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Google Glass: Das kann die Datenbrille wirklich

hat das Potenzial, uns in eine neue Ära zu führen, könnte aber auch grandios scheitern. Allein deshalb ist das Thema für viele spannend. heizt das Interesse mit spektakulären Marketing-Aktionen immer wieder an. Aber was ist an ihnen wirklich dran? Und welche Folgen wird die Datenbrille für uns haben? Dieser Artikel gibt euch einen Überblick.

Google Glass: Das kann die Datenbrille wirklich

Was Google Glass können soll

Seit drei Jahren forscht Google an dem, was inzwischen als Google Glass bekannt ist: ein Smartphone-Display seitlich im Sichtfeld, transparent überlagert mit der Wirklichkeit. Wenn man so will, ist es ein Smartphone an einem brillenartigen Gestell, das auf Touchgesten am Bügel und auf Sprachbefehle reagiert, eine Kamera für Fotos und Videos eingebaut hat, sowie über GPS, Wi-Fi und Bluetooth verfügt. Um Ton an den Nutzer zu übertragen, setzt es auf Knochenschall – man muss also keinen Kopfhörer ins Ohr einstöpseln. Manche sehen Google Glass als nächste Stufe, die auf die Evolution vom Handy zum Smartphone folgt.

Und da könnte etwas dran sein. Schließlich ist es für viele bereits alltäglich, ein Smartphone zu haben. Damit können sie Nachrichten auf diversen Plattformen verteilen, nach Restaurants in der Umgebung suchen, sich den Weg zeigen lassen, Fotos machen und Videos aufnehmen – und vieles mehr. Dazu aber muss man das Gerät aus der Tasche holen und in die Hand nehmen – die leicht nach vorn gebeugte Haltung ist alltäglich geworden, aber nicht immer praktisch.

Google Glass will das ändern, in dem es das Smartphone-Display aus der Tasche und weg von unserer Hand direkt in unser Sichtfeld bringt. Google zeigt in diesem Video, wie das aussehen wird:

Joshua Topolsky, Chefredakteur von The Verge, konnte Google Glass bereits ausprobieren und sagt in seinem Artikel: So wie in diesem Video funktioniert es tatsächlich.

Und man sieht darin, wie nützlich Google Glass sein könnte, denn man behält die Hände frei, kann sich auf das konzentrieren, was um einen herum geschieht und hat dennoch viele Funktionen eines Smartphones in erreichbarer Nähe. Die Fluggesellschaft Jet Blue hat einmal spekuliert, wie das bei ihren Kunden ganz praktisch aussehen würde. Und einer der größten Lebensmittelproduzenten der USA überlegt, wie das den alltäglichen Supermarkteinkauf verändern könnte.

Gesteuert wird Google Glass durch Berührungen am Gestell und durch Sprachbefehle, die man mit "Okay Glass" einleitet. Vor allem die Sprachsteuerung könnte interessant werden und wer Google Now von seinem Android-Phone kennt, der weiß: Das funktioniert in vielen Situationen ganz ausgezeichnet.

Was mich persönlich skeptisch macht, ist die Touchbedienung am Gestell. Will man wirklich die Hand an der Seite seines Kopfes haben? Wenn, dann auf jeden Fall nicht lange. Das folgende Video zeigt den Anfang einer Demo auf der Konferenz SXSW 2013, mit dem man ein Gefühl für einige der Steuerprinzipien von Google Glass bekommt:

Was es nicht kann oder: Was noch nicht bekannt ist

Google Glass ist kein vollständiges Smartphone – zumindest nach heutigem Stand der Dinge. So hat der Brillen-Computer zum Beispiel keine Mobilfunkverbindung. Stattdessen ist er auf ein Smartphone oder WLAN angewiesen. Und die Internetverbindung wird an vielen Stellen gebraucht, auch für die Sprachsteuerung. In einem Funkloch ist man mit Google Glass weitgehend aufgeschmissen. Und hat man eine schlechte Verbindung, wird die Nutzung zum Geduldsspiel – so wie wir es heute schon von unseren Smartphones kennen. In Googles obigem Werbefilm funktioniert natürlich immer alles auf Anhieb und Google Glass reagiert sofort.

Die konkreten Spezifikationen sind weitgehend unbekannt. Keinerlei Informationen gibt es bislang beispielsweise zur Akkulaufzeit oder zum Preis. Auch über die Kamera, den internen Speicher und andere Features weiß man noch nichts. Immerhin: Einen Erscheinungstermin noch in diesem Jahr hält Google für möglich, und damit ist der freier Verkauf gemeint. Momentan bekommen nur wenige Personen außerhalb von Google die Brille in die Hand. Dazu gehören beispielsweise Entwickler, die 2012 auf der Konferenz Google I/O waren und 1.500 US-Dollar für die „Explorer Edition“ auf den Tisch gelegt haben. Kürzlich konnten sich bei der #ifihadglass-Aktion weitere Interessierte um Googles Wunderbrille bewerben.

