t3n News E-Commerce

Die Einsamkeit der Banken im Social Web – und warum Facebook ihnen bald das Wasser abgräbt [Kolumne]

Die Einsamkeit der Banken im Social Web – und warum Facebook ihnen bald das Wasser abgräbt [Kolumne]

Banken haben vergessen in welchem Geschäft sie eigentlich zu Hause sind – das ist nirgendwo sichtbarer als im . Zudem gehen Dienste wie aber auch Einzelhandelsunternehmen zunehmend auf Konfrontationskurs mit den Geldhäusern. Die von Thilo Specht. Ein ausgewählter Beitrag im Rahmen der Themenwoche Die .

Die Einsamkeit der Banken im Social Web – und warum Facebook ihnen bald das Wasser abgräbt [Kolumne]
Die Einsamkeit der Banken im Social Web. (Bild: Capricorn Studio / Shutterstock)

clued up banner spotify

Die Bio-Zitronen werden gerade als letzter Posten über den Scanner gezogen. Ein letztes Mal piepst die Kasse und unvermittelt lächelt mich die Kassiererin an: „Möchten Sie vielleicht noch Geld abheben?“

Verdutzt denke ich kurz nach, halte es für eine gute Idee und lasse mir eben noch ein paar Scheine in die Hand drücken. Der Betrag erscheint als weiterer Posten auf dem Kassenzettel, den ich schnell einstecke und mich von dannen mache, bevor mir die ungeduldige Rentnerin ihren übervollen Einkaufswagen ein weiteres Mal ins Kreuz rammt.

Zu den Treuepunkte gibt es noch etwas Geld.
Zu den Treuepunkte gibt es noch etwas Geld. (Bild: ReWe)

Nein, meine Bank bietet neuerdings nicht auch noch Lebensmittel an. Vielmehr ermöglichen immer mehr Supermarktketten ihren Kunden die Bargeldauszahlung an der Kasse. Dafür braucht es nicht mehr als die EC-Karte. Es ist kinderleicht und vor allem – komfortabel.

„Da stellt sich die Frage, warum es überhaupt noch Bankfilialen braucht?“

In meinem Viertel, das immerhin zur Frankfurter Innenstadt gehört, gibt es genau drei Filialen von Banken, die mir als Cash-Group die kostenlose Bargeldauszahlung ermöglichen. Supermärkte, in denen ich frisches Geld bekomme: Sechs.

Da stellt sich die Frage, warum es überhaupt noch Bankfilialen braucht. Bargeld bekomme ich nicht nur im Supermarkt, sondern auch in Baumärkten und an der Tankstelle. Meine Konten – privat, geschäftlich, Tagesgeld – verwalte ich online. Überweisungen tätige ich sekundenschnell auf dem Smartphone.

Im Tagesgeschäft spielt die Filiale also überhaupt keine Rolle mehr. Deshalb fällt mir auch nach längerem Überlegen nicht ein, wann ich das letzte Mal mit einem Bankangestellten sprach.

Angriff auf die Banken

Das entwickelt sich zunehmend zu einem Problem für die Banken. Denn wo der persönliche Kontakt fehlt, braucht es Instrumente, die a) das Vertrauen in die Beratungskompetenz der Bank fördern und b) die individuellen Kundenbedürfnisse erkennen, um passende Bankprodukte anbieten zu können.

Und die können logischerweise nur dort angesiedelt sein, wo der Kunde seine Geldgeschäfte zunehmend abwickelt: Im Internet.

Doch genau in dieser Sphäre machen sich andere Anbieter breit. Agile Startups nutzen Finanztechnologie, kurz Fintech, um zielgruppenorientiert und unkompliziert Investmentprodukte zu vertreiben, Kredite zu vergeben, Crowdfunding und den Geldverkehr zu ermöglichen.

Das Fintech-Startup vaamo duzt mich, verspricht mir kinderleichte Geldanlage und zeigt mir echte Menschen statt aalglatte Schlipsträger - das mag ich.
Das Fintech-Startup vaamo duzt mich, verspricht mir kinderleichte Geldanlage und zeigt mir echte Menschen statt aalglatte Schlipsträger  – das mag ich. (Screenshot: Vaamo)

Auch die Platzhirsche der Digitalwirtschaft mischen mit: eBay sicherte sich 2002 mit Paypal ein weltweit etabliertes Bezahlsystem, das heute Standard in den meisten Online-Shops ist. 230 Millionen Nutzerkonten aus 193 Nationen mit 25 Währungen verwaltet das Unternehmen, das vor der Übernahme durch eBay diversen Banken zum Kauf angeboten wurde – alle winkten ab.

Apple Pay wurde 2014 erfolgreich in den USA ausgerollt und soll dieses Jahr noch in Europa starten. Google und Amazon arbeiten mit Hochdruck an eigenen Angeboten.

