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Flickr-Gemeinschaft im Zwiespalt: Yahoo verkauft Bilder mit Creative-Commons-Lizenz

Flickr-Gemeinschaft im Zwiespalt: Yahoo verkauft Bilder mit Creative-Commons-Lizenz

verkauft neuerdings große Leinwände mit Fotos von Flickr-Nutzern, die unter einer Creative-Commons-Lizens laufen. Creative-Commons bestätigt, dass Yahoo sich im gesetzlichen Rahmen bewegt. Viele Flickr-Nutzer verurteilen das Vorgehen jedoch.

Flickr-Gemeinschaft im Zwiespalt: Yahoo verkauft Bilder mit Creative-Commons-Lizenz

(Foto: poolie / flickr.com, Lizenz: CC-BY)

Etwa zweimal die Woche fragt jemand Liz West, ob er eines der fast 12.000 Fotos verwenden darf, die sie in den vergangenen zehn Jahren auf der Bilderplattform veröffentlicht hat. Normalerweise hat die Amateurfotografin nichts dagegen. Eine Frau aus England machte aus ihren Blumenbildern Grußkarten und schickte ihr 100 Stück als Dank. Der Ofen- und Kaminhersteller Vermont Castings baute eines ihrer Fotos auf der eigenen Webseite ein und schickte ihr einen kleinen Ofen als Geschenk.

„Jemand anderes verkauft meine Bilder, die ich kostenlos weggebe“

Über eine Sache ist West jedoch gar nicht glücklich. Und das ist, was Yahoo neuerdings macht, der Eigentümer von Flickr. Das Unternehmen produziert jetzt große Leinwände mit Fotos von West und anderen Fotografen, die ihre Werke auf Flickr veröffentlicht haben, und verkauft sie für 49 US-Dollar das Stück, umgerechnet knapp 40 Euro. Den Gewinn behält der Konzern komplett für sich. „Es hat mich schon sehr geärgert, dass jemand anderes meine Bilder verkauft, die ich kostenlos weggebe“, sagt West, eine pensionierte Autorin aus Boxborough, Massachusetts, die auf Flickr unter dem Namen „Muffet“ unterwegs ist.

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Von Liz West hochgeladene Fotos auf Flickr. Die pensionierte Autorin ist eine der Künstlerinnen, deren Bilder Yahoo verkaufen will. (Foto: Liz West/Flickr)

West gehört zu den Millionen von Menschen, die unter den „Creative Commons“ Bilder einstellen. Dahinter verbirgt sich eine Online-Vorratskammer von Bildern und Texten, die mit Erlaubnis der Urheber geteilt und weiterverwendet werden dürfen. Kostenlos – unter ein paar Voraussetzungen. So können die Künstler zum Beispiel angeben, ob ihre Werke für kommerzielle Zwecke verwendet werden dürfen oder nicht. Und sie können angeben, dass sie in angemessener Weise genannt werden, wenn ein Text oder ein Foto von ihnen anderweitig zum Einsatz kommt.

Mehr als 300 Millionen öffentlich geteilte Flickr-Bilder setzen auf Creative-Commons-Lizenzen. Damit ist die Plattform der größte Inhalte-Partner. Vergangene Woche kündigte Yahoo nun an, Abdrucke von 50 Millionen Bildern verkaufen zu wollen, die auf diese Art und Weise lizenziert sind. Darüber hinaus soll eine ungenannte Nummer von handverlesenen Flickr-Bildern in die Auswahl einfließen. Von diesen Fotos will das Unternehmen 51 Prozent der Erlöse an die Urheber weitergeben. Bei den Creative-Commons-Bildern bleiben jedoch alle Erträge bei Yahoo.

„Es sieht nicht so aus als würde Yahoo etwas falsch machen“

Der Internet-Konzern hat mitgeteilt, dass er sich an die Creative Commons hält und nur Fotos verkauft, bei denen einer kommerziellen Nutzung zugestimmt wurde. Diese Lizenzen „wurden genau für diesen Anwendungsfall entwickelt“, schreibt Bernardo Hernandez, Vice President von Flickr, in einer E-Mail. Mit jedem Leinwanddruck wird auch ein kleiner Aufkleber verschickt, auf dem der Name des Künstlers steht.

