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Einzelhandel neu erfinden: „Online City Wuppertal“ zeigt wie’s geht

Einzelhandel neu erfinden: „Online City Wuppertal“ zeigt wie’s geht

„Online City Wuppertal“, das sind Einzelhändler, die in einem gemeinsamen Multichannel-Projekt neue Wege gehen: Click&Collect, Lieferung bis 17:00 Uhr, Online-Beratung. Die Teilnehmer denken wesentlich weiter, als andere lokale Marktplätze.

Einzelhandel neu erfinden: „Online City Wuppertal“ zeigt wie’s geht

„Online City Wuppertal“- (Foto: WiFö W/Andreas Fischer)

Die Stadt Wuppertal erstreckt sich über ein langes Tal und weitverzweigte Stadteile, ein geballtes großes Stadtzentrum ist nicht vorhanden – eher könnte man von mehreren kleineren Stadtzentren sprechen. Optimale Voraussetzungen, um ein Konzept zu erproben, das den lokalen Einzelhandel zusammenführt und die in der Stadt verfügbaren Waren innerhalb der Stadt besser zu „verteilen“, wie einer der Projektleiter ausführt. „Digitales Dachmarketing“ sei das zentrale Thema der „Interessengemeinschaft 2.0“ im Einzelhandel. Tatsächlich macht das Projektteam wesentlich mehr als nur „Digitales Dachmarketing“ – es scheint den beteiligten Einzelhändlern in gut gezielten Dosen eine Multichannel-DNS einzuimpfen.

(Screenshot: Atalanda)
(Screenshot: Atalanda)

So geht Einzelhandel 2.0: „Online City Wuppertal“

Eine gemeinsame Marktplatz-Plattform, in diesem Fall Atalanda.com, stellt in der „Online City Wuppertal“ die beteiligten Händler und deren Dienstleistungen in den Vordergrund, präsentiert sowohl die Dienstleistungen als auch die Produkte der angeschlossenen Händler – und stellt die nötige Logistik-Infrastruktur für Same-Day-Delivery zur Verfügung.

Händler in den Vordergrund, das ist ein Merkmal im Konzept. Hier Markus Kuhnke mit seinem Naschkatzenparadies in Wuppertal. (Screenshot: Atalanda)
Händler in den Vordergrund, das ist ein Merkmal im Konzept. Hier Markus Kuhnke mit seinem Naschkatzenparadies in Wuppertal. (Screenshot: Atalanda)
Das Naschkatzenparadies in Wuppertal. (Screenshot: Atalanda)
Das Naschkatzenparadies in Wuppertal. (Screenshot: Atalanda)

Das aktuelle Angebot der Online-City-Wuppertal

  • Lokaler Versandhandel: Das Handels-Sortiment der Stadt ist im gesamten Einzugsbereich der Stadt verfügbar
  • Warenverfügbarkeit: Ist der gewünschte Artikel im Laden verfügbar?
  • Click & Collect: Die Bestellung wird abholbereit im Laden deponiert
  • Same-Day-Delivery: Die Lieferung am selben Tag für 5,95 Euro, wenn bis 17:00 bestellt wird
  • Händler bieten Online-Beratungen via Telefon, Chat, Video-Chat oder Skype
(Screenshot: Atalanda)
Im Zoogeschäft können Kunden sich ein Futterpaket für den Wellensichtich bestellen und nach Hause liefern lassen. (Screenshot: Atalanda)

Ausblick: Was die Online-City-Wuppertal noch vor hat

  • Retail-Lab: Eine gemeinsam genutzte Verkaufsfläche, die zwischen 600 und 1200 Quadratmetern liegen soll. Auf dieser Fläche sollen verschiedene Multichannel-Konzepte mit Popup-Stores erprobt werden. Hier liegt eine Zielrichtung in der Integration von Onlinehändlern, die Offline präsent sein wollen.
  • Drive-In-Schalter: Abolung der Click & Collect-Bestellungen
  • Zentrale Service-Stelle für Rücknahmen, Abholungen
  • Zentraler Logistik-Hub für die Bestellauslieferung
  • Co2-Neutrale Auslieferung über Fahrradkuriere

