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Exklusiv: Ermittlungen bei Movinga verhinderten Google-Investment

    Exklusiv: Ermittlungen bei Movinga verhinderten Google-Investment

(Foto: Movinga)

Das deutsche Vorzeige-Startup Movinga stand kurz vor einem Investment von Google Ventures – doch ein Pressebericht zerstörte den Deal. Nun benötigt das Umzugsunternehmen das Geld mehr denn je.

Die Büroräume von Movinga. (Foto: Movinga)
Die Büroräume von Movinga. (Foto: Movinga)

Eigentlich lief gerade alles optimal für Movinga. Das Berliner Startup, gegründet 2015, hatte erst im Januar eine Finanzierung in Höhe von 25 Millionen Euro eingesammelt, wurde mit Preisen überhäuft, plante sogar die Expansion in die USA. Und die beiden Gründer Bastian Knutzen und Chris Maslowski standen vor einem noch größeren Coup, wie t3n aus informierten Kreisen erfahren hat: Google Ventures wollte bei dem Berliner Vorzeige-Unternehmen einsteigen. Die Verhandlungen mit dem Investment-Arm des Suchmaschinenkonzerns sollen „weit fortgeschritten“ gewesen sein, sagen Insider.

Doch der Deal platzte – aufgrund Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen Urkundenfälschung. Damit begann die Fassade des Erfolgs zu bröckeln. Am 17. Juni löste sich ein weiteres Stück der schönen Oberfläche: 150 Mitarbeiter mussten gehen, zwei Märkte wurden geschlossen, die Gründer selbst verließen das Startup mit sofortiger Wirkung. Aus Unternehmenskreisen wird das geplatzte Google-Investment bestätigt, Google selbst will sich dazu nicht äußern.

Die Situation ist allerdings offenbar noch ernster als bislang eingeräumt. Der Google-Deal hätte wohl nicht nur Prominenz gebracht, sondern auch dringend notwendiges Kapital. Mehrere Insider berichten t3n, dass Movinga nach einer neuen Finanzierung sucht. Demnach sind die 25 Millionen Euro aus der Finanzierungsrunde im Januar so gut wie aufgebraucht. Das deckt sich auch mit anderen Berichten, wonach Movinga etwa fünf Millionen Euro im Monat verbrannt haben soll.

Das Geld ist vermutlich auch deshalb knapp, weil das Startup auf zahlreichen offenen Rechnungen von Kunden sitzt, die noch nicht bezahlt haben. Movinga soll noch Außenstände in Höhe von acht Millionen Euro eintreiben müssen, wie ein Insider t3n eidesstattlich versichert hat. Dieses Geld fehlt unter anderem aus den im Juni geschlossenen Märkten Italien und Großbritannien. Aber auch in Frankreich sollen Rechnungen in Millionenhöhe noch offen stehen.

 „Der Eindruck, der erweckt wird, ist Quatsch.“

Auf Nachfrage dementiert das Startup die anstehende Finanzierung und die Höhe der Außenstände. „Movinga hat ein sehr funktionierendes Geschäftsmodell und sehr committete Investoren“, sagte ein Sprecher t3n. „Der Eindruck, der hier erweckt wird, ist Quatsch.“ Das Startup habe nach wie vor eine beeindruckende Geschichte vorzuweisen.

Movinga: Vom Vorzeige-Startup zum Krisenfall

Indes werden mehr Details über den Tag der Kündigungen bei Movinga bekannt. Was einige Ex-Mitarbeiter den Movinga-Gründern besonders übel nehmen, ist das Timing ihrer schlechten Nachricht. Bis zu dem Freitag im Juni war es eine ganz gewöhnliche Woche bei dem Umzugs-Startup, es ging wie immer um das weitere Wachstum. Auf dem italienischen Markt leierte das Unternehmen gerade neue Partnerschaften mit zwei großen Konzernen an. Auch am Freitag, dem 17. Juni, schien alles gewöhnlich.

