t3n News Digitales Leben

Ephemeral-Trend: Snapchat und Facebook wollen Selfies vergessen, aber die NSA will Metadaten

Ephemeral-Trend: Snapchat und Facebook wollen Selfies vergessen, aber die NSA will Metadaten

Wenn es ein neues Hype-Wort im Social-Media-Bereich gibt, dann ist das „ephemeral”. Zu einer Zeit, in der sich Internetnutzer vom Überwachungsstaat und Big-Data-Unternehmen in die Enge getrieben fühlen, sollen Daten mit Ablaufdatum und Selbstzerstörungsfunktion wieder Vertrauen schaffen.

Ephemeral-Trend: Snapchat und Facebook wollen Selfies vergessen, aber die NSA will Metadaten
Ephemeral-Trend durch Snapchat. (Bild: Snapchat)

„Ephemerality” leitet sich von griechischen Wort „ephemeros” ab, das „etwas, das nur einen Tag anhält”, beschreibt und in Bezug auf vergängliche Dinge in der Geologie (zum Beispiel Korallenriffe, Flussverläufe) oder Biologie (zum Beispiel Eintagsfliege) verwendet wird. So, wie Geheimagenten Briefe bekommen, wie nach dem Lesen zu Asche verbrennen, soll man auch im Internet selbstzerstörende Botschaften verschicken können – aber wie gut wird da wirklich gelöscht?

Snapchat als Auslöser des Trends

Snapchat-Gründer Evan Spiegel hat den Ephemeral-Trend mit seiner App ausgelöst.  (Bild: Snapchat)
Snapchat-Gründer Evan Spiegel hat den Ephemeral-Trend mit seiner App ausgelöst. (Bild: Snapchat)

Im digitalen Business groß gemacht hat die Idee die Messaging-App Snapchat, bei der der User festlegen kann, dass ein verschicktes Bild oder Video zehn Sekunden, nachdem es der Empfänger angesehen hat, wieder löscht. Das Konzept dazu lieferte, da ist man als Österreicher ein wenig stolz drauf, vor allem der aus Salzburg stammende Professor und Autor Viktor Mayer-Schönberger, der bereits 2009 das Buch „Delete – Die Tugend des Vergessens im digitalen Zeitalter” veröffentlichte, also zwei Jahre vor der Gründung von . Das ewige Speichern von Daten müsse aufhören, es sei „überlebenswichtig”, der Datensammelwut eine Löschung entgegen zu halten, so Mayer-Schönberger.

Der Erfolg von Snapchat, das heute mehr als 100 Millionen Nutzer hat und mit zehn Milliarden Dollar bewertet wird, hat eine ganze Reihe von Internet-Unternehmen dazu bewegt, ebenfalls Funktionen zum Vergessen einzuführen. Allen voran . Gründer Mark Zuckerberg scheiterte mit seinem Übernahmeversuch von Snapchat und versucht seither, mit eigenen Apps dagegen zu halten. „Poke” war ein erster, mittlerweile gescheiterter Versuch, Facebook-User-Fotos mit einer Selbstzerstörungsfunktion versenden zu lassen. Die diesen Sommer nachgelieferte App „Slingshot” ist der zweite Versuch, so etwas wie „Vergessen” in die größte Datensammlung der Menschheit einzubauen. Außerdem experimentiert mit einem Feature, bei dem auch herkömmliche Postings mit Ablaufdatum versehen werden können.

Auch Facebook will „ephemeral” werden

Neben Facebook gibt es viele andere Messaging-Apps, die „ephemeral” sein wollen und entsprechende Funktionen verbaut haben, etwa Path, Blink, Wickr, Frankly, Gryphn, Confide, Ansa, Line oder WeChat. Die Annahme ihrer Macher: Wenn wir die Daten der Nutzer nicht ewig speichern, dann sind sie im Prism-Zeitalter eher gewillt, unsere Dienste zu nutzen.

Doch kann man den angeblich vergesslichen Apps auch trauen? Wer sich näher mit dem Vorreiter der Ephemeral-Welle auseinandersetzt, weiß, dass diese Vergesslichkeit ziemlich löchrig ist. Zum einen können Smartphones Screenshots machen und Bilder, die eigentlich zur Löschung vorgesehen sind, andernorts speichern. Snapchat versucht immerhin, den User zu warnen, wenn ein solcher Screenshot vom Empfänger der Nachricht gemacht hat. Bei Snapchat und anderen Apps muss man außerdem den Finger aufs Display halten, um die Fotos anschauen zu können, was erschweren soll, dass man nebenbei die Tastenkombination für die Screenshot-Funktion drückt – unmöglich ist es aber nicht.

