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Digitales Leben

Protonet und die Free-Your-Data-Kampagne: „Wir fordern eine Realtime-API zu unseren Daten“ [Interview]

    Protonet und die Free-Your-Data-Kampagne: „Wir fordern eine Realtime-API zu unseren Daten“ [Interview]

Ali Jelveh im Interview. (Foto: Protonet)

Vergangene Woche hat Protonet die „Free-Your-Data“-Kampagne gestartet, mit der das Unternehmen Einfluss auf die Gesetzgebung nehmen und Internet-Unternehmen zu mehr Transparenz verpflichten will. Wir haben Gründer Ali Jelveh dazu ein paar Fragen gestellt.

100 Prozent verfolgt, 100 Prozent verkauft: „Free Your Data“-Kampagne wirbt für Transparenz-Gesetz. (Screenshot: FreeYourData.org)
100 Prozent verfolgt, 100 Prozent verkauft: Die „Free-Your-Data“-Kampagne wirbt für ein Transparenz-Gesetz. (Screenshot: FreeYourData.org)

t3n.de: Erst habt ihr euren Protonet-Server veröffentlicht, der Nutzern helfen soll, den Angeboten der großen Silicon-Valley-Konzerne auszuweichen und jetzt wollt ihr sogar einen Gesetzesentwurf auf EU-Ebene ins Visier nehmen, der eben jene Unternehmen zu mehr Transparenz verpflichtet. Warum dieser Konfrontationskurs gegen die Großen?

Ali Jelveh: Konfrontationskurs ist eine interessante Wortwahl. Wir haben Protonet aus einem Grund ins Leben gerufen: Um Menschen in diesem digitalen Zeitalter mehr Unabhängigkeit zu ermöglichen. Doch Unabhängigkeit und Selbstbestimmung sind ein gesellschaftliches Thema. Tools und Werkzeuge, wie wir sie schaffen, können da nur bedingt ihre Wirkung entfalten.

Die Welt entwickelt sich heute in einem derart rasanten Tempo, dass viele von uns kein Gefühl mehr dafür haben, wie sie sich ihre Zukunft vorstellen. Wie soll die digitale Welt von morgen aussehen? Während wir uns selbst noch mit grundlegenden Fragen beschäftigen, wie „Was sind Daten überhaupt?“, überschlagen sich die technologischen Neuerungen ja förmlich.

Klar ist: Wenn wir nicht anfangen, uns eine eigene Zukunft zu gestalten, werden es andere tun. Aktuell gibt es zwei Ansätze: den deutschen Weg, der noch höhere Mauern mit noch mehr Datenschutz und Datensparsamkeit aufbauen will und den amerikanischen Weg, der genau entgegengesetzt wirkt. Ich glaube aber, es gibt noch einen dritten, einen Mittelweg – einen europäischen Weg. Und als Unternehmen mit politischer DNA fragt man sich natürlich: Wo wollen wir unsere Ressourcen reinstecken? Was macht den größten, nachhaltigen Unterschied?

t3n.de: Um diesen dritten Weg nach vorne zu bringen, habt ihr jetzt die „Free-Your-Data“-Kampagne ins Leben gerufen, die zu mehr Transparenz beitragen soll. Was fordert ihr konkret?

Ali Jelveh: „Wenn wir nicht anfangen uns eine eigene Zukunft zu gestalten, werden es andere tun.“ (Bild: Protonet)
Ali Jelveh: „Wenn wir nicht anfangen uns eine eigene Zukunft zu gestalten, werden es andere tun.“ (Foto: Protonet)

Jelveh: Die Forderung ist sehr einfach: Ich will wissen, was große Unternehmen über mich wissen – auf eine zeitgemäße Art und Weise.

t3n.de: Und wie sieht die aus?

Jelveh: Wir fordern eine Gesetzesänderung: die Einführung des „European Data Sovereignty Act“, der vorsieht, dass jedes Unternehmen mit mehr als einer Million wiederkehrenden Nutzern alle die mit ihm verbundenen Daten kostenlos, ohne Verzögerung und in einem maschinenlesbaren Format zur Verfügung stellen muss.

Was zugegeben etwas sperrig klingt, bedeutet nichts anderes, als dass die großen Companies mir eine Realtime-API zu meinen Daten zur Verfügung stellen müssen. Nur mit dieser Schnittstelle kann ich überhaupt ein Gefühl dafür bekommen, welchen digitalen Fußabdruck ich in dieser Welt hinterlasse. Sie gibt mir meine Datenhoheit zurück, denn ich kann entscheiden, ob ich meine Daten weiterverarbeiten, analysieren oder sogar selbst verkaufen will.

