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Interview

„Eine Welle von Revolutionen“: Ex-Paypal-Deutschlandchef Keese über Fintech und Disruption

Der bisherige Paypal-Deutschlandchef Arnulf Keese wechselt zu E.ventures. Und sieht sich genau an der richtigen Stelle für „eine Welle von Revolutionen“. (Foto: Arnulf Keese)

Welche Fintech- und Payment-Trends spielen aktuell eine Rolle, wo finden die nächsten Disruptionen statt – und was ist vom Bitcoin zu halten? Ein t3n-Exklusiv-Interview.

Paypal-Deutschlandchef Arnulf Keese wechselt als Partner zum Hamburger Risikokapitalgeber E.ventures. Wir haben mit dem Brancheninsider über die kommenden Innovationen und Disruptionen in den Bereichen Fintech, Payment, E-Commerce und Internet of Things gesprochen. Wie wir von Disruption zur Anarchie im Bauernhof gekommen sind, könnt ihr hier im exklusiven t3n-Interview nachlesen.

Der seit zwanzig Jahren tätige Risikokapitalgeber E.ventures verwaltet nach eigenen Angaben rund eine Milliarde Kapital und hat gerade frisch einen Fond mit 150 Millionen Euro für Europa aufgelegt. Kapital, das Keese zusammen mit drei weiteren Partnern in ganz Europa investieren möchte. Neben Deutschland, Skandinavien, Großbritannien und Portugal hat E.ventures bisher auch Investments in Israel getätigt.

t3n: Du hast nach vielen Jahren als Deutschlandchef PayPal verlassen und bist auf die Investorenseite gewechselt. Ist es dir bei PayPal zu langweilig geworden?

Arnulf Keese: PayPal gibt's seit über zehn Jahren und ist immer noch total spannend – und ich bin auch weiterhin sehr stolz auf das, was wir aufbauen konnten. Trotzdem habe ich nach zehn Jahren gesagt, ich möchte jetzt für mich selbst das nächste Kapitel schreiben. Ich habe jetzt 10 Jahre lang Payment gemacht, 15 Jahre lang E-Commerce und Payment und insgesamt 20 Jahre lang E-Commerce, Payment und Internet.

t3n: Wie sieht wohl die Zukunft von Paypal aus?

Keese: Es steht mir nicht an, das zu kommentieren. Ich habe mit Leidenschaft zehn Jahre bei Paypal gearbeitet und das habe ich getan, weil ich an das Unternehmen glaube. Weil sich Paypal immer wieder neu aufgestellt hat, um dem nächsten Trend zu folgen und ihn der breiten Masse verfügbar zu machen. Vielleicht ist nicht jedes Projekt gleich von Anfang an bahnbrechend, keine Frage, aber in Summe hat die Gesamtheit der Projekte schon wesentlich den Markt mitgeprägt. Ich mache mir keine Sorgen – die Position, die sich Paypal im Markt erarbeitet hat, die hat Bestand.

t3n: Warum wechselst du ausgerechnet jetzt?

Im Moment haben wir eine Phase erreicht, in der noch einmal eine Welle von Revolutionen ansteht. Die erste Revolution war „Jeder geht online“, dann kam „Jeder macht Content“ gefolgt von „Jeder geht mobil online“. Das hat viel verändert. Und jetzt sehe ich, das einige Bereiche wirklich vor einer Disruption stehen.

t3n: In welchen Bereichen siehst du denn die nächsten Disruptionen anstehen?

Keese: Im Fintech-Bereich wird viel passieren, aber auch im Versicherungsbereich. Das Internet of Things ist ein Thema, das im Moment zwar noch überhypt ist, aber auch hier ist noch eine Menge zu erwarten. Damit können ganz neue Geschäftsfelder entstehen und Wertschöpfungsstufen umverteilt werden. Und genau in dieser Phase auf Investorenseite selber an der Entstehung eines Ökosystems mitarbeiten zu dürfen – auch in einer größeren Markt-Breite jenseits von E-Commerce und Payments –, das fand ich einfach total spannend.

t3n: Wie könnten diese Disruptionen denn konkret aussehen, zum Beispiel im Internet of Things?

