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Trotz FinTech-Euphorie: Sobald Geld Grenzen überquert, ist alles wie im letzten Jahrhundert [Kolumne]

Trotz FinTech-Euphorie: Sobald Geld Grenzen überquert, ist alles wie im letzten Jahrhundert [Kolumne]

Seit Jahren gibt es die Hoffnung, dass das Internet zu einer Revolution des Finanzsystems führt. „FinTech“ heißt das Zauberwort. Sobald der Geldfluss Grenzen überschreitet, zeigt sich aber auch heute noch eine massive Fragmentierung, sagt Martin Weigert in seiner Kolumne . Zwei passende Anekdoten aus den USA. Ein Beitrag für die Themenwoche Die .

Trotz FinTech-Euphorie: Sobald Geld Grenzen überquert, ist alles wie im letzten Jahrhundert [Kolumne]

FinTech-Euphorie (Foto: Shutterstock)

Vom Auszahl- zum Einzahl-Automaten in 20 Sekunden

Geld abheben, um es direkt wieder einzuzahlen ist manchmal die einzige Lösung. (Foto: Shutterstock)
Geld abheben, um es direkt wieder einzuzahlen ist manchmal die einzige Lösung. (Foto: Shutterstock)

Einmal pro Monat marschiere ich zu einer der zentralen Straßen in dem 50.000-Seelen-Ort im Umland von San Francisco, in dem ich aktuell wohne, bewaffnet mit zwei Geldkarten. Mit der einen – der Debitkarte meiner europäischen Bank – hebe ich ein paar hundert Dollar vom Geldautomaten der Mechanics Bank ab. Das ist eines der wenigen Finanzinstitute in Kalifornien, das für das Abheben mit Karten von Fremdbanken keine gesonderte Gebühr verlangt. Danach überquere ich die Straße und füttere den Einzahl-Automaten der Wells Fargo Bank mit exakt der gleichen Summe, die ich 30 Sekunden vorher abhob.

Das klingt absurd, ist aber Realität: So zahle ich Monat für Monat meine Miete. Ich wohne bei meiner Freundin, die in den USA studiert und die nur bei einer US-Bank Kundin ist. Obwohl wir das Jahr 2015 schreiben, ist der komische Umweg über das Papiergeld die kostengünstigste aller Varianten, um ihr meine Miete zukommen zu lassen. Jede elektronische Methode zum Transferieren von Geld zwischen Europa und den USA bringt entweder zusätzliche Gebühren, deutlichen Mehraufwand oder eine längere Wartezeit mit sich. Ob PayPal (relativ hohe Gebühren), TransferWise beziehungsweise Azimo (dauert etwas) oder Bitcoin (für Laien kompliziert, Kursschwankungen) – einen Haken hat jede Methode, zumindest bislang noch.

Diese verrückten Schecks

Immerhin, auch wenn es antiquiert anmutet – mein Verfahren funktioniert wenigstens recht simpel. Sehr viel komplizierter wird es, wenn man plötzlich als Europäer im Ausland mit einem Scheck herumhantieren muss. Richtig, ich spreche von den archaischen Zahlungsanweisungen in Papierform, die bei uns nahezu ausgestorben sind. In Nordamerika dagegen stellt der Scheck noch immer eine verbreitete Form des Zahlungsmittels dar. Für die meisten Bürger ist das Scheckbuch ein stetiger Begleiter. Viele zahlen per Scheck ihre Miete und erhalten so auch ihr Gehalt.

Ich kam nun letztens in die eigentlich erfreuliche Situation, dass ich einen Scheck der Fluggesellschaft Air Canada entgegen nehmen konnte. Es ging um eine Kompensation dafür, dass ich in einem Überbuchungsszenario freiwillig auf einen späteren Flug auswich. Das Dumme: Der Betrag kam als Scheck in kanadischen Dollar an meine temporäre US-Adresse.