Wo die Daten wirklich landen

Snapchat und Co. versuchen letztlich, die Verantwortung an den User auszulagern („Wenn ich weiß, dass du einen Screenshot machst, dann werde ich dir nie wieder ein Bild schicken”). Denn die tatsächliche Löschung der vielleicht verräterischen Fotos und Videos können sie gar nicht garantieren. Ungeöffnete Snapchat-Nachrichten etwa verbleiben so lange auf den Servern der Firma (verwendet wird dazu übrigens der Google-Cloud-Dienst „App Engine”), bis sie der Empfänger öffnet oder 30 Tage verstrichen sind. Neben den Servern werden die Inhalte aber auch noch auf dem Smartphone des Empfänger gespeichert – auch hier ist eine Löschung nicht garantiert. „It’s sometimes possible to retrieve data after it has been deleted. So… you know… keep that in mind before putting any state secrets in your selfies”, lautet der schulterzuckende Rat des Snapchat-Teams diesbezüglich. Dass ungeöffnete Snaps bereits an die Behörden geliefert wurden, haben die Gründer des Startups ebenfalls eingestanden.

Die NSA will Metadaten, keine Selfies

Dass Snapchat zumindest versucht, den Content, den die User verschicken, so gut wie möglich zu löschen, ist aber eigentlich der falsche Weg. Wer den NSA-Skandal mitverfolgt hat, der weiß: Dem Geheimdienst geht es vor allem um Metadaten. Nicht die Nachricht an sich, sondern das Wer, Wann, Wo, Womit und mit Wem interessiert die staatlichen Spione. Und Daten dieser Art speichert Snapchat sehr wohl dauerhaft. Ein Blick in die Privacy Policy zeigt, dass die US-Firma Zeitpunkte, Kontakte, Location, Adressbuch, International Mobile Equipment Identity („IMEI”), Telefonnummer oder MAC-Adresse sammelt – also im Prinzip alles, was die besonders gerne hat. Selbst die auf sehr hohe Sicherheitsstandards setzende App Wickr kommt nicht umhin, die Telefonnummern der Nutzer zu sammeln, um ihnen Verifizierungs-SMS (übrigens über einen Dritt-Anbieter) senden zu können.

Vorheriger Artikel Zurück zur Startseite Nächster Artikel
2 Antworten
  1. von Gurke am 30.09.2014 (12:13 Uhr)

    Ist doch keine große Überraschung.... ebenso wie man jetzt das Netzwerk Ello toll finden soll obwohl es rein technisch und wohl auf organisatorisch nichts anderes macht als alle anderen auch. Man muss einfach dazulernen, auf die Systemarchitektur zu schauen und dan können die alle nicht zaubern: Überwachung und Schlamperei sind auch bei den tollen neuen Anbietern nicht wegzukriegen. Solange jemand mit den realen telefonnummern der Nutzer operiert ist es NICHT datenschutzfreundlich.

    Antworten Teilen
  2. von Zip am 30.09.2014 (14:34 Uhr)

    Wenn Facebook behauptet, die Daten hätten ein Verfallsdatum, dann wollen die den User nur dazu bringen, ungehemmter zu posten. Schlussendlich werden die hinzugewonnen Daten nur unsichtbar gemacht und man hat die richtig wertvollen Daten. Ich traue denen kein Stück über den Weg.

    Antworten Teilen
Deine Meinung

Bitte melde dich an!

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar schreiben zu können.

Jetzt anmelden

Mehr zum Thema Social Media
Der Agenten-Nachwuchs stirbt aus: Warum die NSA-Affäre Hunderte Jobs vernichten könnte [Kolumne]
Der Agenten-Nachwuchs stirbt aus: Warum die NSA-Affäre Hunderte Jobs vernichten könnte [Kolumne]

Wird die NSA-Affäre zum Job-Killer? Ist Edward Snowden schuld daran, dass niemand mehr Agent werden will? Und: Wie kann die NSA sich in Sachen Employer-Branding positionieren? Die Doppelklick-Kolumne … » weiterlesen

„Facebook, Snapchat und Co. werden zur Dauerwerbesendung“: Jeannine Michaelsen über die Zukunft von Social Media [#rpTEN]
„Facebook, Snapchat und Co. werden zur Dauerwerbesendung“: Jeannine Michaelsen über die Zukunft von Social Media [#rpTEN]

Die re:publica wird zehn Jahre alt. Grund genug, zur rpTEN nicht nur zurück zu blicken, sondern vor allem nach vorne. Darum haben wir ehemalige re:publica-Speaker und -Veteranen gebeten. Heute: Sch … » weiterlesen

Social Media: Teenager erreicht man bei WhatsApp, Instagram und Snapchat
Social Media: Teenager erreicht man bei WhatsApp, Instagram und Snapchat

Facebook oder gar Twitter, das war einmal: Deutsche Teenager sind derzeit überwiegend bei WhatsApp oder Instagram zu finden. Als Social-Media-Star der Stunde erweist sich Snapchat. » weiterlesen

Alle Hefte Jetzt abonnieren – für nur 35 €

Kennst Du schon unser t3n Magazin?