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Software & Infrastruktur

Ich hätte gerne ein Freibier – und eine europäische Antwort auf Google

    Ich hätte gerne ein Freibier – und eine europäische Antwort auf Google

(Foto: Shutterstock)

Seit Jahren sind aus der Politik Forderungen nach der Schaffung einer deutschen oder europäischen Google-Alternative zu hören. Derartige Appelle zeigen, wie wenig die Amtsträger über die Erfolgsfaktoren der großen Internetfirmen reflektieren und wie verzweifelt sie über Europas Versagen im digitalen Bereich sind. Bevor sich etwas ändert, müssen sich die politischen Entscheider erst mal neu erfinden, sagt Martin Weigert in seiner Kolumne Weigerts World.

Google: Politiker fordern „angemessene Alternativen“

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In Europa ist Google für viele Politiker immer noch ein Feindbild. (Foto: Håkan Dahlström / flickr.com, Lizenz: CC-BY)

Fast jedes Mal, wenn ich mit Startup-Entrepreneuren aus Europa spreche, die im Rahmen eines Accelerator-Programms, einer Gründerreise oder auf eigene Faust längere Zeit in der San-Francisco-Bay-Area gewesen sind, fassen sie ihre Eindrücke mit ungefähr diesen Worten zusammen: „Es ist einfach unglaublich, mit welchem Tempo die Technologiekonzerne und Jungfirmen dort voranpreschen – und wie hart da gearbeitet wird!“

Diese Aussage habe ich immer im Ohr, wenn hiesige Politiker oder Behördenvertreter wieder mal mit der Forderung auffällig werden, man müsse eine europäische Alternative zu Google oder einem anderen Giganten aus den USA aufbauen. Mal ganz davon abgesehen, dass ein derartiger Versuch in Form der deutsch-französischen Suchmaschine Quaero schon existiert hat und daneben gegangen ist, zeugt der immer wieder artikulierte Ruf nach europäischen Antworten auf Google & Co. von einem kompletten Unverständnis über die Faktoren, die dem Erfolg der amerikanischen Anbieter zugrunde liegen.

Jene oben erwähnte Geschwindigkeit und jener Wille, unbedingt ein Milliarden-Unternehmen auf die Beine stellen zu wollen – mit all den Opfern, die dafür nötig sein mögen – ist in Europa kaum reproduzierbar. Schon gar nicht, wenn der Staat seine Finger im Spiel hat. Als vor zwei Jahren deutsche Politiker wie Hans-Peter Uhl und Dieter Wiefelspütz die Entwicklung „eigener Kommunikationstechnik“ und „angemessener Alternativen“ gefordert haben, hat mein Kollege Luca die den zwei Herren entgangene Problematik treffend folgendermaßen formuliert:

„Hinter der Entstehung von Unternehmen wie Google, Facebook und Amazon steht eine kulturelle Dynamik, die es in Deutschland so nicht gibt. Risiko, Unternehmertum, Gründungseifer, Investitionswille – die Grundzutaten des Erfolgs sind in Deutschland nicht sehr ausgeprägt – um es milde zu formulieren.“

Leider scheinen sich derartige Tatsachen einfach nicht rumsprechen zu wollen. Ein Jahr später war es Bundeskanzlerin Angela Merkel, die dafür plädiert hat, dass man europäische Antworten auf die US-Technologieriesen finden müsse. Das Beispiel Airbus zeige, dass das auf EU-Ebene möglich sei. Dass es sich bei Airbus um ein klassisches Industrieunternehmen handelt, das nach ganz anderen Spielregeln agiert? Offenbar egal.

Immerhin: Der sonst in seiner als Rolle als EU-Digitalkommissar stets wie ein totaler Fremdkörper wirkende Günther Oettinger hat sich jüngst ablehnend zur Idee eines europäischen Google geäußert: „Ich weiß nicht, ob solch ein „gEUgle“ erfolgreich wäre.“

Eine öffentlich-rechtliche Suchmaschine? Toll!

