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Digitale Gesellschaft

Freiheit und Vorhersage: Über die ethischen Grenzen von Big Data [#rp14]

    Freiheit und Vorhersage: Über die ethischen Grenzen von Big Data [#rp14]

Grenzen von Big Data. (Bild: Andreas Weck)

Darf Big Data zum Vorhersage-Instrument der Justiz werden? Oxford-Professor Viktor Mayer-Schönberger hielt auf der re:publica-Konferenz einen gewaltigen Vortrag über die ethischen Grenzen von Big Data.

Freiheit und Vorhersage: Über die ethischen Grenzen von Big Data. (Bild: Andreas Weck)
Viktor Mayer-Schönberger über die ethischen Grenzen von Big Data. (Bild: Andreas Weck)

Am zweiten Tag der derzeit in Berlin stattfindenden re:publica-Konferenz hat der Jurist und Hochschullehrer am Oxford Internet Institute Viktor Mayer-Schönberger über die Herausforderungen und Gefahren von Big Data referiert. In seinem Vortrag hat Mayer-Schönberger vor allem das Problem der Vorhersageintension thematisiert und beschrieben, wie beispielsweise US-amerikanische Einwanderungsbehörden vorhandene Suchmaschinen-Daten hinzuziehen um Einreise-Genehmigungen zu erteilen. Als Beispiel verwies er auf den kanadischen Psychotherapeuten Andrew Feldmar.

Feldmar hat über seine Erfahrungen bei der Einnahme von LSD und über die Wirkung von bewusstseinsverändernden Drogen in den Medien berichtet. Als der Kanadier 2007 einen Freund in den USA besuchen wollte, haben die Sicherheitsbeamten den Mann gegoogelt und die Berichte zum Anlass genommen, um ihm die Einreise auf Lebenszeit zu untersagen. Als Begründung hat man sich auf den Homeland Security Act berufen: Personen die Drogen nehmen oder genommen haben, sind für die innere Sicherheit der USA gefährlich und dürfen nicht einreisen.

Big Data als Vorhersageinstrument der Justiz? Keine Strafe ohne Schuld!

Das Grundproblem laut Mayer-Schönberger liegt hier vor allem darin, dass Menschen aufgrund von Daten, die auf vergangene Taten hinweisen, in eine Art Prophezeiungsmaschinerie geraten. So wie Feldmar geht es vielen – ihnen wird eine zukünftige Schuld unterstellt, obwohl sie eine notwendige Tat noch gar nicht begannen haben. Das widerspricht laut Mayer-Schönberger nicht nur jeder Rechtsstaatlichkeit, sondern bricht auch mit jedweden ethischen Grundsätzen.

„Versagt der Staat jemandem den Führerschein, weil Big Data sagt, dass er kein guter Fahrer sein wird?“

Der Jurist zeichnet ein düsteres Szenario für die Unschuldsvermutung, wenn diese Gebaren nicht gestoppt werden und stellt grundlegende Fragen: „Versagt der Staat jemandem den Führerschein, weil Big Data sagt, dass er kein guter Fahrer sein wird? Oder was ist wenn die Person zwar ein Führerschein bekommt, aber keine Versicherung? Oder was ist, wenn er eine Versicherung bekommt, aber die Abgaben höher sind als bei anderen Versicherten?“

Mayer-Schönberger stellt klar, dass Vorhersagen selbstverständlich ein Risiko mindern und die Welt dadurch ein Stück weit einschätzbar wird. Allerdings sind Vorhersagen nie perfekt, es sind nur Aussagen über eine Wahrscheinlichkeit. Aufgrund dessen darf nicht über Menschen gerichtet werden.

Auch und gerade deshalb fordert der Oxford-Professor das Recht auf Vergessenwerden im Internet sowie den Schutz menschlicher Handlungsfreiheit ein. Big Data als Vorhersage-Instrument enthält keinen Raum für Originalität, Kreativität und Irrationalität. Es muss zukünftig eine rote Linie gezogen werden: Keine Strafe ohne Schuld!

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3 Reaktionen
Anthony
Anthony