Dann, um 15 Uhr, als gerade das Spiel zwischen Italien und Schweden angepfiffen wurde, erhielten die Mitarbeiter eine E-Mail. Die Chefs setzten ein spontanes Meeting an, in 45 Minuten. In der Halbzeitpause des Fußballspiels ließen sie die Bombe platzen. „Sie haben uns gesagt, dass 150 Leute gehen müssen“, berichtet ein Ex-Mitarbeiter.

Das Meeting am 17. Juni begann zunächst mit den üblichen Floskeln, berichten mehrere Ex-Mitarbeiter übereinstimmend. „Es war eine klassische Rede“, sagt ein früherer Mitarbeiter. „Großartiger Monat, gut gemacht.“ Es schien alles nach einem gewöhnlichen Update, wie es alle paar Wochen bei Movinga stattfindet.

Ex-Mitarbeiter spricht von „Wolf of Wall Street“-Atmosphäre

Doch dann änderte sich der Ton der beiden Gründer. Movinga sei zu stark gewachsen, sagen sie, das Startup müsse etwas schrumpfen. Sie kündigten ihren eigenen Abgang an. Zwei Märkte – Italien, Großbritannien – und die internationale Umzugssparte für länderübergreifende Umzüge sollten schließen. Nur Deutschland und Frankreich sollten fortgeführt werden. Doch die eigentliche Nachricht verkündeten die Gründer erst am Ende des Meetings: 150 Mitarbeiter sollten gehen. Sie würden eine E-Mail in ihrem Postfach finden, wenn sie dazu zählten, hieß es.

Ein Schock für die Angestellten des bis dahin erfolgsverwöhnten Startups. „Alle flippten aus“, berichtet ein früherer Beschäftigter, der nicht genannt werden will. Der Mann, bei dem sich die Noch-Arbeitnehmer ihre Kündigung abholen durften: Finn Hänsel, seit 2015 Geschäftsführer bei Movinga. Schnell bildete sich eine regelrechte Schlange vor seinem Büro, eine Massenabfertigung von Entlassungen. Ein Ex-Mitarbeiter sagt: „Ich weiß nicht mal, ob er meinen Namen kannte.“

Die Entwicklung hatten viele Mitarbeiter nicht kommen sehen. Drei Wochen zuvor feierte Movinga noch mit einer großen Party das einjährige Bestehen – inklusive DJ. Im April sprach das Startup sogar noch von einer Expansion in die USA. Ein Ex-Mitarbeiter spricht von einer „Wolf of Wall Street“-Atmosphäre: Jeden Monat gab es Champagner für das beste Sales-Team – die Verkäufer wurden angefeuert, noch mehr Umzüge zu organisieren. An der Bürowand hing passenderweise auch ein Spruch aus dem Leonardo-di-Caprio-Film: „Pick up the phone and start dialing.“ Das Unternehmen bestätigt dies auf Nachfrage.

Kurz vor den Entlassungen neue Mitarbeiter angeworben

Viele Mitarbeiter halten die Kündigungswelle für überstürzt. Das zeigt sich auch daran, dass bei den Kündigungen selbst nicht alles glatt lief. So wurden teils Beschäftigten gekündigt, die eigentlich noch bleiben sollten, sowie ihre E-Mail-Konten gesperrt. Movinga bestätigt die Panne auf Nachfrage, der System-Admin habe einige Personen verwechselt. Das könne bei einer so großen Zahl an Mitarbeitern aber mal passieren, sagt ein Sprecher.  

Mehrere Insider berichten t3n zudem, dass den Angestellten zunächst Aufhebungsverträge vorgelegt wurden. Wer zustimmte, hätte mit der Unterschrift gegenseitiges Einverständnis erklärt und auf weitere Zahlungen verzichtet. „Ich kenne keinen einzigen, der diese Verträge unterschrieben hat“, sagt ein früherer Mitarbeiter. Movinga argumentiert, dass die Betroffenen dadurch direkt für die Konkurrenz hätten arbeiten dürfen sowie ein Schreiben für das Arbeitsamt bekommen hätten, damit ihr Anspruch auf Arbeitslosengeld erhalten bleibt.

