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So funktioniert die Lieferung von morgen: Unter der Erde, oberirdisch und in der Luft

So funktioniert die Lieferung von morgen: Unter der Erde, oberirdisch und in der Luft

Die Logistik-Branche ist gerade dabei, sich selbst neu zu erfinden. Ob aus der Luft oder von unter der Erde, die neuesten Ideen zur Paketzustellung lesen sich wie ein Science-Fiction-Roman. Dabei ist Jeff Bezos' Paketdrohne, die im Jahr 2013 noch als PR-Gag belächelt wurde, nicht einmal die futuristischste Idee.

So funktioniert die Lieferung von morgen: Unter der Erde, oberirdisch und in der Luft

(Foto: © iStockphoto/tbabasade)

Mit rund 2,9 Millionen Beschäftigten, 235 Milliarden Euro Umsatz und etwa 60.000 meist mittelständischen logistischen Dienstleistern gehört die Logistik zu den größten Branchen Deutschlands. Ein echtes Schwergewicht also. Und eine Branche, der man vor wenigen Jahren sicher nicht die Attribute hoch innovativ, zukunftsweisend oder gar futuristisch beigemessen hätte. Das zunehmende Paketvolumen durch den E-Commerce, die anhaltend wachsende Landflucht und ein generell steigendes Verkehrsaufkommen haben die Branche inzwischen aber sehr erfinderisch gemacht.

Mutige Idee mit großen Hürden

Heute arbeiten nahezu alle Logistiker am Thema „Luftzustellung per Drohne“. Auch Internet-Riese Google stellte erstmals im August vergangenen Jahres sein „Project Wing“ vor, das im eigenen Innovationslabor Google X entwickelt wurde. Anders als die meisten anderen Drohnen-Modelle landen die Google-Fluggeräte bei der Zustellung der Fracht jedoch nicht, sondern lassen das Paket an einem Seil herunter. Laut Google sollen die Drohnen in Höhen von etwa 40 bis 60 Metern automatisch zu ihrem Ziel fliegen.

DHL testet Paketkopter für die Belieferung von Nordseeinseln. (Foto: DHL)
DHL testet Paketkopter für die Belieferung von Nordseeinseln. (Foto: DHL)

Auch hierzulande experimentieren Zustelldienste mit Drohnen. So schickte DHL in einem Pilotprojekt bereits Medikamente per Paketdrohne auf die Nordseeinsel Juist und zurück. Der Flug gelang auch bei Dunkelheit, Regen und Nebel – Bedingungen, unter denen ein Flugzeug nicht starten kann. Auch andere europäische Postdienstleister wie etwa die Schweizer Post haben schon Versuche gestartet und entlegene Bergdörfer per Drohne mit Medikamenten versorgt. Das französische Pendant La Poste und der finnische Postdienstleister Posti Group wollen ebenfalls mit Drohnen Pakete in schwer zu erreichende Gebiete liefern. Zwar sind bislang längst nicht alle Genehmigungshürden genommen und eine kommerzielle Anwendung der Geräte mittelfristig noch nicht in Sicht, die Pläne Amazons aber, diesen Dienst tatsächlich durchzusetzen, sind weit ausgereifter als viele Marktbegleiter erwartet hatten. So will der Online-Händler nicht einfach nur Pakete mit fliegenden Quadrokoptern befördern. Er will ein komplexes Liefernetz, das seine Empfänger überall beliefern kann, egal wo diese sich gerade aufhalten. Auch der Aufbau von Versorgungs- und Aufladestationen für die Drohnen gehört zu Bezos' Vision.

Roboter und unterirdische Pipelines für die Paketzustellung

Aber es muss nicht immer die Paketdrohne sein. Gerade machen die beiden Skype-Mitgründer Ahti Heinla und Janus Friis mit einer anderen Idee von sich reden: Sie wollen Pakete zukünftig per Roboter zustellen. Mit ihrer Firma Starship Technologies wollen sie 2016 erste Pilotversuche in Großbritannien und den USA durchführen und Pakete und Päckchen auf der letzten Meile per Roboter zustellen. Die kleinen, etwa 50 Zentimeter hohen Roboter auf sechs Rädern bewegen sich mit Schrittgeschwindigkeit und sollen die Kosten der Zustellung auf der letzten Meile deutlich reduzieren, zudem umweltfreundlich und schneller als die herkömmliche Zustellung sein.

Fahrende Paketroboter sollen die Zustellung auf der letzten Meile übernehmen. (Foto: Starship)
Fahrende Paketroboter sollen die Zustellung auf der letzten Meile übernehmen. (Foto: Starship)

Noch futuristischer mutet allerdings die neueste Logistik-Idee aus Cambridge, Großbritannien an: In Zusammenarbeit mit der DHL und gefördert vom britischen Umweltministerium entwickelt das Unternehmen Mole Solutions gerade ein unterirdisches Tunnelsystem, durch das mit Paketen gefüllte Kapseln auf einem Magnetfeld entlangschweben sollen. Erste Pipelines für die Paketrohrpost sollen in Northampton entstehen. Bei erfolgreich verlaufendem Pilotprojekt könnte schon in wenigen Jahren ein landesweites unterirdisches Pipeline-System ganze Länder durchziehen – denn auch China und Indien sollen laut Mole Solutions bereits Interesse an dem System bekundet haben.

