In der allgemeinen Begeisterung über diesen „Befreiungsschlag“ gegenüber Apple, Amazon und Microsoft blieben die Schwachstellen des Konzerns aus Mountain View und die Bemühungen der Wettbewerber bisher unberücksichtigt.
Vier Konzerne verfolgen mittlerweile das gleiche Ziel: Die Integration von Hard-und Softwareprodukten unter jeweils einer Marke, die Nutzer an eine Plattform bindet. Um das zu erreichen, die losen Enden der Aktivitäten zu einem Ökosystem zusammenzuführen, genügen einzelne Produkthighlights jedoch nicht. Das Gros der Anwender präferiert ein homogenes Gesamtkonzept. Hier muss Google nachlegen.
Marketing: „Nexus“ ist über die Technikwelt hinaus wenig bekannt, „iPad“ und „Kindle“ hingegen kennt jeder
Die Nexus-Reihe war bislang ein Flop. Nicht aus technischer Perspektive, sondern aus absatz- und kommunikationspolitischem Blickwinkel. Weder das Nexus One, das Nexus S noch das Galaxy Nexus sind zu Rennern am Smartphone-Markt avanciert.
Von der Technikpresse jeweils wohlwollend aufgenommen, wurden diese Produkte lediglich von Werbemaßnahmen zur Markteinführung begleitet. Danach herrschte Funkstille. Ohne Werbung, ohne starke Vertriebspartner – die Apple und Microsoft auch in der Fläche zur Verfügung stehen, um ihre Produkte in den Markt zu drücken – gerieten diese Geräte sehr schnell wieder in Vergessenheit.
Während sich einzelne Geräte anderer Hersteller, wie z.B. das HTC Desire oder das Samsung Galaxy S2 zu Verkaufshits entwickelten und heute als „Kult-Geräte“ vermarktet werden, blieben die Geräte der Nexus-Reihe Nischenprodukte und Vorzeige-Objekte für Technik-Fans. Google bringt sein Tablet also unter einer Marke heraus, die am Consumer-Markt weitestgehend untergegangen ist, da man in deren Aufbau in der Vergangenheit zu wenig investiert hatte.
Wettbewerbsvorteile, z.B. gegenüber Microsofts Neuentwicklung „Surface“ – durch eine bereits höhere Markenbekanntheit – kann sich Google hier kaum erhoffen.
Um mit diesem 7“-Gerät, das sich bereits allein aufgrund seines Formates per se als klarer Opponent zur bekannten Marke „Kindle“ positioniert, muss Google massiv in einen Markenaufbau investieren und gleichermaßen Kooperationspartner im Vertrieb finden, die diese Bemühungen auch gezielt unterstützen.
Vertrieb: Mobilfunkanbieter und Flächenmärkte werden als Vetriebspartner schwer zu gewinnen sein
Welches Produkt in diesem Segment war jemals erfolgreich, ohne dass es in der Fläche angepriesen und verkauft worden wäre? Was Mobilfunkunternehmen und Provider nicht in ihren Katalog aufnehmen, in ihren Shops ausstellen und ihrerseits bewerben, hat es am Markt schwer.
Doch warum sollte ausgerechnet dieses Nexus-Produkt in deren Portfolios aufgenommen werden?
Ohne ein UMTS-Modul lassen sich keine – für sie – attraktiven Vertragspakete schnüren, die Margen beim Verkauf dieses Budget-Gerätes wären dünn und das Produkt selbst könnte den großen Anbietern zudem ein Dorn im Auge sein, da es ihren eigenen Interessen zuwider läuft: Zum einen will man die „großen“ Androiden zusammen mit Datenpaketen verkaufen und zum anderen plant man mit „White Label“- Anbietern wie Huawei und ZTE eventuell eigene Budget-Tablets, die man unter der eigenen Marke verkaufen möchte. Für Mobilfunker und Flächenmärkte (die Smartphone- und Tablet-Produkte mittlerweile oft von Providern innerhalb ihrer Märkte anbieten lassen), gib es keinerlei Anreize, das Nexus 7 in ihre Produktkataloge mit aufzunehmen, sofern Google nicht in irgendeiner Form mit Anreizen lockt.
Mit wem und über welchen Vertriebsweg möchte Google also das Tablet in den Markt drücken und erfolgreich machen?
Wettbewerb: Und wenn Amazon das „Nexus 7“ einfach nicht listet…?
