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Firefox OS – Wie Mozilla das Web befreit [Kolumne]

Firefox OS – Wie Mozilla das Web befreit [Kolumne]

unternimmt keinen geringeren Versuch, als die mobile Plattform-Landschaft aufzumischen. Dabei setzt die Stiftung hinter dem Firefox-Browser auf einen komplett anderen Ansatz als Apple mit iOS und Google mit Android. Entwickler, die für Firefox OS schreiben wollen, können auf bekannte Webtechnologien zurückgreifen – also , und JavaScript. Der offene Ansatz von Firefox OS und die Strategie, Menschen außerhalb der westlichen Welt mit dem mobilen Web zu versorgen, sind eine historische Chance für die Tech-Industrie und den gesamten Globus. Die Luca-Analytics-Kolumne von Luca Caracciolo.

Firefox OS – Wie Mozilla das Web befreit [Kolumne]

Seit dem Computing aus dem „Käfig“ der Arbeits- und Desktopwelt ausgebrochen ist und mit Smartphones (fast) überall und jederzeit verfügbar ist, hat sich der menschliche Alltag extrem verändert. Unzählige Dienste sind im Mobile Web entstanden, die die menschliche Kommunikation vereinfachen und erweitern. Dienste, die das Leben einfacher machen und Menschen zusammenbringt, die weltweit verteilt sind. Und wir stehen quasi erst am Anfang: Applikationen, die kontextsensitiv auf unseren Standort reagieren und uns Dinge empfehlen; Software, die unseren Alltag in Sachen Bewegung und Ernährung aufzeichnet und Verbesserungen bezüglich eines gesünderen Lebens empfiehlt; Geräte und Dinge, die wir mit unserem Smartphone steuern können – von allen Teilen der Welt aus.

Diese schöne neue Welt macht Spaß. Fast täglich wird man mit neuen spannenden Ideen, neuen Applikationen und Diensten überrascht. Diese „gelebte“ Zukunft aber ist eine Wohlstandswelt. Der „digitale Wohlstand“, mit dem wir uns täglich umgeben, ist ein Privileg, den viele Menschen nicht teilen – und das ist weltweit gesehen sogar die Mehrheit. Gerade diejenigen, die – wie ich – im Technologie-Bereich arbeiten, leben oftmals in einer Blase. Wenn es darum geht, wann das neue iPhone gekauft werden sollte, weil das nicht mal zwei Jahre „alte“ Gerät bereits hoffnungslos veraltet sei – dann schimmert da etwas von dieser Luxuswelt durch, in der wir leben. Ein Großteil der Weltbevölkerung hat kein Smartphone, vermutlich nicht mal ein Mobiltelefon und schon gar kein mobiles Internet. Das sind die harten Fakten der Realität.

Unter Geeksphone.com können Entwicklerversionen von Firefox-OS-Geräte bestellt werden
Unter Geeksphone.com können Entwicklerversionen von Firefox-OS-Geräten bestellt werden.

Firefox OS: alle Menschen ans Web „anschließen“

Mozilla plant mit Firefox OS nun den ausgeschlossenen Teil der Menschheit ans mobile Internet „anzuschließen“, den digitalen Fortschritt, den das mobile Internet mit sich bringt – weltweit verfügbar zu machen. Um dies zu ermöglichen, setzt Mozilla mit Firefox OS auf eine gänzliche andere Strategie als herkömmliche Anbieter mobiler Plattformen. Anstatt auf den Marktplätzen aufzuschlagen, die ohnehin mit iOS und Android quasi gesättigt sind – also die westlichen Industrienationen – vertreiben sie die ersten Firefox-OS-Geräte in Ländern wie Brasilien, Venezuela und Polen. Schließlich geht es ins keinster Weise darum, Android oder iOS in irgendeiner Weise Konkurrenz zu machen. Es geht darum, möglichst vielen Menschen weltweit den Zugang zum mobilen Web samt entsprechender Dienste und Services zu ermöglichen. Deshalb sind alle Argumente bezüglich einer nicht vorhandenen Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den etablierten mobilen Plattformen einfach obsolet.

„Geld spielt keine Rolle“

Mozilla als Stiftung muss dabei kein Geld verdienen – das ist der große Vorteil, den Mozilla gegenüber Unternehmen wie Apple und Google hat. Natürlich muss sich auch eine Stiftung finanzieren, aber es geht nicht um Wachstum, um Gewinnmaximierung. Hinter dem Engagement von Telekommunikationsunternehmen wie der Deutschen Telekom oder Telefónica bei der von Firefox OS mögen wirtschaftliche Interessen stecken, möchten Sie doch ihre Abhängigkeit von Unternehmen wie Google und Apple langfristig aufbrechen und eine eigene, möglichst offene Plattform etablieren. Spätestens der Tod der SMS dürfte den Providern zu denken gegeben haben und aktuell noch funktionierende Geschäftsmodelle könnten in wenigen Jahren nicht mehr profitabel sein. Aber diese Unterstützung seitens Netzprovidern macht Mozillas Vorhaben nicht schlechter, im Gegenteil: vermutlich ist eine Partnerschaft mit großen Telekommunikationsunternehmen und großen Hardwareproduzenten der einzig gangbare Weg, um das Vorhaben – möglichst viele Menschen mit dem mobile Web zu versorgen – realisieren zu können.

