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Groupons neueste Verschleierungstaktik

ist in einer miesen Position. Der sich stetig verschleppende IPO und die daraus resultierende verlängerte Quiet-Period wirkt sich zunehmend negativ auf die öffentliche Wahrnehmung aus. Auch wenn das durchaus zu Recht so ist, ist es verständlich, dass Groupon im Rahmen seiner Möglichkeiten diese Situation zu verändern trachtet. Mit der Anpassung des Deal-Counters haben sie scheinbar eine eben solche Möglichkeit gefunden.

Groupons neueste Verschleierungstaktik

Groupon in der Quiet Period: Wehrlos den Kritikern ausgesetzt

Groupon ist kein nachhaltiges Geschäftsmodell. Das muss immer wieder betont werden. Diese Erkenntnis ist der Kern jedes meiner Beiträge zum Gutscheinheftchenverlag Groupon. Meine Meinung: Niemand sollte auf die Idee kommen, sollte es zum IPO kommen, tatsächlich dort Aktien zu kaufen. Dies vorausgeschickt, betrachten wir den Stand der Dinge:

Seit Monaten muss Groupon auf Anforderung der amerikanischen Börsenaufsicht SEC immer wieder die Unterlagen für die Beurteilung der wirtschaftlichen Lage des Unternehmens anpassen. Ich habe für t3n bereits mehrfach darüber berichtet. Alle Beiträge sind unter diesem Artikel nochmals gelistet.

Teil der amerikanischen IPO-Regularien ist es, nach Einreichung der Unterlagen in die so genannte Quiet Period zu treten. In dieser Zeitspanne, die bis zur Bestätigung der eingereichten Unterlagen durch die SEC, also bis zur Zulassung des Börsenganges, dauert, dürfen Unternehmen keine öffentlichen Informationen abgeben, die die Beurteilung des Unternehmenswertes beeinflussen könnten. Nach einer Erweiterung des zugrundeliegenden Gesetzes im Jahr 2005 sind davon auch Verlautbarungen auf Websites und anderen elektronischen Medien betroffen. Verhindert werden soll so, dass der Wert eines Unternehmens im Vorfeld eines Börsenganges durch möglicherweise sogar gezielt fehlerhafte Informationen künstlich hochgetrieben wird.

Die einreichenden Unternehmen sind naheliegenderweise daran interessiert, diese Quiet Period nicht unnötig in die Länge zu ziehen, denn immerhin sind ihnen in dieser Zeit wertvolle Marketinginstrumente genommen, während Gegner des Unternehmens weitgehend freie Schussbahn erhalten. Ein probater Weg, die Quiet Period so kurz wie möglich zu halten, ist, seine Unterlagen in bestmöglichem Zustand und unter Einhaltung der anerkannten Regeln kaufmännischer Rechnungslegung einzureichen. Groupon glaubte jedoch, sich gegenüber der SEC die Freiheit nehmen zu können, abseits etablierter Standards ihre eigenen Vorstellungen der Darstellung von Gewinnen und Verlusten durchsetzen zu können. Sogar eigene Begrifflichkeiten erfanden sie. Es überrascht daher in der Fachwelt niemanden, dass die SEC ein ums andere Mal (und zu Recht) Nachbesserung fordert.

Groupon verschleiert die Zahl verkaufter Deals und gibt sogar die Motivation dahinter zu

Mit der nun eingeführten, neuen Verschleierungstaktik werden sie die SEC erneut gegen sich aufbringen. Abermals in der Quiet Period wendet sich Groupon via Blogbeitrag an die Öffentlichkeit, um zu erläutern, wie und warum sie den Charakter des so genannten Deal-Counters verändern.

Groupon: Dealcounter, wie man ihn kennt

Bislang kann man an jedem Groupon-Deal auf den ersten Blick erkennen, wie viele Gutscheine des jeweiligen Deals bereits verkauft wurden. Laut Groupons Julie M (sogar Namen verschleiert Groupon mittlerweile...) hat diese dezidierte Anzeige des einzelnen Verkaufserfolges angeblich dazu geführt, dass sich Menschen daran versuchen, an den Verkaufszahlen Erfolg oder Misserfolg des Unternehmens abzulesen.