Ein Beispiel: Ich rufe wie viele andere Menschen bei der O2-Hotline an und spreche mit der Kundenberaterin. Im Hintergrund höre ich das Tippen auf der Tastatur und weiß ganz genau, dass da jemand meinen Datensatz aufruft. Nur: Was steht da eigentlich alles über mich drin? Mit dem neuen Gesetz wüsste ich es sofort, noch während ich da anrufe, weil ich mit reinschauen kann.

Die von uns geforderte Transparenz führt dazu, dass ich als gut informierter Bürger und Verbraucher viel bessere Entscheidungen treffen kann. Beispielsweise auch, ob ich bei meinem Mobilfunk-Provider bleiben will?

t3n.de: Im ersten Schritt habt ihr es darauf angelegt, die Intransparenz der kommerziellen Nutzung von Daten aufzuzeigen. Dabei soll euch vor allem auch die Crowd helfen. Wie groß ist ihre Bedeutung in dieser Sache?

„Free Your Data“-Kampagnen-Poster.
„Free-Your-Data“-Kampagnen-Poster.

Jelveh: Die Crowd ist ja erst mal nur ein moderner Begriff für uns Bürger. Uns ist bewusst, dass unsere Gesetzesforderung zugleich eine gesellschaftliche Forderung ist und deshalb darf es keinen Alleingang geben. Ich hoffe, wir schaffen es, eine breite Bevölkerungsschicht von unserem Anliegen zu überzeugen und für unser Ziel zu begeistern, denn nur mit Unterstützung der Crowd können wir eine Veränderung herbeiführen.

Im Unterschied zu Crowdfunding-Kampagne, die zu einem festgesetzten Zeitpunkt endet, wird „Free Your Data“ uns länger beschäftigen. Sie wird für uns erst dann enden, wenn das Gesetz den Parlamenten vorgelegt wird. Es gibt also keinen schnellen Big Bang wie beim Crowdfunding, sondern alles wird ein steter Prozess sein.

t3n.de: Ihr sprecht von einem mehrstufigen Programm. Wie sieht das aus?

Jelveh: Damit bei einem derart komplexen und abstrakten Thema alles funktioniert, mussten wir uns für diese Kampagne eine ganz besondere Mechanik überlegen, die iterativ funktioniert und die potentielle Dynamik der Crowd berücksichtigt. Sie muss dem Kampagnenteam und der Crowd genug Freiraum geben, um auf die Welt da draußen reagieren zu können, einen klaren Takt haben und das Potential mitbringen, interaktive und möglichst virale Aktionen mit der Crowd starten zu können.

Daher die Idee, das Ganze als eine Art riesige Real-Life-Serie darzustellen, unterteilt in Staffeln und Episoden. Die erste Staffel heißt „Choice“, die zweite Staffel „Disagree“ und zu guter Letzt kommt „Reclaim“. Wir arbeiten mit filmischen und teils mit investigativ-journalistischen Inhalten sowie natürlich interaktiven Aktionen mit der Crowd und Kombinationen aus alledem. Heute starten wir beispielsweise mit unserer zweiten Folge und mit einem – wie ich finde – sehr coolen und provokativen Video. Das ist aber erst der Anfang. Ich kann leider nicht viel mehr dazu sagen, außer vielleicht noch, dass wir laut aktueller Planung auf den vorläufigen Höhepunkt im Rahmen der re:publica-Konferenz hinarbeiten.

Um die gesellschaftliche Relevanz abzubilden und immer wieder neue Unterstützer einzubinden, ist der Call-to-Action bei jeder Episode das Unterzeichnen der „Free-Your-Data“-Petition. Dadurch wird für alle sichtbar dokumentiert: Ja, wir Bürger wollen das! Die Petition und die Crowd, die dahintersteht, können wir dann einladen, bei der darauffolgenden Aktion aktiv mitzumachen.

t3n.de: Neben eurer Kampagne wollt ihr auch einen Verein gründen. Was genau soll der tun?

Jelveh: Der Verein soll als Trägerin der Initiative agieren und ja: Er befindet sich schon in der Gründung. Wir wollen damit auch andere gesellschaftliche Akteure, die schon an dem Thema arbeiten oder es inhaltlich und finanziell unterstützen wollen, einbinden. Im Endeffekt wollen wir ihm die Weitergestaltung der Kampagne in die Hände geben.