Offene Welt, offene Technologien

Der hehre und offene Anspruch, möglichst vielen Menschen weltweit mit dem mobilen Web zu versorgen, schlägt sich in der Wahl der für Firefox OS eingesetzten Technologie nieder. Anstatt bei der App-Entwicklung auf Programmiersprachen wie Java oder C++ zu setzen, können Webentwickler auf Technologien zurückgreifen, mit denen sie bereits jahrelang arbeiten: HTML5, CSS3 und JavaScript. Das sind die Technologien, die bereits eine Vielzahl von Web-Applikationen antreibt. Und der große Vorteil: Applikationen auf Basis von Webtechnologien sind auf allen Plattformen über den Browser lauffähig.

Aber können Web-Applikationen in Sachen Performance und Funktionsumfang mit nativen Apps mithalten? Ein oftmals in den Raum geworfener Kritikpunkt, der sicherlich nicht ganz unberechtigt ist. Wenn selbst Facebook im vergangenen Jahr etwa seine mobilen Apps auf native Basis gestellt hat und bei ihrer Weiterentwicklung nicht mehr auf Webtechnogien setzen wird, könnte man tatsächlich meinen, die Zukunft von HTML5 und Co. liege einzig in der Darstellung von Websites.

Der Marketplace von Firefox OS: Nutzer können über ihre Telefonrechnung oder über Prepaid-Karten bezahlen, und müssen keine Kreditkarte haben.
Der Marketplace von Firefox OS: Nutzer können über ihre Telefonrechnung oder über Prepaid-Karten bezahlen, und müssen keine Kreditkarte haben.

Es ist wohl kein Geheimnis, das eine nativ programmierte App, die speziell für ein Gerät entwickelt wurde, in Sachen Performance solchen Applikationen, die auf mehreren Plattformen laufen, meist überlegen ist. Nicht zuletzt deshalb fährt Apple diesen harten Kurs bei seiner iOS-Plattform und hält Software und Hardware dermaßen stark unter Kontrolle. Was aber in dieser Diskussion nicht vergessen werden darf: Mozilla hat Web-APIs entwickelt, die es mit JavaScript ermöglichen, direkt auf Hardware-Komponenten zuzugreifen – beispielsweise lässt sich der Ladestand des Akkus auslesen oder auf den Grafikchip zugreifen. Dies war mit Webtechnologien bisher so nicht möglich. Und in der Tat berichten Entwickler, die sich ein Firefox-OS-Entwickler-Gerät besorgt haben, über eine relativ gute Performance der Applikationen unter Firefox OS. Selbst wenn Firefox OS also der erhoffte Durchbruch nicht gelingen sollte, entstehen dennoch im Umfeld der Firefox-OS-Entwicklung Web-APIs für Mobilgeräte, die für alle Webentwickler nutzbar sind.

Offene Systeme haben auch den enormen Vorteil, dass ihre Elemente besser miteinander „sprechen“ können. Was eher geschlossene Systeme wie iOS in dieser Hinsicht an Konnektivitätsgrad erreichen, ist ernüchternd: noch heute ist es ungemein schwierig, Daten zwischen Apps auf iOS auszutauschen. Die verhältnismäßig gute Anbindung an populäre Dienste wie Dropbox ist eher die Ausnahme. Bei Firefox OS kommen die Web Activities in Spiel: Mittels dieser Web-API können Apps „signalisieren“, dass sie spezielle Aktionen und Abläufe anderer Apps verarbeiten können, beispielsweise einen Phone Call initiieren oder eine SMS versenden. Diese Technologie steht zwar noch am Anfang, bringt perspektivisch jedoch ein enormes Potenzial mit sich, wenn sie in einer offenen Umgebung agieren kann.

Historische Chance

Eine offene Plattform, die es Webentwicklern ermöglicht, mit bereits bestehenden, oftmals genutzten und offenen Webtechnologien das Web ins mobile Zeitalter zu führen: Diese Chance ist viel zu kostbar, als dass wir sie einfach verstreichen lassen. Das Web ist so groß geworden, weil es von Beginn an offen angelegt war. Was wäre aus dem Internet geworden, wenn es beispielsweise nicht von Beginn an Verlinkungen gegeben hätte. Konnektivität ist das Lebenselexier des Netzes, doch bewegen wir uns momentan in eine Richtung, in der Großkonzerne „Walled Gardens“ errichten, in denen Nutzer sich in klar abgegrenzten Bereich bewegen.

