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Google soll Navigationsanbieter Waze übernehmen: Der Kampf um die Kartendaten

Die Übernahme des Navigationsanbieters Waze durch wird immer wahrscheinlicher. Kein Wunder, gehören Navigations-Apps doch zu den wichtigsten überhaupt – nicht zuletzt, weil sie unglaublich viele Daten liefern – und die will Google auswerten und vermarkten.

Google soll Navigationsanbieter Waze übernehmen: Der Kampf um die Kartendaten

Wohl keine andere App ist so zentral für den Erfolg einer mobilen Plattform wie die Karten-App. Zwei Unternehmen sind dabei besonders zentral: Google mit seiner Maps-App und Nokia. Das Unternehmen gehört nach der Übernahme der Firma Navtec zu den führenden Anbietern von Navigations-Lösungen. Die Navigations-App namens Here ist auf Nokia-Smartphones vorinstalliert und kann auf allen Geräten mit Windows Phone heruntergeladen werden.

Wie zentral das Thema für die IT-Größen ist, zeigt beispielsweise die Bieterschlacht um den Navigations-Anbieter Waze, an dem Facebook und Google offenbar interessiert waren. Eine Übernahme durch Facebook für 1,1 Milliarde Dollar scheiterte laut Medienberichten an der Frage des Standorts der Mitarbeiter, die in Israel bleiben wollten. Waze ist eine Navigations-App, bei der sich die Nutzer gegenseitig nach dem Crowdsourcing-Prinzip vor Staus warnen. Laut Beobachtern machen vor allem die gesammelten Daten von Waze das israelische Start-up wertvoll. Dabei hat Waze bislang noch überhaupt kein Geld verdient.

Karten gehören zu den meistgenutzten Smartphone-Apps

Google Maps wurde gerade erst einem Relaunch unterzogen. (Bild: Google)
Google Maps wurde gerade erst einem Relaunch unterzogen. (Bild: Google)

Eine eigene Karten-App ist aus mehreren Gründen wichtig: Karten gehören nicht nur zu den wichtigsten und meistgenutzten Anwendungen auf dem Smartphone – ortsbasierte Werbung gilt als großes Zukunftsgeschäft. Zudem fallen bei der Nutzung von Karten zahlreiche ortsbasierte Informationen an, die ausgewertet werden können. Geschäfte könnten beispielsweise für spezielle Angebote über Karten-Apps werben, wie es heute schon bei dem ortsbasierten sozialen Netzwerk Foursquare in den USA der Fall ist.

Daten der Internet-Marktforschungsfirma Comscore zeigen, dass Google Maps neben der Facebook-App 2012 die meistgenutzte App auf dem iPhone war – und das, obwohl mit Apple Maps bereits eine Kartenanwendung auf dem Apple-Smartphone vorinstalliert ist. Laut Marcus Thielking, Geschäftsführer des Kartenspezialisten Skobbler, ist die Wichtigkeit von Maps-Apps ein Ausdruck davon, dass das Internet immer mobiler wird. „Damit bekommt der sogenannte Location-Bezug einen steigenden Stellenwert", erklärt Thielking.

Die meisten Basis-Programme eines Smartphones können von jedem mit einfachen Mitteln angeboten werden: Webbrowser, E-Mail-Programm und Terminkalender bedeuten keinen großen Programmieraufwand, zumal in allen diesen Bereichen kostenlose Open-Source-Software als Basis verfügbar ist. Doch eine eigene Karten-App und die Pflege sämtlicher Ortsdaten bedeuten deutlich mehr Aufwand.

Wie schwierig ein solches Unterfangen ist, musste Apple erleben, als es Googles Kartenapplikation durch das eigene Apple Maps auf iPhone und iPad ersetzte. Obwohl Apple zahlreiche Quellen angezapft hatte – darunter den Navigations-Anbieter TomTom und die Bewertungsseite Yelp – waren zahlreiche Karteninformationen vor allem außerhalb der USA fehlerhaft.

Views, Transaktionen, Werbeumsätze

Warum nahm Apple einen solchen Aufwand überhaupt in Kauf? „Views und Transaktionen" sind das, worum es den IT-Größen bei den Karten-Apps geht, sagt Annette Zimmermann, Analystin beim IT-Marktforscher Gartner. „Und damit für Google vor allem letztendlich die Werbe-Umsätze". Vor allem sind die Karten-Nutzer ein riesiger Quell von generierten Daten. Alleine 600 Millionen Smartphones und Tablets mit Googles mobilem Betriebssystem Android werden weltweit genutzt. Nokia hat nach eigenen Angaben 230 Millionen Transaktionen am Tag mit der eigenen Navi-App – also mit Abrufen von Kartendaten. Außerdem würden pro Tag 2,7 Millionen Änderungen an den Karteninformationen durchgeführt.