Keese: Diese Woche ist beispielsweise das Dash-Programm von Amazon in Deutschland gelauncht worden. Ich glaube jetzt nicht, das jeder für die 5000 Artikel, die er täglich im Haushalt braucht, sich Dash Buttons hinklebt – aber ich sehe da einen ganz spannenden Trend: Im Zweifelsfalle wird es in einigen Bereichen gar kein Interface mehr geben. Und das fordert den ganzen Markt heraus, wenn in Zukunft Zahnpastatuben und Waschmittel per Knopfdruck im Badezimmer und an der Waschmaschine verkauft werden. Dann stellt sich die spannende Frage: Was heißt das für den Handel, für den E-Commerce, für den Werbemarkt? Das ergibt ein komplett neues Paradigma, denn es gibt keine Fläche mehr, die du besetzen kannst, es gibt keine Werbung, die du an der Stelle schalten kannst.

Aber in diesen Dingen, wo das Internet über kleine physische Objekte in unser Leben eindringt, werden wir wahrscheinlich auch auf der Fünf- bis Zehnjahresachse einige sehr spannende Sachen sehen – und Venture Capital wird dabei helfen, die besten Gründer und Ideen nach vorne zu bringen.

t3n: Wenn wir uns bei IoT noch auf einer Fünf- bis Zehnjahresachse befinden, wo erwartest du denn als nächstes eine Disruption?

Keese: Die Industrien befinden sich alle in verschiedenen Reifestufen, aber ich glaube als nächstes werden wir den Bereich Fintech sehen. Auch getrieben durch die kommende Regulation durch PSD2 (Payment Services Directive, der zweite Schritt der EU-weiten Harmonisierung des Zahlungsmarktes, Anmerkung der Redaktion), die ja quasi per Dekret den Bankenmarkt disruptiert.

Warum? Sie zwingt jeden einzelnen Player im Markt dazu, sich offen zu legen – mit APIs für jeden anderen im Markt. Das heißt, damit kann jede heutige Bank interveniert werden von jedem anderen Spieler im Markt. Damit werden die Banken, wie wir sie heute kennen, auf eine Funktion im Backend reduziert. Im Frontend wird die Wertschöpfung neu verteilt. Das wird zu einem Ökosystem führen, in dem auch neue Geschäftsideen auftauchen – vieles davon sehen wir heute einfach noch nicht. Allein welche Möglichkeiten sich ergeben, wenn ich von jedem Start-up, von jeder Bank aus auf alle meine Konten bei allen anderen Banken zugreifen kann.

Es müssen sich aber umgekehrt auch viele neue Player regulieren lassen, zum Beispiel die Betreiber von Marktplätzen. Diejenigen, die das Geld des Kunden anfassen, werden reguliert und damit wird ihr Geschäft komplexer als es heute noch ist. Für andere, die heute das klassische Banking betreiben, wird sehr viel mehr Wettbewerb entstehen. Wir sehen heute bereits an jeder Ecke neue Unternehmen entstehen, die in diesen Markt drängen, wie zum Beispiel Exporo oder Azimo.

Gleichzeitig wird es immer leichter, an dem Geschehen teilzunehmen, weil Unternehmen wie Figo den Zugang sowohl für die Banken aber auch zu den Banken drastisch erleichtern. Wir sehen ja zum Beispiel eine Deutsche Bank mit Figo arbeiten oder Fintech-Startups wie N26, Bonify und viele andere.

t3n: Bei manchen Fintechs scheint ein Monetarisierungsmodell oder Substanz zu fehlen. Es gibt schicke Interfaces oder B2C-Startups die sich in den B2B-Pivot retten. Und Start-ups wie N26, die elementare Banking-Wahrheiten ignorieren. Kein traditioneller Banker hätte hunderte Kunden rausgeschmissen und Bankkonten gekündigt. Wo steckt die sinnvolle Innovation denn?

Keese: Erstens: Wer nicht ausprobiert, macht keine Fehler, aber wer nichts ausprobiert lernt auch nichts. Ich will das nicht in Schutz nehmen, aber du musst auch bereit sein, mal einen Fehler zu machen – Hauptsache, du lernst daraus. Auch wenn das sicherlich kein Paradestück von N26 war: In Summe machen sie deutlich mehr richtig als falsch und das Kundenerlebnis ist besser als bei den allermeisten Banken.