Innovation alleine reicht nicht: Schulungen für den Handel

Die drei Säulen der „Online City Wuppertal“. (Grafik: WiFö W)
Die drei Säulen der „Online City Wuppertal“. (Grafik: WiFö W)

Einer der Projektleiter, Andreas Haderlein, stellt sein „Baby“ in seinem Blog sehr optimistisch vor. Ein wenig auch zu Recht, zwar ist das Konzept des „lokalen Marktplatzes“ nicht neu, aber meist sind die Initiativen auf „Online-Denke“ beschränkt. Sprich: Online-Startups bieten Online-Diensteistungen für Einzelhändler. Das reicht oft nicht um die innere Umstellung beim Einzelhändler zu bewirken, die nötig ist, um ein Multichannel-Konzept zu verinnerlichen. Um erfolgreich ein lokales Marktplatzkonzept umzusetzen ist es dringend notwendig, den Einzelhändlern aktive Schulungen zu bieten, die ihnen klar vor Augen führt, was die Vorteile eines Multichannel-Konzepts sind und wie solche Konzepte am besten umgesetzt werden. Das scheint die Wirtschaftsförderung der Stadt Wuppertal als Auftraggeber gemeinsam mit dem Projektteam von „Online City Wuppertal“ hier erkannt zu haben.

Chapeau, „Online City Wuppertal“ – und viel Erfolg auf deiner Reise.

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12 Antworten
  1. von Aufgaben am 26.11.2014 (16:07 Uhr)

    Richtig so. Die Idee gabs schon lange. Leider war natürlich kaum wer interessiert. Eigentlich wäre das die Aufgabe der IHKs.

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    • von DerFrey am 26.11.2014 (20:09 Uhr)

      Ich beobachte diese Projekte berufsbedingt schon etwas länger. Es freut mich wenn auch die Idee nicht nur um "online" geht. Allerdings: der Endeffekt bleibt auch hier, dass die Leutr online kaufen sollen. Irgendwann wird bei wirtschaftlicher Betrachtung jedem Händler klar werden, dass sich ein Geschäft in 1A-Lage nicht mehr lohnt wenn das Konzept so auf geht. Das Sterben der Innenstädte hält man so nicht auf.

      Ein anderer, ganz wichtiger Punkt: rund 60% der Einzelhändler haben noch nicht mal einen eigenen Webauftritt - und dann kommt da jemand um die Ecke und erzählt etwas von "Onlinelokal"... Wie schon angedeutet: die Leute müssen an das ganze Thema erst einmal herangeführt werden - aber ohne dabei den Blick für die Innenstädte zu vernachlässigen.

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  2. von Ralph am 26.11.2014 (23:14 Uhr)

    Glückwunsch!
    Vor 15 Jahren haben wir dieses Konzept in weiten Teilen im Kreis Minden-Lübbecke umgesetzt - dann hat es der Einzelhandelsverband unter dem jetzigen Bundesvorsitzenden zerschossen.
    Ich drücke die Daumen für dieses und andere ähnliche Konzepte, die endlich umgesetzt werden.

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  3. von Stephan O. am 27.11.2014 (12:40 Uhr)

    Offtopic-Frage:
    Warum steht die neue "Lass dir den Artikel vorlesen"-Funktion am Ende des Artikels, wo ich den Artikel bereits gelesen habe?

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  4. von Aufgaben am 27.11.2014 (18:03 Uhr)

    Gute Frage von Stephan O. Ich kenne das auch so, das "A- A A+" (A in diversen Größen) für die Font-Größe und ähnliche Optionen (besser Lesbar, mehr Kontrast,...) praktisch immer ganz oben stehen.

