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Kolumne

Wenn Disruption nicht verbessert, sondern verschlimmbessert

(Foto: Shutterstock)

Viele digitale Innovationen werden vom Verlangen nach Bequemlichkeit getrieben. Dabei verschließen wir die Augen vor negativen Konsequenzen, kritisiert Martin Weigert in seiner Kolumne Weigerts World.

Im Jahr 2025 sollen alle beruflichen Konversationen im Team-Kommunikationsdienst Slack stattfinden. Diese Devise gab kürzlich Slack-Produktchefin April Underwood aus. E-Mail würde entsprechend keine Rolle mehr spielen. Slack-Chef Stewart Butterfield beschrieb E-Mail vor einiger Zeit zwar als „Kakerlake“ des Internets, die auch in 30 oder 40 Jahren noch existieren werde. Klar ist aber, dass Slack darauf abzielt, der E-Mail zumindest im professionellen Kontext den Garaus zu machen. Viele Organisationen, die regelmäßig Slack verwenden, erleben in der Tat, wie sich das E-Mail-Aufkommen massiv verringert (bei ansteigendem Mitteilungsvolumen).

Doch wieso gilt der Kampf gegen die E-Mail eigentlich als etwas Respektables, Erstrebenswertes? Eigentlich gibt es nichts daran zu feiern, wenn eines der überlegensten, offenen, dezentralen Protokolle des Internetzeitalters durch eine proprietäre Lösung verdrängt wird. Nach bald 20 Jahren der Kommerzialisierung und „Gatekeeperisierung“ der Internetlandschaft sollte mittlerweile jede(r) verstehen, dass das Streben nach bequemeren und scheinbar leistungsfähigeren Lösungen immer einen Preis hat.

Keine Frage: Slack ist in vielerlei Hinsicht eine tolle Sache. Solange E-Mail parallel existiert. Wenn aber irgendwann Slack und die vergleichbaren Nachahmer aus dem Hause Facebook, Microsoft und Atlassian, zusammen mit Chat-Apps für die private Kommunikation, die über Dekaden bestehenden Netzwerkeffekte der E-Mail eliminiert haben, werden sich manche fragen, ob man bei dieser Entwicklung nicht hätte gegensteuern müssen.

Die Kurzsichtigkeit des Bequemlichkeitsstrebens

Slack ist nur ein Beispiel für die regelmäßig zu beobachtende Kurzsichtigkeit, mit der nach stetiger Verbesserung und Optimierung strebende Digitalnutzer fragwürdige Kompromisse eingehen (ich klammere mich da in keiner Weise aus). Gleiches gilt für Uber und Amazon. Beide Firmen sind auf absolute Dominanz ausgelegt. Auf dem Weg dahin umgarnen sie Konsumenten mit Niedrigstpreisen und verschiedensten „Perks“. Doch mit zunehmender Marktmacht und dem Absterben der Konkurrenz wird sich das naturgemäß ändern. Dabei wissen wir doch heute ganz genau, wohin das führt.

Auch Technologie zur Authentifizierung per Gesichtserkennung passt in diese Kategorie. Klar, die Identifikation anhand von Gesichtsmerkmalen per se zu verteufeln und zu suggerieren, die Eingabe eines Pincodes beim Smartphone sei sicherer als Apples neues Face-ID-Feature, wäre zu einfach. Aber auch wenn Apple einigermaßen glaubwürdig den Schutz der Privatsphäre als Alleinstellungsmerkmal propagiert, muss man die „Normalisierung“ von Gesichtserkennungs-Funktionalität auch als Wegbereiter einer totalitären Überwachungsgesellschaft betrachten. Am Ende ist es das Verlangen nach Bequemlichkeit, das die treibende Kraft hinter der Innovation darstellt. Die langfristigen Kosten dieses Verlangens ignoriert man einfach.

Nicht Fehlen darf in dieser Aufzählung die Nutzung von Facebook und anderen Social-Media-Services als Nachrichtenquelle. Anders als im Falle der zuvor genannten Beispiele bezahlen wir bereits den Preis: Polarisierung, Desinformation und stures Gruppendenken in Folge von Echokammern, Fake News und politischem Microtargeting – mit destabilisierenden Folgen für den sozialen Frieden und die Demokratie.

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Schwächen eliminieren, Stärken beibehalten

Das Phänomen, dass Streben nach Bequemlichkeit und Verbesserung nicht unbedingt im Einklang mit langfristigen Interessen steht, löst man natürlich nicht dadurch, Optimierung und Komfort abzuschwören, bis in alle Ewigkeit nur per E-Mail zu kommunizieren und auf Papierzeitungen zu beharren. Es könnte aber sinnvoll sein, wenn sich die Disruptoren sowie wir alle, die deren Aktivitäten und Innovationen annehmen oder ablehnen, darauf konzentrierten, die Schwächen eingestaubter Technologien zu eliminieren, gleichzeitig aber die Stärken beizubehalten.

Der typische Ansatz der Disruptoren, das gesamte Gebäude einzureißen, es komplett anders aufzubauen und Learnings aus der Vergangenheit nicht zu beachten, erscheint zunehmend wie ein Fehler. Dass es dennoch so praktiziert wird, liegt daran, dass digitale Bürger es zulassen.

Weitere Kolumnen der Serie Weigerts World findet ihr hier. Ihr könnt die vom Autor täglich kuratierten News zur Netzwirtschaft abonnieren oder seinen wöchentlichen E-Mail-Newsletter mit englischsprachigen Leseempfehlungen beziehen.

 

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3 Reaktionen
Michael

Das Vordringen geschlossener Lösungen finde ich auch im Privaten bedauerlich. Vielleicht finden ja Chat-Apps auf Basis des E-Mail-Protokolls noch mal Verbreitung. 2015 gab es da einen Anlauf von Microsoft namens Send. Scheint im Sande verlaufen zu sein. Heute habe ich mich umgeguckt und bin auf Delta Chat gestoßen: https://delta.chat/de/
Werde ich mal ausprobieren. Hat damit ein wer Erfahrung?

HalliGalli

Danke fürs löschen...

HaliGali

Hmm ist das nun Slack Werbung oder Disruptions Bashing... bin mir da etwas unsicher... Chats werden bei Digitalen Unternehmen nativ eingesetztund regulieren sich selbst in der Nutzung. Solch eine Kolumne kann nur von einem Dino der IT Branche kommen, welcher wahrscheinlich 2015 Beiträge über die Nachhaltigkeit der De-Mail verfasst hat.

Disruptive Unternehmen orientieren sich am "Bedürfnis" seiner Kunden und nur an einem Bedürfnis... Think About it... Chat != E-Mail

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