Andere haben den Gedanken aber noch immer nicht aufgegeben – oder glauben an modifizierte Varianten. In der vergangenen Woche hat NDR-Verwaltungsrätin Dagmar Gräfin Kerssenbrock in einem Interview erklärt wir würden eine „öffentlich-rechtliche Suchmaschine“ benötigen:

„Wir brauchen eine öffentlich-rechtliche Suchmaschine, die ausschließlich eine dienende Funktion für eine informierte Gesellschaft im wachsenden digitalen Datenberg hat, ohne wirtschaftliche Interessen verfolgen zu müssen.“

Der Grundgedanke einer Suchmaschine, die keinen kommerziellen Interessen folgt und damit allein und ohne versteckte Agenda auf die Interesse der Nutzer ausgerichtet ist, klingt durchaus verlockend. Doch ein solcher Dienst hätte nur eine Chance, wenn er in Sachen Qualität an Google heranreicht. Denn Googles überzeugende Suchqualität ist es ja, die dem Unternehmen hierzulande 95 Prozent Marktanteil beschert hat. Hinsichtlich Suchleistung wenigstens gleichzuziehen, hat aber im Prinzip noch nicht mal irgendein gewinnorientierter Suchanbieter geschafft.

Wie ein derartiges Projekt unter dem wachsamen und kontrollfreudigen Auge der piefigen deutschen Bürokratie entstehen soll, finanziert von Gebührenzahlern, bleibt deshalb ein großes Rätsel. Wer einen solchen Vorschlag macht, kann sich eigentlich kaum unvoreingenommen mit der Kultur des Silicon Valley auseinandergesetzt haben. Darauf deutet auch hin, dass die Verwaltungsrätin des NDR im Zusammenhang mit Google von einem „Lock-in-Effekt“ spricht. Dabei ist doch gerade die Google-Suchmaschine kein geeignetes Beispiel dafür: Theoretisch wie praktisch ist der Wechsel der Suchmaschine viel leichter als die Abkehr von vielen anderen Onlinediensten. Anwender müssten nur wollen.

Anti-Google-Politik: Zunehmende Verzweiflung

Agiert oft wie ein Fremdkörper: Günther Oettinger. (Slavko Sereda / Shutterstock.com)
Agiert oft wie ein Fremdkörper: Günther Oettinger. (Foto: Slavko Sereda / Shutterstock.com)

Seit ein paar Jahren aber ist zu beobachten, wie sich in hiesigen politischen Kreisen und ihren institutionellen Armen Verzweiflung breit macht. Die US-Dienste werden immer erfolgreicher und invasiver und versuchen, der Welt und damit auch Europa ihre turbokapitalistischen Werte aufzuzwingen. Und der alte Kontinent? Hat dem einfach nichts Handfestes entgegenzusetzen. Die Bestrebungen zum einheitlichen digitalen Binnenmarkt sind maximal der Anfang eines Anfangs – Und selbst dabei gibt es eine Reihe fragwürdiger Komponenten. Auch die sich abzeichnende Abkehr vom Willen zur Abschaffung der Roaming-Gebühren lässt wenig Grund zu Optimismus. Die alte Garde, bestehend aus Verlagen, Telekommunikationsfirmen und Urheberrechtsvertretern – und interessenmäßig repräsentiert von Oettinger – hat das Zepter in der Hand. Es fehlen starke europäische Lobbyisten der Digitalwirtschaft, um sie herauszufordern (nicht, dass ich ein großer Fan von Lobbyismus wäre, aber ohne geht es hier wohl nicht).

Man darf sich also nicht wundern, dass der Ruf nach europäischen oder deutschen Alternativen zu Google weiterhin Hochkonjunktur hat. Damit hat man immer etwas scheinbar Sinnvolles zum Thema gesagt. Dabei merken die meisten Urheber solcher Äußerungen nicht, dass es genau die Annahme ist, derartige Erfolgsprojekte „verordnen“ zu können, die Europas Erfolg in der Digitalindustrie im Weg steht. Europas Politik, Politiker und Kultur müssen sich selbst erst neu erfinden, bevor sich im Digitalbereich irgend etwas signifikant verändern kann. Schon am Vorhandensein dieser Erkenntnis aber muss leider gezweifelt werden.

Weitere Kolumnen aus Weigerts World findet ihr hier. Und wenn ihr jetzt auf der Suche nach Google-Alternativen seid – die gibt es in diesem Artikel.

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7 Reaktionen
Netz-TV

Leider alles so wahr. Aber es wird sich erst etwas verändern wenn der Leidensdruck erheblich schlimmer wird. Und selbst dann- die Entscheider in der Politik müssten beginnen sich selbst in Frage zu stellen. Demnächst wird nach dem Silicon Valley eine zweite Welle aus Asien kommen. Wir werden wohl wie die Italiener auf Touristenführer, Gastronom oder Sänger mit Hut umschulen müssen. Und zwar fast alle.