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  5. von harconmediacon am 28.11.2014 (10:26 Uhr)

    Wuppertal - nicht gerade für Innovationen und IT bekannt, mausert sich zum Vorreiter, wenn es darum geht, Online und Offline zu verbinden. Kleine Stadtteil-Läden müssen nicht verschwinden und brauchen auch keine Angst vor den Amazon´s und Alibaba´s dieser Welt zu haben. Einzig flexibel im Denken, entschlossen im Handeln und unternehmerisch muss man sein. Und schon funktioniert es. Ob das in Österreich so auch möglich wäre? Da arbeitet man ja lieber gegeneinander als Miteinander (zumindest im Handel). Also: Hut ab, Wuppertal!

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  6. von Andi am 30.11.2014 (03:40 Uhr)

    Das ist schon ne tolle Leistnug eine King Size Matraze, oder gar Betten und Backoefen sowie Kuehschraenke und Waschmaschinen mit Fahrrad Kurrieren noch am selben Tag auszuliefern. Ich frage mich nur wie die auf einem Fahrrad so Matrazen oder Backoefen etc transportieren. Nehmen die dann auch ihre Werkzeugkiste zum installieren mit, oder muss dass der Kunde dann selber machen. So ein Gepaecktraeger von nem Touringrad oder auch Satteltaschen sind im Grunde ja nicht so gross nen Backofen zu verstauen. Es waere daher nett mal mehr ueber diese Fahrrad Kurriere zu erfahren.

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    • von haderlein am 22.01.2015 (09:08 Uhr)

      Vielen Dank für die vielen lobenden und kritischen Anmerkungen (die mich natürlich nicht nur über diesen Kanal erreichen). Als Impulsgeber und Projektpartner der Online City Wuppertal möchte ich Ihnen ein kleines Update, aber auch Hintergrundinfos liefern.

      @Andi Zur Information: Zum Start des lokalen Online-Marktplatzes hatten wir keine Fahrradkuriere an Bord (hier war kein Anbieter bereit). Allerdings ist die taggleiche Lieferung per Kurier in der ersten Phase von vornherein auf 20 kg und "alles was eine Person tragen kann" ausgelegt. Hier nehmen wir Einschnitte in der Sortimentsbreite vorerst in Kauf. Anders ist es preislich bei 5,95 Euro pro Lieferung (noch) nicht darstellbar. Auch geht der klare USP verloren bzw. die Kommunikation in Richtung Kunde verwässert, wenn man mit unterschiedlichen Lieferoptionen ins Rennen geht. Klar ist aber auch, wir denken – nicht zuletzt nach Auswertung der Zugriffsstatistiken seit dem Start am 19.11.2014 – für die nächste Phase auch über eine Ausweitung des Liefergebietes ins Umland bzw. der Lieferoptionen (auch 1-3 Tage Lieferzeit) nach. Sie sollten aber immer bedenken, das die wenigsten inhabergeführten Geschäfte klassisches E-Commerce wollen. In das Tagesgeschäft auf der Fläche ist Same-day Delivery mit aktuell verfügbaren Produkten besser zu integrieren (kein Paketeschnüren, sondern Versand in Einkaufstaschen; nicht zwingend ein separates Lager für Online-Bestellungen nötig etc.). In diesem Jahr werden wir die zentrale Service-Stelle im Retail Lab umsetzen. Sie ist auch als "Logistik-Hub" für den lokalen Versandhandel zu verstehen. Hier sollen u.a. Bestellungen bei innerstädtischen Händlern (teils in Fußgängerzonen gelegen) konsolidiert und in die Mikroverteilung in die Stadtteile gebracht werden. Ein Drive-in-Schalter wird das Liefern und Abholen von "Paketen" sowohl für Kuriere als auch für Kunden erleichtern. Bei dem innerstädtischen Konsolidierungsprozess der Lieferungen werden wir wieder mit Fahrradkurieren reden. Im Übrigen ist Wuppertal die Stadt der E-Mobilität. Von Anfang an hatten wir die CO2-freie Lieferung im Konzept. Hier wurde lediglich noch nicht der richtige Partner gefunden.

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  7. von DerFrey am 19.02.2016 (20:23 Uhr)

    "Chapeau, 'Online City Wuppertal' – und viel Erfolg auf deiner Reise."

    Jetzt sind ja bereits einige Tage vergangen und der "Zug" ist noch auf Reise.

