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Digitale Wirtschaft

Das Ende der App-Ökonomie, wie wir sie kennen

    Das Ende der App-Ökonomie, wie wir sie kennen

Verschwindet in den kommenden Jahren die App-Ökonomie? (Bild: Apple)

Apps bestimmen seit Jahren unsere Smartphone-Nutzung. Doch könnten die kleinen Programme in Zukunft massiv an Bedeutung verlieren und durch native OS-Funktionen ersetzt werden? Die Luca-Analytics-Kolumne von Luca Caracciolo.

Auf meinem Smartphone tummeln sich etliche Applikationen und streiten sich seit jeher um die Startseite meines Homescreens. Doch war die Fluktuation an Apps zu Beginn noch hoch und die Lust, neue Apps auszuprobieren, deutlich größer, hat sich in den letzten Jahren relativ wenig getan. Die Apps, die ich vor zwei Jahren genutzt habe, befinden sich zumeist noch immer auf der ersten Seite: Facebook, Twitter, Instagram, eine E-Mail-App (Gmail), eine Karten-App (Google Maps), eine Später-Lesen-App (Pocket), eine Podcast-App (Pocket Casts), eine Notiz-App (Simplenote) – hier und da mal eine Nachrichten-App. Das war’s.

Bye, bye Apps?

Mein aktueller Homescreen – ein Großteil der Apps verwende ich schon mindestens zwei Jahre (Bild: Luca Caracciolo)
Mein aktueller Homescreen – einen Großteil der Apps verwende ich schon mindestens seit zwei Jahren. (Bild: Luca Caracciolo)

Die große App-Boom-Zeit ist vorbei. Klar: Das ändert sich, wenn es mal neue Games gibt, die man ausprobieren will, oder ein neuer Dienst an den Start geht, den man testen möchte. Ansonsten tut sich aber wenig auf dem Homescreen. Ich brauche für meine fundamentalen Digital-Bedürfnisse (E-Mail, Social Media, Messaging, Lesen) nicht jeden Monat eine neue App.

Es kommt aber noch eine weitere Entwicklung hinzu, die John Pavlus kürzlich in einem Artikel auf Wired.com zusammengefasst hat: Die großen mobilen Betriebssysteme iOS und Android integrieren immer mehr Funktionen, für die der Anwender zuvor eine Third-Party-App benötigte, nativ in ihr Betriebssystem – entweder als Eigenentwicklung oder als Zusatzfunktion: iPhone-Nutzer etwa können fürs spätere Lesen die Leseliste in Safari nutzen, auf Apple Maps als Kartendienst zurückgreifen, sich Notizen in die Notiz-App von Apple schreiben, über iMessage chatten oder ihre Podcasts mit der offiziellen Podcast-App von Apple verwalten.

Mit iOS 9 kommt zudem Apple News auf die mobilen iOS-Geräte: eine News-Kuratierungs-App, die relevante Nachrichten aggregiert. Und ich könnte mir vorstellen, dass das mit den nativ in die Betriebssysteme eingebauten Funktionen munter so weiter geht. Die OS-eigenen Dienste mögen in Sachen Funktionsumfang ihren Third-Party-Pendants momentan noch hinterhinken. Das aber kann sich im Laufe der Zeit ändern und der Umstand ihrer schieren Präsenz auf brandneuen Geräten, ist nicht zu unterschätzen.

„Hallo Siri? Verstehst du mich?“

Ziel ist, die Digital-Bedürfnisse einer möglichst großen Zahl von Nutzern mit nativen Funktionen des Betriebssystem zu befriedigen. Das wird umso wichtiger, je mehr die Apps selbst in den Hintergrund geraten und Siri oder Google Now eines Tages über die Intelligenz verfügen, eine Vielzahl von Dingen zu verstehen und auszuführen.

In zehn Jahren könnte eine solch fiktive Konversation ein reales Nutzungsszenario sein:

Ich: „Siri, kannst du mal schauen, wann ich meine letzte E-Mail an Lisa Müller geschickt habe?“

Siri: „Vor drei Tagen.“

Ich: „Kannst du die gleiche E-Mail einfach nochmal rausschicken mit dem Hinweis, dass es dringend ist und zusätzlich das PDF „Aktualisierte Budgetplanung“ anhängen?“

Siri: „Mache ich.“

Ich: „Und kannst du das PDF „aktualisierte Budgetplanung“ auf den Fileserver Ordner „Budget 2025“ laden und auch an Herrn Holzmann und Frau Schmidt schicken?“

Siri: „Klar.“

Ich: „Und dann bitte noch mein Meeting heute Nachmittag um 15 Uhr auf morgen verschieben?“

Siri: „Kein Problem. Aber du hast heute um 16:30 Uhr ein zweites Meeting – soll ich das auch auf morgen verschieben?“

Ich: „Was ist das für ein Meeting?“

Siri: „Planungsmeeting Projekte im Juli“

Ich: „Ach, das habe ich ganz vergessen. Kannst du mir kurz die Notizen dafür anzeigen?“