Wie plötzlich die Entscheidung kam, zeigt sich auch an anderen Beispielen. Nur wenige Wochen vor dem „Black Friday“, wie ein Mitarbeiter den 17. Juni nennt, wurden noch neue Beschäftigten angeworben. Einige kamen extra aus dem Ausland nach Berlin. Sie wurden für Märkte angeworben, die am Ende schließen mussten, berichten vier Insider übereinstimmend. Movinga bestätigt auf Nachfrage, dass kurz vor den Kündigungen noch fünf Italiener, teils mit Familie, nach Berlin zogen. „Das ist extrem bedauerlich“, sagt der Sprecher. Er betont aber auch, dass das Startup bereits vier von den fünf Ex-Mitarbeitern in anderen Unternehmen untergebracht habe. Überhaupt sei bereits ein Großteil der früheren Beschäftigten in neuen Jobs.

„Das Management war überfordert.“

Die früheren Mitarbeiter, mit denen t3n gesprochen hat, sind sich in einem allerdings auch einig: Sie glauben an das Geschäftsmodell des Unternehmens, sehen aber Fehler der Führungsetage. „Das Management war meiner Meinung nach überfordert“, sagt ein Ex-Mitarbeiter.

Enttäuscht zeigen sich die Ex-Beschäftigten vor allem von der Art und Weise der Entlassungen. „So kann man nicht mit Menschen umgehen“, sagt ein Ex-Movinga-Beschäftigter. „Sie hätten die Situation besser managen können”, sagt ein weiterer. Besonders schwerwiegend findet ein früherer Mitarbeiter, dass niemand ihn vorgewarnt hat: „Uns hat nie jemand gesagt, dass es nicht gut läuft. Es war alles okay“, sagt er. Er fühle sich leer.

Mitarbeit: Stephan Dörner

Johanna
Johanna

"[...] und sehr committete Investoren" - Also wenn das ein Original-Zitat des Sprechers ist, wurde zumindest an dieser Stelle ordentlich gespart. Ob das jetzt gut war, mag jeder selbst beurteilen.

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Horst G Ludwig

Noch so eine Blei-Ente! Ich habe genau das an den meisten startups bemängelt und versucht viele selbst erkorenen CEOs auf das Niveau von Mitsprache berechtigten Direktoren im Verwaltungsrat zu überzeugen. Totale Selbstueberschaetzung ist ja nun nichts Neues in dieser Branche und wenn es grenzueberschreitend in andere Kulturen geht brechen sie sowieso meist auseinander und denken, dass jetzt nur strategische Allianzen weiterhelfen. Ganz schlimm ist es bei gelobten startups wie diesem hier, da der psychologische Effekt auf "Gründer" wie Heroin wirkt. Und obwohl das Alles verständlich und verzeihbar ist, ist Massenentlassung weder der richtige oder einzige Weg und ein moralisches Verbrechen das viele dieser startup Träumer begehen.

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Tom
Tom

"sehr committete Investoren" - Was ist das denn für ein Deutsch??

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Rururururbchfu
Rururururbchfu

Sehr mysteriös das ganze. Wenigstens hat man diesmal am 17. Juni keine Panzer auffahren lassen.

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peter
peter

ich bin blind. ich habe im langen text nicht gefunden was movinga eigentlich ist. jetzt muss ich doch googlen. hätte ich es bloß nach der subheadline gemacht... tja, nächste bin ich schlauer.

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Lisa Hegemann

Guter Hinweis. Ich war davon ausgegangen, dass "Umzugs-Startup" als Erklärung reicht – aber offenbar habe ich da die nicht so startup-affinen Leser vergessen.

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Markus
Markus

Wenn man Mitarbeiter eines neuen Unternehmens / Startups ist, klingen die Worte des ehemaligen Mitarbeiters mehr als naiv. Man muss(!) damit rechnen, dass es nicht lange gut läuft.

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Boris
Boris

Papperlapapp! Zugegeben ist das Anheuern in einem Startup immer mit Risiko verbunden, aber die Art und Weise wie es hier lief ist doch sehr bedenklich. Zumal sicher in deren Leitbild jede Menge von Transparenz und offener Kommunikation geschwurbelt wird...dann so nen Arschtritt verpasst zu bekommen (150 Leute!!??) ist doch eher heftig.

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