Drücke die Tasten ◄ ► für weitere Artikel  

Warum Facebooks Graph Search scheitern wird

Facebook ist jetzt neun Jahre alt und verfügt noch immer nicht über eine vernünftige Suche. Doch das soll sich durch die Graph Search mit einem Schlag ändern. Wird es auch, aber nicht zum Guten – zumindest nicht aus Sicht der Nutzer.

Warum Facebooks Graph Search scheitern wird

Die Graph Search hört sich netter an, als sie ist

Die von Facebook Mitte Januar vorgestellte Graph Search soll den weltweit über eine Milliarde Nutzern endlich eine Möglichkeit bieten, die Plattform vernünftig zu durchforsten. Wer schon Bekanntschaft mit der bisherigen Suche gemacht hat, weiß, wie dringend hier nachgebessert werden müsste. Personen mit gängigen Namen oder Fanseiten von global tätigen Unternehmen, die eine Vielzahl an Seiten betreiben, lassen sich aktuell nur mit enormen Zeitaufwand finden. Inhalte lassen sich gar nicht erst suchen.

„Finde mehr Inhalte, nach denen du suchst, mithilfe deiner Freunde und Verbindungen“ – heißt es auf der Facebookseite zur Graph Search, auf der Interessierte sich aktuell noch auf die Warteliste für die Betaversion setzen lassen können. Hier erfahren wir auch erste Anwendungsbeispiele für die neue Suche, die kein facebookinternes Google sein will, sondern eine intelligente Suchfunktion, mit der sich Verbindungen zwischen Personen aufspüren lassen sollen. Hört sich zunächst sehr nützlich an, doch schon die Beispielsuche, die jeder auf der Graph-Search-Seite durchführen kann, lässt einen Wow-Effekt nicht zu.

Die Facebook Graph Search findet bei mir lediglich drei Kontakte aus meinem Wohnort.

Angezeigt werden mir da drei Personen, die in meiner Stadt wohnen. Wer in einer großen Stadt wie beispielsweise Berlin wohnt und zahlreiche Kontakte bei hat, bekommt womöglich deutlich mehr Personen angezeigt, bei mir sind es eben drei. Doch anders als die weiß ich sehr genau, dass es deutlich mehr sind. Das Problem: Nicht jeder Facebook-Nutzer gibt seinen Wohnort an – die einen vielleicht, weil sie keine Lust dazu hatten, das Profil vollständig auszufüllen, die anderen vielleicht auch, weil sich Facebook in der Vergangenheit nicht gerade einen guten Ruf in Sachen Privatsphäre erarbeitet hat.

Dabei ist der Wohnort doch eigentlich noch recht harmlos, denn Straßennamen oder Hausnummern sind nicht einsehbar, so dass die Gefahr von Stalkern im Reallife relativ gering ist.

Es gibt weitere, zum Teil sensiblere Daten, die sich mit der Graph Search abrufen lassen. Der Beziehungsstatus gehört ebenso dazu wie die Interessen, besuchte Orte, Fotos oder Seiten, die einen Like erhalten haben. Entscheidend ist allerdings die Möglichkeit, diese Daten miteinander in einer Graph-Search-Abfrage zu kombinieren. Wer also wissen möchte, welche Kontakte aus der gleichen Stadt gerade Single und in einem bestimmten Lokal anzutreffen sind, bekommt mit der Graph Search ein mächtiges Werkzeug an die Hand.

Was sich sonst noch alles mit der Graph Search anstellen lässt, zeigt unter anderem die Tumblr-Seite „Actual Facebook Graph Searches“.

Graph Search findet nur öffentliche Daten: Ja! Aber ...

Das alles sind vom Nutzer in der Regel freiwillig bereitgestellte Inhalte. Etwas einschränken muss man das, weil Fotos natürlich auch von Freunden hochgeladen werden können. Wird eine Person auf einem Foto markiert, so kann sie diese Markierung zwar wieder entfernen, doch soll auch das Foto selbst entfernt werden, muss man sich mit der Person auseinandersetzen, die das Bild hochgeladen hat. Das ist nicht nur aufwändig, sondern unter Umständen auch unangenehm. Und ein Erfolg ist nicht garantiert.