Es geht darum, eine Plattform für alle mitwirkenden Menschen und Organisationen zu schaffen, mit der wir aktiv kontinuierliches Agenda-Setting betreiben, damit Menschen da draußen verstehen, was Daten eigentlich sind, was sie wert sind, was im Hintergrund damit getrieben wird und was wir aktiv tun können, um wieder souveräner dazustehen – als Bürger und Konsumenten. Der Verein soll uns schlussendlich unterstützen, schließlich haben wir ja auch noch ein Unternehmen zu leiten.

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1 Reaktionen
Mal sehen was das gibt
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Sowas wollte ich schon vor Jahren . Das brauchte angeblich keiner.

Hoffentlich wird das besser als manche der bisherigen Digitalen Förderungs-Vereine, digitalen Lobby-Gruppen oder manche Parteien die nach dem Hype der Gründung und Geldspendenaufrufen kaum noch öffentlich in Erscheinung treten oder wenn dann durch Streit und/oder Erfolglosigkeit.

Das mit dem Gesetz ist eine gute Idee. Aber die Macht des Faktischen ist oft noch besser. Mobilfunk-Verträge waren 24 Monate lang. Durch EU-Vorgabe also quasi Gesetz wurden sie auf 12 Monate verkürzt. Netflix und die Konkurrenz hingegen haben durch Wettbewerb ein-monatige Kündigungs-Fristen und Preise um 10 Euro pro Monat für die meisten Bezahl-Mediatheken durchgesetzt. Man kann also auch an anderen Stellschrauben arbeiten und z.B. Firmen überzeugen sich als kundenfreundlich in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Wenn z.b. ein einziger von Mobilcom, Drillisch, Fonic, Aldi-Talk, ... sowas wie im Interview gefordert einführt müssen die anderen das vielleicht auch.

Man könnte auch wie Google die Daten aus den Apps herauslesen. Oft liegen die ja in SQL vor. In Fair-Use-Ländern geht das vielleicht.

Firmen geben tausende Arbeits-Stunden aus um in zig Job-Portalen und evtl. auch per Gesetz bei den Arbeits-Agenturen die Stellenausschreibungen zu synchronisieren.

Ebenso Bürger die Job-Profile bei zig Job-Börsen ausfüllen müssen.
Oder Xing und Linked-In synchron zu halten.
Oder Autoreifen oder Fachbücher auf diversen Verkaufs-Portalen einzutragen.
Auch Event-Agenturen, Kirchen oder öffentliche Einrichtungen müssen ständig Termine synchron halten und an mehreren Stellen veröffentlichen.

Als Freiberufler will man die Rechnungen und Kreditkarten-Abbuchungen sofort dem Finanzamt mitteilen. Stattdessen muss man Kassenbons abtippen und dann noch kopieren und Erträgnis-Aufstellungen abtippen oder halt der Steuer-Berater macht es. Das ist doch alles längst digital und auslesbar. Es ist leichter ein Digital-Foto zu teilen als eine Konto-Buchung dem Finanz-Amt mitzuteilen.
Gleiches für Fahrtenbücher.
Wer seine Schritte, Kalorien und Kalorieninput und -verbrauch zählen lässt will nicht am Quartalsende Zettelchen zusammen addieren oder überhaupt unnötig viel Buchführung machen.
In TV-Serien haben die immer mehrere Schuhkartons voll mit Kassenbons für die Steuererklärung. Hat Peter Thiel schon was dafür organisiert ?

Da gibt es viele Beispiele im B2B/B2C-Bereich die man vielleicht als Referenzen schneller umgesetzt bekommen würde.
Ich trage meine Daten ja auch dort lieber ein wo ich sie problemlos auslesen kann um sie weiter zu benutzen. Leider ist Fair-Use nicht überall verbreitet.

Die Schufa sollte nach ein paar Wochen alle Anfragen und Antworten über mich abrufbar machen. Wenn Kunden bzw. Lieferanten die Seriösität überprüfen ist das im B2B-Bereich ganz normal. Auch dafür bestand kaum Interesse.

Allgemeiner gesagt gehts nämlich um digitale Interoperabilität. Sobald man Schranken einreisst, müssen die anderen zwangsweise nachziehen und der Digital-Closing-Damm ist gebrochen. Wer Apps länger nutzt hat gesehen das z.b. stückweise der "share this" Button immer mehr Cloud-Anbieter angeboten hat und immer mehr Apps solche Möglichkeiten anbieten (müssen) weil die Konkurrenz das auch hat.

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