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Gewagtes Geschäftsmodell: TomTom verkauft Bewegungsdaten seiner Kunden an die Polizei [Update]

Gewagtes Geschäftsmodell: TomTom verkauft Bewegungsdaten seiner Kunden an die Polizei [Update]

Ist es eigentlich so, dass jetzt verstärkt Geotrackungskandale aufgedeckt werden oder ist es so, dass man jetzt nur mehr sieht, weil man aufmerksamer ist? Dass, was sich TomTom in den Niederlanden geleistet hat, ist jedenfalls definitiv als skandalös zu bezeichnen, wenn man als Kunde drauf blickt...

Gewagtes Geschäftsmodell: TomTom verkauft Bewegungsdaten seiner Kunden an die Polizei [Update]

TomTom: Konsterniert von „völlig überraschender“ Nutzung...

Wie es aussieht, kam die Polizei in den Niederlanden auf TomTom zu und fragte ganz höflich nach der kostenpflichtigen Überlassung dort gespeicherter Bewegungsdaten inklusive Geschwindigkeitsprofilen. TomTom erklärt zum Hintergrund, man habe die Verkehrssicherheit verbessern wollen und es sollte dabei helfen Flaschenhälse zu erkennen und zu beseitigen. Niemals hätte man vorhersehen können, was die Polizei dann tatsächlich mit den Daten machte.

Die verwendete das Material dem Vernehmen nach nur zu einem einzigen Zweck. Nämlich um gezielt Radarfallen an den Orte aufzustellen, die laut den TomTom-Geschwindigkeitsprofilen ein besonders lukratives Knöllchenvolumen versprachen. Beschweren kann man sich als Kunde über den Vorfall nur in moralischer Hinsicht, denn die TOS der TomTom-Geräte beinhalten ausdrücklich die Erlaubnis, Daten an „Dritte“ weitergeben zu dürfen. Nur, wer hätte gedacht, dass es sich bei diesem Dritten um die Polizei handeln würde!?

TomTom: Die Wanze in deinem Auto? (Bild: TomTom)

TomTom: Neue Lizenzbedingungen sollens richten

Niederländische TomTom-User jedenfalls sind empört und diese Empörung verhallt nicht ungehört. In einer E-Mail an alle registrierten Kunden versprach TomTom-Chef Harold Goddjin nun, man werde für die Zukunft Lizenzbedingungen schaffen, die bestimmte Nutzungen des Datenmaterials einfach ausschließen. Natürlich könnte man auch einfach darauf verzichten, überhaupt sensible Daten an die Polizei zu verkaufen. In Anbetracht sinkender Verkaufszahlen im Endkundensegment wollte Goddjin aber soweit dann offenbar doch nicht gehen.

Verständlich wird das, wenn man sich die Finanzdaten bei TomTom für das erste Quartal des Geschäftsjahres ansieht. Hier konnte ein Überschuss von 11 Millionen Euro erwirtschaftet werden. Im entsprechenden Vorjahreszeitraum waren es lediglich 3 Millionen. Wie hoch der Anteil der niederländischen Polizei an diesem Ergebnis ist, ist nicht überliefert.

TomTom räumt jedoch ein, dass mittlerweile die Hälfte des Gesamtumsatzes einerseits mit Autoherstellern gemacht wird, die TomTom-Produkte in ihre Autos einbauen, andererseits durch den Verkauf von Karten-, aber eben auch „Verkehrsdaten“ an Firmen und Regierungsstellen. Nur noch eine Frage der Zeit kann es also sein, bis die bekannten „Finanzamtsparkplätze“ an den Auffahrten der Autobahnen wie leer gefegt aussehen werden oder du zumindest deiner Fahrtkostenabrechnung GPS-Nachweise beifügen musst, die der Sachbearbeiter mit seinem Datenbestand abgleichen kann.

TomToms Bewegungsdatenspeicherung - The Big Picture

TomToms Umgang mit GPS-Bewegungsdaten wird die Diskussion um die Speicherung standortbasierter Daten generell und insbesondere in Telefonen mit Apple-, Google- oder Windows-OS hoffentlich weiter anheizen. Immerhin wäre es bei allen drei Fällen ebenfalls möglich, eine solche Nutzung zu versuchen. Besonders prädestiniert für polizeiliche Zwecke wäre jedenfalls Windows Phone 7, denn hier werden die exakten GPS-Positionsdaten, inklusive Fahrtrichtung und Geschwindigkeit gespeichert.