Karten-Applikationen sind ein sogenannter kontextbasierter Dienst – je nach Umgebung werden andere Informationen bereitgestellt. „Dahin entwickelt sich die gesamte Service-Welt, das ist sozusagen die Zukunft", sagt Zimmermann. Die Dienste beziehen zunehmend Ort und Zeit mit ein. Die Karten-Apps weiten inzwischen ihr Feld auch auf die Navigation in Gebäuden aus – beispielsweise Flughäfen und große Shopping Malls in den USA.

„Durch die ortsbezogenen Daten kann Google Maps Local etwa gezielt Bars, Werkstätten oder sonstige Geschäfte in geografischer Nähe präsentieren", sagt Martin Römhild vom Ratgeberportal techfacts.de. „Mit Hilfe von Google Adsense besitzen Unternehmen die Möglichkeit, bei diesen mobilen Suchergebnissen Werbeanzeigen zu schalten. Aufgrund des Einbezugs geografischer Daten sind sowohl die Suchergebnisse als auch die Werbeanzeigen besonders relevant für den Nutzer", erklärt Römhild. Schon heute nutzt Google beispielsweise auch Ortsdaten, um Werbekunden zu ermöglichen nur in bestimmten Gegenden zu werben.

Google profitiert von der Android-Verbreitung

So sieht die Navigation bei Waze aus. (Bilder: Waze)
So sieht die Navigation bei Waze aus. (Bilder: Waze)

So profitiert auch Google von der Verbreitung seiner Android-Plattform und Smartphones allgemein – obwohl die Hersteller des Systems keinen Cent an Google zahlen. Der Webriese bietet sein mobiles Open-Source-Betriebssystem Android zwar kostenlos an – und jeder Nutzer des Systems ist frei, es nach eigenen Wünschen zu verändern, wie unter anderem Amazons Fire-Tablets aber auch Facebooks Home-Oberfläche, die beide auf Android basieren, zeigen. Wird aber ein Google-Dienst genutzt, macht es Google zur Bedingung, dass alle Standard-Dienste von Google unter Android vorinstalliert sein müssen – auch wenn sie zu eigenen Produkten in Konkurrenz stehen. Mit einer eigenen Karten-App wäre Facebook mit seiner Smartphone-Oberfläche Home daher ein Stück weit unabhängiger von Google geworden.

Als unbestrittener Marktführer auf dem Gebiet tut Google einiges dafür, die Konkurrenz auf Abstand zu halten. Bei der jüngsten Google-Entwicklerkonferenz I/O standen neue Funktionen und eine neue Optik im Zentrum der Präsentation.

Das globale Geschäft mit den Kartendiensten ist dagegen bislang noch sehr übersichtlich. Nokia verdient sein Geld mit den Daten vor allem durch eine Lizenzierung an Autohersteller, die die Here-Daten in ihren Navigationslösungen einsetzen. Auch die eigene Smartphone-Sparte kauft die Lizenz intern. Google verdient durch Anzeigen in der Karten-App.

Das Geschäft mit der kontextsensitiven Werbung verblasst noch angesichts anderer Geschäftsfelder wie der Werbung bei Suchergebnissen oder auf Websites. 2012 wurde nach einer Gartner-Schätzung im mobilen Bereich mit ein einstelliger Milliardenbetrag mit Werbung in Karten-Apps umgesetzt. „Und das wird sich sicher noch ausbauen in den nächsten Jahren", sagt Zimmermann.

Qualität der Daten als Schlüssel

„Das Wertvolle – und das sind nicht viele, die das können – ist, die Qualität der Daten zu sichern", sagt Zimmermann. So fahre Nokia beispielsweise regelmäßig die Straßen ab. Lokale Geschäftseinheiten von Nokia rund um die Welt aktualisierten jeden Tag die Karteninformationen. „Crowdsourcing funktioniert allerdings auch", sagt Zimmermann und verweist auf Waze. Der Vorteil der App sei, dass die Community gut funktioniert und jeden Tag Millionen von Updates schickt. Allerdings könne man sich auf diese Daten nicht ganz so stark verlassen wie auf die Daten von Nokia. Neben Nokia schaffe es nur noch der Navigationsanbieter TomTom, die Qualität der Daten auf diesem Niveau zu sichern.

Die Daten sind allerdings nicht alles, wie das Beispiel Apple zeigt. Trotz der Zusammenführung vieler qualitativ hochwertiger Daten wie von TomTom, der Bewertungs-Website Yelp und anderen, fiel Apple Maps kurz nach der Einführung durch zahlreiche Fehler auf. „Es lag sicherlich nicht an der Qualität von TomTom", sagt Zimmermann. Vielmehr sei die „etwas übereilte, vielleicht auch schlampige Integration" der Daten schuld gewesen.

Insgesamt ist der Markt der Anbieter von Kartendaten sehr übersichtlich. „Es gibt wahnsinnig wenige digitale Kartenanbieter, die das Ganze auf internationaler Ebene vernünftig beliefern können", sagt Thielking. Auch dadurch werden die Daten der wenigen Anbieter so wertvoll.

