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Groupon: Was das Unternehmen zu verschweigen versucht

    Groupon: Was das Unternehmen zu verschweigen versucht

Rocky Agrawal ist stinksauer. Über mehrere Tage befasste er sich nach eigenen Angaben mit dem letzten Quartalsbericht aus dem Hause Groupon. Was er fand, fasst er in der Empfehlung an die amerikanische Börsenaufsicht so zusammen: “Freeze this offering” (Friert diesen Börsengang ein). Andere Analysten fanden ähnlich deutliche Worte. Wir haben uns Groupons aktuelles Zahlenwerk auch noch einmal vorgenommen...

„Groupon: Die Zeichen stehen auf Fiasko“ revisited

Ich habe vor einigen Wochen schon einmal einen sehr ausführlichen Beitrag zum Groupon-Konzept unter dem Titel „Groupon-Analyse: Die Zeichen stehen auf Fiasko“ geschrieben. Darin verdeutlichte ich aus der nüchternen Sicht eines Unternehmensberaters, warum Groupon ganz offensichtlich auf eine betriebswirtschaftliche Katastrophe zusteuert. Gleichzeitig versuchte ich zu erklären, warum das den Groupon-Gründern möglicherweise egal sein könnte.

Mein Fazit in Kurzform lautete: Würden die kurzfristigen Verbindlichkeiten sofort fällig gestellt, müsste Groupon Insolvenz anmelden, da es zum Stichtag nicht in der Lage wäre, seine Händlerpartner, die sog. Merchants zu bezahlen.

Zur Perspektive des Unternehmens sagte ich: Groupon muss noch für etwa ein Jahr nach Börsengang am Leben erhalten werden. Das ermöglicht den Gründern, allen voran Lefkofsky, nach dem IPO weitere Anteile zu verkaufen - also dann, wenn die Aktie noch „heiß“ ist. Das entspricht seinen bisherigen Vorgehensweisen bei der Gründung neuer Unternehmen. Bereits bis zum jetzigen Zeitpunkt entnahmen die Gründer und frühere Investoren dem unprofitablen Unternehmen Gelder in einer Gesamthöhe von fast einer Milliarde US-Dollar. Schlägt der Börsengang fehl, wäre es unschön für die Gründermannschaft, aber nicht existenzzerstörend. Die klassische Bindung ans Risiko, die in Deutschland zum Gründertum dazugehört und den Gründer weit engagierter und auf Nachhaltigkeit orientiert agieren lässt, ist bei Groupon aufgehoben. Nicht zuletzt deshalb ist eine Investition in dieses Unternehmen niemandem zu empfehlen.

Groupon: Betriebswirtschaftlich relevante Zahlen werden möglichst re-interpretiert oder weggelassen

Der aktuelle Quartalsbericht unterstreicht beide Aussagen in eindeutiger Weise. In bekannter Manier werden betriebswirtschaftliche Begrifflichkeiten umdefiniert und, soweit sie für die Wahrnehmung der Ergebnisse ungünstig wären, weggelassen.

Das fängt schon beim Ausweis des Umsatzes an. Umsatz nach Groupon-Lesart ist erst einmal das gesamte Geschäft einschließlich der Anteile, die den Händlern zustehen. Durch den Mitausweis von Beträgen, die man bestenfalls als durchlaufende Posten bezeichnen würde, erscheint der Umsatz des Unternehmens um mehr als das Doppelte höher, als er tatsächlich ist.

Der nächste optische Trick verbirgt sich im Ausweis des sog. Gross Profit, zu deutsch etwa Bruttoumsatzergebnis. Der Gross Profit ist eine Größe, die nach dem in Deutschland weniger gebräuchlichen Umsatzkostenverfahren ermittelt, was vom Umsatz übrig bleibt, wenn man ihm nur die direkt produktbezogenen Kosten der Erzielung dieses Umsatzes entgegen stellt. Groupon interpretiert den Begriff so, dass es lediglich die an die Merchants auszuschüttenden Beträge den Umsätzen gegenüber zu stellen hat. Das ist extrem kurz gesprungen. Grundsätzlich gehören hier sämtliche Kosten berücksichtigt, die man direkt auf den Produktumsatz beziehen kann, insbesondere die entstandenen Vertriebskosten für die konkreten Umsätze. Sonstige Vertriebskosten, die sog. Sonderkosten des Vertriebs, können im Gross Profit außer Betracht bleiben: solche, die sich nicht direkt dem Produktumsatz zurechnen lassen, etwa allgemeine Werbemaßnahmen für den Aufbau der Marke. Gleich ganze Kostenbereiche rundheraus zu unterschlagen, ist selbst in den USA nicht gebräuchlich und zeigt im Falle Groupons einen in dieser Höhe nicht vorhandenen Gross Profit.

