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Erfolgreiche IT-Projekte? „Wir Entwickler sind keine Künstler, bei denen es darum geht, wunderschöne Lösungen vorzulegen!“

Erfolgreiche IT-Projekte? „Wir Entwickler sind keine Künstler, bei denen es darum geht, wunderschöne Lösungen vorzulegen!“

Wie gelingen erfolgreiche IT-Projekte. Wie stemmt man eine Neugründung? Und wie sollte man mit Fehlentscheidungen umgehen? Seriengründer Lars Jankowfsky kennt ein paar Antworten darauf – und verrät sie uns im .

Erfolgreiche IT-Projekte? „Wir Entwickler sind keine Künstler, bei denen es darum geht, wunderschöne Lösungen vorzulegen!“

(Grafik: Shutterstock)

Erfolgreiche IT-Projekte: Seriengründer Lars Jankowfsky im Interview

Regelmäßig stehen IT-Leiter und ihre Teams vor der oft schwierigen Entscheidung, wie sie ein Projekt am besten umsetzen können. Zu unterschiedlich sind oft die Anwendungswünsche und Rahmenbedingungen des Kunden. Auch wenn es wohl leider kein Patentrezept für die Lösung dieses Problems gibt, kann die Berücksichtigung definierter Parameter helfen, hier klarer zu sehen.

Lars Jankowfsky, Serial Entrepreneur, notorischer CTO und Mitgründer von Unternehmen wie Oxid oder swoodoo, spricht am 17. Juni in seiner Abschluss-Keynote auf der Developer Week über die Kunst, die richtige Entscheidung bei IT-Projekten zu treffen. Florian Bender, Leiter der Developer Week und langjähriger Kenner der Szene, hat ihn im Vorfeld der Konferenz getroffen und ihn zu den Knackpunkten erfolgreicher IT-Projekte befragt und mit ihm darüber gesprochen, wie er persönlich mit Fehlentscheidungen umgeht und warum Neues nicht unbedingt ins Alltagsgeschäft gehört.

„Oft treffen Entwickler ‚Bauch-Entscheidungen‘“

ruby-on-rails
Für Lars Jankowsky „eine hervorragende Programmiersprache“: Ruby on Rails.

Florian Bender: Lars, in deiner Abschluss-Keynote auf der Developer Week am 17. Juni wirst du vor etwa 1.500 Software-Entwicklern über schwierige IT-Entscheidungen sprechen und wie diese aufgelöst werden können. Gibt es dafür ein Patentrezept?

Lars Jankowfsky: Wenn das nur so einfach wäre – ein Patentrezept, das für alle möglichen Anwendungen und Fälle gilt, gibt es leider nicht. Um die richtigen Technologie-Entscheidungen zu treffen ist es notwendig, dass alle Aspekte mit einbezogen werden. Oft treffen „Bauch-Entscheidungen“, weil sie Lust auf etwas Neues haben, ein Tool oder eine Sprache vielsprechend ist oder aber eine bestimmte Technologie gut für die Karriere ist. Das kann richtig sein, muss aber nicht unbedingt das Beste für das Unternehmen oder Projekt darstellen.

Eine wichtige Metrik, die bei IT-Entscheidungen gerne vergessen wird, ist die Verfügbarkeit von Entwicklern im jeweiligen Markt und das Potential zu skalieren. Im europäischen Markt sieht es beispielsweise ziemlich düster aus, wenn wir die Verfügbarkeit von Ruby-on-Rails-Entwicklern betrachten. Eine hervorragende Programmiersprache, extrem smarte Entwickler aber leider gibt es hier viel zu wenige davon. Ein Gründer kann zwar schnell ein sehr gutes kleines Team zusammenstellen, wird aber vor eine nahezu unlösbare Aufgabe gestellt, wenn er das Team auf zehn bis 20 Entwickler skalieren soll.

Bender: Welches sind denn die typischen Knackpunkte beziehungsweise schwierigen Fragen bei der Umsetzung eines Software-Projekts?

Jankowfsky: Die wichtigste Vorrausetzung für erfolgreiche Projekte ist eine gute Kommunikation zwischen Auftraggeber und Team. Die unterschiedlichen Erwartungen an Funktionalität, Skalierung und auch Kosten müssen transparent besprochen werden. Hier gibt es viel Raum für Missverständnisse und somit potentielle Probleme.