Siri: „Hier sind sie.“

Ich: „Ok, dieses Meeting bitte auf Ende der Woche, möglichst Freitagnachmittag, verschieben.“

Siri: „Alles klar, erledigt. Das Meeting „Planungsmeeting Projekte im Juli“ ist für Freitag, 15 Uhr, terminiert.“

Innerhalb dieser fiktiven Konversation hat Siri die Apps E-Mail, Notizen, Kalendar und vermutlich einen Dienst wie Dropbox genutzt, um die vom Nutzer erwünschten Aufgaben durchzuführen. Der Nutzer hat aber keine App zu Gesicht bekommen, weil es im Grunde genommen keine Rolle spielt, welche Apps Siri verwendet.

Wetteranzeige und Auswahl des örtlichen Kinoprogramms sind nur der Anfang: In Zukunft werden Siri, Google Now und Co ganze Aufgabenketten erledigen. (Bild Apple)
Wetteranzeige und Auswahl des örtlichen Kinoprogramms sind nur der Anfang: In Zukunft werden Siri, Google Now und Co. ganze Aufgabenketten erledigen. (Bild Apple)

Die letzte App ihrer Art

Nun, was bedeutet das für die Zukunft? Das in den kommenden Jahren Apps völlig verschwinden werden, glaube ich nicht. Aber wir werden zunehmend mit den OS-Layern des jeweiligen Betriebssystems interagieren – etwa mit einem intelligenten Startbildschirm, der alle relevanten Information kontextsensitiv zusammenführt. In Ansätzen gibt es das bereits unter Android und iOS, aber als echte intelligente Assistenten, wie die großen Konzerne ihre Lösungen anpreisen, sind Siri und Now noch nicht einsetzbar – dafür hakt es an zu vielen Stellen, etwa der Spracherkennung oder der Zusammenführung relevanter Daten.

Aber die Vision ist klar: Die Smartphones sollen zu intelligenten Assistenten werden, die einen Großteil der Nutzungsszenerien auf einer „Interface-Schicht“ des Betriebssystem abbilden, die oberhalb des aktuellen iOS- oder Android-Homescreens mit der Darstellung der installierten Apps liegt. Apps sind in dieser Interface-Logik nicht mehr wichtig, sie werden zu „einfachen“ Datenquellen degradiert.

Bis es so weit ist, dürfte es noch eine Weile dauern. Wenn Google Now, Siri und Cortana in zehn Jahren aber wirklich einen Intelligenzgrad erreichen, der vieles von dem reibungslos durchführt, was heute eher bruchstückhaft funktioniert, dann könnte die bunte App-Welt, wie wir sie aktuell kennen, tatsächlich Geschichte sein. Die Wahl der Plattform ist dann noch viel gewichtiger als heute und der Plattformwechsel nur noch mit speziellen Tools möglich. Apple etwa bietet ab Herbst diesen Jahres eine App an, die es Android-Nutzern relativ leicht ermöglichen soll, auf iOS zu wechseln – mitsamt alls ihrer Nachrichten, Kontakte, Fotos und Videos.

Eine App zum Wechseln. Vielleicht wird das in zehn Jahren die einzige App sein, die wir aktiv nutzen.

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4 Reaktionen
Soso
Soso

Da werden aber zwei Dinge in Reihe gestellt, die nichts miteinander zu tun haben. Der letzte Teil, dass immer mehr Informationen und Dienste gar keine eigene UI mehr brauchen, weil sie nur noch über Schnittstellen ins System integriert werden, ist total logisch, vorhersehbar und nicht überraschend. Schon jetzt mache ich die Dropbox-App kaum auf, greife aber täglich über andere Apps und die Schnittstellen darauf zu. Foto-Bearbeitungs-Apps kann man auch super direkt aus der Foto-App heraus öffnen. Andere Apps hat man nur wegen ihres Widgets. Hinter der Genialität der Verknüpfung steht aber immer noch das große "Wenn". An symatischen Verknüpfungen arbeitet man schon seit Jahrzehnten. Und nichts großes ist passiert: die Systeme sind dumm wie eh und je. Und Siri versteht mich immer noch nicht (spreche Hochdeutsch).

Im Anfang des Artikels geht's aber um was anderes. Nämlich darum, dass immer mehr Funktionen direkt ins System integriert werden - und dass das gut sei. Letzteres wage ich mal stark zu bezweifeln. Es geht vor allem, den User ins eigenen Ökosystem zu ziehen und zu binden. Apple funktioniert nur mit Apple, Google nur mit Google. Einzig Microsoft stellt sich (neuerdings) breitbeinig auf. Ich als Kunde habe aber gar kein Interesse an solch einer Bindung. Ich habe ein iPhone, Android Tablet, Macbook und Windows-PC. Ebenso ist mein Freundeskreis bunt gemischt. Hinzukommt, dass die Anwendungsprofile so unterschiedlich sind, dass es immer die Notwendigkeit nach Nischen-Versionen gibt. Doch lieber der komplett verschlüsselte Messenger, doch lieber Exchange, doch lieber Dropbox, doch lieber eine andere Musik-App, E-Mail oder News-App. Die Systeme werden mit diesen sinnlosen (weil nicht Kernkompetenz des OS) Erweiterungen aufgebläht und - solange Apps nicht unabhängig vom OS-Kern aktualisiert werden können - auch viel fehleranfälliger als Drittanbieter Apps.