So zeigt Groupon sich nach dem ersten Halbjahr 2011 in der Übersicht:

Groupon: Gewinn- und Verlustrechnung des ersten Halbjahres 2011 (Quelle: SEC)

Auf der nächsten Seite: Zahlen, die das Unternehmen am liebsten verschweigen würde...

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21 Reaktionen
Panikboard
Panikboard

Groupon gestern in der Spitze über 28 $. Ein sehr erfolgreicher Börsengang trotz des Bashings. Viele haben jetzt gesehen dass man mit IPOS viel Geld machen werden. Es werden weitere kommen und die Übertreibungen werden heftiger werden. Kann mir gut vorstellen dass jetzt die kommenden StartUps mit Geld regelrecht überschüttet werden.

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Zoo Loo
Zoo Loo

Sorry, ich wollte dir nicht auf den schlips treten. Alles in allem fand ich deinen artikel (einschliesslich der verlinkten analysen) durchaus lesenswert. Der hohen risiken im zusammenhang mit groupon war ich mir zuvor kaum bewusst, was sich dank deines artikels nun geändert hat. (Unter anderem besitze ich selbst noch offene gutscheine im kaufwert von über 150 € (nominal knapp 1000 €), die ich nun eher früher als später einlösen werde.)

"was auch immer dich dazu veranlasst..." - es war schlicht die sachlich falsche argumentation im beispiel. Mit dem tenor deines artikels "zeichen stehen auf fiasko" gehe ich durchaus konform. Nur braucht es dazu keine waghalsigen ausflüge in statistisches terrain, auf dem man nicht sattelfest ist.

An besagter stelle würden z. b. "typischerweise", "mehrheitlich" oder "in der regel" gut passen. Damit wäre auch das "Eindeutig falsch" OK.

"Durchschnittlich" passt jedenfalls nicht. Der durchschnitt (d. h. das arithmetische mittel) der einkommen der anwesenden personen ist nun einmal exakt 10900 €. Diese aussage "eindeutig falsch" zu nennen ist nur möglich, indem man die etablierte statistische bedeutung des wortes "durchschnitt" komplett ignoriert (siehe u. a.
http://mathworld.wolfram.com/Average.html
http://www.cepec.com/de/bench/surveys/MedianesMoyennes.htm
http://www.statistics4u.com/fundstat_germ/cc_meanval.html
http://wissen.dradio.de/nachrichten.59.de.html?drn:news_id=51990
u. v. m.).

Richtig wäre u. a.:
Die meisten (oder: mehrheit der) hier anwesenden personen verdienen 1000 €.
- oder -
Hier anwesende personen haben typischerweise (oder: in der regel) ein einkommen von 1000 €.

bzw. analog:
"... zeigt sich, dass der typische Kunde lediglich einen Deal gekauft hat"
(nicht "der durchschnittliche Kunde", denn der hat vier gekauft)
- oder -
"Die meisten Mailinglisten-Abonnenten haben sogar überhaupt keinen Deal abgeschlossen."

R. Agrawal verwendet die (entsprechenden englischen) begriffe auf Groupon S-1 full of holes übrigens richtig.

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AG
AG

Herr Petereit - Verwundert stelle ich fest, dass Sie u.a. der Meinung sind, dass die SEC Ihrem Kommentar gefolgt ist... könnten Sie auch etwas für den Weltfrieden tun?

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Dieter Petereit

@Zoo Loo: Die markanteste Formulierung, wenn man sie so bezeichnen will, nämlich "Eindeutig falsch." ist nicht eindeutig falsch, wie du es darstellen willst (was auch immer dich dazu veranlasst...), sondern natürlich eindeutig richtig. Dazu bedarf es nicht einmal des Zitierens umfassender Formeln, wie du es offenbar für erforderlich hälst, sondern lediglich des Einsatzes von gesundem Menschenverstand. Einfach nochmal das Beispiel nachvollziehen und auf die eigene Erlebniswelt runterbrechen. Dann die verlinkten Definitionen nachlesen und nicht Quantenphysik, sondern das kaufmännische Rechnungswesen betrachten. Dann: Ein Licht geht auf!

@andere Kommentatoren: Es gab auch Stimmen, die behaupteten, meine Feststellung, der Ausweis des Umsatzes sei falsch, sei eben das genaue Gegenteil, nämlich richtig. Mittlerweile ist meine Auffassung durch die amerikanische Börsenaufsicht bestätigt worden. Groupon musste diese Darstellung ändern und darf als Umsatz nur noch das ausweisen, was auch tatsächlich ihr Umsatz ist.