Amazon ist der weltweit größte Retailer. In allen westlichen Märkten prangt auf den Startseiten ein Produkt der Kindle-Reihe. An 365 Tagen im Jahr bewirbt der Konzern aus Seattle sein Lesegerät in bevorzugter Position. Das Interesse des Retailers am digitalen Buchmarkt ist eindeutig und ein weiterer Wettbewerber in diesem Wachstumsmarkt wird kaum erwünscht sein.
Im US-Markt ist Amazon.com um mehr als den Faktor drei das reichweitenstärkste Online-Kaufhaus des Landes. Zwar verfuhr dessen Gründer Jeff Bezos bisher immer nach der Devise „Kannibalisiere dich selbst, bevor es ein anderer tut!“, vor dem Hintergrund der Bemühungen, die Amazon im US-amerikanischen Buchmarkt betreibt, wäre es jedoch möglich, dass die Entscheider in Seattle bei diesem Produkt eine Ausnahme machen und ihre Marktmacht nutzen, indem sie das neue „Kampfpreis-Tablet“ einfach nicht in ihrem Produktkatalog zulassen.
Ein unrealistisches Szenario? Mitnichten. Amazon kämpft nicht um Marktanteile, sondern versucht in seinen Geschäftsfeldern konsequent Mitbewerber zu verdrängen, sie zur Aufgabe zu zwingen.
Kritiker unterstellen dem Unternehmen, den Buch-Markt mit Dumping-Preisen seiner E-Books derart unter Druck zu setzen, bis der Konzern als verbleibender Monopolist alle anderen Verlage vom Markt verdrängt hat und von da an die Preise diktieren kann.
In Europa verfährt der Handels-Gigant ähnlich, zwar mit anderen Methoden, aber letztlich der gleichen Ausrichtung: Seit mehreren Jahren unterbietet Amazon im klassischen Retail-Geschäft gezielt und ganz konsequent die Angebots-Preise von Media Markt und Tesco (UK). Die attraktivsten Produkte aus jedem Flyer, jeder Kampagne werden dabei gezielt unterboten. Gewinne erwirtschaftet Amazon damit jedoch nicht. Langfristiges Ziel dieser Strategie ist es letztlich nur, die Technik-Märkte so lange unter Druck zu setzen, bis sie schließlich aufgeben.
Im Kampf um die Vorherrschaft bei „Digitalen Gütern“, wird man ähnlich verfahren. Das Nexus 7 ist eine Kampansage an das Kindle Fire, da wäre es nur konsequent, wenn sich Amazon weigern würde es über seine Plattform zu vertreiben.
In Apple-Stores werden schließlich auch keine Windows-PCs verkauft und um seine Interessen im Handel mit digitalen Gütern zu schützen, wäre Amazon ein derart radikaler Schritt durchaus zuzutrauen, selbst wenn ein Image-Schaden damit verbunden wäre. Von Amazon droht Google also eine doppelte Gefahr: Es ist zum einen produktseitig der direkte Wettbewerber und zum anderen der Gatekeeper über den reichweitenstärksten Online-Shop der Welt, der das Konkurrenz -Produkt jederzeit „auslisten“ könnte und Händlern des Tablets und somit Google selbst einen wichtigen Vertriebskanal versperren würde.
Preispolitik: Der „Kampfpreis“ richtet sich auch gegen andere Anbieter von Android-Geräten
Branchenbeobachter frohlocken und meinen, dass andere Hersteller wie Samsung, Asus und Acer angesichts der Preisoffensive von Google jetzt „nachlegen“ müssten. Eine sehr bequeme Forderung. Jeder kann ein Produkt auf den Markt bringen und es unter den Herstellungskosten anbieten. Wie werden jedoch die anderen Anbieter, die – im Gegensatz zu Google – auf Gewinne aus den Hardware-Verkäufen angewiesen sind, darauf reagieren?
Die kleineren Anbieter werden sich vom Markt zurückziehen. Nur die großen Player wie Samsung und Sony werden Googles Dumping-Strategie in Kauf nehmen, da diese Hersteller, neben dem Verkauf der Hardware, auch noch ein Interesse daran haben, durch ein Engagement im Tablet-Markt eine Integration mit den Aktivitäten ihrer TV-Sparten voranzutreiben: Die Verschmelzung von TV- und Tablet-Nutzung im heimischen Wohnzimmer. Vielfalt, Wettbewerb und damit eine Penetration des Marktes mit Android-Tablets fördert das jedoch nicht, so dass Google sich letztlich mit dieser Preisoffensive mehr schaden könnte, als dass es dem Unternehmen nutzt.