Ein Sprecher von Creative Commons, einer nichtkommerziellen Gruppe, die 2001 gegründet wurde, bestätigte, dass Yahoo nicht gegen die Lizenzen verstößt. Rechtlich „sieht es nicht so aus, als würde Flickr etwas falsch machen“, sagt Corynne McSherry, bei der Electronic Frontier Foundation für geistiges Eigentum verantwortlich. Einige Fotografen, die ihre Bilder auf Flickr zur Verfügung gestellt haben, sind trotzdem enttäuscht. Neben West haben auch andere Künstler ihren Unmut über den jüngsten Schritt geäußert, mit dem Yahoo erneut versucht, Geld mit Flickr-Werken auf Kosten der Fotografen-Gemeinschaft zu verdienen.

Yahoos Plan, die Bilder zu verkaufen, ist „ein wenig kurzsichtig“, sagt Flickr-Mitgründer Stewart Butterfield, der das Unternehmen 2008 verlassen hat. „Es ist nur schwer vorstellbar, dass die Erlöse aus dem Verkauf den Vertrauensverlust aufwiegen, der dadurch entsteht.“

Beim Vorgehen von Yahoo scheiden sich die Geister

Das Wall Street Journal hat 14 Fotografen angeschrieben, die Bilder unter der Creative-Commons-Lizenz auf Flickr anbieten. Acht von ihnen haben gesagt, dass sie nichts gegen den Schritt von Yahoo haben und glücklich darüber seien, dass ihre Arbeit noch auf andere Art und Weise gewürdigt wird. „Jeder Amateurfotograf würde sich darüber freuen, wenn seine Werke an Wänden überall auf der Welt hängen“, schrieb Andreas Overland, ein Flickr-Nutzer aus Oslo in einer E-Mail. Sechs Personen sprachen sich gegen die Verkaufspläne aus.

„Als ich die Creative Commons akzeptiert habe, bin ich davon ausgegangen, dass meine Bilder in Artikeln und anders verwendet werden können, um sie der Öffentlichkeit zu zeigen“, schrieb Nelson Lourenço, ein Fotograf aus Lissabon, in einer E-Mail. Dass Yahoo „meine Arbeit verkauft und alles Geld behält, war eine Überraschung“, erklärte er.

„Yahoos Entscheidung, die Bilder zu verkaufen, ist aus unserer Sicht moralisch verwerflich"

500px ist ein Flickr-Wettbewerber. Die Plattform hilft Fotografen dabei, digitale Kopien ihrer Werke zu verkaufen und bis zu 70 Prozent der Erlöse zu behalten. Lediglich etwa 100.000 der rund 50 Millionen Bilder auf der Seite laufen unter Creative-Commons-Lizenz. Diese werden von 500px nicht verkauft. Jewgeni Tschebotarew, ein Mitgründer der Seite, erklärte, dass Yahoos Entscheidung, die Bilder zu verkaufen, die Interessen der Nutzer verletze. Auch wenn es rechtlich in Ordnung sei, „ist es aus unserer Sicht moralisch verwerflich“, sagte Tschebotarew.

Auf Deviant Art gibt es mehr als 50 Millionen Bilder unter Creative-Commons-Lizenz. Die Künstler bekommen einen Teil der Erlöse durch den Verkauf von Postern ab. Firmenchef Angelo Sotira sagte, dass Yahoos Schritt „einen Mangel an Respekt“ zeige und der Idee einer öffentlichen Verbreitung im Internet einen Bärendienst erweise.

Der Großteil der Bilder auf Facebook und Instagram fällt nicht unter die Creative Commons. Instagram-Eigentümer Facebook hat bislang auch keine Bemühungen unternommen, die Bilder auf der weltweit größten Foto-Sharing-Plattform zu verkaufen.

Fotografin Liz West (Foto: Liz West)
Fotografin Liz West (Foto: Liz West)

Als Antwort auf die Entscheidung von Yahoo, einige der Bilder zu verkaufen, haben West und zwei andere Flickr-Fotografen ihre Creative-Commons-Lizenzen von einigen oder allen ihren Online-Bildern entfernt, damit das Unternehmen sie nicht verkaufen kann. Eine andere Lösung gibt es nicht, erklärte eine Yahoo-Sprecherin.