Was das schicke Interface betrifft: Wo finden die Modernisierungen denn aktuell statt? Im Frontend. Zum Beispiel bei Zinspilot, Vaamo, Scalable Capital, Exporo. Das sind alles Beispiele im Anlagebereich, wo jemand ein wirklich revolutionäres Frontend schafft und eine User-Experience, die sich drastisch von bisherigen Banken unterscheidet und im Hintergrund über eine regulierte Bank läuft. Da findet disruptive Modernisierung statt, aber eben nicht alles auf einen Schlag und über Nacht – sondern Use Case für Use Case.

Einige machen nur das Frontend, so wie N26 bisher und andere, beziehungsweise Banken, machen das Backend. Was völlig in Ordnung ist und vielleicht auch in Zukunft so sein wird.

Das wird trotzdem dazu beitragen, dass im B2C-Frontend die Mehrwerte entstehen und die Wertschöpfungsstufe wird umverteilt. Die Abwicklungsbank von N26 oder Vaamo kann zwar Gebühren pro Transaktion verdienen, aber Kundenkontakt, Kundenbindung und Vertriebsmöglichkeiten liegen im Frontend bei einem modernen Anbieter, der die Möglichkeiten der digitalen Welt und der mobilen Endgeräte optimal nutzt und monetarisiert. Und da treiben die Innovationen völlig neue Geschäftsmodelle.

t3n: Disruption erschüttert ja immer einen bestehenden Industriezweig, wie wird sich diese Erschütterung denn im Bereich Fintech bemerkbar machen?

Wir haben 2000 Banken in Deutschland. Das sind wirklich viele. Die meisten Länder haben 5 bis 10 Banken mit jeweils viel höherer Schlagkraft und dank europäischer Regulation wird es immer einfacher werden, Bankdienstleistungen in ganz Europa anzubieten. Ich glaube, dass das den Konsolidierungsdruck gewaltig erhöht. Sollten die bestehenden Banken diese Umwälzung nicht für sich nutzen, werden sie zurückgedrängt auf eine Backendfunktion – und man braucht keine 2000 Backend-Provider.

t3n: Start-ups, die auf Banken als Backend-Provider setzen müssen, um ihre Oberfläche an ein Backend anzudocken, sind da nicht immer glücklich. Paymill ist meiner Meinung nach trotz moderner Onboarding-Prozesse und Wartelisten voller Kunden brutal ausgebremst worden vom Backendpartner.

Keese: Das wird die Verdrängung auslösen. Die nächste Generation der Start-ups, wie Tandem in London oder Solaris in Berlin lässt sich nicht mehr einschränken von den alten Backends, sondern bewirbt sich um eine volle Bank-Lizenzierung und baut sich auf der grünen Wiese eine komplette neue Bank. Die Kooperation mit bestehenden Banken klingt nett, um sich zu Beginn sehr viel Arbeit zu sparen, aber bremst im Laufe der Zeit dann doch zu sehr aus.

t3n: Das wäre also die Perspektive der Startups. Wie sieht der Konsument denn heute die Banken?

Das klassische Bankenmodell wirkt so ein bisschen wie die Warenhäuser, mit denen wir als Kinder aufgewachsen sind. Ein großer Karstadt und da gibt es alles, was man sich vorstellen kann. Der Konsument hat sich mittlerweile verändert und sehr systematisch mehr Tiefe und Vielfalt eingefordert. Die Handelswelt teilt sich jetzt auf in Spezialisten, Boutiquen und vieles mehr.

Eine Bank ist, wenn du so willst, ein Finanzdienstleistungs-Warenhaus. Und wir wissen jetzt ja: Alles aus einer Hand zu bekommen, das ist gar nicht unbedingt sinnvoll. Ich muss nicht alles in einer Bank bekommen. Zumal, wenn der Berater in der Bank mir die Anlageformen auch alle nicht erklären kann – entweder weil es zu kompliziert ist, oder weil Haftungsfragen ihn lähmen und er mir nichts mehr raten darf.

Ich glaube, wir werden eher eine Spezialisierung der verschiedenen Bankbereiche sehen: Dass du deine Auslandszahlung mit einem Azimo machst und deine Anlagen beispielsweise mit einem Exporo. Ich glaube, der Kunde wird sich spezialisieren – einfach weil es sinnvoll ist. Die Kunden, die das nicht wollen, gehen zur klassischen Bank.

t3n: Gibst du uns ein Beispiel für eine sinnvolle Spezialisierung?