Pakete sollen in Kapseln unter der Erde in Rohrleitungen transportiert werden. (Foto: Mole)
Pakete sollen in Kapseln unter der Erde in Rohrleitungen transportiert werden. (Foto: Mole)

Ganz im Trend der Zeit ist auch das Modell des Anticipatory Shipping, für das Amazon im letzten Jahr das Patent zugesprochen bekam. Die Idee dahinter verbindet Big-Data-Analysen mit dem Auslieferungsprozess: Waren ohne konkrete Bestellung werden dabei auf einem Lkw als fahrendes Lager in der Region bereitgestellt, in der diese Waren laut Datenanalyse bald bestellt werden. Im Gegensatz zu den Drohnen halten viele Experten dieses Modell für tatsächlich tragfähig. Ein weiterer Patentantrag von Amazon im Bereich Logistik geht sogar noch weiter: Noch bevor ein Kunde überhaupt den Kaufen-Button anklickt, soll die für ihn passende Ware schon auf dem Weg zu ihm sein. Die dahinterliegende Logik basiert auf der Klickhistorie und dem Kaufverhalten des Kunden. Wer also bislang immer die Neuerscheinungen eines bestimmten Autors bestellt hat, erhält zukünftig automatisch das neueste Buch seines Lieblingsautoren.

Klein aber fein und viel leichter umzusetzen

Es gibt aber auch weit weniger spektakuläre Zukunftsmodelle für die Paketzustellung, die den viel zitierten E-Commerce-Stau der Zukunft in den Griff bekommen sollen. Mit Parcellock ist gerade eine sehr pragmatische Idee an den Start gegangen. Um die Zustellquote bei der Auslieferung von Paketen und Päckchen und damit die Effizienz der einzelnen LKW-Fahrten zu erhöhen, haben die Paketdienste DPD, GLS und Hermes unter dem Namen Parcellock ein Gemeinschaftsunternehmen gegründet, das ein anbieterneutrales Paketkasten-Netz aufbauen soll. Ab Sommer 2016 sollen die ersten Paketkästen und eine Pakettasche auf dem Markt erhältlich sein. Pakete werden dann codiert vom Zusteller in den Paketkasten geliefert, die Entnahme durch den Empfänger kann jederzeit erfolgen. Das System soll auch allen weiteren Paketdiensten zur gleichberechtigten Nutzung offen stehen.

Damit Lieferungen aufgrund der Abwesenheit des Empfängers nicht mehrmals zugestellt werden müssen, denken DHL und Hermes auch bereits über eine Kofferraumlieferung an Endkunden nach. In Zusammenarbeit mit Amazon sowie Audi beziehungsweise Hermes mit BMW wird gerade dieses Zustellmodell getestet. Dabei ist die Zustellung in den Kofferraum eines Fahrzeugs nicht neu. Im B2B-Bereich ist es schon seit 15 Jahren Usus, dass technische Außendienstmitarbeiter ihre Ersatzteile direkt vom Werk per TNT in den Kofferraum ihres Dienstfahrzeugs geliefert bekommen.

Amazon, Audi und DHL testen gerade die Kofferraumlieferung. (Foto: DHL)
Amazon, Audi und DHL testen gerade die Kofferraumlieferung. (Foto: DHL)

Im Sommer dieses Jahres hat Hermes zudem damit begonnen, Paket-Shops in Hamburger U-Bahn- und Busbahnhöfen einzurichten. Auch diese Maßnahme soll die Zustellung von Paketen vereinfachen. Verbraucher können nun auf dem Weg von oder zur Arbeit und dank ausgedehnter Öffnungszeiten quasi „en passant“ ihre Lieferungen abholen.

Hohes Potenzial für Verbesserungen

Auch wenn die Logistik gerade dabei ist, völlig neue Wege in der Zustellung von Paketen zu finden: Um deutlich weniger LKW auf die Straße zu schicken, würde für den Moment auch eine Optimierung des bestehenden Systems genügen. Denn das zeigt deutliches Potenzial zu Verbesserungen. Immerhin fahren in Deutschland etwa ein Viertel aller LKW komplett leer durch die Gegend. Im Durchschnitt liegt die LKW-Auslastung damit zwischen 50 und 70 Prozent. Schon heute könnten Logistiker mithilfe der derzeit verfügbaren Software-Sensoren und Daten auf eine Auslastung von 80 Prozent und mehr kommen. Damit wären erheblich weniger LKW auf der Straße. Insofern verständlich, dass die deutsche Logistik-Branche derzeit vor allem in das Thema Digitalisierung und Verbesserung der Logistik-Software investieren will – so das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage unter deutschen Logistik-Unternehmen im Januar 2015.

Über 60 Prozent der Logistikunternehmen möchten 2015 in ihre Logistik-Software investieren. (Quelle: Statista)
Über 60 Prozent der Logistikunternehmen möchten 2015 in ihre Logistik-Software investieren. (Quelle: Statista)

Fakt ist: Noch gibt es den E-Commerce-Stau nicht. In Zukunft allerdings könnte sich das Bild wandeln. Bis 2018 soll Expertenschätzungen zufolge das Paketvolumen jährlich um mindestens vier Prozent steigen. Gleichzeitig prognostizieren die Vereinten Nationen, dass bis zum Jahr 2050 84 Prozent der Deutschen in Städten leben werden. Für die städtische Infrastruktur bedeutet dies, zukünftig mit weitaus mehr Verkehrsaufkommen klar kommen zu müssen. Sich heute schon um Alternativen für morgen zu kümmern, liegt also auf der Hand.

Die neuesten Trends in Sachen E-Commerce und Logistik erfahren Besucher auch auf der Internet World Messe am 1. und 2. März 2016 in München. Mehr dazu auf www.internetworld-messe.de

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