Yahoo hatte Flickr 2004 für fast 25 Millionen Dollar übernommen. Seit damals gab es immer wieder große Veränderungen an der Plattform, die von den Nutzern zum Teil lautstark kritisiert wurden. Fünf Yahoo-Chefs kamen und gingen in sieben Jahren. Als Marissa Mayer 2012 das Ruder übernahm, stellte ein anonymer Nutzer eine Webseite mit der URL dearmarissamayer.com online und forderte von ihr „Flickr wieder großartig zu machen“.

Die Versuche von Mayer, Flickr wiederzubeleben, haben jedoch einige langjährige Mitglieder verärgert. Als sie 2013 allen Nutzern ein Terabyte an freiem Datenspeicher anbot, wurde der Flickr-Pro-Account für 25 Dollar im Jahr für unbegrenzten Speicherplatz abgeschafft. Dieser erfreute sich jedoch unter eingefleischten Mitgliedern großer Beliebtheit.

„Ich habe so viel in Flickr investiert, ich kann nicht einfach woanders hingehen“

In diesem Jahr begann das Unternehmen dann, Werbung in Fotogalerien anzuzeigen – zumindest bei Besuchern, die nicht eingeloggt waren. Devon Adams, ein Hochschullehrer für Fotografie aus Gilbert, Arizona, nannte die Anzeigen einen „misstönenden“ Eingriff in die Seite. Adams ist einer der Nutzer, die sauer auf Yahoo sind, weil es ihre unter Creative Commons lizenzierten Bilder verkaufen will.

Allerdings hat Adams bereits 58.000 Fotos auf Flickr hochgeladen. Darum ist er gewissermaßen gefangen. „Ich habe so viel in Flickr investiert, ich kann nicht einfach woanders hingehen“, sagt er.

Von Douglas MacMillan

Ursprünglich publiziert bei wsj.de.

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9 Antworten
  1. von Alex am 26.11.2014 (10:53 Uhr)

    Wer die Lizenz, unter die er seine Bilder stellt, nicht liest, ist selbst schuld. Hier von einer Überraschung zu reden, ist ein Zeichen für die Dummheit des Users, nicht für die Dreistigkeit von Yahoo!.

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    • von stoltenberg am 26.11.2014 (12:24 Uhr)

      Ach herrlich, diese neoliberale Toleranz: Der dumme User ist selbst schuld, wenn er sich nicht durch die AGB wühlt und clevere Unternehmen legitime »Möglichkeiten« ausschöpfen …

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      • von Tom am 26.11.2014 (12:39 Uhr)

        Das hat erstmal wenig mit neoliberal zu tun. Lizenz besteht aus wenigen Sätzen und die kann man recht leicht einstellen vorausgesetzt man liest wenigstens die.
        Dass die AGB bei diesen Unternehmen für den Eimer sind steht da gar nicht zur Diskussion.
        Schlimmer fand ich da eher Google, die haben ungefragt tonnenweise Fotos einfach auf Google Maps veröffentlicht oder verknüpfen Fotos ohne GPS Daten ungefragt mit dem Standortverlauf eines Androiden.

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  2. von Alex am 26.11.2014 (12:39 Uhr)

    Was du "neoliberale Toleranz" nennst, ist ganz normales Vertragsrecht. Wer unter einer Lizenz, die er *selbst* wählt, Bilder bei einem anderen Anbieter hochlädt, schließt mit diesem Unternehmen einen Vertrag ab, und zwar - wie schon erwähnt - zu *selbst gewählten* Bedingungen. Wenn man sich vor Vertragsabschluss nicht genau über die Vertragsbedingungen informiert, ist der Vertragspartner nicht dafür verantwortlich, wenn eine vertragsgemäße Handlung seinerseits für die andere Seite augrund dieses Versäumnisses überraschend kommt. Diese "neoliberale Toleranz", wie du es nennst, würde jedes deutsche Gericht, vor dem du dagegen klagen würdest, an den Tag legen, weil es dir schlicht das Versäumnis, den Vertrag, den du abschließt, nicht gelesen zu haben, ankreiden würde.