Okay, Fotos können eine Ausnahme darstellen, aber sonst haben die Nutzer die Informationen doch selbst veröffentlicht – wo ist das Problem?

Eine relativ harmlose Anfrage, bei der die Graph Search den Wohnort Seattle mit dem Interesse „Radfahren“ kombiniert.

Das stimmt im Grunde, doch viele Nutzer sind sich nur unterschwellig bewusst, dass die bei Facebook von ihnen veröffentlichten Inhalte keineswegs privat sind. Die entsprechenden Einstellungen bietet Facebook zwar zweifellos an, doch muss sich jeder Nutzer damit aktiv auseinandersetzen. Facebook hat grundsätzlich ein großes Interesse daran, möglichst viele Informationen der Nutzer öfffentlich zugänglich zu halten. Daher sind die Standardeinstellungen auch seit je her sehr offen und schützen unvorsichtige Nutzer nicht ausreichend.

Jeder kann seine Daten bei Facebook schützen, indem die Privatsphäre restriktiv eingestellt wird, doch macht sich jeder wirklich Gedanken darüber? Bei jedem Post, jedem Bild, jedem Checkin?

Sehr wahrscheinlich lautet die Antwort bei der Mehrzahl der Nutzer: „Nein“. Selbst Personen, die viel Wert auf ihre Privatsphäre legen, machen gelegentlich Fehler beim Posten oder haben es in der Vergangenheit nicht ganz so genau genommen. Dazu kommen noch unglückliche Kombinationen von Informationen, die für sich genommen wenig kompromittierend sind, zusammen aber einen ganz neuen Kontext ergeben können.

Facebook will Minderjährige schützen

Facebook betont immer wieder, dass die Privatsphäre der Nutzer unangetastet bleiben soll und die Graph Search die entsprechenden Einstellungen der einzelnen Nutzer berücksichtigt: Was als privat deklariert wurde, soll auch mit der Graph Search nicht ans Licht geholt werden. Dennoch fühlte sich Facebook dazu verpflichtet, für Minderjährige Teenager besondere Regeln einzuführen. So können die Wohnorte der Minderjährigen via Graph Search nur von Freunden und deren Freunde angezeigt werden, wenn diese ebenfalls in einem Alter zwischen 13 und 17 sind.

Was an sich keine schlechte Idee ist, zeigt aber sehr deutlich die Schwächen von Facebook im Allgemeinen und der Graph Search im Speziellen: Im Grunde hat Facebook ein Problem erkannt, doch statt ein generelles Optout für alle Nutzer anzubieten, wird nur eine kleine Gruppe geschützt. Damit das nicht falsch verstanden wird: Der Schutz der Minderjährigen ist gut und richtig, doch muss bezweifelt werden, dass der Schutz in dieser Form auch wirklich funktioniert. Eine Freundschaft lässt sich auf Facebook schnell erschleichen und die Altersangabe wird von Seiten des Netzwerks auch nicht wirklich überprüft.

Likes können schnell unlikely werden

Richtig interessant wird es dann, wenn auch die Likes für Posts oder Kommentare per Social Graph abgreifbar werden: Wer fand diese oder jene Äußerung gut? Das ist deshalb problematisch, weil ein Like nicht zwangsläufig in seinem ursprünglichen Sinne verwendet wird, sondern mangels anderer Möglichkeiten auch schon mal umfunktioniert wird. Wir alle erinnern uns sicher an den Tod von Dirk Bach, den die Bild zur Optimierung des eigenen EdgeRanks nutzte, indem ein Like zum Ausdruck der Anteilnahme stilisiert wurde. Solche Beispiele für umfunktionierte Likes gibt es viele, doch wie soll die Graph Search das richtig interpretieren?

Dann sind da noch die vielen, zum Teil Jahre alten Likes für Seiten, die man aus längst vergessenen Gründen abgegeben hat. Für die Graph Search spielt die Aktualität oder der Grad der Interaktion mit einer Fanpage aber keine Rolle – Like ist Like und wird gleich behandelt.