Der große Vorteil der Netzriesen: Sie kennen ihre digitalen Kunden weit besser als die Banken. Für kein anderes Unternehmen gilt das so sehr wie für Facebook. Das Social Network beantragte 2014 eine Banklizenz in Irland. 2015 wird es in den USA möglich sein, über den Facebook-Messenger Geldbeträge zu versenden. Bei rund 170 Millionen Nutzern handelt es sich um einen gigantischen Markt. Gefährlich für die Banken ist aber nicht die breite Kundenbasis von Facebook, sondern das Pooling an Daten.

„Die Bank ist sicher nicht Lebensmittelpunkt – aber tief im Leben verwurzelt!“

Wenn ich zurückblicke, zu welchen Zeiten eine Bank relevant für mich war, ist das eng an Meilensteine in der eigenen Biographie geknüpft:

Die Eröffnung eines Girokontos als Student, der das erste Mal im Leben auf eigenen Füßen steht. Die Aufnahme eines Kredits für den Immobilienerwerb. Das gemeinsame Konto mit der Partnerin. Sparpläne für die Kinder. Ein Geschäftskonto für die Selbständigkeit. Die private Altersvorsorge, nachdem der Sohn sagte, ich bekomme immer mehr graue Haare.

Am liebsten ist es mir, wenn meine Bank sich gar nicht erst bemerkbar macht. Erst, wenn meine Lebensumstände sich ändern, Ereignisse eintreffen, die einer finanziellen Planung benötigen oder schlichtweg meine Existenz in Frage gestellt ist – dann ist mir die Bank wichtig.

Die Bank ist sicher nicht Lebensmittelpunkt – aber tief im Leben verwurzelt. Und wo ist das Leben heute intensiver zu erfahren als in den Social Media?

Und genau hier liegt die Marktmacht von Facebook: Das Unternehmen weiß, wann wir ein Studium aufnehmen, dieses abschließen, den ersten Job antreten, heiraten, Kinder bekommen, eine Immobilie kaufen und uns für Autos interessieren. Es kennt unsere aktuellen Bedürfnisse besser als jeder andere Player im Bankensektor. Dementsprechend ist es in der Lage, uns passgenaue Angebote zu unterbreiten.

Forget the product!

Banken, die in den Social Media vertreten sind, können das durchaus auch. Theoretisch ist etwa über geschicktes Targeting in Facebook eine hochrelevante Ansprache von Absolventen oder jungen Ehepaaren möglich. Auch der gezielte Dialog mit gründungswilligen Wirtschaftspionieren ist zu bewerkstelligen. Eigentlich. Denn die Banken kommunizieren im Social Web vorwiegend klassisch, im Hochglanzformat und brav in Schlips und Kostümchen – da der CSR-Bericht, dort eine Anlegerinformation, hier ein lustiger Sinnspruch. Alles dreht sich um die eigenen Produkte und Leistungen, nur nicht um das Leben der Kunden.

8 von 17.000 Fans gefällt das.
8 von 17.000 Fans gefällt das. (Screenshot: Facebook)

So lange der Fokus in der Kommunikation auf den Bankprodukten liegt, fühle ich mich nicht angesprochen. Schließlich nehme ich nicht einfach aus Lust und Laune einen Kredit auf. Sondern, weil ich ein konkretes, kostspieliges Bedürfnis habe. Oder weil ich vor einer existenziellen Entscheidung stehe, die eine finanzielle Absicherung benötigt. Der Kredit ist dafür ein notwendiges Übel.

„Forget the product!“ fordert folgerichtig Mike Brandt in seinem lesenswerten Buch „Welcome to the Advertising Awesomeness“. Denn nicht das Produkt definiert seinen Wert, sondern das Maß, wie es unser Leben bereichert. Das gilt ganz besonders für Finanzprodukte. Dementsprechend sollen sich laut Brandt die Unternehmen fragen: „How can I define my business from the outcome of the people?“

Sich selbst mal etwas zurücknehmen

Wenn klassische Banken in Zukunft neben den neuen Mitbewerbern bestehen wollen, müssen sie sich fragen, in welchem Geschäft sie eigentlich zu Hause sind. Getan hat das bereits die Kölner Bank eG: Das Team rund um Michael Schiefer, Leiter Marktmanagement, saß 2014 zusammen, um zu überlegen, wie sich eigentlich die Daseinsberechtigung der Bank – das genossenschaftliche Wirken –, glaubhaft und relevant für die Kunden kommunizieren lässt. Heraus kam die Idee, dass Crowdfunding genau das ist, was genossenschaftliches Handeln ausmacht und was die Bank seit jeher praktiziert – nur eben bisher nicht öffentlich sichtbar.