    Grundsätzlich bleibe ich dem Thema offen gegenüber und begrüße insbesondere lokale Bestrebungen der Digitalisierung. Vor einigen Tagen hatte ich das Vergnügen dem ersten Schuß für Dortmund beizuwohnen, wo ab dem 01.05.2016 die Dienste der "Amazonenjäger" eingesetzt werden sollen. Aktuell übrigens auch heiß diskutiert ist das Projekt "Mönchengladbach & eBay".

    Meinen Hut kann ich irgendwie dann doch nicht ziehen. Wuppertal schafft es gerade auf 57 teilnehmende Händler (Stand heute 19. Februar 2016). Bei einer Stadt mit rund 340.000 Einwohnern, würde ich da nun nicht direkt von "Erfolg" sprechen - zumindest so weit es das Konzept betrifft.

    Das System erinnert ein bißchen an einen DIY-Baukasten. "Systemanbieter" und lokale Partner weisen gerne auf die "Hilfe zur Selbsthilfe" hin und unterschätzen die Probleme des lokalen Handels. Nein... Das schwerwiegenste Problem ist nicht schwindender Umsatz (zumindest in diesem Fall nicht, wo doch der Händler im Erfolgsfall auch noch bis zu 12% Provision zahlen muss), sondern im stetigen Ressourcenmangel in Form von Personal / Qualifikation / Zeit.
    Es hilft nicht einem Buchhändler aus dem Index der Nationalbibliothek 10.000 und mehr Buchtitel "on the fly" zur Verfügung zu stellen. Die Kernfrage ist, wie man ein sich gut drehendes Gesamtsortiment einer ganzen Stadt, bei kleinstmöglicher Ressourcennutzung des Händlers, aufbaut.

    Ich bewundere die Menschen die glühend hinter diesen Ideen stehen. Sie sind Menschen die eine Fackel des Lokalpatriotismus tragen - dafür verdient es Anerkennung und Respekt. Ganz ehrlich!
    Nur mag ich es eben bezweifeln das ausgerechnet solche Konzepte das Innenstadtsterben aufhalten, oder sie sich wirklich als Amazon-Schreck entpuppen.

    Ein interessanter Beitrag zum Thema kam übrigens gerade erst vor ein paar Tagen über die DPA: http://www.channelpartner.de/a/handel-was-tun-gegen-amazon-und-co,3223448
    Es sieht danach aus, das die erste Welle der Euphorie den nackten Tatsachen näher rückt...

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    • von haderlein am 19.02.2016 (22:54 Uhr)

      Hallo @DerFrey, Sie sind nicht der erste der – zurecht – den Medienhype um Wuppertal hinterfragt. Ich bin sogar dankbar um jede ernsthafte Auseinandersetzung. Allerdings kann ich als Projektpartner natürlich auch noch einiges mehr dazu sagen, als die DPA in einer schmissigen Aussendung es tut (und die in dieser Woche zum ersten Mal auch von der BILD aufgegriffen wurde). Habe mich dazu bereits an anderer Stelle zu Wort gemeldet (siehe unten) und möchte es nun auch hier tun.

      Bevor ziemlich viel Text kommt, aber noch eine Antwort auf Ihre konkrete Frage zu den teilnehmenden Händlern: Es waren sogar mal fast 70 Händler. Der eine oder andere ist nach Erheben einer Werbekostenpauschale für die Marketing-Aktivitäten (Postkarten, Aufkleber etc.) gegangen, wieder andere haben den Ansatz des digitalen Dachmarketings für den Einzelhandelsstandort nicht verstanden und ein paar wenige waren auch schlicht und ergreifend überfordert oder für sie stehen Aufwand und Nutzen nicht im Verhältnis.

      Wieso keine Händler mehr hinzukommen, liegt aber schlicht an der Tatsache, dass seit Umsetzung der zentralen Säule "talKONTOR" (Flächen- und Revitalisierungskonzept im Rahmen des Pilotauftrags und sogar zentraler Antragsgegenstand der Förderung) seit Mai 2015 keine Zeit mehr blieb, intensiv Akquise für den lokalen Online-Marktplatz zu betreiben. Letzterer nahm alleine der Presse wegen sehr viel Energie (Zeit und Geld im Projektmgt.) in Anspruch.