Clevere Staatsdiener könnten über kurz oder lang auf die Idee kommen, den Versuch zu unternehmen, Daten aus verschiedenen Quellen, etwa TomTom und WindowsPhone 7 mit Daten aus Facebook oder anderen Social Networks zu kombinieren. Dann könnte endlich der perfekte gläserne Bürger entstehen, obwohl der sich mit Händen und Füßen gegen den Zensus sträubt und an der Kasse, wenn er nach seiner Postleitzahl gefragt wird, die Beantwortung ablehnt.

Big Brother might gonna be watching you sooner than you know!

[Update 11:45 Uhr: Soeben ist eine Stellungnahme des Unternehmens online gegangen. Darin steht allerdings nur, welche Daten sie wie erheben. Und anders als bisher geäußert, wollen Sie zwar über neue Nutzungsbedingungen nachdenken, halten sich aber offen, auch weiterhin die polizeiliche Nutzung zur Errichtung von Radarfallen zu dulden.]

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9 Antworten
  1. von Finanzamtsparkplätze am 28.04.2011 (10:10 Uhr)

    Was meint ihr denn mit "Finanzamtsparkplätzen"?

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  2. von BrunoSafob am 28.04.2011 (10:33 Uhr)

    > Was meint ihr denn mit "Finanzamtsparkplätzen"?

    Vermutlich die Parkplätze an den Autobahnauffahrten, usw. wo sich einige treffen, dann eine Fahrgemeinschaft bilden aber ALLE die Fahrt bei der Steuer als 'selbst' gefahren abrechnen.

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  3. von Felix am 28.04.2011 (10:49 Uhr)

    lol! der gläserne Bürger triffts perfekt! O.o

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  4. von robbz am 28.04.2011 (10:57 Uhr)

    Jetzt muss ich mich aber doch fragen: Wie will jemand meinen Facebook-Account mit meinem Navi verknüpfen??
    Dazu müsste mein Navi ja Internetzugang haben, oder mit meinem Facebook-Account bereits verknüpft sein (keine Ahnung, ob es solche Navis gibt).

    Und selbst wenn das machbar wäre - was sagt mein Facebookprofil denn über mich aus, falls ich grade mit 130 auf der Autobahn unterwegs bin, auf der nur 120 erlaubt ist?

    Und wie sollte die Polizei damit durchkommen, wo bei uns doch so ein großer Wert auf den Datenschutz gelegt wird?

    Abwegig halte ich es zwar nicht, aber dennoch für nicht sehr wahrscheinlich.

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  5. von Maty am 28.04.2011 (12:12 Uhr)

    Bin ich zu naiv oder versteh ich etwas nicht?

    Ich habe mein TomTom-Gerät nicht registriert und es besteht auch keine Internetverbindung. Einzige Verbindung des Gerätes zur "Außenwelt" ist das GPS. "Funkt" mein TomTom zum GPS wo ich gerade bin?

    Also ganz klar ist mir das nicht, wie TomTom an die Daten herankommt.

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  6. von Dieter Petereit am 28.04.2011 (12:53 Uhr)

    @Maty: "When you connect your TomTom to a computer we aggregate this information and use it for a variety of applications, most importantly to create high quality traffic information and to route you around traffic jams." sagt TomTom

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  7. von Maty am 28.04.2011 (17:16 Uhr)

    "When you connect your TomTom to a computer we aggregate this information and use it for a variety of applications, most importantly to create high quality traffic information and to route you around traffic jams." sagt TomTom

    @ Dieter:
    Danke für den Hinweis. Sobald man sozusagen das TomTom mittels USB mit dem PC verbindet, überträgt das Gerät ungefragt Daten an meinen Computer und falls dieser mit dem Internet verbunden ist auch an die TomTom-Betreiber.

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  8. von Largos am 30.04.2011 (15:15 Uhr)

    Im Moment jagt wirklich ein Skandal den anderen...
    Apple, TomTom, und was noch alles...so langsam gehen mir die Ideen aus welche Geräte ich noch zu kaufen bereit bin!

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  9. von Moritz Berger am 01.05.2011 (18:30 Uhr)

    das haben wir doch alle gewußt, und wenn schon ich habe nichts zu verbergen, so lautete vielfach der Spruch zum Thema Datenschutz auch hier :-)

    Fordern wie als Kunde doch einmal Datentransparenz ein!!

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