Keese: Ein Beispiel wäre Exporo. Dieses Startup bietet Zugang zu einer Anlage-Klasse, die normalerweise als Privatkunde unerreichbar war, weil sie nur exklusiven und wohlhabenden Private-Banking-Kunden angeboten wurde. Das ist so eine Zwischenfinanzierungsgeschichte bei Immobilienentwicklungsprojekten, die haben jetzt mittlerweile 20 Projekte aufgelegt. Wenn du so willst, kannst du sagen, das ist nur „ein Anlagenproduktvermittler“, aber sie haben einen Zugang zu einer Anlage-Klasse geschaffen, den sonst keiner hat.

t3n: Gehen wir mal von Dingen, die der Kunde will, zu Dingen, die der Kunde anscheinend nicht will: Mobile Payment nutzt Deutschland quasi niemand. Hätte Paypal versuchen müssen, das Thema mit mehr Elan durchzudrücken?

Keese: Für das Thema brauchst du mehrere Spieler, die im Takt miteinander musizieren. Du brauchst ein Ökosystem aus Hardware, Zahlungsanbieter und Händlern. Und alle müssen mitspielen, alle müssen etwas wagen und alle brauchen großartige Geräte.

t3n: In Großbritannien klappt das kontaktlose und mobile Bezahlen ja schon ganz gut ... 

Keese: Aber warum klappt es in UK mit dem NFC-basierenden „Tap and Go“ besser? Das hat ganz einfache Gründe: Die Engländer waren immer schon ein Kreditkartenmarkt, die haben aus Risikomanagement-Gründen sehr früh auf das Chip- und Pin-Verfahren umgestellt, dann ist „Tap and Go“ eine wesentliche Verbesserung der Usability. Und deswegen hat sich das Proximity Payment (Bezahlen am POS, Anmerkung der Redaktion) dort wesentlich schneller weiterentwickelt.

Dazu kommt, dass wir Deutschen sehr konservativ sind und neue Dinge nicht so schnell ausprobieren, wie die Kunden in anderen Märkten. Tatsache ist, dass die Deutschen immer noch 78 Prozent ihrer Transaktionen in Cash bezahlen, das sind noch immer 52 Prozent des Volumens. Das ist einzigartig weltweit – und wurde als sicherer propagiert. Dann wird an jeder Ecke darüber gesprochen, das mobile alles unsicherer ist. Das trifft die Kernängste der Deutschen. Ich glaube es wird in Summe in Deutschland länger dauern, als im Rest der entwickelten Welt. Das ist die einfache Antwort. Weil alle ein bisschen weniger wagen möchten.

t3n: Nicht alle Deutschen sind konservativ. Würdest du bei uns arbeiten, könntest du dir einen Teil deines Gehalts samt einem Bonus in Bitcoins auszahlen lassen.

Keese: Echt? Das ist ja cool. Oder sagen wir: innovativ.

t3n: Wie sieht es denn bei dir aus, nutzt du selber Bitcoins privat? Und was hältst du generell vom Bitcoin?

Keese: Bitcoin sehe ich zweigeteilt. Auf der einen Seite ist das eine Währung und meine Bedürfnisse an die Stabilität einer Währung sind sehr sehr hoch – und meine Bereitschaft, Inflationen hinzunehmen, ist sehr gering. Deswegen würde ich mein Gehalt nicht in Bitcoin wollen – oder irgendeiner anderen nicht-inflationssicheren Währung.

Was ich spannend an Bitcoin finde, ist auf der anderen Seite die zugrundeliegende Technologie Blockchain, von der ja Bitcoin nur eine Anwendung ist: Das erinnert mich so ein bisschen an den Laser in den 70ern. Man hatte irgendwas Cooles erfunden und alle fragten sich, was mache ich jetzt damit?

Es befasst sich eine große Community mit dem Thema Blockchain, da passiert gerade einiges. Ich glaube, wir haben das volle Potenzial der Blockchain noch gar nicht erkannt. Es gibt immer mehr laufende Anwendungen. Ich habe Start-ups gesehen, die ihre ganze Buchhaltung über die Blockchain und nicht über ein ERP-System abwickeln. Mit der Blockchain kannst du eigentlich alles verwalten, was ein Asset beinhaltet, das nicht kopiert werden darf. Egal, ob durch das Kopieren etwas durcheinandergerät oder ob es um das Copyright geht. Insofern glaube ich, das wir das Protokoll Blockchain wir noch oft sehen werden. Und wahrscheinlich haben wir noch nicht mal eine Ahnung davon, was uns später mal begeistern wird als Thema.