Openstreetmap als freie Alternative

Skobbler selbst setzt auf Openstreetmap – ein von Freiwilligen gepflegter Dienst, der die Daten kostenlos unter einer freien Lizenz anbietet. Weil der Dienst vom Mitmachen lebt, ist Datenqualität je nach Region sehr unterschiedlich. In Deutschland gilt sie aber als besonders gut. Kommerzielle Anbieter haben mit einer solchen Open-Source-Lösung aber ihre Probleme. „Alles, was man dort nutzt beziehungsweise anreichert, muss man gegebenenfalls auch mit den Daten, mit denen man es angereichert hat, wiederum im Rückfluss teilen", sagt Thielking mit Verweis auf die Open-Source-Lizenz des Projekts. Das sei beispielsweise der Grund, warum Google oder Nokia niemals ihre eigenen Daten mit denen von Openstreetmap mischen würden.

Thielking gibt zu, dass bei der klassischen Auto-Navigation die Daten von Openstreetmap noch nicht mit denen von Nokia oder TomTom mithalten können. Die Navigations-Apps GPS Navigator und Nachfolger GPS Navigator 2 von Skobble nutzen die von Freiwilligen gesammelten und aktualisierten Daten des kostenlosen Dienstes. „Aber wenn es darum geht eine Karte ganzheitlich abzubilden – also wenn es zum Beispiel um das Thema Outdoor geht, wenn es darum geht, Dinge abseits der Straßen abzubilden – Fußgängerzone, Parks und so weiter – dann sieht das ein bisschen anders aus. Da hat Openstreetmap i n Deutschland seit Jahren die datenreichste Karte", sagt Thielking. Auch Google sei in diesem Gebiet deutlich weiter als Nokia.

Grund sei die Art der Datenerfassung: Bei Nokia werden die Strecken von Autos abgefahren und somit sei es schwierig, Dinge zu erfassen, die nicht mit dem Auto befahrbar sind. Der Fokus rücke derzeit aber ein wenig vom Auto weg, sagt Thielking. Der Autohersteller Daimler beispielsweise bietet mit Moovel eine kostenlose „Tür-zu-Tür"-Navigation an, mit der der Nutzer – derzeit nur in den Städten Stuttgart und Berlin – unter Nutzung aller Verkehrsmittel navigieren kann –Fußwege, öffentliche Verkehrsmittel und Mietwagen inklusive. Eine ebenfalls kostenlose Konkurrenz dazu ist Waymate, die auch in anderen Städten funktioniert.

Könnte das kostenlose Angebot Openstreetmap den Wettbewerb um die Daten entschärfen? Thielking ist skeptisch: „Der Zugang ist extrem schwer für diese Karten", da es an einer Standardisierung von Openstreetmap mangele. Anders als bei Googles Dienst Maps gibt es keine definierte Schnittstelle, um die Daten in andere Programme problemlos einzubinden. Skobble will an dieser Stelle als „Zugangsanbieter für Openstreetmap" fungieren.

Experten Kontextbasierte Dienste sind die Zukunft

Für die Zukunft erwartet IT-Marktforscher Gartner, dass kontextbasierte Dienste in den Mittelpunkt rücken. Das Gerät werde sich in Zukunft darauf einstellen, in welcher Situation und an welchem Ort sich ein Nutzer gerade befindet. „Dass sich mein Gerät beispielsweise automatisch umstellt von Handnavigation auf Sprachmodus, weil es weiß, dass ich immer um acht Uhr zur Arbeit fahre", nennt Zimmermann als Beispiel. „Darin entwickeln sich die Geräte und die Dienste immer stärker – und das ist auch das, was das Ganze überhaupt erst interessant macht", sagt sie.

„Das wird riesig werden" ist auch Skobble-Chef Thielking überzeugt. Der Umschwung auf ortsbasierte Dienste vollziehe sich aber langsamer als jeder vorher angenommen habe, sagt er. Thielking macht dafür das Zögern der Marktführer verantwortlich. Die großen Player hätten ihre Web-Technologie einst mit Fokus auf das stationäre Internet entwickelt. „Jede Veränderung stellt natürlich gerade für die Marktführer auch immer eine Gefahr da", sagt er. „Einen neuen Geschäftsbereich aufzureißen bietet auch immer die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein gewisser Umbruch abzeichnet.“

Auch wenn es wahrscheinlich sei, dass die Großen einen Hauptteil des Kuchens auch in einem neuen Geschäftsfeld abbekommen – ein neuer Anbieter ohne Altlasten aus der Zeit des stationären Internets hätte Thielkings Überzeugung nach eine größere Chance als wenn alles beim Status quo bliebe. Beispielsweise spielte bei den Werbenetzwerken, die Google aufgekauft hat, das Thema Location bislang kaum eine Rolle. „Druck wird da von Marktführern jedenfalls nicht gemacht.“

Weiterführende Links:

Mehr Technologie-News auf wsj.de

Von Stephan Doerner

Ursprünglich publiziert bei wsj.de.

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