Und ja, der App-Boom ist vorbei. Spannende Apps in diesem Jahr kann man an einer Hand abzählen. Die Monetarisierung funktioniert einfach nicht, der Markt hat sich selbst kaputt gemacht. Und die App-Stores tun ihr übrigens, um die Sichtbarkeit weiter zu reduzieren.

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Andrea Anderheggen

Ich teile diese Ansicht auch nicht. Wir bieten bei Shopgate eine einfache Plattform um beides: Mobile Webseiten und Apps zu erstellen und können daher relativ leicht die Entwicklung beider Ansätze parallel vergleichen.

Die Apps haben in den letzten 12 Monaten wieder deutlich mehr Gewicht bekommen. Gerade Google und Apple haben in den letzten 6 Monaten dafür gesorgt, dass Apps noch viel relevanter werden. Einige Beispiele:

1.) Apple Pay: Geht nur in Apps. Wenn man also ein Online-Geschäft betreibt und Apple Pay nutzen möchte, d.h. dem Kunden ein Möglichkeit bieten, ohne Dateneingabe mit einem Fingerabdruck den Checkout zu erledigen, geht das nur per App und das wird auch aus verschiedenen Gründen so bleiben. - Google macht mit Android Pay, was vor 3 Wochen angekündigt worden ist, genau die gleiche Entwicklung.

2.) Google App Indexierung: Google wächst zwar, aber verliert Marktanteile an spezialisierte Apps (Amazon für Produktsuche, Facebook für Personensuche, UBER für Transport etc.). Denn Content wird immer mehr über Apps verfügbar gemacht. Daher indiziert Google seit April 2015 Apps in der Suche und macht App Content durchsuchbar, und nutzt Apps sehr wahrscheinlich als Rankingkriterium. - Es ist klar, dass Google sich nicht auf das Web beschränken kann, wenn zunehmend viel Content in Apps verfügbar ist.

3.) Apple Spotlight Suche: An der Keynote zu iOS9 letzte Woche hat Apple verkündet, dass die Spotlight Suche nun auch nach Content in Apps suchen wird; damit dürfte die Spotlight Suche bedeutend wichtiger werden für Konsumenten und damit auch für Entwickler / Geschäft.

4.) Siri: Auch hier hat Apple letzte Woche angekündigt, eine API für Siri anzubieten. Das bedeutet, dass jede App Spracherkennung als Feature anbieten kann. Das ist gerade für die Suche wieder super.

5.) Apple Watch: Hier gibt es nicht einmal einen Internetbrowser. Das ist App only! Sehr wahrscheinlich wird das für viele Wearables oder Internet-of-Things Projekte der Fall sein.

Apple hat ein ganz starkes Interesse, Apps zu pushen. Und zwar aus einem einfachen Grund: Apps machen es komplizierter zu anderen Geräten und Ökosystemen zu wechseln.

Es gibt ausserdem sehr viele Use Cases und Kundenvorteile von Apps in fast jedem Bereich, die ich hier auflisten könnte. Deshalb glaub ich ganz und gar nicht, dass das Ende der Apps nahe ist. Im Gegenteil: Wir werden noch sehr viel mehr Verschiebung von Web zu App sehen.

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Josef
Josef

Diese Befürchtung hatte ich als Entwicklerer mehrerer Apps im Medizin/Fitness Umfeld nach Vorstellung von Apple Health zunächst auch.

Allerdings zeigt sich nach einem Jahr ein anderes Bild. Durch die Synchronisierung meiner Apps mit Apple Health konnte ich scheinbar einen zusätzliches Verkaufsargument schaffen. Ich verkaufe derzeit mehr Apps als noch vergangenes Jahr.

Zudem werden Google und Apple ihre "intelligenten Assistenten" über kurz oder lang auch für 3rd Party Entwickler freigeben. Zum Teil passiert dies zum Beispiel schon mit iOS 9 und der Spotlight Suche in 3rd Party Apps.

Somit halte ich ein Ende des Booms der App Economy derzeit für äußerst unwahrscheinlich.

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Martin Keck

Grundsätzlich alles richtig. Nur werden Apps bzw. deren Hersteller auch weiterhin die hauptsächlichen Innovationstreiber sein. In der Regel läuft es doch so, dass neue Funktionen oder Geschäftsmodelle in Apps ausprobiert werden, und erst wenn sie sich bewährt haben, finden sie irgendwann den Weg in Betriebssysteme oder native Anwendungen.

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