Google muss (zu Recht) viel Kritik für sein Engagement in China einstecken. Das Unternehmen beugt sich der Internetzensur der Regierung. Dadurch sind beispielsweise Informationen über das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Google.cn nicht zu finden. Ein Vergleich der Ergebnisse der Bildersuche in den USA und in China zeigt das deutlich:
Nach firmeneigener Darstellung hofft man darauf, dass der Zugang zu Informationen aus dem Internet zukünftig zu mehr Freiheiten in China führt. Auf diese Weise rechtfertigt Google sein Engagement und die eigene Anpassung an die Zensurvorgaben.
Google lässt nun verlauten:
We have decided we are no longer willing to continue censoring our results on Google.cn, and so over the next few weeks we will be discussing with the Chinese government the basis on which we could operate an unfiltered search engine within the law, if at all. We recognize that this may well mean having to shut down Google.cn, and potentially our offices in China.
Sprich: Google will keine Zensur mehr für Google.cn und darüber mit der Regierung verhandeln. Kommt es zu keiner Einigung, könne das das Ende für die chinesische Google-Ausgabe bedeuten und die Schließung der Google-Büros in China.
An sich ist der Schritt zu begrüßen. Da sind sich wahrscheinlich alle einig. Die Frage ist allerdings, wie ernst es Google damit meint und welche Erwägungen wirklich zu diesem Schritt beigetragen haben.
Nach offizieller Darstellung haben Hacker-Angriffe auf diverse Websites von Google und anderen dazu beigetragen, die von China aus unternommen wurde. Demnach ging es bei diesen Attacken unter anderem darum, Zugriff auf die Google-Mail-Konten oppositioneller Chinesen zu bekommen.
Erste Einschätzungen zu Googles Ankündigung
Setzt sich Google damit heldenhaft für die Opposition in China ein? Auf der Seite Paid Content gibt man zu bedenken, dass Google zumindest heute mit einem Rückzug aus China nicht viel verliert. Das Unternehmen würde damit eventuell auf kommende Einnahmen verzichten, sobald der chinesische Internetmarkt richtig ins Rollen kommt, wirtschaftlich spiele China heute aber für Google kaum eine Rolle:
If Google follows through on its threat of pulling out of China, the company would be sacrificing significant long-term growth in the world’s biggest internet market. In the short term, however, the decision won’t have much impact on the company’s revenue. During an interview on CNBC, Chief Legal Officer David Drummond said Google’s revenues in China are „truly immaterial”—and even says, unbelievably, that his company’s entry into China „was never really a financial move for us.”
Markus Beckedahl wiederum wirft auf netzpolitik.org ein, dass im Moment noch nicht klar sei, wie man Googles „Drohgebärde“ zu bewerten habe und auch andere Überlegungen eine Rolle spielen könnten:
Interessant ist die Konstellation und vielleicht sehen wir gerade die erste große Auseinandersetzung zwischen einem Multinationalen Konzern und einem Staat in Form eines Handelskrieges, was noch öfters im 21. Jahrhundert passieren könnte. Und sicherlich steckt da auch die US-Regierung ein wenig mit drin. Unklar ist auch, wieviel PR-Strategie und Drohgebärde dahinter steckt und was letztendlich dabei herauskommen wird.
Fazit. Eure Meinung?
Wirklich beurteilen kann man Googles Schritt aus meiner persönlichen Sicht erst, wenn die Ergebnisse der Verhandlungen mit Chinas Regierungen feststehen. Und auch dann wird es sicher mehr als einen Grund gegeben haben, der Google zu diesem Umschwenken in der Firmenpolitik bewegt hat. Denn, mal ernsthaft: Hacker-Attacken aus China auf westliche Websites, um sich Zugang zu Informationen zu beschaffen, wird es wohl nicht erst seit gestern geben. Das kommt mir als Begründung doch sehr schwach vor.
Oder wie schätzt Ihr diesen Schritt ein?
Abstimmung



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10 Answers
von Sebastian Gebhard 13.01.2010 (09:27Uhr) 1.
Warum sollte China in den Verhandlungen nachgeben? Denen wird's doch wohl nur recht sein, wenn google.cn verschwindet. Genau das wiederum weiß Google ganz genau und stellt deshalb schon jetzt die niedrigen Verhandlungschancen klar: "We recognize that this may well mean having to shut down Google.cn"
Wie das den Menschenrechten in China helfen soll, erschließt sich mir nicht.
Man kann jetzt viel über die Hintergründe spekulieren - sicher ist, wir wissen nicht alles, und werden's wohl auch nicht erfahren.
von Thomas Lange 13.01.2010 (11:04Uhr) 2.