      Viel wichtiger aber ist, es fehlte bisher die institutionalisierte Form dieser neuen Interessengemeinschaft. Die wurde nun aber im Februar 2016 mit eigener Satzung ins Leben gerufen und nimmt bald das operative Geschäft auf, um den talMARKT bzw. den lokalen Online-Marktplatz weiterzuentwickeln, Händler und ggf. sogar Dienstleister auf die Plattform zu bekommen.

      Zu Ihrer Frage nach dem Aufwand für einzelne Händler: Längst hat der Infrastrukturgeber atalanda Großdatenbanken angeschlossen (Bücher und Büroartikel). Einige Händler haben über den Wuppertaler Prozess Ihre Warenwirtschaft erneuert bzw. sind dabei. Die Händler des oben genannten Sortimentsbereichs haben relativ wenig Aufwand, eine kritische Zahl an Produkten online zu bringen. Im Übrigen: Kein Händler zahlt in Wuppertal 12 % Umsatzprovision, sondern 8 %.

      Aber nun zu einer etwas ausführlicheren Darstellung, die vor allem auch die Polarisierung Wuppertal - Mönchengladbach aufgreift – ich habe mit diesen Worten auch auf diesen Blogbeitrag reagiert: http://neuhandeln.de/ebay-pilotprojekt-zeigt-local-commerce-wird-ueberschaetzt/
      ++++++
      Ich kann Ihnen als Projektmanager, Kümmerer und Berater der Online City Wuppertal sagen, dass die RoPo-Effekte in Wuppertal greifen. Mehr Sichtbarkeit im Netz führt zu signifikanten Frequenzsteigerungen in Geschäften, die auch auf dem lokalen Online-Marktplatz vertreten sind. Allerdings natürlich unter bestimmten Voraussetzungen: Mit 20 bis 50 Produkten sind diese Effekte nur in Ausnahmefällen zu registrieren. Hier handelt es sich dann meistens um besondere Produkte und keinen Feld-Wald-Wiesen-Handel. Bei Händlern mit 300 und mehr Produkten stellen sich Research online/Purchase offline Effekte ein – und natürlich nur deshalb, weil atalanda als Infrastrukturgeber von talMARKT.net entsprechend in SEO investiert hat. Und ich betone nicht zum ersten Mal: Jeder lokale Online-Marktplatz hat erstmal ein Henne-Ei-Problem. Er kann nur organisch wachsen. Das braucht Zeit.

      Aber ich will hier jetzt gar nicht die Zahlen allzu sehr strapazieren. Ich könnte Ihnen ja theoretisch auch den Umsatz nennen, den 7-9 OCW-Händler bereits jetzt bei Ebay einfahren. Das wird nicht wenig sein und höchstwahrscheinlich sogar mehr als über den lokalen Online-Marktplatz. Für Wuppertal galt immer: Wir halten mit dem Local-Commerce-Konzept keinen Händler davon ab, auch in anderen Kanälen zu verkaufen. Im Gegenteil, wir wollen ihnen in einem Moderationsprozess das rote Tuch Internet sanft aus dem Gesicht reißen – und können wohl auch behaupten, dass wir es bei vielen geschafft und die Chancen des Internets in den Mindset gehievt haben.

      Die Online City Wuppertal ist im Kern also CHANGE MANAGEMENT am lokalen (zuvorderst inhabergeführten) Handel. Wir haben mehrere Händler dazu gebracht, sich eine adäquate Warenwirtschaft zuzulegen oder zumindest in die Online-Produktwelt einzusteigen, zeigen im talKONTOR selbst wie Verkaufen im 21. Jahrhundert funktioniert (tabletbasierte WaWi von INVENTORUM mit One-Touch-Publishing für den lokalen Online-Marktplatz, Ebay oder eigenen Online-Shop) und haben bewusst die Schulungen ins Zentrum des gesamten Prozesses gestellt.