Also realisierte die Genossenschaftsbank mit all-zesamme.de eine Crowdfunding-Plattform für gemeinnützige Projekte im Raum Köln. Eltern-Initiativen, die sich für Kita-Räumlichkeiten einsetzen, sind dort genauso vertreten wie gemeinnützige Vereine, die sich für das örtliche Tierheim oder Sportbekleidung für die Handball-Jugend engagieren. Auf all-zesamme.de stehen die Menschen und ihre Bedürfnisse im Fokus, nicht die Finanzierung.

Bildschirmfoto 2015-04-23 um 15.17.10
Freude schenken!: Kölner Bank-Projekt „all zesamme“. (Screenshot: allzesamme.de)

 

Über 20 Projekte wurden bereits erfolgreich abgeschlossen und von der Kölner Bank subventioniert. Ein durchschlagender Erfolg, auch was die Kommunikation der Bank angeht: Denn die Projekte werden nicht nur von der Bank kommuniziert, sondern auch von den Initiativen selbst. Zudem werden sie vielfach von Unterstützern im Social Web verbreitet. Zahlreiche Presseartikel sind auf die aktive Arbeit der Initiativen zurückzuführen, in deren Kontext auch immer die Kölner Bank genannt wird.

Michael Schiefer zieht im Gespräch ein eindeutiges Fazit: „Man ist heute gut beraten, wenn man sich selbst in der Werbung etwas zurücknimmt, dafür aber gezielt Anreize gibt, damit sich andere positiv über mich äußern.“

„Wie Recht er hat!“ denke ich mir, als ich den Infopost-Brief meiner Hausbank ungeöffnet in die Papiertonne pfeffere.

Weitere Kolumnen-Artikel aus „Clued Up“ findet ihr hier.

Vorheriger Artikel Zurück zur Startseite Nächster Artikel
4 Antworten
  1. von Herr Pörner am 02.05.2015 (12:25 Uhr)

    Irgendwie fehlt mir hier der thematische Zusammenhang. Ein Internet-basiertes Bezahlsystem wie PayPal oder Apple Pay ist nicht mit dem Leistungsangebot von Banken zu vergleichen (zumindest an Apple Pay sind übrigens auch Kreditkartenfirmen und Banken beteiligt, da es auf Kreditkarten basiert). Auch wenn ich über den Facebook Messenger Geldbeträge an jemanden verschicken kann, so heißt dies nicht, dass mir Facebook auch Immobilienkredite gibt. Dass ich heute bei Tankstellen, Supermärkten usw. Bargeld holen kann, kann den Banken nur recht sein, denn dies spart ihnen teure Filialen.

    Großbanken wir die Deutsche Bank, die Dresdner und Commerzbank machen den Großteil ihrer Gewinne im Großkundengeschäft, fernab der Filiale. Genau deswegen verkleinern sie ihr Filialnetz immer weiter. Kleine, lokale Banken wie Volksbanken oder Sparkassen laufen hier unter ferner liefen.

    Weiterhin ist davon auszugehen, dass Facebook lange nicht so viel über seine Nutzer weiß, wie hier im Artikel und überhaupt bei t3n stets behauptet wird. Nur weil Millionen Leute ihre Partyselfies und Urlaubsfotos auf ihrer FB-Timeline veröffentlichen, so heißt dies noch lange nicht, dass sie FB an anderen Aspekten ihres Lebens teilhaben lassen.

    Antworten Teilen
  2. von PP am 02.05.2015 (16:42 Uhr)

    In dem Artikel ist viel Wahrheit und man muss nur hinsehen, um zu Erkennen dass Fintech-Anbieter aufgrund der technischen Möglichkeiten bestimmte Dienstleistungen deutlich günstiger, schneller, komfortabler hinbekommen als die Banken bisher.
    Man darf nur nicht vergessen, dass die Banken ihr Geld mit am Wenigsten mit (Inlands-) Zahlungsverkehr und Girokonten verdienen. Diese Dienstleistungen sind eher als Ankerprodukte zu verstehen, die in aller Regel quersubventioniert sind durch wirklich ertragreiche Produkte (z.B. Vermittlungsprodukte wie Versicherungen, Geldanlagen, Bausparverträge oder Aktivprodukte wie z.B. Kredite/Darlehen).
    So nun kann man sagen, dass man sich über Geldanlagen, Versicherungen, Altersvorsorge und Kredite auch im Netz erkundigen kann, Konditionen vergleichen kann und dann das denkbar Passendste abschließt. Aber Erstens handelt der Mensch nicht gänzlich rational (mehr Informationen und Transparenz führen nicht zu besseren Entscheidungen) und Zweitens gibt es nicht nur Bürger die sich wie selbstverständlich über Bankdienstleistungen schlau machen. Sondern es gibt genug, die sich nur unfreiwillig mit diesen Themen beschäftigen und denen es nicht leicht fällt diese Dinge nachzuvollziehen. Hier ist gute Beratung immernoch dringend notwendig (ob diese von Banken erbracht werden sollte, sei mal dahingestellt).

