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Kolumne

Das Gärtner-Prinzip: Wie plane ich ein Großprojekt?

    Das Gärtner-Prinzip: Wie plane ich ein Großprojekt?

Felix Schwenzel alias @diplix über die Planbarkeit von Großprojekten und Möglichkeiten, Organisationsdesaster zu vermeiden – in seiner Kolumne für Irrelevanz.

Der Jongleur Alex Barron hat es 2012 geschafft, elf Bälle für eine Weile in der Luft zu halten und 23 mal hintereinander aufzufangen. 2013 schaffte er mit einem Ball weniger, die Bälle 30 mal hintereinander aufzufangen. Möglicherweise wird dieser Rekord in den nächsten Jahren noch um einen Ball verbessert, aber Alex Barrons Rekord scheint die Kapazitätsgrenze bei der Balljonglage ganz gut zu markieren: Menschen können maximal zehn bis elf Bälle jonglieren.

Wir kennen auch die Kapazitätsgrenze beim Management von Großprojekten ganz gut. Sie wurde in den letzten Jahren sichtbar, als (wieder mal) diverse Großprojekte scheiterten oder zu scheitern drohten. Schon das erste Großprojekt, das ich in meiner Jugend verfolgte, der Klinikumsneubau in Aachen, kostete statt der ursprünglich geplanten 550 Millionen D-Mark am Ende mindestens 1,5 Milliarden Mark. Auch der Termin für die Fertigstellung wurde stückweise von 1976 auf 1979, dann auf 1982 und schließlich auf 1985 verschoben. Die Kosten des Berliner Kongresszentrums stiegen in den siebziger Jahren um das Siebenfache (von ursprünglich rund 120 Millionen D-Mark auf ungefähr 800 Millionen). Damit ist der neue Berliner Großflughafen Berlin Brandenburg noch im klassischen Berliner Kostensteigerungsrahmen: Aktuelle Planungen gehen vom Achtfachen der ursprünglich geplanten Bausumme aus.

Warum verlaufen Großprojekte immer wieder in den gleichen Bahnen?

Eigenartigerweise erklären wir das Scheitern von Großprojekten oft mit Führungsschwäche („Der Wowereit war’s!“) oder Planungsfehlern. In dieser Erklärung steckt die Überzeugung, dass Projekte beliebiger Komplexität mit den richtigen Planungswerkzeugen und Führungsmethoden in den Griff zu bekommen seien. Auch unzählige gescheiterte Großprojekte dämpfen nicht etwa den Größenwahn, sondern inspirieren die Verantwortlichen zu immer ausgefeilteren Planungsmethoden. Der neue heiße Scheiß für Bauprojekte lautet jetzt „Building Information Modeling“ (BIM). Bei BIM planen und arbeiten alle am Bau Beteiligten vernetzt an einem einzigen Gebäudemodell. Damit, behaupten Experten, sollen misslungene Bauprojekte wie die Hamburger Elbphilharmonie oder der Berliner Großflughafen „in absehbarer Zeit der Vergangenheit angehören.“

Dass diese Projekte aber vielleicht nicht nur wegen unzureichender Werkzeuge oder Verfahren scheitern, sondern weil sie dem Versuch gleichen, mehr als elf Bälle gleichzeitig in der Luft zu halten, kommt uns nicht in den Sinn. Kann es nicht sein, dass Projekte ab einem gewissen Komplexitätsgrad einfach nicht effizient vorab planbar sind? Zumindest nicht mit genauen Zeit- und Kostenvorgaben?

Vielleicht sollten wir einfach grundsätzlich etwas kleiner denken? Oder bestimmte Projekte eher wachsen und sprießen lassen, statt sie mit oft jahrzehntelangem Vorlauf vermeintlich durchzuplanen? Dezentralität fördern, viele, statt große Projekte unterstützen und die, die sich bewähren, ausbauen und wachsen lassen. Das hat mit bestimmten Technologien bereits gut funktioniert. In Deutschland gibt es mittlerweile 25.000 kleinere Windkraftanlagen, während in den achtziger Jahren noch ein Windanlagengroßprojekt (Growian) kläglich an seiner Überdimensionierung und planerischem Größenwahn scheiterte.

Das ist auch das Prinzip, nach dem das Silicon Valley groß wurde; viele der amerikanischen Firmen, die wir heute als Giganten wahrnehmen, waren ursprünglich nicht als Großprojekte angelegt, sondern starteten als Kleinstprojekte, in Garagen oder Universitätswohnheimen. Die Wachstumsimpulse im Silicon Valley funktionieren auch weiterhin nach diesem GärtnerPrinzip: Die meisten Kapitalgeber haben viele kleine Projekte im Portfolio und hegen die Erfolgversprechendsten, bis diese ausgewachsen sind oder von Größeren geschluckt werden.

Statt den Größenwahn am Anfang in die Planung zu stecken, sollten wir den Größenwahn vielleicht eher in das Wachstum, in die Weiterentwicklung stecken.

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