Beim Thema Bitcoin bin ich, wie gesagt, etwas verhaltener, weil es immer als eine Währung verkauft wird – es ist aber spannend, es kann sich noch entwickeln und der Bitcoin wird noch stabiler werden. Aber ich höre auch relativ viel ideologische Aussagen zum Thema Bitcoin – damit ist man dann schon weiter weg von einem Geschäftsmodell. Das sind Visionen wie: Und dann gibt es keine Zentralbanken mehr und wir sind alle unabhängig. Da ist sehr viel politische Aussage mit drin. Und ich weiß nicht, ob Politik machen und Unternehmen gründen immer eine gute Kombination ist.

t3n: Tatsächlich ist diese Ideologie ja einer der Grundpfeiler des Bitcoins. Wenn man das Manifest des Bitcoin-Erfinders Nakamoto betrachtet, ist eine starke politische Aussage enthalten: Die Unabhängigkeit von den Zentralbanken, von Mittelsmännern, eine Art Demokratisierung der Zahlungsinfrastruktur.

Keese: Ja, aber so schön das auch ist, dann möchte ich bitte schön auch erklärt wissen, wie ein solches System nicht gleichzeitig zum Tummelplatz für Illegalität, Kriminalität und Terrorismus wird. Einfach nur die Sicherheit aus ideologischen Gründen abzuschaffen ist unsinnig. Eine Welt ohne Zentralbanken mag ja von mir aus noch nett sein. Aber wenn gleichzeitig sämtliche Bösewichter der Welt einen freien Finanzmittelzugang haben und damit auch alle Terroristen – das möchte ich mir eigentlich nicht vorstellen.

t3n: Müssen diese ideologischen Vorstellungen deiner Meinung nach über Bord geworfen werden, damit der Bitcoin wirklich „erwachsen“ werden kann?

Keese: Die Idee der Anarchie ist jetzt schon wirklich alt. Es haben sich immer wieder Gruppen gefunden, die die anarchistische Idee total gut fanden, aber es haben sich nie größere Staaten oder Nationen gefunden, die gesagt haben, ich verschreibe mich der Anarchie.

Um den Kunden voranzubringen, ist Disruption total in Ordnung. Die Beliebigkeit von Anarchie und Chaos darf nicht der Preis dafür sein, das wir irgendetwas verbessern. Wir können uns gerne vornehmen, dass bestimmte Gebühren in bestimmten Bereichen des Lebens sinken. Aber die Antwort kann nicht einfach totale Anarchie sein. Eine Anarchie mit Aussteigern auf einem Bauernhof, die sagen, uns reguliert kein Staat, das ist die eine Sache. Aber eine Anarchie, in der sich Terroristen weltweit bewegen und weltweit Schaden anrichten mit Finanzmitteln, das ist noch eine andere Form von Anarchie.

Außerdem glaube ich, ein Geschäft und ein Dogma sollten möglichst wenig mit einander zu tun haben. Das Geschäft folgt einer Rationalität: Dinge, die gut sind, werden mehr genutzt und werden gut funktionieren. Und ein Dogma deklariert etwas, was dann wahr werden muss. Und wenn du einen dogmatisches Start-up gründest und sagst, das ist jetzt einfach so, dann hast du irgendwann mit dem Kunden ein Problem.

Dogmen funktionieren nicht. Du musst den Kunden bedienen. Und wenn der Kunde die Sicherheit haben will, dann musst du die eben auch liefern.

Das Interview führte Jochen G. Fuchs, t3n Ressortleiter E-Commerce.

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4 Reaktionen
Flo (konto-erstellen.de)

@Carsten:

Danke für den Hinweis, musste ich gleich mal prüfen ;-)

Generell:
Nettes Interview mit einigen guten Überlegungen.