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Erinnert rot-grün
Erinnert rot-grün

GALILEO gibts wohl auch noch nicht obwohl längst Steuergelder dafür bezahlt wurden.
Stattdessen können immer mehr Handies nicht nur GPS sondern auch GLONASS aber wohl leicher noch nicht das chinesische GPS.

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Heldentaten für alle
Heldentaten für alle

" und wie hart da gearbeitet wird!“ . Politiker arbeiten auch 18 Stunden die Woche. Und wir bezahlen die Staats-Schulden beispielsweise für Brücken die inzwischen abgerissen werden oder Glasfaser-Ausbau der es nicht bis zum Haus schafft. Und wir müssen beim $35k-Tesla in 2 Jahren mal wieder die deutsche Auto-Industrie retten mit Milliarden retten und mit Milliarden den Ausbau bezahlen von dem vielleicht noch weniger Erfolg sichtbar ist als vom Berliner Flughafen.
E10-Einführung ? Berliner Flughafen ? Alles Heldentaten der deutschen Manager.
Und Euro-Google-Books sollte schon vor 5-10 Jahren gegründet werden. Wo sind die Millionen geblieben ?
http://www.heise.de/newsticker/meldung/Frankreich-forciert-Plaene-fuer-europaeische-Google-Konkurrenz-126972.html
Unter google: quaero finden sich viele weitere Artikel über die Leistung deutschen Managements.

Es gibt die ehrlichen Rad-Renn-Faher und die Doper. Es gibt Leister und Luscher, Macher und Mitnehmer. Wer ist wohl in der Software-Industrie an der Macht ?

Tesa-Rom, Inpol neu, Arbeits-Amts-Software, Toll Collect...

Ich würde gerne nützliche Dinge wie die 10 Forderungen von Jimmy Wales mal eben herunterprogrammieren. Der Aufwand wäre gering. Der Nutzen wäre sehr groß. Die Abmahn-Kosten und Rechtsrisiken und Patentgebühren verhindern es.
http://www.heise.de/newsticker/meldung/Wikipedia-Gruender-Zehn-Dinge-die-frei-sein-muessen-120873.html

Stattdessen verschafft man sich Fachkräfte, burned Jahrelang Cash in Holding-Ketten, erhöht die Mietnachfrage in eh schon sehr belegten Gegenden und zahlt wohl nie Gewinn-Steuern und will auch noch Milliarden-Subventionen.

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Georg
Georg

Ich würde den Unterschied zwischen den USA und Europa gar nicht auf eine unterschiedliche Kultur oder Charakter schieben. Auch aus Deutschland kommen sehr erfolgreiche Gründer und Unternehmer im Online-Business. Sie sind halt lediglich weniger bekannt.

Das man zu den USA kaum wird aufschließen können liegt meiner Meinung nach eher an den Rahmenbedingungen. Will ich einfach eine Website mit ein bißchen Werbung machen, was muss ich da alles beachten? Es hat für mich den Anschein von Bürokratie ohne Ende. Und das allein schon um mal eine Idee nur anzutesten.

Wenn eine EU-Suchmaschine oder auch Alternativen zu anderen Übersee-Online-Businesses Erfolg haben wollen oder sollen, dann wäre es wohl am klügsten EU-weit die Bedingungen zu harmonisieren und zu Bürokratie-Hindernisse abzubauen. Zum anderen sollte auf den Datenschutz als wichtiges Argument gesetzt werden. Vielleicht wird man nämlich nicht die Qualität von Google haben. Aber ich sag mal so, 80%-Google-Qualität + super Datenschutz, ich denke da wäre ich dabei.

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Martin Weigert

Das gibt es mit duckduckgo.com eigentlich schon.

Das Ding ist: Nutzer artikulieren zwar gerne ihre hohen Ansprüche an Datenschutz und Sicherheit. In der Praxis agieren sie dann aber ganz anders. Ich hatte dazu mal etwas gebloggt
http://www.foerderland.de/digitale-wirtschaft/netzwertig/news/artikel/d21-digital-index-pikante-details-und-erhellende-einsichten-aus-internet-deutschland/