Nur deshalb habe man sich - quasi schweren Herzens - entschieden, die Aussagekraft des Deal-Counters zu beeinträchtigen. Anstatt wie bisher mit korrekter Zählung zu arbeiten, wird künftig wie folgt verschleiert.

Grundsätzlich werde man die Counterzahlen absenken. In einem Prozentbereich zwischen 0,5 und 19,5 Prozent behält sich Groupon Ungenauigkeiten der Darstellung vor. Suggerieren will man so, dass der Dealverkauf immer um bis zu fast 20 Prozent über dem liegt, was der geneigte Betrachter am Bildschirm angezeigt bekommt. Weiterhin will man nach Belieben runden.

Die angezeigte Anzahl der Deals wird zudem künftig stets mit dem Wörtchen „Over“ beginnen. Anstelle „73 Gutscheine verkauft“ heißt es also künftig mindestens „Über 73 Gutscheine verkauft“. Das sei auch berechtigt, immerhin habe man ja vorher einen Abschlag im genannten Prozentbereich vorgenommen. So sei es also wahr, wenn man von über X verkauften Gutscheinen spreche, schreibt Julie M im Groupon-Blog.

Groupon: Dealcounter künftig

Was auf den geneigten Betrachter zunächst wie eine Farce wirkt, ist aus Groupons Sicht durchaus eine wichtige Maßnahme im Kampf um die öffentliche Wahrnehmung. Natürlich versucht der einzelne Kunde nicht, über den gesamten Deals-Bestand zählenderweise einen Eindruck von Groupons Verkaufszahlen zu erlangen.

Aggregatoren wie Yipit jedoch leisten genau dies. Automatisiert durchforsten sie die diversen Dealsanbieter und veröffentlichen die so gewonnenen Erkenntnisse. Yipits jüngster Bericht ist von Freitag letzter Woche.

Groupons neueste Verschleierungstaktik wirkt sich auf die Genauigkeit der Erhebungen Yipits und anderer massiv aus, da nicht klar ist, in welchem Umfang Groupon bei welchem Deal von den angekündigten Rechenspielchen Gebrauch machen wird. Yipit muss also künftig mit bis zu 20-prozentiger Ungenauigkeit arbeiten, was die Aussagekraft der Analysen natürlich erheblich beeinträchtigt.

Groupon will das neue „Feature“ innerhalb der nächsten Wochen über alle Deals ausrollen. Man darf gespannt sein, wie die SEC auf die Ankündigung reagiert. Immerhin ist das angekündigte Feature geeignet, die Beurteilung der Unternehmenssituation zu beeinflussen. Und das ist, vielleicht wird es Groupon irgendwann verstehen, nun mal in der Quiet Period nicht zulässig…

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2 Antworten
  1. von Martin Schneider am 11.10.2011 (15:42 Uhr)

    Die Abweichung nach oben beträgt sogar bis zu 25%:

    Sagen wir es gibt 100 echte Käufe. Bei möglicher maximaler Counteranpassung um 19,5% nach unten wird also eine 80 angezeigt. Aus diesem Szenario ergibt sich das es statt der angezeigten 80 Verkäufe bis zu 100 sein könnten, also bis zu 25% Abweichung nach oben.

    Auch steht ja im Blogeintrag von Groupon noch "Additionally, we are capping and rounding the counter from time to time."

    Vor allem das "Capping" ist so nichtssagend. Da kann Groupon ja beliebig große Abweichungen nach oben von der realen Zahl basteln, wenn einfach irgendwann der Counter angehalten wird.

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  2. von Martin Schneider am 11.10.2011 (15:50 Uhr)

    Korrektur: Im letzten Satz muss natürlich "...Abweichungen nach unten von der realen Zahl..." stehen.

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