      Nun aber trotz allem zwei entscheidende Argumente gegen ein mitunter subventioniertes Marktplatzmodell mit eBay:

      1) Wenn alle Städte auf eBay gehen würden, was heißt das etwa für die Haushaltswarenhändler in Wuppertal, Remscheid, Solingen und Mönchengladbach. Sie können es sich denken. Preisfalle! Natürlich ist die Preisgestaltung ein heikles Unterfangen auch auf einem wie auch immer gearteten lokalen Online-Marktplatz jenseits von Ebay. Im lokalen Kontext stellen wir in Wuppertal aber sehr bewusst Convenience und Service in den Vordergrund (taggleiche Lieferung, Click & Collect, Reservierung, Umtausch etc.). Das man damit nicht alle Kunden, insbesondere nicht die preissensiblen erreicht, ist völlig klar und war auch von Anfang an so gesehen. Ich gehe von einem Potential von 25 % lokaler Konsumbevölkerung aus, die ein lokaler Online-Marktplatz – vorausgesetzt er wird entsprechend beworben – erreichen kann. 5 % sind Kunden, die ohnehin aus Mitleid im lokalen Handel einkaufen (oder eben wissen, dass sie mit ihrem Kaufverhalten die Qualität der City beeinflussen) und 20 % wissen schlicht und ergreifend nicht, dass auch der lokale Handel um die Ecke eine Online-Expertise, ja, vielleicht sogar Online-Exzellenz aufweist und das preisgebundene Buch genauso schnell und bequem liefern kann wie Amazon.

      2) Die Online City Wuppertal versucht „digitales Dachmarketing für den Einzelhandelsstandort“ zu etablieren. Versuchen Sie mal mit eBay bestimmte Features umzusetzen, die im lokalen Umfeld online Sinn machen (z. B. talTIPP des Tages) oder versuchen Sie mal aus Ebay einen wirklichen Local Brand (z.B. talMARKT) zu machen. Das geht über das Whitelabeling von atalanda schon besser – auch wenn ich sehr gerne einen eigenen Marktplatz hätte. Denn natürlich kann man dann schneller bei der Umsetzung von Optimierungen arbeiten. Eine eigene Shoplösung inkl. Logistik im Hintergrund war und ist aber schlicht und ergreifend nicht finanzierbar. Städte sollten auch die Finger von lassen, eigene Multi-User-Shops zu bauen. Das Geld ist in Marketing für den Marktplatz viel besser investiert.

      Und zum Abschluss noch etwas aus meiner Sicht Zentrales: Wieso gibt insbesondere die E-Commerce-Fachwelt dem Thema Local Commerce keine bis wenig Chancen, sich zu entwickeln. Nennen Sie mir einen E-Shop, der mit wenig Geld innerhalb von 100 Tagen oder 1 Jahr profitabel war. Ich kenne noch keinen. Die Konversionsrate des Wuppertaler talMARKTES im Weihnachtsgeschäft betrug 1,85 %. Wer die Durchschnittszahlen kennt, weiß, dass das kein schlechter Wert ist. Generell bin ich manchmal mehr als erstaunt, wie undifferenziert man sich in der sog. Fachwelt mit dem Thema Local Commerce auseinander setzt. Da werden digitale Branchenbücher und Multi-User-Shops in einen Topf geworfen, da werden der Moderationsprozess oder RoPo-Effekte total ausgeblendet und nur die Zahl der Online-Bestellungen als allein seligmachender KPI genannt oder man arbeitet sich an Frontend- und Usability-Kritik ab. Das ist wohlfeil, aber alles andere als substantiell, geschweige denn journalistisch besonders anspruchsvoll.

      Außerdem wurde in Wuppertal gerade der Online City Wuppertal talMARKT e.V. gegründet. Eine aus meiner Sicht alternativlose Institutionalisierung des im Sept. 2016 auslaufenden Pilotprojekts. Mit dieser „Interessengemeinschaft 2.0“, die sich jenseits der Stadtteile und Straßenzüge definiert, werden digitales Dachmarketing und das Erzeugen von „online-lokaler Relevanz“, worunter vor allem Betrieb und Management des lokalen Online-Marktplatzes fällt, in die Hände jener gelegt, die es betrifft: Händler der Stadt. Denn Verwaltungen alleine werden das nicht wuppen!

