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Nicht das Netz gefährdet den Journalismus, sondern die Arroganz der Macher [Kolumne]

Nicht das Netz gefährdet den Journalismus, sondern die Arroganz der Macher [Kolumne]

Seit Jahren wird darüber diskutiert, ob das Netz den Journalismus tötet – dabei lauert die größte Gefahr eigentlich ganz woanders: in den Köpfen der Macher. Die „Doppelklick“-Kolumne von Florian Blaschke.

Nicht das Netz gefährdet den Journalismus, sondern die Arroganz der Macher [Kolumne]
Auch im Journalismus keine seltene Haltung. (Foto: © claudiobaba – iStockphoto.com)

Entwicklungsfeindlichkeit aus Arroganz – auch im Journalismus

schuhe binden
Schuhe binden lernen Kindern nur, wenn sie es selbst machen dürfen – im Journalismus ist es ähnlich. (Foto: © rollover – iStockphoto.com)

„Dafür bist du noch zu klein“, „Das verstehst du noch nicht“, „Lass das mal die Großen machen“. Wie habe ich diese Bevormundung als Kind gehasst. Diese Haltung, Menschen nichts zuzutrauen, weil ihnen ein Stück Erfahrung fehlt, war mir schon als i-Dötzchen zuwider, Entwicklungsfeindlichkeit aus Arroganz oder weil es Mühe macht, Menschen zu fördern, konnte ich noch nie leiden. Schuhe zubinden lernen Kinder eben nur, wenn es nicht ständig die Eltern für sie tun. Und jetzt, vor ein paar Tagen, das Déjà-vu, als ausgerechnet der Journalist Jens Weinreich einen Satz von erstaunlicher Kurzsichtigkeit auf die Welt losließ.

Vielleicht lese ich diesen Tweet, dieses in 140 Zeichen gepresste Statement, auch falsch und verstehe bloß die „Melancholie“ nicht, die laut Weinreich in ihm steckt. Mir aber kommt diese Haltung bekannt vor. Es ist die gleiche Haltung, mit der die Branche jahrelang und in zu großen Teilen weder der Zielgruppe noch dem Nachwuchs zugehört hat. Es ist eine Haltung, die davon ausgeht, dass Entwicklung von oben stattfinden sollte, dass Probleme am besten von einer Führungsgruppe gelöst werden, die sich einfach selbst definiert. In der Wirtschaftssoziologie spricht man auch von einer „Oligarchischen Elite“, in der Rekrutierungs- und Zugehörigkeitskriterien selbst vorgegeben und kontrolliert werden, um den Status Quo zu wahren.

Was der Journalismus von Startups lernen kann

Dieses Elite-Denken, diese Arroganz, ist im Journalismus über Jahrhunderte zementiert worden und entsprechend schwer aus den Köpfen herauszubekommen. Dabei gäbe es genügend Vorbilder außerhalb der Branche – in der Startup-Szene etwa. Flache Hierarchien, der weitgehende Verzicht auf Bürokratie, das Erkennen von Fehlern als Chance und Türöffner und vor allem das Vertrauen in die Fähigkeiten des Teams erfordern zwar Mut, oft aber zahlt der sich aus. Und ausgerechnet der Branchenriese Springer – ein Konzern mit gut 13.600 Mitarbeitern – beweist, dass das auch für große Unternehmen gelten kann und gelten sollte. Immer wieder erzählen Mitarbeiter, dass die Chefetage hier zuhört, nachfragt und sich Rat holt, und zwar auf allen Ebenen. Kai Diekmann, Mathias Döpfner und ihre Kollegen scheinen sich bewusst zu sein, dass sie selbst nicht auf jedes Problem eine Antwort haben können – aber irgendwo im Unternehmen jemand sitzt, der sie kennt – und sei es noch so weit „unten“.

Gerade, wer in einer Branche wie dem Journalismus arbeitet – die nicht nur im Umgang mit dem Internet lange Jahre zu träge, zu passiv und zu kopflastig agiert hat –, sollte sich Jens Weinreichs Statement genau angucken. Und: überlegen, ob er es nicht auch einfach umformulieren will.