Facebook, Google, Apple, Amazon: diese Unternehmen decken wichtige Bereiche und Nutzerbedürfnisse des Netzes ab – diese Unternehmen sind aber nicht das Web. Wir brauchen eine offene Plattform im mobilen Bereich, eine offene Infrastruktur für das mobile App-Ökosystem, die nicht von einem Großkonzern betrieben wird – nur so kann die für das Netz so wichtige Offenheit garantiert werden. Und nur so lässt sich ein weltweiter Vertrieb der Technologie in Form von mobiler Hardware unabhängig von wirtschaftlichen Interessen gewährleisten.  Die Infrastruktur – das Web – ist bereits da. Jetzt wird es Zeit, sie mobil zu machen – für alle, mit Mozilla an der Speerspitze.

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4 Antworten
  1. von Christian am 05.06.2013 (15:25 Uhr)

    "Wenn es darum geht, wann das neue iPhone gekauft werden sollte, weil das nicht mal zwei Jahre „alte“ Gerät bereits hoffnungslos veraltet sei – dann schimmert da etwas von dieser Luxuswelt durch, in der wir leben. Ein Großteil der Weltbevölkerung hat kein Smartphone, vermutlich nicht mal ein Mobiltelefon und schon gar kein mobiles Internet. Das sind die harten Fakten der Realität."

    Dieser Absatz hat mich ehrlich gesagt überrascht. Gut das man nicht alleine so denkt!
    Aber das Firefox alle Menschen ans Netzt bringen will (durch ein OS) macht nicht wirklich Sinn, wenn es schon am mobilen Netz und Smartphones mangelt.

    PS: Was passiert eigentlich mit den ganzen "alten" Smartphone Modellen? Bei der Veröffentlichungswut der Hersteller, müssten doch alle paar Monate zig Smartphones in irgendwelchen Lagerhallen vergammeln, oder?

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  2. von Philip am 06.06.2013 (09:01 Uhr)

    Also ich sehe die Zukunft in HTML5 & CSS3. Ich denke in ein paar Jahren wird es auf mobilen Geräten nur hybride Apps geben, zumindest hoffe ich das. Wir setzen bei uns in der Firma seit längerem auf hybride Apps und das läuft sehr gut! Das Beispiel mit Facebook ist so eine Sache, beispielsweise Fastbook von Sencha wiederlegt die Annahme HTML5 wäre nicht performant genug für solch eine App....

    http://www.sencha.com/blog/the-making-of-fastbook-an-html5-love-story

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  3. von j.tr3icio am 06.06.2013 (11:40 Uhr)

    Ich mag Mozilla zwar persönlich, aber eine Chance die Konkurrenz nur im geringsten einzuholen sehe ich da nicht. Mozilla hat zwar in letzter Zeit viel gelernt (ein gutes Beispiel ist SpiderMonkey), aber die Konkurrenz hat auch nie geschlafen. Alleine wenn ich sehe, dass Firefox OS auf Gecko basieren soll wird mir schon schlecht. Vergleicht man Gecko mit WebKit/Blink merkt man wovon ich rede. Und selbst mit OdinMonkey, etc. holen die das nicht mehr raus. Jetzt auch noch eine neue Rendering Engine zu schreiben, in einer selbst entwickelten Sprache, wird da auch nicht mehr viel ändern, fürchte ich.

    Selbst wenn Mozilla dadurch irgendwie eine ernst zunehmende Konkurrenz für z.B. Google wäre, dann würde Google einfach selbst Web Apps in Android einbauen (was über Google Chrome ziemlich simple wäre) und hätte dann auch die selben Möglichkeiten wie Mozilla, mit dem Unterschied, dass Google mit Blink eine schneller Rendering Engine und mit Dart und V8 schnellere VMs hätte.

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  4. von Gulger am 11.06.2013 (16:57 Uhr)

    Hi Techies, die Nutzerwelt interessiert sich nicht so sehr für eure V8, Blink, Spider Monkey und sonsitigen Engines, und auch die letzten Prozente an Geschwindigkeit sind eher Nebensache. Das angepeilte Nutzersegment will ein schön aussehendes normales Smartphone, und fertig.

    Wer in den Billigflieger steigt würde auch nicht meckern dass er keine 5 Sterne-Behandlung bekommt.

    Wozu vergleicht ihr also das Firefox OS mit euren behämmerten, datenschutzmässig miserablen, von amerikanischer Konzern-PR nur so triefenden Quasi-Monopolistensystemen. Nochmal... die letzten prozente an technik sind egal wenn das Nutzerszenario stimmt.

    ihr seid einfach nicht die Zielgruppe, merkt ihr was?

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