      Beste Grüße aus Frankfurt am Main
      Andreas Haderlein

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      • von DerFrey am 20.02.2016 (00:04 Uhr)

        Hallo Herr Haderlein,

        es ist verständlich das Sie das Konzept "verteidigen" und die Vorzüge herausstellen möchten.

        Ohne Zweifel: ein Projekt braucht Reife. Aber: wenn Ihnen aus verschiedenen Gründen schon Händler "abspringen" spricht das eben nicht sonderlich für das Konzept - mal von der Tatsache abgesehen das die Projekte Hamburg und Salzburg gnadenlos daneben gegangen sind. Wäre der besagte RoPo-Effekt so groß, dann bräuchten Sie sich um die Akquise keine Gedanken machen - glauben Sie es mir: das würden die Händler ganz schnell selbst erkennen.
        Vielmehr liegt die Vermutung nahe - und in dieser Hinsicht ist das Konzept sicher sinnvoll - das diese gefühlten Effekte auf der Tatsache beruhen, das die meisten Händler sonst noch nie etwas online getan haben, oder zumindest nicht in dem Maße wie man es heute machen kann.

        Herr Haderlein: was sind denn 1,85% Konversionsrate? Sie sagen es ganz richtig "... im Mittel ..." - am Ende des Tages entscheidet der Kassenstand des Händlers ob dies ein Erfolg war oder nicht.
        Im Falle solcher Projekte ändert sich doch die Tatsache nicht, das das Produkt so oder so gekauft worden wäre. Die Frage ist doch, ob Sie Käufer aus diesen 1,85% tatsächlich effektiv davon abgehalten haben - frei dem Augsburger Motto "Lass den Klick in Deiner Stadt" - bei einem anderen Anbieter online etwas zu kaufen? Denn das ist ja das erklärte Ziel.

        Würden Sie einmal offen legen in welchem Verhältnis nun diese 1,85% stehen? Durchschnittlicher Bestellumsatz, Unique Visitors, ...? Denn nur dadurch lässt sich ja beurteilen ob da auch Masse ist die sich bewegt.

        Wenn Sie schon so eine Vorlage geben, dann spiele ich gern auch damit: Für Atalanda kann dieses Model nur tragfähig bleiben wenn es sich irgendwie Rekapitalisiert - also ist man letztlich entweder auf die Beiträge der Händler (wenn nicht öffentlich subventioniert) angewiesen, oder aber durch Provisionen.
        Nehmen wir mal an das "Onlinegeschäft" kommt so richtig in Fahrt. Der Händler hat die Digitalisierung erfolgreich absolviert und ist nun im "Multichannel"-Modus unterwegs, eBay (was Sie selbst ja benannt haben als Option), vielleicht sogar Amazon, Rakuten - gar der eigene Onlineshop. Glauben Sie, dass in fünf Jahren so ein Händler sich nicht die Frage stellt, warum er dann noch eine teure 1A-Lage bezahlen soll, wo doch ein nicht unerheblicher Anteil seiner "neuen" Kunden gar nicht erst den Laden mit der üppigen Schaufensterfront zu Gesicht bekommt?

        Noch einmal: ich mag gemeinschaftliches Handeln und die Initiative - egal ob nun aus eigenem Antrieb oder durch öffentliche Stellen vermittelt. Dennoch verblasst der "Hype" zunehmend.

        Ich für meinen Teil beobachte das Geschehen weiter und werde, der räumlichen Nähe wegen, ganz besonders Dortmund im Auge behalten. Hier liegen die Parameter des Einstiegs für den Händler ja noch einmal ganz anders - allein was die monatlichen Fixkosten betrifft.

        Für Wuppertal und dem neuen Verein drücke ich Ihnen - den Händlern und den Endkunden - die Daumen!

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