„Es gibt folgende Faustregel in der IT: Eine Abweichung vom Faktor 10 bedingt eine komplette Neuausrichtung der System-Architektur.“

Wenn die Kommunikation passt, dann ist die Skalierung beziehungsweise die Erwartungshaltung ein – leider – oft vorkommendes Problem. Ich habe Projekte erlebt, in denen die Kunden dauerhaft von „ein paar tausend Datensätzen“ gesprochen, nach dem Launch jedoch mehrere Millionen eingestellt und sich dann über schlechte Performance beschwert haben. Nach einem Hinweis auf die unterschiedlichen Datenmengen durfte ich mir im O-Ton anhören: „Das sind doch SQL-Datenbanken, es spielt keine Rolle wie viele Daten da drin sind“. Leider eben doch! Es gibt folgende Faustregel in der IT: Eine Abweichung vom Faktor 10 – sei es bei Daten, Besuchern oder Visits – bedingt eine komplette Neuausrichtung der System-Architektur. Projektspezifikationen, bei denen der Kunde schreibt „Angebot bitte für xyz, skalierbar von 1-1.000.000 Req/Sek.“ sollten direkt im Papierkorb landen – hier ist Ärger vorprogrammiert.

Erfolgreiche IT-Projekte? „Harte Arbeit, ein gutes Team, Fokus, Timing“

Erfolgreiche IT-Projekte? Dafür müssen Unternehmen ihren Entwicklern auch Zeit geben. (Grafik: Shutterstock)
Erfolgreiche IT-Projekte? Dafür müssen Unternehmen ihren Entwicklern auch Zeit geben. (Grafik: Shutterstock)

Bender: Du giltst als leidenschaftlicher Unternehmensgründer und CTO. Betrachtet man deine mitgegründeten Unternehmen wie Oxid oder swoodoo würden wir gerne wissen, was den Erfolg hier ausmacht.

Jankowfsky: Was macht Erfolg aus? Harte Arbeit, ein gutes Team, Fokus, das passende Timing und am allerwichtigsten Glück. Ich habe ja noch sehr viel mehr Unternehmen gegründet als die eben genannten nur haben diese eben nicht geklappt – daher ist Durchhaltevermögen eine unabdingbare Eigenschaft für Erfolg. Außer man hat eben unglaubliches Glück! Auch das gibt es, aber darauf würde ich mich nicht verlassen.

Bender: Wenn man als Entwickler neue Tools oder Techniken nutzen will, steht man oft vor dem Problem „Cooles Ergebnis, aber riskant“ versus „Solides Ergebnis, aber sicher“. Wohin würdest du bei dieser Frage tendieren und warum?

„Gute Unternehmen geben Entwicklern ausreichend Zeit, sich weiterzubilden und neue Dinge zu testen.“

Jankowfsky: Selbstverständlich muss ich als Entwickler immer nach einem sicheren Weg suchen, um ein vernünftiges Ergebnis in der vorgegebenen Zeit zu erzielen. Alles andere wäre schlicht Betrug am Kunden/Chef/Mitgründer. Ich möchte an dieser Stelle mal ein deutliches Wort sprechen: Wir Entwickler sind keine Künstler, bei denen es darum geht, wunderschöne Lösungen vorzulegen! Das Resultat, die Zeit und die Kosten sind die einzigen Faktoren, an denen wir bemessen werden. Mir ist bewusst, dass ich damit einen wunden Punkt anspreche – neue Technologien sind super spannend und gute Entwickler sind dauerhaft neugierig – und das ist gut so . Nur darf die Balance nicht auf Kosten des Projekt Erfolges gehen. Gute Unternehmen geben Entwicklern ausreichend Zeit, sich weiterzubilden und neue Dinge zu testen – das gehört aber nicht unbedingt in die täglichen Projekte.

Bender: Aktuell bist du sehr viel im asiatischen Raum unterwegs. Was hat das für Gründe und wo siehst du hier das Potential für die Entwickler?

Jankowfsky: Der Asiatische Markt ist ein riesiger Wachstumsmarkt. Die Internet-Durchdringung steigt rasant und insbesondere die Nutzung von Smartphones und Tablets ist enorm. Zum einen gibt es einen großen Bedarf an Entwicklern vor Ort – was natürlich auch eine Riesenchance für die Karriere wäre – vom Spaßfaktor mal abgesehen. Zum anderen gibt es die große Herausforderung, lokale Entwickler auszubilden und aus unterdurchschnittlichen Entwicklern Rockstar-Teams aufzubauen. Und last but not least ist Asien natürlich ein riesiger Wachstumsmarkt im E-Commerce mit vielen, vielen Chancen.

Übrigens – wer das jetzt liest und Lust hat auf ein bis zwei Jahre Südostasien der sollte sich mal bei mir melden. ;-)

„Wieso sollten wir gescheiterte Projekte nicht nutzen, um daraus zu lernen?“

Bender: Um auf die schwierigen Entscheidungen zurück zu kommen: In den USA geht man sehr viel gelassener mit Fehlentscheidungen um als hierzulande. Denkst du, das ist ein Grund, warum Deutschland in Sachen Innovation und neue Ideen oft schwächer dasteht als die Amerikaner?