Viele Europäer mussten vermutlich noch nie einen Scheck ausstellen oder einlösen – das Zahlungsmittel gilt weithin als antiquiert. (Foto: Shutterstock)
Viele Europäer mussten vermutlich noch nie einen Scheck ausstellen oder einlösen – das Zahlungsmittel gilt weithin als antiquiert. (Foto: Shutterstock)

Schnell stellte sich heraus, dass das Geld eine Weile außerhalb meiner Reichweite bleiben würde. Denn bei allen amerikanischen Banken hieß es, dass man für Nicht-Kunden keine Schecks in fremden Währungen und/oder von fremden Finanzinstituten einlösen würde. Da auf dem Scheck mein Name stand, war auch das Einlösen über meine Freundin und ihre Bank keine Option.

Also rief ich aus den USA bei meiner europäischen Bank an und erkundigte mich über die Möglichkeit einer telefonischen Abwicklung des Scheck-Einlösens. Man bemitleidete mich regelrecht (Tenor: „Ja, die Nordamerikaner und ihre Schecks ... Wir stellen die gar nicht mehr aus“). In jedem Fall sei ich gezwungen, persönlich in eine Filiale zu kommen. Für das Einlösen des Schecks falle zudem eine Bearbeitungsgebühr in Höhe von rund 30 Euro an).

Schließlich nahm ich Kontakt mit der Fluggesellschaft auf, die versprach, mir einen neuen Scheck zuzusenden. Mit dem Namen meiner Freundin als Empfängerin.

FinTech-Versprechen bleiben uneingelöst

Beide beschriebenen Erlebnisse stellen spezielle Fälle dar, die nicht repräsentativ für den Durchschnitt der Konsumenten sind. Jedoch existiert ein schier unendliches Spektrum an individuellen Spezialfällen. Alle Menschen, die häufiger reisen, die Geschäfte oder Transaktionen in verschiedenen Ländern tätigen oder deren berufliche oder private Situation Interaktion und Kommunikation über Ländergrenzen hinweg erfordert, werden irgendwann mit einem solchen Fall konfrontiert.

Spätestens dann erkennt man: Das weltweite Finanz- und Geldsystem ist auch heute noch Lichtjahre von dem Zustand entfernt, den FinTech-Firmen und globale Player im Bezahl- und Transaktionsgeschäft uns seit so langer Zeit versprechen.

Es gilt noch einige Hindernisse zu überwinden, damit die Versprechen der FinTech-Firmen Realität werden können. (Foto: <a href="http://www.shutterstock.com/de/pic-92590003/stock-photo-profile-of-a-man-opening-the-door-of-a-safe.html?src=teCoNGQua_PqUhFLbPBrSA-1-6">Shuttersock</a>)
Es gilt noch einige Hindernisse zu überwinden, damit die Versprechen der FinTech-Firmen Realität werden können. (Foto: Shuttersock)

Sicherheits- und Geldwäsche-Gesetze sind dafür ebenso verantwortlich wie die Furcht der Banken vor Bedeutungsverlusten und dem Wegbrechen der lukrative Einnahmequellen darstellenden Bearbeitungsgebühren. Altertümliche technische Systeme sowie eine konservative Haltung vieler Marktteilnehmer tragen auch ihren Teil dazu bei, dass die im Kontext der Digitalisierung so gerne zitierte „Disruption“ beim grenzübergreifenden Geldfluss nur im Schneckentempo vorankommt.

Wir Europäer sind, trotz aller Probleme mit dem Euro, durch den einheitlichen Euro-Zahlungsverkehrsraum (SEPA) schon ziemlich verwöhnt. Global betrachtet ist es bislang noch keinem Digitalakteur und keiner virtuellen Währung gelungen, grenzüberschreitende Geldtransfers so günstig, komfortabel und zeitsparend zu machen, wie es die weiter oben beschriebene Automat-zu-Automat-Transaktion über das Hilfsmittel Papier garantiert. Deutlicher kann es kaum werden: Bis das monetäre System der Globalisierung und weltweiten Vernetzung nachgezogen hat, wird noch sehr viel Zeit vergehen.

Weitere Kolumnen aus „Weigerts World“ findet ihr hier.