Google selbst könnte in Sachen Zensur zu mehr Transparenz beitragen. Sie sollten für jedes Land (google.de, google.com usw.) einige Dinge öffentlich machen:
1. Findet eine Zensur bei Google für dieses Land statt?
2. Handelt es sich um eine Vorzensur oder Nachzensur?
3. In welchem Umfang findet Zensur statt? Also mit einer konkreten Seiten- und oder Domainanzahl für betroffene Inhalte.
4. Mit wem wurden diese Zensurmaßnahmen festgelegt?
5. Welche Bereiche sind betroffen? Also politische, sittlich bedenkliche, terroristische, kriminelle, jugendgefährdende, religiöse, urheberrechtlich geschützte Inhalte usw.
6. Detaillierte Vertragsinhalte der Zensurmaßnahmen. Notfalls aber wenigstens mit dem Hinweis "Geheimvertrag" bzw. Regierung verhindert die Veröffentlichung.
Damit man sich endlich mal ein Gesamtbild machen und vergleichen kann. Ich vermute, es gibt gar kein zensurfreies Land.
von Viktor Dite 13.01.2010 (11:06Uhr) 3.
Ich verstehe die ganze Debatte nicht, Google ist nicht Gott und in China wird es niemand von den "offiziellen" vermissen -- im Gegenteil.
von Andreas Lenz 13.01.2010 (11:31Uhr) 4.
Beim lesen des Google-Blog-Posts hab ich mich auch gefragt, ob die das an große Glocke hängen um das eigene Standing zu verbessern und der immer schlechter werdenden Stimmung gegen Google gegenzuwirken. Nen Poll dazu wäre spannend: "Googles China Statement" a) Taktikspielchen b) ernsthaftes anliegen
von jati 13.01.2010 (13:06Uhr) 5.
@Thomas Lange: Sehr guter Hinweis. Schließlich werden in Deutschland auch Seiten gefiltert, es ist allerdings nicht offiziell bekannt, wie viele und nach welchen Maßstäben - oder hat jemand andere Informationen? Im Sinne der Transparenz sollte das von Google weltweit offengelegt werden. Dann würde ich ihr Anliegen auch ernster nehmen können, dass sie sich gegen Zensur aussprechen.
@Viktor Dite: Das gefügige Google würde vielleicht schon der ein oder andere aus Chinas Regierung vermissen. Denn ich weiß nicht, ob sie eine technologisch so versierte Firma als Gegner haben wollen. Denn meinst Du nicht, dass die Ingenieure bei Google Mittel und Wege finden würden, um die "Great Firewall of China" zu umgehen - wenn sie nur wollten und dürften?
@Andreas Lenz: Abstimmung ist ergänzt.
von Viktor Dite 13.01.2010 (13:17Uhr) 6.
@Jan Tißler
Google ist schon lange deren "Gegner" (siehe Hackerangriffe) und wenn Sie (Google) es wollten, hätten Sie es schon getan - denke ich. Google will hier nur wieder mal seine "Macht" demonstrieren, wird aber diesmal wahrscheinlich "den Schwanz einziehen" müssen und passen.
von Mircow 13.01.2010 (17:13Uhr) 7.
Ich denke, dass es sich um ein heikles Thema handelt und wir 'Normalos' vielleicht gar nicht über genügend Hintergrundinfos verfügen. Aber jeder sollte ein Recht auf unzensierte Nachrichten haben...
von Hannes 13.01.2010 (18:17Uhr) 8.
Generell ist es erst mal begrüßenswert.
Weiters wird sich mit der Zeit zeigen,
jetzt über die Hintergründe zu spekulieren halte ich für wage und auch ein wenig unfair gegenüber Google.
von Dave Gööck 18.01.2010 (21:02Uhr) 9.
hallo allerseits,
ich habe mir über das thema ein wenig ausführlichere gedanken gemacht, nachdem ich einiges in blogs und zeitungen darüber gelesen habe. ich kann mir vorstellen, dass diese entwicklung eine weitaus größere tragweite hat, als einfach nur den möglichen rückzug googles aus china. ein einzelnes unternehmen, dass ein derart großes land unter druck setzt und offen in seine politik einzugreifen versucht ist eher unüblich. was ist, wenn google damit erfolg hat? stünde es google zu deutschland mit hilfe der abhängigkeit seiner bürger unter druck zu setzen? - intuitiv würde jeder sagen "NEIN". ich glaube aber, dass das nicht unbedingt so einfach zu beantworten ist, und eine etwas differenziertere betrachtung sicher hilfreich ist.
diese betrachtung habe ich versucht in meinem blogbeitrag mal anzustellen. er trägt den titel: "Der Google-Staat, oder Doppelmoral einer verwirrten Gesellschaft"
http://www.verantwortung.org/2010/01/der-google-staat-oder-doppelmoral-einer.html
ich freue mich über leser und feedback.
dave gööck
von Internet-Zensur: Welche Länder greifen… 16.04.2012 (12:36Uhr) 10.
[...] Inhalte aus dem chinesischen Index nehmen müssen, wenn sie eine Betriebslizenz erhalten wollen. Anfang 2010 kündigte Google an, sich an dieser Form der Internet-Zensur nicht länger beteiligen zu... und stellte den kompletten Rückzug aus China in den Raum. Seit dem wird die Domain Google.cn auf [...]