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8 Antworten
  1. von Ralle am 25.10.2013 (09:07 Uhr)

    Ich kann das permanente Genörgel des "Qualitätsjournalismus" (Schirrmacher) auch nicht mehr hören. Aber man verstehe: Diese kleine Elite gab über Jahrzehnte vor, was man zu denken habe. Sie entschieden über Aufstieg und Fall. Und wurden hofiert. Und plötzlich kann jeder im Internet nachprüfen, welche Details verschleiert oder falsch wiedergegeben wurden. Aktuell z.B. am Bischofsskandal, wo sich eine angebliche 15.000 € Badewanne am Ende als 3.000 € Badewanne herausstellte. (Schlimm genug, aber stay to the facts!). Wer wird schon gern permanent beim Lügen erwischt ? Also ist nicht der Lügner der Böse, sondern derjenige, der es aufdeckt. Psychologisch sehr interessant ...

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  2. von Al3x am 25.10.2013 (09:13 Uhr)

    Das Problem ist eher, die Unfähigkeit für Veränderung und eingestehen von Fehlern. Und das ist so etwas von unelitär. Das ist so 2008.

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  3. von Jens Weinreich am 25.10.2013 (17:00 Uhr)

    Ja, Du liest den Satz falsch und hättest mit einem Blick auf meine "erstaunliche kurzsichtige" Arbeit schnell verstehen können, wenn Du gewollt hättest. Aber das ist für einen "Redaktionsleiter Online" offenbar zu viel verlangt.

    # Es reden zu viele JOURNALISTEN über die "Zukunft des Journalismus", die in ihrem Leben journalistisch noch nicht viel geleistet haben. #

    So ist es gemeint. Aber ich mag nicht immer mit der Tür ins Haus fallen.

    Nur jetzt, da ich diesen erstaunlich kurzsichtigen Beitrag lese.

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  4. von Florian Blaschke am 25.10.2013 (17:03 Uhr)

    Danke für den Kommentar, Jens. Über Deine Arbeit habe ich glaube ich gar nichts geschrieben, oder? Denn die schätze ich in großen Teilen eigentlich sehr, weshalb ich diesen Satz unter anderem so erstaunlich fand. Aber das mit den Journalisten hatte ich durchaus auch ohne Großschreibung verstanden – was die Aussage für mich nicht besser macht und meinen Artikel nicht falsch. Trotzdem: danke.

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  5. von Stefan Johannesberg am 25.10.2013 (17:21 Uhr)

    Ist doch schön, wenn jeder ein paar Zeilen anders interpretiert und dann darüber diskutiert. Passiert doch den größten Dichtern.
    Ich nehme die beiden Tweets + Artikel für mich eher so auf:
    1) Ja, manche Printredakteure benehmen sich elitär und arrogant, ohne journalistisch viel geleistet zu haben
    2) Irgendwelche BWL-Berater sprechen von Content Marketing, ohne jemals überhaupt Content produziert und an den Leser gebracht zu haben

    Meine Wahrheit liegt dahinter: Gut ausgebildet sein, Nische finden, das Handwerk verstehen und digital immer mit der Zeit gehen. Kombiniert man das mit den BWL-Grundregeln "Innovation und Kundenzufriedenheit", langt das vollkommen für die Zukunft des Journalismus.

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  6. von Horst am 25.10.2013 (17:47 Uhr)

    Meine Erfahrung im Springerland ist eine etwas andere: Der Experte aus der untersten Hierarchie wird zwar manchmal gefragt. Und wenn, dann macht der ahnungslose Chef trotzdem, was Chef für richtig hält. Und für richtig halten, das tut er einiges. Meistens endet das darin, Gelerntes aus der Printwelt unreflektiert auf die digitale Welt zu übertragen und zwar gegen den Expertenrat.
    Tatsächlich kommt an dieser Stelle der Experte aus der niederen Hierarchie wieder ins Spiel: Der darf die ganze Grütze dann ausbaden und bekommt - wenn alles "gut" läuft - darüber hinaus noch einen eingeschenkt.

