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Digitale Gesellschaft

Unsere Faulheit kotzt mich an oder: Bitte, bitte, nicht noch eine solche App

    Unsere Faulheit kotzt mich an oder: Bitte, bitte, nicht noch eine solche App

Machen Apps uns faul? (Foto: Maria Vaorin / photocase.com)

Wir können immer weniger selbst und überlassen immer mehr anderen – und eine ganz besondere Rolle dabei spielen Apps. Machen uns Smartphones und Tablets faul? Die Doppelklick-Kolumne von Florian Blaschke.

Andere tun lassen, was man eigentlich auch selbst kann

Zu Hause kochen? Passiert immer seltener. (Foto: Shutterstock / Alena Ozerova)
Zu Hause kochen? Passiert immer seltener. (Foto: Shutterstock / Alena Ozerova)

Das Restaurantkritiker-Ehepaar Tim und Nina Zagat schrieb einmal in einem Artikel für das Wall Street Journal, Menschen sollten, statt nach der Arbeit nach Hause zu gehen und zu kochen, lieber eine Stunde länger im Büro bleiben und das tun, was sie gut können – und dann essen gehen und Restaurants das tun lassen, was die gut können. Die klassische Argumentation für die Arbeitsteilung, wie der Journalist und Bestseller-Autor Michael Pollan in seinem Buch „Kochen“ zeigt, und genau diese Arbeitsteilung habe zu unzähligen Spezialisierungen geführt. Doch: Sie schwäche uns auch. „Sie erzeugt Hilflosigkeit, Abhängigkeit und Ignoranz und untergräbt letztlich jedes Verantwortungsbewusstsein.“

„Wir delegieren die Erfüllung buchstäblich all unserer Bedürfnisse und Wünsche an Spezialisten.“

Pollans Feststellung geht weit über das Kochen hinaus. Unsere Gesellschaft, so der 60-Jährige, weise uns sehr begrenzte Rollen zu. „Wir stellen bei der Arbeit ein bestimmtes Produkt her und konsumieren in der restlichen Zeit eine ganze Menge anderer Produkte, und einmal im Jahr oder so schlüpfen wir in die Rolle des Staatsbürgers und geben eine Stimme ab. Wir delegieren die Erfüllung buchstäblich all unserer Bedürfnisse und Wünsche an Spezialisten der einen oder anderen Art.“ Für unser Essen sei die Industrie zuständig, für unsere Gesundheit Ärzte und die Pharmakonzerne, für unsere Unterhaltung die Medien, für den Naturschutz die Umweltschützer, für Politik die Politiker – und so weiter.

Die Konsequenz: Allmählich könnten wir uns kaum noch vorstellen, etwas selbst zu tun, außer der Arbeit, mit der wir unser Geld verdienen. „Wir glauben, dass wir alles andere verlernt haben oder dass andere es besser können.“ Und genau diese erlernte Hilflosigkeit spiele all den Unternehmen in die Karten, die sich darum reißen, diese Dinge für uns zu erledigen.

Immer mehr neue Apps: Wie ein paar Kilobyte uns manipulieren

Dass uns Services und Technologien die Arbeit erleichtern oder sogar ganz abnehmen, ist also nicht neu – beinahe jede Erfindung der Menschheit und viele Dienstleistungen sind genau darauf ausgelegt. Heute können Menschen die Summe, die sie sparen wollen, einem Algorithmus überlassen, unsere dreckige Wäsche oder das Einparken erledigen Apps und Dienstleister und auch um das Einkaufen oder Pakete verschicken brauchen wir uns längst nicht mehr selbst zu kümmern. Um eine Kerze auszupusten, gibt es die Smartphone-App „Blower“, und wer es leid ist, seinem Freund oder seiner Freundin ständig nette Dinge zu schreiben, kann dafür die „BroApp“ nutzen. Das Startup „Magic“ bietet sogar an, uns jeden Wunsch zu erfüllen – solange er legal, physisch möglich und nicht völlig unrealistisch ist.

Und, um noch einmal auf Pollan und die Zagats zurück zu kommen: So en vogue das Kochen an sich sein mag – nur noch in 50 Prozent der Haushalte gibt es täglich eine selbst gemachte Mahlzeit. Delegieren, Ersetzen, Outsourcen – bis in die privatesten Bereiche des Alltags ist das für uns Alltag.