    Die Legitimation für die Existenz von Banken ist übrigens nichts der oben genannten Gründen sondern ausschließlich Risikotransformation, Losgrößentransformation und Fristentransformation. Nichts davon konnte bisher leider ein Fintech ersetzen.

    Antworten Teilen
  3. von Warten auf bessere Banken am 03.05.2015 (15:58 Uhr)

    Jede Paypal-Transaktion läuft über die Kreditkarten-Firmen welche ihre Gebühren teilweise an die Banken ausspielen. Von daher ist Paypal gar keine Bedrohung.
    Die US-Regierung will vielleicht die 3% Umrechnungskosten los werden. Daher wird Bitcoin nicht bekämpft. Einer der Aufdecker von Madoff meinte, Forex (Foreign Exchange=Geldwechsel) würde die Banken 3 PROMILLE kosten aber den Kunden 3 Prozent. Gutes Geschäft. Speziell weil zillionen Immigranten ständig Geld nach Hause schicken.

    Ich frage mich schon lange wieso Zuckerberg keine Facebook-Bank eröffnet. Wenn Leute nicht bezahlen informiert man die Verwandten und er kriegt Zusatz-Aufträge um seinen Verbindlichkeiten nachzukommen. Oder Verwandte übernehmen die Schuld d.h. sie wandert bei Problemen konsequent immer näher.

    Wenn Firmen übernommen wurde, haben sie sich meist nicht weiterentwickelt:
    ICQ hätte selber entwickeln müssen was Whatsapp oder Skype liefern.
    Skype hätte selber drauf kommen müssen was Whatsapp liefert.
    Paypal hätte selber drauf kommen müssen was Square und Dwolla liefern.

    Wenn man im Supermarkt mit Paypal zahlen will, gucken die sicher komisch. EC-Karten haben noch ein starkes Fundament. Evtl höhlt Apples iPay das aus.

    Fortschritt gibts nur stückweise: Flexibler (zinsfreier?) Kreditrahmen bei irgendeiner Bank. Oder Abheben bei allen Bankautomaten. Ohne Netflix wären Mediatheken-Abos vielleicht über 12 Monate. Durch TV-Werbung breiten sich Vorteile auch bei der Konkurrenz aus. Das haben die lokaleren Banken aber nicht so sehr. Aber Sparkassen usw. versorgen schon ewig die Handwerker usw. mit Krediten und haben wohl auch gute Gewinne wenn man die Lokalzeitungen liest und nicht als Werbung wegwirft.

    Das man im Supermarkt Geld auszahlen konnte, gibts m.W. aber schon seit 10 Jahren. Es war nur zwischendurch etwas eingeschlafen.

    Antworten Teilen
  4. von freizeitcafe.info am 21.01.2016 (20:14 Uhr)

    Manche verstaubte Banken machen aber jetzt auf Social Bank

    Antworten Teilen
Deine Meinung

Bitte melde dich an!

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar schreiben zu können.

Jetzt anmelden

Mehr zum Thema Social Web
Die große t3n-Themenwoche zur Zukunft des Geldes
Die große t3n-Themenwoche zur Zukunft des Geldes

In wenigen Tagen erscheint Ausgabe 41 des t3n Magazins – Schwerpunkt der Ausgabe: „Bargeld nervt! Wie Startups und Kryptowährungen das Kapital befreien. Den Release am 26. August begleiten wir … » weiterlesen

„Facebook, Snapchat und Co. werden zur Dauerwerbesendung“: Jeannine Michaelsen über die Zukunft von Social Media [#rpTEN]
„Facebook, Snapchat und Co. werden zur Dauerwerbesendung“: Jeannine Michaelsen über die Zukunft von Social Media [#rpTEN]

Die re:publica wird zehn Jahre alt. Grund genug, zur rpTEN nicht nur zurück zu blicken, sondern vor allem nach vorne. Darum haben wir ehemalige re:publica-Speaker und -Veteranen gebeten. Heute: Sch … » weiterlesen

Gboard und Spaces: Google trägt Nutzern das Web hinterher [Kolumne]
Gboard und Spaces: Google trägt Nutzern das Web hinterher [Kolumne]

Die Verlagerung von Desktop zu Mobile bereitet Google Kopfzerbrechen. Der Konzern sorgt sich darum, dass die Google-Suche ihren bisherigen Status als unersetzlicher Wegweiser durchs digitale … » weiterlesen

Alle Hefte Jetzt abonnieren – für nur 35 €

Kennst Du schon unser t3n Magazin?