Weiterhin gab es Stimmen, die behaupteten, natürlich wäre der Gross Profit, so wie ihn Groupon darstellte, richtig dargestellt. Auch in diesem Punkt folgte die amerikanische Börsenaufsicht meiner Auffassung und zwang Groupon zum korrekten Ausweis der Produktkosten.

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Zoo Loo
Zoo Loo

Insgesamt ein interessant und informativ geschriebener artikel! Leider ist ausgerechnet eine der markantesten formulierungen, nämlich "Eindeutig falsch" (s. 2 abs. 3), eben dies, nämlich eindeutig falsch. Der "durchschnitt" bezeichnet im deutschen sprachgebrauch, sogar in wissenschaftlichen veröffentlichungen, gerade das arithmetische mittel. Insofern ist im angeführten beispiel die aussage "Die Personen in unserem Raum verdienen durchschnittlich 10.900 Euro" zweifelsfrei RICHTIG.

Mittelwerte gibt es für ein gegebenes statistisches kollektiv unendlich viele, beispielsweise (nach Hölder):
M_K(x) = Lim(k->K, (Sum(1<=n<=N, x_n^k)/N)^(1/k)) für alle -inf<=K<=inf; 0<x_n für alle n.
Der arithmetische mittelwert (K=1) ist lediglich der im alltag vermutlich prominenteste vertreter, das minimum (K=-inf), das harmonische mittel (K=-1), das geometrische mittel (K=0), die standardabweichung (K=2) und das maximum (K=inf) sind weitere.

Der median dagegen ist kein mittelwert im eigentlichen sinne und schon gar kein "durchschnitt". Dass er für statistische betrachtungen wie die im artikel angestellte dennoch eine gewisse bedeutung besitzt, steht auf einem anderen blatt.

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hathead

Sehr gute Zusammenfassung. Allerdings sind die Ausschüttungen an die Merchants tatsächlich den Umsätzen zuzurechnen. Es steht nämlich nicht fest, ob der Gutschein auch tatsächlich eingelöst wird. Wird er es nicht, muss auch nicht ausgeschüttet werden. Insofern wäre es vielleicht noch interessant, wie die Verbindlichkeiten gegenüber den Merchants denn überhaupt ermittelt werden können...

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Franz
Franz

Ich hab bei Groupon mal einen genialen Deal gemacht 150 Fotoabzüge inkl. Versand für 1.99 EUR ob die nun unwirtschaftlich sind oder nicht ist mir persönlich reichlich egal, ich hab mein Deal gemacht :D

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AG

Danke für den interessanten und lesenswerten Artikel. Ich denke, dass ich für die 1. Seite ein paar Anmerkungen/Verbesserungen habe. Grundsätzlich beschleichte mich beim Lesen das Gefühl, dass der Autor aus der Sicht des HGBs die Dinge bei Groupon analysiert, was so nicht zulässig ist. Die Unterschiede zwischen der kontinentaleuropäischen Buchführung und dem angelsächsischen IAS/IFRS sind nicht zu verachten. Nun zu meinen Anmerkungen:

@Das fängt schon beim Ausweis des Umsatzes an: Imho eine Notwendigkeit, gibt es auch hier. Ich kenne es unter dem Synonym "Tankstellenmodell" (in AT). Als Leser der GuV/Bilanz muss man sich nur bewusst sein, dass es sich hier um einen Durchlaufposten handelt. Ein Streichen ist mE nicht möglich.
@Gross Profit = Bruttoumsatzergebnis: Bitte Rohertrag nehmen. Dies ist die korrekte Bezeichnung. Was der Autor danach meint, ist der Unterschied zwischen Rohertrag I und Rohertrag II aka Deckungsbeitrag.

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Sven

Solange Menschen der Meinung sind ein besseres Geschäft als andere mit minimalem Einsatz zu erreichen, wird es auch Anbieter geben, die genau diese Menschen bedienen. Im Besten Fall beteiligen sich diese Menschen dann - z.B. durch Aktienkauf - an diesen Unternehmen und es wird das Beste Geschäft aller Zeiten. :-)

Groupon kann durchaus ein solides Unternehmen werden, aber den jetzigen Hype wird es auch unter besten Voraussetzungen nicht gerecht.