Die Facebook Graph Search ist ein Marketing-Tool

Sobald die Graph Search für alle Nutzer und alle Sprachen verfügbar ist (ein Termin steht noch nicht fest), werden viele die neuen Möglichkeiten ausloten und die eine oder andere Suche starten. Für den Normal-User wird sich das aber schnell abnutzen, da es für ihn keinen alltäglichen Nutzwert gibt. Ganz anders sieht das bei Personen aus dem Marketingbereich aus. Sie können mit der Graph Search ihre Zielgruppe viel besser definieren als bisher und sie als mächtiges Marketinginstrument einsetzen.

Man denke nur an all die von externen Diensten zu Facebook gepushten Inhalte, wie Instagram, Pinterest, Runtastic und viele andere mehr. Daraus ergibt sich ein gigantischer Fundus an Daten, der für die Werbebranche extrem spannend ist.

Mark Zuckerberg bei der Vorstellung der Graph Search im Januar 2013.

Je nachdem, wie die Graph Search dann im Alltag genutzt wird, wird sich auch das Nutzerverhalten verändern. Sollten sich die Befürchtungen bestätigen, dann dürfte sich Facebook mit der Graph Search langfristig sogar schaden. Wer befürchten muss, dass öffentliche Informationen zweckentfremdet werden, der kehrt Facebook im Extremfall sogar den Rücken. Viel wahrscheinlicher ist aber ein Rückzug in eine viel privatere Nutzung mit kaum noch öffentlichen Informationen – auch das kann Facebook nicht gefallen, denn die Informationen der Nutzer sind das Kapital des Netzwerks. Daher wird die Graph Search aus meiner Sicht scheitern.

Facebook aufräumen

Grundsätzlich ist es eine gute Idee, sein Facebook-Profil regelmäßig aufzuräumen und überflüssige sowie nicht mehr aktuelle Inhalte zu löschen. Wie man das am besten angeht, erfahrt ihr in unserem Artikel: Facebook-Herbstputz: 10 Tipps für einen sauberen Account. Zudem gibt es mittlerweile mehrere Tools, die eine Profilsäuberung vor dem Start der Graph Search anbieten. Auch wenn solche Tools praktisch und zeitsparend sein können, empfehle ich persönlich lieber die manuelle Säuberung anhand der oben verlinkten Herbstputzaktion, denn dabei lernt man nicht nur eine ganze Menge über Facebook und die eigene Privatsphäre, sondern bekommt auch die nötigen Einblicke, um mit der Plattform sensibel umgehen zu können.

Weiterführende Links

197 Shares bis jetzt – Dankeschön!

Bewerten
VN:F [1.9.22_1171]
6 Antworten
  1. von August Kravtsov via facebook am 18.03.2013 (18:10Uhr)

    Alles was ich lese ist "Mimimimimi".

  2. von Stephan Jäckel am 18.03.2013 (18:24Uhr)

    Für Unternehmen wird es "interessant", wenn Interessensgruppen anfangen nach Mitarbeitern zu suchen die bei Themen wie Rassismus, bestimmten islamischen Gruppen, Pelzen, Pelzmode, Jagd, Atomkraft Ja-Bitte, Pro-Kohlestrom gegen Homoehe oder Adoptionsrecht für Homosexuelle, als "frauenfeindlich" bzw. "männerfeindlich" oder sonst wie vermeintlich diskriminierenden Seiten ein Like hinterlassen haben.

    Klar können Unternehmen jeden Shitstorm aussitzen und Beschäftigte vor Einzelattacken zu schützen suchen. Aber permanent die eigene Timeline zu bereinigen (andere nennen es zensieren und auch dies führt meist zu sehr negativen Reaktionen) ist zeitlich aufwändig und nicht jedem Unternehmen 24/7 möglich.

    Selbst wenn Shitstorm-Gruppen wie z.B., die gegen Wiesenhof als Sponsor des SV Werder Bremen einschlafen, so haben sie zahlreiche Mitglieder und die Gefahr der professionellen Reaktivierung, ggf. auch im Rahmen sog. "Guerillia Marketing Aktionen moralisch flexibler Konkurrenten", ist immer gegeben.

    Warum facebook sein "Problem" in "der Suche" oder seiner Suchfunktion ganz allgemein vermutet ist mir selbst ja immer noch nicht ganz begreiflich. fb ist doch eine soziale Plattform und beim Monetarisieren hilft eigentlich eher eine verbesserte Integration von Unternehmen und bessere Möglichkeiten zur Interaktion mit Interessenten, Kunden, Fans, Kritikern etc., als nun eine ein neue Suchtechnologie (im Zweifel würde schon heute eine andere Sortierung und Ergebnisdarstellung helfen).