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  7. von Deutscher Medienverband am 28.10.2013 (07:35 Uhr)

    Absolut richtig! Im Prinzip ist auch diese Branche im Wandel und sollte die Kernwerte überdenken - wir leisten mit unserem Blog hierbei schon mehr als nur Aufklärungsarbeit!

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  8. von Nicht auf alles muss man hören am 28.10.2013 (14:41 Uhr)

    Schaut mal was Software kostet und wie viele Zillionen-Euro-teuren Journalismus-Projekte scheiterten. Dann ist klar wieso die kleinen Regional-Verlage keine fancy Apps usw. anbieten können.

    Wenn man die Risiken für kleine Programmierer betrachtet, sind Graswurzelprojekte auch schlecht möglich und man muss auf US-Startups warten welche ein paar Jahre später hoffentlich endlich eine vergleichbare Idee haben.

    Diese kostenlosen Zeitungen die Sonntag und Mittwoch im Briefkasten liegen sind wohl profitabel und ein Beispiel für verschiedene Mindeslöhne für verschiedene Tätigkeits-Arten.

    Davon abgesehen gibts Fachzeitschriften wo viele Gastbeiträge erscheinen, Yellow-Press und Adelsgeschichten, Tages- und Wochenzeitungen, Wirtschaftsmeldungen, Technik, Lokal- Regional- Bundes- Welt-Politik usw. . Mainstream-Magazine mit IVW-Zahlen sind vielleicht ein großer Teil der Exemplare aber nur eine kleine Anzahl der überhaupt verfügbaren Zeitschriften. Viele würden wohl gerne digital vertreiben und müssen bei der Druckerei ja vielleicht sowieso PDF abliefern, aber irgendwie bietet keiner eine Vertriebs-Plattform für den " unsichtbareren Teil des Eisberges " und diese tausenden von Zeitschriften mit kleinen Auflagen an. Druck-Kosten und Porto sind dort ein hoher Kostenfaktor und die Zeitschriften entstehen oft beim Herausgeber/Chefredakteur/... in Personal-Union im Wohnzimmer.

    Die Leute wollen nicht mehr mit Pferden herumreiten sondern Auto fahren. Gleiches für Medienkonsum z.B. am SmarTV oder Pad auf der Couch oder unterwegs per Handy. Das hat praktisch bisher erst kaum angefangen und mit Disruption ist bisher nicht zu rechnen .
    Vereine wie ADAC bieten wohl günstigere Mitgliedschaften an und dort ist das ADAC-Magazin wohl digital. Auch Rentner würden wohl gerne am Kindle oder iPad oder Artikel in größerer Schrift lesen wollen aber nicht für jede Zeitschrift eine Schulung machen wollen weil die uneinheitlich und oft unbequem zu benutzen sind.

    Die Leute die gegen etwas sind sollte man eher ignorieren sondern besser an sinnvollen Lösungen arbeiten und Kunden bzw. Mitstreiter finden. Kritisieren ist ok, aber kostet auch Zeit.

    Wegen des Springer-Beispiels: Bei BBC wurde wohl ein Wiki eingeführt wo jeder Mitarbeiter mitmachen kann. Das war angeblich recht erfolgreich. Andere Firmen haben z.b. in Lotus Notes Handbücher jeweils für Kassierer, Filial-Leiter, Mittlere Manager,... die sich aber mangels Feedback eher wenig weiterentwickeln. BBC hat ein recht kleines Budget und organisiert sich vielleicht besser (straffer) als Großkonzerne und Medien-Konzerne die beispielsweise anderen (Google-News, Bloggern, ...) die Schuld geben, weil sie sich selber nicht weiterentwickelt haben. Wenn die Leute besser informiert würden, würde es uns aber vielleicht deutlich besser gehen. Auch wenn es nicht abgesprochen ist, fügt sich alles zusammen so das das Establishment weitermachen kann wie es schon im Artikel als "oligarchische Elite" gut beschrieben wurde.

    Wenn man Artikel sofort digital an die Abonnenten rausgibt kriegt man Feedback und in der Print-Ausgabe sind dann überarbeitete Versionen mit klareren/besseren Informationen und ohne Fehler. Am Bildblog sieht man die Qualität mancher Medien und nicht nur Bild-Zeitung.

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