Der nächste Schritt: Anticipatory Computing

„Ich kann es nicht abwarten, all die Dinge zu vergessen, an die ich mich erinnern soll.“

Diese Tendenz wird sich in den kommenden Jahren noch verstärken. Forscher erwarten, dass sich unsere Arbeitsbelastung innerhalb von 20 Jahren verdoppelt. Die Folgen? „Der Alltag will dann noch besser optimiert werden“, wie Olaf Kolbrück schreibt. „Schon jetzt lernen wir weniger zu schlafen, produktiver zu arbeiten, uns selbst zu optimieren und die Zeit effizienter zu nutzen – und welche Werkzeuge wir dafür kaufen sollen.“ Auf der anderen Seite brauchen wir auch für die klassischen Haushaltstätigkeiten immer weniger Zeit, wie Zahlen aus den USA zeigen: Haben Eltern 1965 noch 36,6 Stunden pro Woche damit verbracht, sind es heute nur noch 27,6. Doch woran erkennen wir, ob neue Apps, Dienstleistungen und Gadgets uns produktiver machen – oder fauler? Wo verläuft die Grenze zwischen einem Service, dank dem wir mehr Zeit haben und einem, dank dem wir Dinge verlernen? Zwischen einem Service, den wir nutzen und einem Service, von dem wir uns abhängig machen? Und woher wissen wir, dass dieser Service – in Anbetracht der hohen Anzahl gescheiterter Startups – morgen noch existiert? Und wenn nicht: Was machen wir dann?

Sorgen Apps wie Washio für mehr Produktivität? Oder für mehr Faulheit? (Screenshot: getwashio.com)
Sorgen Apps wie Washio für mehr Produktivität? Oder für mehr Faulheit? (Screenshot: getwashio.com)

Experten indes sehen schon die nächste Evolutionsstufe auf uns zukommen: Technologie übernimmt nicht nur Aufgaben für uns, sie sagt auch voraus, wann der beste Zeitpunkt dafür ist. „Anticipatory Computing“ heißt das Zauberwort, das seit Jahren schon in Form intelligenter Kühlschränke durch die Medien geistert. „Das Leben ist harte Arbeit,“ schreibt Tomasz Tunguz in seinem Blog. „So viele Dinge, an die ich denken muss, zum Beispiel daran, auf dem Nachhauseweg noch Milch zu besorgen. Unmengen an Software sind schon entwickelt worden, um uns zu helfen, die tägliche Flut an Aufgaben zu bewältigen.“ Es werde Zeit, dass all diese Apps und Dienste sich auch darum kümmern, für uns das Sicherinnern zu übernehmen. „Ich kann es nicht abwarten, all die Dinge zu vergessen, an die ich mich erinnern soll.“

Apps liefern uns mehr Gründe, nicht mehr mit Menschen zu sprechen

Auf den ersten Blick nun ist es kein Problem, wenn wir uns mehr Zeit freischaufeln wollen – Zeit ist ein Luxusgut. Doch in unserer komplexen Wirtschaft, so Michael Pollan – und man möchte hinzufügen: in unserem komplexen Alltag –, bestehe das Problem mit der Arbeitsteilung darin, „dass sie es uns erschwert, die konkreten Auswirkungen unserer täglichen Handlungen und damit unsere Verantwortung für sie zu erkennen“. Und: „Apps liefern uns mehr Gründe, nicht mehr mit Menschen zu sprechen“, sagt Larry Rosen, Professor für Psychologie an der California-State-University. Etliche Services zementierten unsere Obsession für Smartphones und Tablets, die uns sozial isolieren könnten. „Menschen könnten anfangen, Aufgaben outzusourcen, die sie zugunsten ihrer psychologischen Gesundheit lieber selbst tun sollten – solche, die Gespräche von Angesicht zu Angesicht beinhalten. Jemandem zum Geburtstag zu gratulieren zum Beispiel.“

Mich kotzt diese Faulheit an. Es gibt zu viele Apps und Dienstleistungen, die man dem Bereich der Entlastung oder zynisch gesagt auch Entmündigung zurechnen könnte – und zu wenige, die zum Bereich des „Enabling“ gehören. Solche, die es mir ermöglichen, Dinge zu lernen, Dinge selbst zu machen, mir bewusst zu werden, was ich esse, was ich konsumiere, mit was ich mich umgebe – und mit wem. Am Ende ist es unsere Nahrung, es ist unser Geld, es ist unsere Freizeit. Lassen wir uns nicht alles aus der Hand nehmen.