Fazit: Ein ordentliches Produkt zum fairen Preis ist ein guter Anfang, aber kein Selbstläufer
Nachdem die Stuntmen ihre Sachen gepackt haben und der Rauch verflogen ist, sollte nach der Keynote wieder Nüchternheit einkehren. Google hat mit dem Nexus 7 ein vielversprechendes Produkt zu einem attraktiven Preis vorgestellt. Trotz der Preisoffensive ist ein Erfolg jedoch keinesfalls garantiert, da die Wettbewerber jeweils mit Stärken in Marketing, Vertrieb und Inhalte-Angebot aufwarten können, die es Google schwer machen werden, seinerseits im Massenmarkt überhaupt als Anbieter eines homogenen Gesamtpaketes aus Hard- und Software wahrgenommen zu werden. Gelingt Google dies jedoch nicht, droht die Gefahr, dass das Nexus 7 ein Nischenprodukt bleibt, so wie die bisherigen „Nexen“ vor ihm.
![Google Nexus 7: Prickelnder Neuanfang oder knisterndes Strohfeuer? [Kommentar]](http://t3n.de/news/wp-content/uploads/2012/06/nexus7_99353-205x115.jpg)









von Johannes Heim via facebook 29.06.2012 (11:13Uhr) 1.
es ist billig und gut. kampfansage. musste endlich mal sein.
von Tiffany Schmidt via facebook 29.06.2012 (11:15Uhr) 2.
Ich bin auf erste Testberichte gespannt.
von Android 4.1 ohne Flash-Unterstützung: … 29.06.2012 (11:44Uhr) 3.
[...] zu promoten. Ein klarer Gewinn für die Plattform, denn derlei Formate gewinnen vor allem im Wettbewerb um die Gunst der Kunden im Tablet-Markt zunehmend an [...]
von Tobi 29.06.2012 (12:19Uhr) 4.
Ich finde den Aspekt "und wenn Amazon das Nexus 7 einfach nicht listet" interessant. Zuzutrauen wäre Amazon dieser Feldzug, aber "was, wenn Google Amazon einfach nicht mehr listet" finde ich auch eine interessante Frage ;-) Zwar ein großes Ding und sicherlich mit etwas Augenzwinkern zu betrachten ... Aber ich denke, so ein Verhalten von Amazon könnte auch mal schnell nach hinten los gehen. Besonders langfristig kann Google durch eine Vernachlässigung in den Suchergebnissen viel Druck gegen Amazon aufbauen --> denn auch Amazon kann zumindest für einen Teil der "Spontankunden" von der Bildfläche verschwinden, wenn sie nicht gleich auf Platz 1 der Suchergebnisse auftauchen. In diesem Sinne... "don't be evil" ;-)
von Karsten Werner 29.06.2012 (13:08Uhr) 5.
+1 @Tobi
von Tom 29.06.2012 (14:07Uhr) 6.
@Tobi: Die Möglichkeiten von Google sind begrenzt. "Eigentlich" gehört denen die Suche, allerdings haben die schon mal einen auf die Nase bekommen, weil sich jemand wegen Ungleichbehandlung und Ausnutzung einer Monopolstellung beklagt hatte. Würden die Amazon offen abstrafen, hätten die ganz schnell alle möglichen Regulierungsbehörden am Hals.
von Tobi 29.06.2012 (15:17Uhr) 7.
@Tom: ist schon richtig und ist mir auch bekannt. Daher das "Augenzwinkern" ;-)
Lässt man eine mögliche Strafe (welche sicherlich auch nicht allzu schmerzhaft für Google wäre) außer acht, finde ich hat Google doch eigentlich die größere Macht, wenn es mal wirklich zum "Schwa**vergleich" kommt ;-)
Mal davon abgesehen, dass für eine mögliche Abstrafung von Amazon sicherlich eine ähnliche Argumentation nahe liegen würde, wie sie für Google bei der Ungleichbehandlung galt. Beide haben eine annähernd vergleichbare "Monopolstellung" - wenn man das so sagen kann.
Egal wie die Meinung ist, finde das Thema aber sehr spannend und auch teilweise belustigend. Erinnert mich ein wenig an meine Kindergartenzeit :-)
von Nexus oder Lexus 29.06.2012 (22:25Uhr) 8.
Dumping ist in vielen Ländern verboten.
