Zufall und das Unberechenbare zu eliminieren, sich Sorgen um ein paar Empfehlungsalgorithmen machen sollte. Versicherungen, Excel-Sheets, Lebensentwürfe - wir alle wissen, dass "das Leben" so komplex ist, dass es nicht mathematisch darzustellen ist. Sonst gäbe es vermutlich bessere Tradingsoftware für Börsianer.
    Deshalb betrachte ich die neuen algorithmischen Versuche mich zu verstehen als einen unterhaltsamen Nebeneffekt meiner Online-Existenz.

  6. von Klaus Lindow 08.06.2011 (22:00Uhr) 6.

    @Carsten und all den anderen die es schon immer wussten...

    Ja die Frau hat Recht! Und wenn man sich mal wieder etwas mehr mit Büchern und alten Philosophen beschäftigen würde, statt sich mit Twitter und Facebook und all den anderen tollen social erweiterungs glücklich mach Techniken zu beschäftigen wüßte man, dass der Hut deutlich älter ist als 2 Jahre.

    Gerade die Kommentare zu FaceBook die man hier immer lesen kann erinnern mich an einen Steinmetz der Stunde um Stunde die Vorzüge seines Hammers, seiner Meißel und die vielen Arten der Steine referiert, nur eine einizige, aus seiner Phantasie entstandene, in Stein geformte bildlich gewordene Phantasie zu der kam es nie, weil er beim Senieren über das Werkzeug zum Werkzeug wurde...

    Was mir noch einfällt:
    Wenn ich es weiter spinne, nehme ich mal an ein Mensch aus Fleisch und Blut denkt und er erdenkt eine neue idee, ein neues geschriebenes Werk ein faßbares haptisches etwas und bevor ein anderer aus Fleisch und Blut bestehender Mensch dieses prüft um es auf seine Brauchbarkeit zu prüfen hat der Algorithmus schon entschieden, das es nicht zu prüfen wert ist.

    Manch einer wünschte sich diesen Algorithmus schon jetzt, dann hätte es ihm dies Gedachte ersparen können....

  7. von Wirtschaftswurm 09.06.2011 (09:11Uhr) 7.

    Wenn das Bedürfnis nach Zufällen besteht, wird man sie einbauen. Wo sollte für Amazon & Co. das Problem sein? Klar, rein mathematisch gesehen würden solche Zufälle auf einen Algorithmus beruhen und wären keine echten Zufälle. Für die Wirkung ist das aber unbedeutend.

  8. von jati 09.06.2011 (15:12Uhr) 8.

    @Klaus Lindow: Vielen Dank für diesen Hinweis ;-) Tatsächlich ist der Hinweis, ein Thema sei "alt" nicht mehr als ein simples Totschlagargument. Die eigentliche Frage ist doch, ob es aktuell und relevant ist. Und das ist es aus meiner Sicht sogar mehr als vor zwei Jahren, fünf Jahren oder zehn Jahren.

    Ein Grund ist, dass das Internet als Informationsmedium enorm an Bedeutung gewonnen hat.

    Ein anderer Grund ist: Algorithmische Empfehlungen kommen immer mehr zum Einsatz und immer weniger wird man sich dessen bewusst. Viele nutzen Facebook und alle bekommen per Algorithmus bestimmte Inhalte auf ihrer Startseite zu sehen. Andere werden ausgeblendet. Fast alle nutzen Google und seit etwas über einem Jahr bekommt jeder Nutzer andere Suchergebnisse angezeigt, auch wenn er nicht eingeloggt ist: Google personalisiert die Ergebnislisten und das teils erheblich. Und das sind nur zwei Beispiele.

    In den USA ist diese Diskussion gerade wieder aufgeflammt durch das Buch "Filter Bubble" von Eli Pariser. Der Titel verweist darauf, dass wir uns jeder in einer individuellen Blase befinden, geformt durch all die vielen Filter um uns herum.

    Das Problem ist doch: Ohne Filter kommen wir doch gar nicht mehr aus. Wer will sich denn im täglichen Nachrichtenwust zurechtfinden? Wer will bei 1 Mio lieferbarer Bücher (allein auf Deutsch) entscheiden, was lesenswert ist und was nicht? Da ist es doch prima, wenn uns eine Website mal eben sagt, dass dies oder jenes für mich interessant ist und das auch noch stimmt.

    Im persönlichen Bereich mag das ja alles noch hübsch harmlos wirken. Aber was ist zum Beispiel mit politischen Informationen? Welche Fakten erreichen mich einfach nicht, weil ich mich eben in der "Filterblase" befinde und gar keine Zeit habe, aus ihr herauszugehen? Und vor allem: Ich erfahre ja nicht einmal, dass mir etwas verloren geht. Ich bekomme auch durch Filter viel mehr geliefert als ich verarbeiten und verdauen kann. Also bleibe ich in ihr.

  9. von Thermomix-Bonn 09.06.2011 (22:37Uhr) 9.

    Algorythmen bereichern mein Leben. Ich gebe meine Freiheit, mein eigenes und logisches Denken ja nicht am Login ab.
    Ich finde es tatsächlich interessant, was die Leute, mit denen ich Schnittmengen habe, sonst noch so gekauft haben.
    Frau Dr. Meckel übersieht, dass die vielen Menschen, die das gleiche Buch gekauft haben, sich sowohl untereinander als auch zu mir sehr deutlich unterscheiden. Sie sind ja nicht ich. Also haben sie sehr wohl AUCH völlig andere Interessen. Das macht die Leute spannend, und das macht die Amazon-Empfehlung interessant...
    ...meint thermomix-bonn.blogspot.com

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