Die aktuelle Version von Google Glass funktioniert übrigens noch nicht für Brillenträger. Aber das Problem hat Google im Blick. Dabei ist die aktuelle Version so konstruiert, dass sich der eigentliche Computerteil und das Alu-Gestell voneinander trennen lassen. So könnte man seine Google-Brille schnell mit einem individuellen Gestell versehen. Das Unternehmen arbeitet hier offenbar mit Brillenherstellern zusammen. Für den Erfolg des Produkts ist das entscheidend, denn so gut und hilfreich die Funktionen auch sein mögen: Wenn sich zu wenig Leute mit Google Glass in die Öffentlichkeit trauen, hat die Firma ein Problem. Dazu später noch ein paar Worte mehr.

Unklar und dabei sehr interessant ist auch die Frage: In welcher Form wird es Werbung innerhalb von Google Glass geben? Schließlich ist Google in der Hauptsache ein erfolgreicher Online-Werbevermarkter, sobald man sich die Einnahmen anschaut. Google Glass wird so viel über den Nutzer wissen, dass es schon fahrlässig wäre, das nicht in irgendeiner Form für Werbung zu nutzen. Die gute Nachricht: Bislang hat Google ein recht gutes Gespür dafür bewiesen, wie viel Werbung und welche Werbung von den Nutzern akzeptiert wird.

Technische Feinheiten

Man kann sich schon darauf freuen, wenn ifixit.com die erste Google Glass in die Finger bekommt und auseinandernimmt.

Interessant aus technischer Sicht ist an Google Glass, wie kompakt alles bereits geworden ist, auch wenn man sich manches noch viel kompakter wünschen würde. Die Ingenieure und Designer in Googles Team haben es hier und da dennoch geschafft, Technik und Optik geschickt miteinander zu verbinden. So ist der Akku hinter dem Ohr platziert und fungiert damit zugleich als Gegengewicht. Wie gut sich Glass auf Dauer trägt, muss sich natürlich noch erweisen. Es soll aber nicht schwerer als eine handelsübliche Sonnenbrille sein.

Eine so interessante wie offene Frage ist die technische Lösung rund um den eingeblendeten Layer im Blickfeld. Der Trick ist offenbar, dass das Bild direkt auf die Netzhaut projiziert wird. Weitere Informationen dazu findet ihr auf dieser Seite. Und wer es ganz genau wissen will, kann sich auch dieses Google-Patent ansehen.

Die Sache mit der Privatsphäre

Noch gibt es Google Glass nicht, aber der Protest gegen ihre Träger läuft bereits an.

Apropos „etwas anstellen“: Mit Google Glass kann man wie schon erwähnt fotografieren und filmen, ohne dass das für Personen in der Umgebung sofort ersichtlich ist. Es wird daher sicherlich zum guten Ton gehören, die Google-Brille in bestimmten Situationen abzusetzen. Auf diese Weise bekommt das Gegenüber die Sicherheit, nicht per Foto oder Video im Internet zu landen. Da nicht alle Menschen immer wissen, was sich gehört, dürften wir demnächst die ersten passenden Schilder in Restaurants und Bars sehen. Eine Bar in Seattle hat bereits jetzt öffentlichkeitswirksam Google-Glass-Verbot erteilt. Und die Seite „Stop The Cyborgs“ hat Googles Brillenprojekt ebenfalls im Auge und verteilt unter anderem „Free Google Glass ban signs“ unter Creative Commons Lizenz.

Zweifellos muss man sich darauf einstellen, noch mehr gefilmt und fotografiert zu werden als es heute schon der Fall ist. Grenzenlos wird aber auch das mit Google Glass nicht sein: Der Akku des Geräts sowie die Bandbreite und Stabilität des mobilen Internets dürften hier neben gesellschaftlichen Normen limitierende Faktoren sein.

Das hält beispielsweise Mark Hurst in diesem Beitrag nicht davon ab, über eine ferne Glass-Zukunft zu spekulieren, in der die Brille eben doch dauerhaft Video aufnimmt, alles auf Googles Servern gespeichert und per Gesichts- und Spracherkennung angereichert wird. Die Gefahren sind nicht von der Hand zu weisen, wobei Mark Hurst die technischen Möglichkeiten meiner Meinung nach weit überschätzt und sein Horrorszenario uns nicht so bald real bedroht. Aber es muss ja auch nicht zum Schlimmsten kommen. Genügend Menschen haben eben kein Interesse, stets gefilmt und fotografiert zu werden. Wie man Geräte wie Google Glass ermöglicht und dabei das Recht auf Privatsphäre erhält, ist eine spannende Frage.