Viele Content-Projekte sind für Google aus Monopolgründen wohl nicht real möglich und auch nicht wirklich beabsichtigt. Die dienen also vielleicht nur zur Preis-Gerechtigkeit um Abzocke (von Kunden und Autoren) nicht Überhand nehmen zu lassen so wie Freie Tankstellen oder die Player (=Verlage) zu zwingen, ihre Bücher endlich mal per Ebook anzubieten. Gleiches mit Google Checkout. Die Gewinne macht man wie gehabt und immer mehr mit der Werbung in den Suchanfragen.
Asus macht am Nexus vermutlich keinen Verlust. Evtl ist es also nur eine Tech-Demo damit die Android-Pads sich nicht zu weit von den $200 fort-bewegen und bestimmte Mindest-Tech-Specs erfüllen wie sie der Markt und Presse/Test-Berichte dann dank google-Pad systematisch fordern werden. Die ersten Netbooks waren m.W. $199. Später war der normale Netbook-Preis eher um $299. Die Stückzahlen sind also evtl. egal wenn das Ziel ein anderes ist.
Wie woanders geschrieben wurde, wird daran von Google nichts verdient (von Asus aber vermutlich schon) und per Play-Store vertrieben. Wenn ich google wäre, würde ich zumindest indirekt auf den non-upgradern herumhacken und (wenn ich erkenne das es ein Konkurrenz-Pad ist oder ein SmarTV mit Android unter i=4.0) im Playstore Werbung wie " 7", Android4.1, $199 " o.ä. als Splash-Screen anzeigen.
Ich würde als ASUS dasselbe oder vergleichbares Pad als Nexus10Pad (mit anderem Namen natürlich) mit 10" auf eigenen Gewinn für +50$ anbieten. $299 sind zu viel. Die Preisverteilung ist eine Pyramide wie die Preiselastizität besagt und auch einleuchtet. $199 oder $249 sind also krass viel mehr potentielle Kunden als bei Teuer-Pads ohne Upgrade-Möglichkeit. Man muss nur ein brauchbares Produkt anbieten wo die Kunden scharenweise anbeissen.
Für Win8ARM-Pads sieht die Luft dann hoffentlich auch dünn aus und die 99% bleiben bei Android und werden nicht übervorteilt. Alle zwei Jahre ein $199-Pad ist nicht toll aber kostet auch nur ähnlich viel wie das Handy alle zwei Jahre ($10 pro Monat).
von Nexus oder Lexus 29.06.2012 (23:02Uhr) 9.
Klarstellung zum vorigen Posting von mir:
Im Artikel steht "Jeder kann ein Produkt auf den Markt bringen und es unter den Herstellungskosten anbieten.". Das macht so ziemlich fast jeder der ein Auto gebraucht verkauft.
Man sollte also klar zwischen den vielen Kosten-Arten unterscheiden. Die BWL hat diese Themen schon ewig präzisiert. Denn Handel gibt es schon ewig und BWL basiert auf Produktion und Vertrieb so wie Betriebssysteme (bzw. heute nur noch deren Kerne) auf C und Assembler. Dienstleistungen hingegen finden sich eher kaum als gängiges Thema.
Da es verboten ist, wird Google nicht dumpen, kann aber im Sinne des Volkes (oder auch kommunistisch, sozialistisch, liberal) das Projekt kostenneutral ohne Kapitalrendite betreiben bzw. die Kapitalrendite über die Milliarden-Einnahmen mit Werbe-Buchungen generieren. Viel Google-Eigenkapital steckt ja auch nicht drin weil viel der Entwicklung und Fabriken ja auch von Asus sind und man das Knowhow und Treiber bei den handvoll ARM-herstellern und relevanten Chip-Produzenten und Motorola gleich weiterbenutzen kann.
Auch würden sich zu viele Hersteller beschweren. Hat sich ASUS beklagt zu wenig von Google zu bekommen ? Und $50 billiger als das Kindle-Fire ist es auch nicht.
Auch daher sind die Grund-Kentnisse der Kosten-Arten und Arten der Mischkalkulationen (Drucker+Patronen, Hotels, Spielekonsolen+Content, Kindles+Content, Gutscheine,...) wie man es gelernt hat relevant.
von Nexus 7: Google Tablet überzeugt in ers… 30.06.2012 (12:58Uhr) 10.
[...] Google Nexus 7: Prickelnder Neuanfang oder knisterndes Strohfeuer? [Kommentar] - t3n-News [...]