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10 Reaktionen
Ullrich Bemmann
Ullrich Bemmann

Sehr guter Text. Besten Dank dafür! Die sogenannte Produktivität ist eine Chimäre. Ich möchte auch noch lebensfähig sein, wenn der Strom mal ausfällt...

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Benny Lava
Benny Lava

Ich putze trotzdem die Wohnung nicht selber, obwohl ich die Fähigkeit dazu nicht verlernt habe. Es gibt einfach Sachen, die muss man nicht machen.

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Florian Blaschke

Die Grenze verläuft ganz sicher für jeden woanders – und das ist ja auch gut so. In Deinem Fall scheint es aber so zu sein, als wärst Du Dir dessen bewusst, und auch das ist in meinen Augen ein wichtiger Teil der Sache.

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Niklas
Niklas

Meine Beobachtung ist eher, dass Menschen gerne viel, viel Zeit damit verbringen Apps, Dienstleistungen und Gadgets zu suchen und auszuprobieren. Gerne auch hier bei t3n. In Wirklichkeit geht es aber nicht darum mit Hilfe der Apps produktiver zu werden, sondern sie scheuen den Aufwand der zur Erledigung einer Aufgabe notwendig ist und flüchten sich in die Suche nach hilfreichen Apps unter dem Vorwand der Produtivitätssteigerung, um sich selber zu beruhigen. Am Ende haben die meisten schöne neue Apps gefunden und können stundenlang darüber berichten welche Apps es mit welchen Vor- und Nachteilen auf dem Markt gibt. Die eigentliche Aufgabe die zu erledigen ist, erledigen sie aber trotzdem nicht. Das ist es, was mich nervt.

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Florian Blaschke

Geb ich Dir völlig Recht, der Reiz des Ausprobierens und die Hoffnung, die darin steckt, spielen mit Sicherheit eine große Rolle. Wobei in unserem Fall das Berichten darüber ja zum Job gehört – ebenso wie die kritische Auseinandersetzung mit dem wirklichen Nutzern neuer Apps oder Dienste.

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Automaten
Automaten

Wenn man jemandem automatisch zum Geburtstag gratuliert kann man ja dessen Antwort lesen wenn er antwortet. Kommunikation findet also weiter statt. Auch das man weiter feiert und man auswählt wen man einlädt.

Automatisierbare Aufgaben werden halt früher oder später automatisiert. Wieso auch nicht. Bequemer Leben kann auch besser Leben bedeuten.
Und die Schrittzähler und Schlafzeit-Messung dient gesünderem Leben und kommt grade erst in Gang obwohl das Interesse schon ewig bei Fitness-Freunden und Gesundheits-Bewussten existiert aber bisher nur spartanisch per Schrittzählern als (vermutlich teure) Nische bedient wurde.

Früher hat man im Zug Zeitung gelesen jetzt am Handy RSS oder News-Apps/News-Seiten oder halt EBooks und früher halt Groschenromane und Taschenbücher.

Was auch vergessen wird, ist das man viel mehr Informationen oder auch nur Medien konsumiert als früher. Oft nur kleinteilig happ happ aber wenn man alte Zeitungen liest oder am gleichen Tag zwei verschiedene Tageszeitungen erkennt man sofort, das schon damals in der angeblich guten alten Zeit (laut Internet-Ausdruckern, Ausbau-Feinden und volks-vermögens-verschwenderischen Fortschritts-Verhinderern) die Agenturen viele ausländische und innerdeutsche Meldungen lieferten und sich das bis heute auch bei Online-Medien kaum geändert hat. Eigenanteil waren oft nur die Lokal-News und Poltitik-Kommentare im Sinne der politischen Interessen der Herausgeber-Familie. Bei Firmen-Berichten wird aber oft auch nur erzählt was der Chef einem erzählt. PR-Meldungs-Journalismus gabs also auch damals als die Schulden gemacht wurden die wir heute abbezahlen müssen.