Wer Filme wie Ridley Scotts Blade Runner gesehen hat weiss wie die Dunkle Seite der Zukunft aussehen kann.
In den achtziger Jahren hat man viel über George Orwell 1984 gesprochen. Und wir sind uns noch heute sicher, dass so eine böse Diktatur von Schnauzbärten wohl kaum so schnell eintreten wird. Aber die Gefahr liegt nicht bei komischen Karikaturen, die im Alleingang von Klonen gestützt die Welt beherrschen. Sie liegt darin, dass die Gesellschaft insgesamt in diese Richtung driftet , in kleinen Schritten. Jeder Schritt für sich ist logisch: Na klar brauchen wir in der Emilienstrasse auch eine Kamera, denn da ist letzte Woche beim Juwelier eingebrochen worden. Wenn man also ohne Vision für die Gesellschaft sich nur von Situation zu Situation und von Gesetz zu Gesetz und Regel zu Regel vorhangelt, dann merkt man dass man sich irgendwann selber in ein Gespinnst eingewickelt hat - oder auch nicht. Denn sowohl Moral als auch alle anderen Empfindungen sind stark kontextrelativ. Empfanden wir es in den siebzigern noch als unerhört dass man uns auf dem Mofa einen Helm aufzwang, so stehen wir heute an der Kreuzung und sagen Wahnsinn, der Typ hat nicht mal Lederkleidung auf dem Motorrad an- so unverantwortlich. Nicht die Politiker sperren sich ein sondern das Volk selbst. Das ist ein schleichender Prozess der meineserachtens nicht ohne gravierende Ereignisse aufzuhalten ist. Und diese Ereignisse wünscht man sich eigentlich nicht. Ich sehe, dass wir am Ende des Jahrhunderts weltweit auf einem extrem durchreglementierten und komplettüberwachten Planeten leben werden. Die Masse wird sich daran nicht stören, da der Prozess schleichend war. Sie wird sagen: wahnsinn, da gibt es noch Leute in Afrika die erziehen ihre Kinder selber, dafür sind die doch gar nicht ausgebildet, wie rückständig. In den USA wird man vielleicht Menschen exekutieren weil AI Maschinen eine 99,9% Vorhersage treffen, dass diese den Staat irgendwann mal angreifen werden. Selbst so etwas ist vorstellbar- oder hätten wir 1999 gedacht dass in 2001 die USA die Folter offiziell wieder einführen UND der Rest der zivilisierten Welt sich damit arrangiert. Wir die wir das Ende dieses Jahrhunderts nur mit geringer Wahrscheinlichkeit erleben werden sind getröstet- denn wir würden diese über 100 Jahre anhaltende Veränderung nur schwer ertragen. Die nachfolgenden Generationen werden sich da hinein bewegen. Und da sie die Zeit davor nicht kannten ist es für jede Generation ein verkraftbares Veränderungsmoment. Kann das aber ewig so weitergehen. Nehmen wir mal an dass die Menschheit noch 1000 Jahre existiert, was nicht so viel ist. Wie vergattert sähe es dann auf dem Planeten aus, falls eben kein Asteroid, oder eine andere Natur- oder Menschenkatastrophe einen gewissen Reset einleiten. Nun es wird in den nächsten 100 bis 200 Jahren dadurch einen enormen Expansionsdruck geben. Nicht Asteroiden aus Gold oder Diamanten werden die Menschen von ihrem Planeten locken, sondern schlichtweg die Lebensbedingungen, die für einen erheblichen teil nicht mehr erträglich sein werden. Ähnlich wie die Besiedelung der Neuen Welt vor 500 Jahren, wird man vor allem auf der Suche nach einem freieren, und selbstbestimmteren Leben aufbrechen. Man wird auch unter härteren Bedingungen ein neues Leben aufbauen, wie damals auch, denn Amerika war kein Kontinent wo den Neusiedlern die gebratenen Tauben in den Mund flogen. Insofern ist also diese Entwicklung eine sehr natürliche und so könnte man fast sagen: es ist egal wieviel die Überwachung und Gängelung der Menschen Heute oder Morgen zunimmt, denn die Evolution bestimmt den Lauf und überlässt lediglich den detaillierten Zeitplan und kleine Verzögerungen oder Umwege dem Menschen. Gäbe es denn eine Chance solch eine Art Determinismus durch unseren frei geglaubten Willen zu überlisten? Vermutlich nicht, denn die Crowd Intelligence entwickelt sich eben eben durch eine dadurch geformte Mainstream Sensorik in die Zukunft. Ist es also wirklich The Dark Side? Vermutlich eben nicht, denn die Expansion ist wichtig für das sehr langfristige Überleben dieser Zivilisation, denn ein Planet ist winzig und sehr anfällig für Katastrophen. WIr heute haben den Vorteil dass wir uns durch eine Wahl unseres Lebensortes noch recht gut arrangieren können. Ich muss nicht in London leben, wo jeder meiner Schritte via CCTV aufgezeichnet wird und auch nicht in den USA wo Erwachsene kein Bier trinken dürfen und je nach Staat jeder eine Waffe offen tragen darf. Es gibt noch 75% der Länder, die viel freier sind als die USA und die EU. Diese noch recht unterschiedlichen Entwicklungsstadien bedeuten eben auch noch sehr unterschiedliche Freiheiten. Das für die aktuellen Generationen und die Zukünftigen haben dafür den den Deal Fremdbestimmung gegen Unfall- und krankheitsfreies Leben bis über 100 Jahre. Und für die dies dann nicht wollen gibt es die unendlichen Weiten...Also mit ein bisschen Überblick über nur etwa 100 Jahre zurück und nach Vorne lässt sich die Entwicklung recht gut vorhersehen und man sieht die NSA und den ganzen Rest der Welt etwas entspannter und kann sich selbst einigermassen einrichten. Defätist? Nein, ich denke eher Realist mit Optionen :)

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Kai
Kai

Minority Report ist da schon gewesen. Jetzt haben wir die Technik dazu.

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Peter P
Peter P

> Oder was ist, wenn er eine Versicherung bekommt, aber die Abgaben höher sind als bei anderen Versicherten?

Soweit sind wir ja schon seit Jahrzehnten, sogar ganz ohne Big Data ;-)

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