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2 Antworten
  1. von Realitäten des Marktes am 17.04.2015 (12:40 Uhr)

    Dasselbe hat man bei Journalismus: Online-Artikel wären das 6-Gänge-Menü mit allen Informationen und Print nur die Fastfood-Version mit 120 Worten oder was so üblich ist. Papier bedrucken und verbreiten ist immer noch anscheinend viel billiger als digitaler Journalismus. Oder Ebooks sind auch teuer obwohl nur digital und dank Gesetzgebung nicht weiter-verkaufbar (aktuelle Urteile diese Woche).
    Dasselbe beschreibst Du für Geld-Transfers.

    Dank EU ist es allerdings viel billiger als früher glaube ich und das Geld kommt innerhalb EU recht zeitnah. Roaming ist ähnlich: Telefonie-Pakete von EPlus müssen ins Netz von D1, D2, Vodafone, AT/T usw. D.h. wieso sollte es unterschiedlich kosten wie es jetzt tut ? Ob das Voice-Paket ins Mallorca-Netz oder England- oder Japan- oder Berlin-Glasfasernetz eingespielt und von dort ins lokale Funkmasten eingespielt wird ist dasselbe wie eine Überweisung von Bank A an Bank B. Die landet bei SWIFT und ob die Empfängerbank auf dem Mars oder in Frankreich oder gegenüber in Deutschland ist, ist irrelevant. Zwei Beteiligte und gerechte also möglichst GLEICHE Kosten interessierte bisher nur mich. Denn es gibt Übergabepunkte und ab da und bis da herrscht jeweils ein Preis im Empfänger-Netz und Sender-Netz (Post, Telefon, Internet, Überweisungen). Sollte es zumindest.
    Wieso stellen sich gewisse Gruppen Automaten-Auszahlungen gegenseitig in Rechnung aber andere Gruppen (Sparkassen unter sich, Cash-Group unter sich,..) verrechnen untereinander kostenlos ? Preisungerechtigkeit interessiert anscheinend wirklich nur mich. Sparkassen sind regional. D.h. ein Deutsche Bank Kunde kostet die doch vermutlich denselben Aufwand wie ein Sparkassen-Kunde aus einem Nachbar-Kreis.

    Nur so Ergänzungen:
    Schecks sind nicht perfekt aber man kann sie scannen (Steuer-Rückerstattung von Obama) und elektronisch einlösen. Weil im Gegensatz zu deutschen Rechnungen QR-Codes drauf sind.
    In Dubai oder den Emiraten bezahlt man die Miete durch zwei Schecks mit jeweils 6 Monaten Mieten drauf. Nach einem halben Jahr wird der zweite Scheck eingelöst und wenn der platzt gehts ab ins Flugzeug zurück nach hause. Mietnomaden gibts dort nicht. (TV-Doku)
    Bei Schecks kann man den Vollzug der Geldübertragung beim Empfänger steuern. Evtl gibts da also etablierte Praktiken die bei Überweisung nicht gehen. Das muss also nicht pauschal schlecht sein. In Dubai gibts keine Steuern. Wo also wollt Ihr lieber wohnen ?
    Bei CNBC die Moderatoren holen am Automaten wegen der Gebühren immer den Höchstbetrag. Da sieht man das der Kapitalismus nicht funktioniert und die Versprechen nicht liefert. Denn dann wären die Gebühren viel billiger.
    Junge Leute wollen elektronisch, ältere Leute stehen gerne in der Schlange an der Bank und reden mit Leuten.
    Es gibt viele Geschäfte (Auto-Händler, PC-Händler,...) wo Bar-Zahlung gängig ist.
    Guck Dir mal Dwolla an. Das solche Infrastrukturen in USA existieren (auf denen Dwolla aufsetzt) wusste ich bis dahin auch nicht. Die hatten wie auch craigslist, Warren Buffet, whatsapp und viele andere gute Startups unter 100 Mitarbeitern.
    Und denk Dran: Die Versprechen gabs schon 2000 unter Rot-Grün/NeuerMarkt. Und die TV-Werbung wo ich glaube Götz George per Handy von unterwegs sein Haus gesteuert hat ist auch nicht viel jünger.

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  2. von Tilo_Hammer am 18.04.2015 (21:19 Uhr)

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