Jankowfsky: Absolut! Dieses deutsche Denken ist tief in uns verwurzelt. In meinem aktuellen Startup habe ich als Mitgründer einen der Pioniere auf diesem Markt gewinnen können – er hat das gleiche Konzept vor acht Jahren in Australien gegründet und ist damit leider gescheitert. Er war schlicht zu früh und vor allem am falschen Ort.

„Jeder von uns macht Fehler. Die eigentliche Frage ist, ob wir den gleichen Fehler wiederholen oder lernfähig sind.“

Ich habe mehrfach von Deutschen gehört: „Was willst du den mit dem, der hat das doch nicht hinbekommen“. Mein amerikanischer Geschäftspartner hingegen war total begeistert, weil wir von der Erfahrung unseres Mitgründers unglaublich viel lernen können. Macht Sinn oder? Wieso sollten wir gescheiterte Projekte nicht nutzen, um daraus zu lernen und Fehler zu vermeiden?

Bender: Wie gehst du persönlich mit Fehlentscheidungen um? Sowohl bezogen auf deine eigenen Fehlentscheidungen als auch bezogen auf Fehlentscheidungen von deinem Team?

Jankowfsky: Fehler sind menschlich. Jeder von uns macht Fehler. Die eigentliche Frage ist, ob wir den gleichen Fehler wiederholen oder lernfähig sind. Ich erwarte von mir selbst und von anderen genau diese Lernbereitschaft: nachdenken, Lernen und es beim nächsten Mal besser machen. Das heißt allerdings nicht, dass es nicht ein unangenehmes Gespräch mit mir gibt bei ernsthafteren Fehlern, aber daran ist zumindest bislang noch niemand gestorben ...

Bender: Vor welcher schwierigen Entscheidung stehst du persönlich denn gerade und wie wirst du diese lösen?

Jankowfsky: Wenn ich als Unternehmer ein neues Startup aufbaue, dann erfordert das unheimlich viel Zeit, Energie und totalen Einsatz. Das steht gerne mal im Widerspruch zu einem ausgefüllten Privatleben. Angefangen damit, dass wenig bis keine Zeit für Freunde bleibt, bis hin zu Herausforderungen in der Beziehung. Gerade dadurch, dass ich meinen aktuellen Fokus auf Südostasien lege, bin ich auch viel auf Reisen – im Monat Mai war ich ganze zwei Tage Zuhause, das gleiche gilt für den Juni.

Zu meinem großen Glück habe ich eine Frau, die meine Aktivitäten nicht nur mitträgt sondern mich auch bestärkt – obwohl es oft schwierig ist, wenn wir uns länger nicht sehen. Das ist die eher unschöne Seite von Unternehmern, über die niemand spricht. Gerne würde ich mal wieder gemütlich Zuhause bleiben oder mit Freunden bei gutem Wetter im Garten grillen, aber dafür bleibt nur wenig Zeit.

Die Developer Week findet vom 15. bis 18. Juni 2015 im NCC in Nürnberg statt und ist eine der größten unabhängigen Entwicklerkonferenzen Europas mit über 200 Sessions, mehr als 150 Referenten und einer Ausstellung mit mehr als 50 Partnern. Das gesamte Programm sowie aktuelle Informationen zur Developer Week 2015 sind online zu finden unter developer-week.de. Die Abschluss-Keynote „Das beste zum Schluss?“ hält Lars Jankowfsky am 17. Juni 2015 um 17:45 Uhr.

Über Lars Jankowfsky:

Lars Jankowfsky

Lars Jankowfsky ist Serial Entrepreneur und notorischer CTO. Eine Liebesgeschichte, die vor über 20 Jahren mit der ersten großen Liebe – dem Commodore 64 – begonnen hat. Dazwischen liegen mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Softwareentwicklung, zehn Jahre agil mit eXtreme Programming in verschiedenen Startups. Er war unter anderem Gründer von Oxid und von swoodoo und auch als VP Engineering Europe bei Kayak.com tätig. Aktuell fokussiert sich Lars auf sein mit gegründetes Unternehmen NFQ.COM und arbeitet mit am Aufbau und der Skalierung von spannenden Startups. Daneben arbeitet er als Interims-CTO und berät als Business-Angel und technischer sowie strategischer Mentor einige Startups.

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Eine Antwort
  1. von BastianBalthasarBux am 02.06.2015 (17:05 Uhr)

    Auch wenn ich jetzt hier vermutlich gleich Haue krieg: aber ich bin gleich nach dem Lesen der Caption vom Ruby-Bild aus dem Artikel ausgestiegen, und darf dbzgl. einfach mal ein nettes codecandy für den geneigten Leser liegen lassen:
    http://www.codecandies.com/2011/08/09/why-are-smart-people-using-this/
    ;)

    *frechgrins*
    *duckundweg*

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