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daniel
daniel

Wurden da Gutscheine für die Bilanzerstellung eingelöst? ;)

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Eric Schreyer

Was GROUPON mit den Zahlen macht, ist keine zulässige Bilanzpolitik (Windowdressing) mehr. Hier versucht man, die liquiditätsmäßig sehr angespannte Situation zu verschleiern. Inzwischen halte ich es aber für wenig wahrscheinlich, dass GROUPON überhaupt die Börsenzulassung erhält, zwei Zulassungsanträge sind ja bereits abgelehnt worden. Einzelheiten zu den Zahlen und weitere Quellen gibt es hier:

http://valuation-in-germany.blogspot.com/2011/08/groupon-oder-das-pfeifen-im-walde.html

Ein Lob an t3n. Euer Artikel ist durchdacht und gut recherchiert.

Schöne Grüße
Eric

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Jan
Jan

Neulich kamen doch tatsächlich 2 Kolleginnen auf mich zu und meinten, dass sie einen wirklich großartigen Deal gemacht hätten. Und zwar auf Groupon. Da ich diesen besagten Artikel auch gern haben wollte, schaute ich mir das ganze einfach einmal an. Ich wurde total von der nicht vorhandenen seriösität der Website überrascht und verglich direkt mal die Preise des "Angebots" mit den regulären Preisen auf diversen Versandhaus-Websites - 98% Der Versandhäuser boten den Artikel preiswerter an, vielleicht 2% zum selben Preis wie auf der Site mit dem großen "G"... Als ich den beiden Damen das weitergab, schickten die Ihr Produkt umgehend an den Händler zurück.

Dass dieses Geschäftsmodell nicht laufen kann, ist wohl kein Geheimnis...

P.S.: Was ist eigentlich aus den "Facebook Deals" geworden? Die sind irgendwie klammheimlich aus der "Orte" Liste verschwunden... :-)

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Jan H. Schmitz

Super Artikel! Es ist sehr spannend die Hintergründe beim Couponing-Hype zu erfahren. In Deutschland wird die Situation nicht anders aussehen. Bei nüchterner Betrachtung drängt sich doch der Verdacht auf, dass das ganze Konzept nur durch die hohen Akquise-Kosten gute Umsätze generieren kann. Dies ist ja auch zu Anfang vollkommen legitim, aber es sieht nicht so aus als dass sich diese Kosten auf absehbare Zeit senken ließen.

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Dieter Petereit

@Sven Ehlert: Im Gegenteil. Groupon vermischt Ergebnisse einzelner Länder, aber auch ganzer Kontinente so miteinander, dass man nicht erkennen kann, dass es beispielsweise in Asien gar nicht gut für Groupon läuft. Kosmetisch auffangen müssen das die europäischen Dependancen.

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Sven Ehlert

Gibt es irgendwo auch Zahlen zu dem deutschen Groupon? Läuft das eingenständig?

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Tom

Schön, dass es auch ab und zu mal Artikel von jemanden gibt, der eine Bilanz auch WIRKLICH lesen und verstehen kann.

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Dennis
Dennis

Da sollten wir Google dankbar sein, dass es solchen Schrott vernichtet.

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Eric Schreyer

Die prekäre Lage bei GROUPON in einer aktuellen Übersicht:

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Timo
Timo

Es stimmt allerdings, dass das Unternehmen in Q1 einen positiven Cash Flow hatte, da das Wachstum dazu führt, dass in Q1 mehr Geld "eingesammelt" wurde als ausgezahlt wurde (da die Merchants der Vorgänge in Q1 ihr Geld ja erst in Q2 bekommen). Es stimmt allerdings auch, dass dies nicht bedeutet, dass Groupon gesund ist, denn dieser positive Cash Flow bedeutet zwar zur Zeit einen Überschuss an Bargeld, aber eben nur solange es ein Wachstum gibt. Sobald das Wachstum abnimmt ist es auch ganz schnell mit dem Überschuss an Bargeld vorbei. Und wenn Groupon trotz Wachstum seinen Cash Flow im Vergleich zu Q1 2010 halbiert hat bedeutet das ja auch, dass trotz Mehreinnahmen weniger vom Kuchen für Groupon selbst bleibt oder die Ausgaben enorm angestiegen sind. So oder so sieht es finanziell jedenfalls für Groupon zur Zeit nicht sehr gut aus.

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admaster
admaster

Jetzt mal ehrlich und ganz simple ausgedrückt ...
Was bitte soll einem solchen Geschäftsmodell - Gutschein, Vergünstigungen, Rabatte verkaufen - sooo toll sein und auch noch einen Abermillionen Börsegang wert sein?

Das fällt für mich von Anfang an unter die so gefürchtete .com-Blase!

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