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    • von robertobottoni am 26.11.2014 (13:01 Uhr)

      Neoliberal oder nicht, juristisch gedeckelt oder nicht. Am Ende ist das einzig konsequente Handeln sich von Mainstream-Diensten zu verabschieden. Was im Netz und auch bei übrigen Konsumgewohnheiten immer wieder vergessen wird ist, dass es der Nutzer oder Kunde selbst in der Hand hat.

      Nutzt einfach eure Macht und lasst euch nicht ausbeuten, denn was alledem gemein ist ist, dass immer zwei zur Ausbeutung gehören und niemand willfähriges Opfer sein muss.

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    • von Insomnia88 am 26.11.2014 (13:29 Uhr)

      Ganz so einfach ist es auch nicht, Alex. Ohne jetzt tiefer in die Materie zu gehen, frage ich dich einfach mal wozu es denn DEN "Verbraucherschutz" existiert. Wenn du die Antwort auf die Frage kennst, weißt du auch, wo das Problem liegt. In dem Fall sind die Lizenzen jetzt wirklich nicht das große Thema aber bei AGB etc. sieht das schon anders aus.

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  3. von Alex am 26.11.2014 (13:41 Uhr)

    Si tacuisses, Insomnia88. Die User sind hier eben *keine* Verbraucher. Sie sind Vertragspartner von Yahoo! und stellen mit er Lizenz Yahoo! ihre Bilder zur Verfügung. Es geht hier eben auch *nicht* um die AGB von Yahoo!, sondern um Lizenztexte, deren Inhalt zumindest in der vereinfachten Form relativ einfach verständlich ist. Und da steht explizit drin, dass bei dieser Lizenz der Lizenzgeber dem Lizenznehmer erlaubt, die Bilder unter den genannten Bedingungen kommerziell zu nutzen. Warum das ein Fall für den Verbraucherschutz sein soll, erschließt sich mir nicht.

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  4. von Erich am 26.11.2014 (14:36 Uhr)

    In diesem Artikel wird gröblich vereinfacht von der Creative Commons Lizenz gesprochen; tatsächlich ist CC aber eine Familie von Lizenzen, die es dem Urheber erlauben, genau festzulegen, was mit seinen Werken geschehen darf: Bearbeiten des Werkes "Ja"/"Ja, solange andere unter denselben Bedingungen weitergeben"/"Nein", Kommerzielle Nutzung "Ja"/"Nein".

    Wenn ein Fotograf seine Bilder bei Flickr einstellt und die kommerzielle Nutzung erlaubt, dann muss er sich wohl oder übel damit abfinden, dass auch tatsächlich eine kommerzielle Nutzung stattfinden könnte - ja damit ist auch der Verkauf gemeint. Jeder andere könnte das gleiche ebenfalls machen - die Bilder von Flickr runterladen, ausdrucken, verkaufen. Der Urheber hat das explizit erlaubt!

    Wenn man das nicht will, muss man eben eine andere Lizenz wählen.

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  5. von Hank am 27.11.2014 (11:48 Uhr)

    Eine einfachere Zusammenfassung der Bedingungen in mehrere Sprachen als bei CC gibt es kaum. Meiner Meinung schaden die jetzt weinenden User der Creative Commons Lizenz erheblich mehr als Yahoo. Wenn ich meine Bilder unter eine sehr offene Lizenz stelle und ausdrücklick kommerzielle Nutzung erlaube, darf dann nicht weinen, wenn wirklich jemand damit Geld verdient. Entweder ich habe ein Interesse an der Verbreitung meiner Bilder unter meinem Namen oder nicht. Wer die Bedingungen liest, kann weiterhin lesen, dass man die CC Lizenz nicht widerrufen kann, sondern nur für die Zukunft nicht mehr anbietet. Ich sehe hier aber schon wieder von Neid geplagte User, die Blogs und Webseiten abmahnen, die dann revisionssicher nachweisen müssen, dass die Bilder auf flickr zu einem früheren Datum unter CC-BY standen. Entweder Ihr steht hinter CC oder lasst es bleiben und schmückt Euch dann auch nicht damit.

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