Aber Arnulf macht ein paar entscheidende Fehlschlüsse, IMHO:
- er ist Profi, seine "Kollegen" und sein persönliches/privates&berufliches Netzwerk dürfte zum größten Teil ebenfalls aus (Internet/Tech/FinTech/Payment)Profis bestehen

- jemanden ohne diese Perspektive interessiert sowas wie Exporo et. al. nicht; schaut euch bitte mal den üblichen DAU an, den ihr an der Supermarktkasse trefft; das sind meinetwegen Leute mit ca. 40 - 50k Cash auf dem Sparkassen Konto bei 0% Zinsen. So jemand besitzt nicht Affinität und das "Bewusstsein", in solche Produkte zu gehen

- die genannten Portale sind für jemanden aus der Branche (bzw. angrenzend) alle super, ja; aber den Ottonormalo interessiert das nicht, der will sich nicht am Wochenende in sein Konto einloggen; der will keine 10 Accounts bei unterschiedlichen Anbietern. Der Ottonormalo spürt nun mal leider keine sexuelle Erregung, nur weil er das x-te "hippe & innovative FinTech-Crowdfunding"-Gedönsportal im Netz gefunden hat. Der Ottonormale hat keinen Fokus auf Geldanlage, und auch keinen Fokus darauf, ob er irgendwo 1.1% oder nur 1.0% oder nur 0.9% Zinsen erhält.

Wie gesagt, er ist Profi - die meisten Leser hier sind Profis - aber euer Nachbar ist schon kein Profi mehr sondern ist Sachbearbeiter bei OBI und will am Wochenende im Schrebergarten grillen - fragt den mal, was er von Robo-Advisorn/etc. hält, falls er den Term kennt...

Vielleicht mag das in Zukunft anders sein - kann sein - aber solange in Deutschland "finanzieller Analphabetismus" herrscht und mehr als die Hälfte der Leute nicht die Tagesschau-Sprache verstehen, sehe ich schwarz dafür, dass sich jeder ein Konto bei Scalable Capital oder Exporo eröffnet. Sorry, ist so.

Und zum Thema Liquidität bzw. Fungibilität der Assetklassen, die da oben erwähnt werden - ich empfehle das Blog vom Finanzwesir, und dann besser nochmal neu überlegen, ob man in alles, was blinkt und bunt ist, investieren will ;-)

Nobbe
Nobbe

Hallo Flo,
deiner Analyse kann ich so durchaus zustimmen. Ich bin so ein "Finanztechnischer Analphabet" und es ist mir echt wurscht, ob ich 0,1% irgendwo mehr oder weniger bekomme...selbst bei 0,5% gehts mir so. Einfach auch weil bei meinen paar Kröten eh kein großer Unterschied ist, absolut gesehen. Ob ich am Jahresende nun 50,-Eur mehr oder weniger bekomme ist halt echt schnurz :-)

Also warum schreibe ich? Ehrlich gesagt, weil durch deine Terminologie ich mich schon ein wenig "angekratzt" fühle... DAU, finanztechnischer Analphabet usw. hören sich in meinen Ohren wirklich nicht schmeichelhaft an. Auch wenn der Kern ja stimmt... ;-)

Nobbe
Nobbe

Hallo,
obwohl ich keinerlei Fachkenntniss von der Materie habe...im Grunde bin ich völlig Ahnungslos, möchte ich dennoch den einen oder anderen Gedanken dazu loswerden.
Ich wundere mich höufig, dass es offensichtlich als negativ angesehen wird, das in D Bargeld immer nich ein so hohen Stellenwert hat und dass die meisten wohl eher konservativ in Geldangelegenheiten hierzu Lande sind. Man könnte "Konservativ" m.M. auch mit "Vorsichtig" ersetzten.
Hat man nicht genauso vor dem Crash vor ein paar Jahren gegenüber der Ausrichtung der Wirtschaft in D argumentiert (Stivhwort "Old Economy")?
Ich persönlich halte z.B. überhaupt nix davon, wie die schwedische Regierung, das Bargeld ersatzlos zu streichen.
Mein persönliches Fazit: Interessantes Interview (auch wenn ich das wenigste wirklich verstanden habe), aber ich denke wir tun als Gesellschaft und Kunden gut daran, nicht JEDEM Hype hinterher zu rennen und gelegentlich auch einfach mal abzuwarten, gerade weil die Zusammenhönge sehr komplex sind :-)

Carsten
Carsten

Es ist total in Ordnung Werbung für ein Unternehmen zu machen. Wenn ein Mitarbeiter von N26 oder so interviewt wird, kann der geneigte Leser die Aussagen für sich relativieren. Da aber nicht jeder das Portfolio von e.ventures parat hat, wäre es nett zu wissen, dass Azimo und Exporo vielleicht nicht zufällig mehrfach genannt werden.
Ansonsten sehr internstes und informatives Interview.

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