Mitarbeiter-Partizipation als Ablenkung von der möglicherweise langweiligen Standard-Arbeit gibts als Projekte auch wohl bei General Electric oder auch bei Google. Früher ging man in Kirchenchor oder Schützenverein. Heute kommuniziert man per Internet.
Das Twitter und andere Referrer-Dienste viele Besucher bringen beweist ja das Kommunikation nicht stirbt. Aus "Weisst Du schon das ..." wird halt "Guck mal hier den Link/das Youtube-Video".

Und das man alles so kleinteilig macht das man gigantische überflüssige Hierarchien hat, ist doch in Diktaturen normal damit der Diktator bzw. seine Minister behaupten können sie hätten nix gewusst und keiner vom Diktatur/Zentralpartei-Wasserkopf zur Verantwortung gezogen wird während der kleine Bürger für Aufmucken gefangen und gehangen wird. Unternehmen die Steuern zahlen und wirtschaftlich sind, sind viel schlanker organisiert. Da fährt im Formel1-Wagen ja auch kein Beifahrer und Navigator mit um weg-optimierbare Pöstchen zu verteilen. Schlank und rank oder faul und krank. Die US-Unternehmen haben sich verschlankt. Hoffentlich mehr in der Verwaltung und weniger bei der produktiven Arbeit. Auch in China steigen die Löhne und somit der Automatisierungs-Druck. Aktuell eher mit einfachen Automaten aber demnächst auch vielleicht immer mehr mit schlaueren Robotern.

In Ländern ohne Verfolgung könnte man auch demokratisierende Apps verbreiten. Leider kenne ich keinen Ort wo das schikanefrei geht.

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Marten_K
Marten_K

Gratuliere ich jemandem zum Geburtstag, dann initiiere ich damit einen Kommunikationsabschnitt. Wenn ich dem Empfänger aber über die formale Beachtung seines Jahrestags keine persönliche Note mitzuteilen haben, dann kann ich es auch gleich bleiben lassen und brauche demjenigen keine Zeit zu stehlen, die er beim Lesen der unpersönlichen Automaten-eMail verschwenden muss. Ist auch eine Art Effizienz (denn Zeit ist Geld, oder wie meinen die schlanken Performer?).

Apropos schlank: so'n Formel 1-Wägelchen ist mainstream-mässig, und dem AutoZeitgeist geschuldeten Hype entsprechend, sehr medienwirksam. Und wird bestaunt, bejubelt, jaja. Aber welchen Pflegeaufwand muss man denn mit wie vielen Mannstunden treiben, um das Gerät eineinhalb Stunden im Kreis fahren lassen zu können? Wie viele Schlaglöcher hält das Teil aus? Drei, zwo, eins? Oder gar keins?

Ein alter VW-Käfer oder eine alte Ente, die nach 30-40 Jahren noch fahrbereit sind, und vom Fahrer selbst repariert werden können, die halten nicht nur ein Rennwochenende aus. Die bringen die Familie zuverlässig zum Besuch bei der Tante, oder helfen beim Umzug, auch wenn mal der Lack verkratzt wird.
Der Nutzen eines Produkts für den Anwender steigt doch mit der Vielseitigkeit. Für den Hersteller oder gar nur: Vermarkter von begrenztem, spezialisiertem HiTech steigt nur der Gewinn. Auf Kosten der Menschen, die dafür einen unverhältnismässig hohen Modepreis zahlen. Und sich noch dazu selbstverschuldet in Abhängigkeit begeben, weil sie ihre Eigenverantwortlichkeit aufgeben.

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E.
E.

So ist es... wir haben es noch weit aus schwieriger, wirklich selbst zu denken. Da braucht es einen neuen Kant-Schrift: Deine! Danke dafür! :)

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E.
E.

...lauschet den Worten Immanuel Kants:
http://lesung.podspot.de/post/immanuel-kant-was-ist-aufklarung/

»Es ist so bequem, unmündig zu sein.
Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat,
einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat,
einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, u.s.w.,
so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen.
Ich habe nicht nötig zu denken,
wenn ich nur bezahlen kann;
andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen.

Sapere aude!

Habe Mut
dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!
ist also der Wahlspruch der Aufklärung. «

Hach der Kant hats schon drauf... :)

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Florian Blaschke

Und dabei hatte der noch gar kein Smartphone! Der MUSSTE wirklich noch selbst denken! ^^

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