Insofern: Auf der einen Seite ist Skepsis angebracht, denn natürlich werden neue Technologien auch missbraucht, und auch die Grenze des gesellschaftlich Akzeptierten wird immer weiter verschoben. Auf der anderen Seite können wir uns kurz vor Veröffentlichung von Google Glass bereits auf zahlreiche sensationsheischende Berichte gefasst machen, die die latent vorhandenen Ängste ordentlich schüren werden – gern frei von störender Sachkenntnis.

Die Sache mit dem Nerdfaktor

Kombiniert mit einer Sonnenbrille sieht Google Glass schon nicht mehr ganz so nerdig aus...

Eine große Herausforderung für Google ist zudem: Wie gestaltet man Google Glass so, dass es möglichst viele Menschen tragen mögen – also auch Leute, die kein Borg-Kostüm von der letzten Star-Trek-Convention im Kleiderschrank haben? Das aktuelle Modell ist hier deutlich schlanker und schicker als der erste Prototyp, bei dem die Computertechnik auf eine Plastikbrille geklebt war. Aber dennoch ist Google Glass sofort sichtbar und fällt auf – erst recht, wenn man sich für eine der bunten Versionen entscheidet. Es stehen neben Schwarz, Weiß und Grau auch Orange und Blau zur Auswahl. Wie oben bereits erwähnt, arbeitet das Unternehmen mit Brillenherstellern und -designern zusammen, um weiter am Coolness-Faktor von Glass zu arbeiten. Und doch: Wer die Vorteile und Möglichkeiten von Google Glass wirklich nutzen will, muss sich das Gerät öffentlich auf die Nase setzen und das mehr oder weniger ständig.

Die Frage ist dabei – unabhängig von der Optik –, wer sich als Early Adopter auf die Straße traut, all die Blicke ernten, die Fragen beantworten und sich vielleicht gar dem einen oder anderen Angriff erwehren will. Die Stimmung gegenüber Google Glass ist zumindest im Netz zum Teil erstaunlich feindselig – auch wegen der schon erwähnten Privatsphärendebatte.

Fazit zu Google Glass

Ich persönlich bin sehr gespannt darauf, Google Glass ausprobieren zu können. Vor allem Googles neuestes Werbevideo (siehe oben) macht da sehr viel Lust auf mehr. Jederzeit Fotos und Videos aufnehmen zu können und Google Maps direkt im Blickfeld zu haben, sehe ich als die Features an, die mich am meisten interessieren würden. Auf der anderen Seite bin ich jemand, der zwar sehr gern sein Smartphone nutzt und auch nicht wieder darauf verzichten will, der es aber auch sehr bewusst ignoriert – und das über teils lange Strecken des Tages. Ich muss nicht jede Nachricht sofort lesen und beantworten. Da wird jeder unterschiedliche Prioritäten haben.

In vielen Situationen würde ich Google Glass absetzen, allein schon, um den Moment auch wirklich wahrzunehmen und nicht an zig Stellen gleichzeitig und nirgends so wirklich zu sein. Natürlich wird es Menschen geben, die das anders handhaben. Ich gehöre schließlich auch zu denen, die ihr Smartphone in der Kneipe oder im Restaurant in der Tasche lassen, anstatt es auf den Tisch zu legen. Und stummgeschaltet oder im Flugmodus ist es dann sowieso.

Wer sich heute von seinem Smartphone vom eigenen Leben ablenken lässt, wird sich auch von Google Glass ablenken lassen. Wer schon heute alles und jeden fotografiert und filmt, wird das erst recht mit Google Glass tun.

Stellt sich dann noch die Frage, wie sehr man dem Unternehmen Google vertraut, denn natürlich wird alles rund um Glass tief mit den Diensten von Google verknüpft sein.

P.S.: Und für den unwahrscheinlich Fall, dass noch nicht jeder das folgende nützliche Video gesehen hat – so werden Männer Google Glass wirklich nutzen:

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2 Antworten
  1. von Hans am 28.03.2013 (10:42 Uhr)

    Ähnliche Dinge spielen sich heute bereits im Helm eines Hubschrauber Kampfpiloten ab, wobei die Google Brille wie eine Erweiterung erscheint.
    War oftmals auch in Filmen mit futuristischem Touch in der ein oder anderen Weise zu sehen.
    Bin gespannt, sofern das Projekt zu Ende geführt wird, zwischen dem Unterschied von Theorie zu Praxis.

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  2. von Tobias am 28.03.2013 (14:04 Uhr)

    Die Idee für so eine Brille finde ich richtig genial. Nur Schade das die Darstellung durch die Brille nur in einer kleinen Ecke erfolgt, so ist leider kein richtiges Augmented Reality möglich.

    Was aber immer noch nicht so ganz klar ist, wie stark ist die Brille auf ein Smartphone angewiesen. Stellt es nur die Informationen von einem Smartphone dar oder ist es ein komplettes eigenständiges System?

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