    So aber könnte in der Tat spätestens nach dem fünften Shitstorm irgendein Top-Manager auf die Frage kommen, "ob sich dieses facebook denn überhaupt noch lohnt." Sein Sohn wäre ja schon längst bei tumblr und Töchterchen würde immer nur von neuen Styles auf Pinterest erzählen.

    Neben vielen anderen Fehlern könnte dann Graph Search ein Grund dafür werden, dass facebook den Weg von MySpace oder von Geocities nimmt - Richtung Web-Museum. Beide Plattformen hatten angefangen eine Bedarfslösung zu bieten und sind dann nicht bei dieser Lösung geblieben - aus ganz unterschiedlichen Gründen, ja. Aber im Kern haben beide m.E. nicht mit dem weitergemacht, was den Grund für ihren Erfolg darstellte. Und deshalb sind sie dorthin gekommen, wo sie heute nach ihren Anfangserfolgen stehen.

  3. von Thilo Schumann via facebook am 18.03.2013 (18:31Uhr)

    Der Artikel hat einen inhaltlichen Fehler: die Suche geht immer über alle Daten. Erst bei der Anzeige kommt zum Tragen, ob die Daten freigegeben wurden. Das ist sehr schön daran zu erkennen, wenn die Suche oben rechts anzeigt "über 1000" und dann aber nur 20 kommen. Das heißt die Suche hat wirklich so viele gefunden. Nur ich darf halt nicht alle sehen. Das der Mechanismus auch so implementiert ist, macht unter dem Hintergrund Sinn, weil ein Facebook-Mitarbeiter mit den entsprechenden Rechten wiederum mehr sehen darf.

  4. von Stell Dir vor, Facebook überholt Google… am 21.03.2013 (22:09Uhr)

    [...] auf Augenhöhe zu sein. Was jetzt zählt, ist die Strategie: Facebook versucht mit dem Social Graph in die Kernkompetenz von Google einzudringen und durch die Social Jobs im Gebiet von LinkedIn zu [...]

  5. von esreverse am 22.03.2013 (20:04Uhr)

    Und warum wird Facebooks Graph Search nun scheitern? Ich habe brav bis zum Ende gelesen und leider keine eindeutige oder überzeugende Begründung dafür gefunden.

  6. von Facebook EdgeRank: So funktioniniert der… am 18.04.2013 (13:28Uhr)

    [...] Warum Facebooks Graph Search scheitern wird – t3n News [...]

Deine Meinung

Bitte melde dich an!

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar schreiben zu können.

Jetzt anmelden

Mehr zum Thema Graph Search
Facebook wird durchsuchbar: Graph Search sucht jetzt auch in Posts und Kommentaren
Facebook wird durchsuchbar: Graph Search sucht jetzt auch in Posts und Kommentaren

Facebook erweitert seine berüchtigte Suchfunktion „Graph Search“. Zukünftig werden auch die Inhalte von Status-Updates, Kommentaren und Bildunterschiften durchsucht. » weiterlesen

Facebook macht alle Profile öffentlich: Kein Schutz mehr vor fremden Blicken
Facebook macht alle Profile öffentlich: Kein Schutz mehr vor fremden Blicken

Facebook entfernt eine Funktion, die nach eigenen Angaben nur ein kleiner Teil der Nutzer für sich beansprucht hat. Dass das eigene Profil in der Graph Search nicht mehr ausgeschlossen werden kann,.. ... » weiterlesen

Graph Search: So versteckst du dein Profil, deine Posts und Kommentare vor der Facebook-Suche
Graph Search: So versteckst du dein Profil, deine Posts und Kommentare vor der Facebook-Suche

Facebook erweitert seine berüchtigte Suchfunktion „Graph Search“ und macht nun auch Statusupdates, Kommentare und Bildunterschiften durchsuchbar. Wir zeigen euch, wie ihr dem einen Riegel... » weiterlesen

Kennst Du schon unser t3n Magazin?

t3n-Newsletter
Top-Themen der Woche für Web-Pioniere
Jetzt kostenlos
anmelden
Diesen Hinweis verbergen