"Es ist kein Geheimnis, dass die kommunizierten Bedürfnisse und Meinungen von Menschen nicht immer mit ihren Handlungen übereinstimmen. Beim Thema Datenschutz und Sicherheit wird dies sehr deutlich: Ganze 78 Prozent der Befragten finden es nicht akzeptabel, dass sie im Tausch für einen Service, zum Beispiele eine App, anderen Zugriff auf ihre persönlichen Daten geben. Und doch funktionieren alle führenden Social Networks in Deutschland genau nach diesem Verfahren. Zuletzt lag die Zahl aktiver Facebook-Nutzer aus Deutschland bei 27 Millionen, was in etwa jedem zweiten Internetnutzer in Deutschland entspricht. Nicht wenige der Befragten scheinen also nicht sonderlich prinzipenfest zu sein.Ein ähnlicher Widerspruch lässt sich bei der Priorisierung zwischen Einfachheit und Sicherheit erkennen. Eine signifikante Mehrzahl zieht, wenn sie sich entscheiden müsste, Sicherheit gegenüber Einfachheit vor. Und doch ist es der traditionell löchrige, dafür äußerst simple Chat-Dienst WhatsApp, der in Deutschland über 30 Millionen aktive Anwender vorweisen kann. Wirklich sichere Alternativen - die es mittlerweile zahlreich gibt - bleiben Randphänomene."

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Nico Saborowski

Danke für das Oettinger-Bashing, ich bin immer wieder befriedigt, wenn man jemanden zur Sau macht, der politisch zwar was drauf hat aber irgendwelche englischen Begriff falsch ausspricht. Die Verlinkung zu Netzpolitik.org ist da ja auch ganz richtig gewählt, ist dieser Verein bisher ja nicht ganz so erfolgreich gewesen und schiebt den Miesepeter ja immer hin und her...das sind die Lobbyisten , die sich lieber über Sprachfehler lustig machen als wirklich etwas zu bewirken (s. Vorratsdatenspeicherung - eine Erfolgsgeschichte für Vereine wie netzpolitik.org) - wie auch immer.

Entweder fehlt mir die Fähigkeit es herauszulesen oder es existiert wirklich nicht. Du sagst, dass Politik und Politiker an der Misere Schuld sind. Soweit, so gut. Auch eine fehlende Dynamik in der BRD und Dinge wie "Risiko, Unternehmertum, Gründungseifer, Investitionswille – die Grundzutaten des Erfolgs" seien nicht in Deutschland ausgeprägt.

Meine Frage: Was könnte die Politik denn konkret tun, um diese Dynamik in Gang zu kriegen? Roaming-Gebühren abschaffen oder...?

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Martin Weigert

Es gibt meines Erachtens nach keinen Grund, die Kritik an Oettinger als "Bashing" abzutun. Oettinger hat in seiner aktuellen Rolle noch nie irgendwas gefordert, was auch nur den Hauch von Vision und Innovationsdenken besaß.

Der netztpolitik.org-Artikel erklärt eigentlich ganz gut, wieso man von Oettinger als Digitalkommissar nicht viel halten kann. Ob man nun netzpolitik.org gut findet oder nicht. Oettinger mag in anderen Dingen gut sein - das kann ich nicht beurteilen. Dafür, Europa auf den Pfad der Erkenntnis in Sachen Digitalwirtschaft zu bringen, ist er eine absolute Fehlbesetzung. Es sei denn, man gehört zu den Strippenzieher-Unternehmen und Branchen, deren Pfründe er zu sichern versucht.

Wenn die Politik die Dynamik in Gang kriegen möchte, müsste sie nach meiner Auffassung radikale Schnitte machen und Schritte gehen. Ja, Roaminggebühren in der ganzen EU weg, und zwar eher heute als morgen. Egal was die Telkos wollen. Denn am Hungertuch leiden diese trotz Netzausbau nicht. Massive Investmentprogramme in Breitband (mit dem artikulierten Ziel, Europa zur schnellsten Breitbandregion der Welt zu mache. Wer Banken retten kann kann auch Breitband fördern) bei gleichzeitiger kompromissloser Festschreibung der Netzneutralität. Eine Urheberrechtsnovelle, die ihren Namen verdient und vor allem anerkennt, dass ein restriktives Urheberrecht heutzutage einfach nicht mehr pragmatisch durchgesetzt werden kann, ohne dass dadurch massiver Kollateralschaden entsteht. Ein spezielles Förderprogramm für Startups, die vom Start weg europaweite oder gar international verfügbare Dienste anbieten. Eventuell der Start einer europäischen Online-Uni rund um Zukunftsthemen. Ein massives Vorantreiben von E-Government-Diensten mit dem Ziel, Stempel und Behördenbriefe EU-weit bis 20XX abzuschafen. Und so weiter.

Kurzum: Wirklich nach vorne denken.

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