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Digitale Gesellschaft

„Gute Geschichten brauchen gute Recherche, doch Recherche generiert keine Klicks“ – Danijel Višević von Krautreporter

    „Gute Geschichten brauchen gute Recherche, doch Recherche generiert keine Klicks“ – Danijel Višević von Krautreporter
Recherche braucht Zeit. FLICKR ItzaFineDay (CC BY 2.0)

Unser Autor Andreas Weck hat sich mit dem Journalisten Danijel Višević über das Krautreporter-Magazin unterhalten und gefragt, welche Probleme der Online-Journalismus hat, was das Projekt anders machen möchte und welche Erfahrungen er mit dem Einfluss von Werbepartnern in seinem Arbeitsalltag gemacht hat?

Danijel Višević ist Fernsehreporter bei der Deutschen Welle, spezialisiert auf IT und Startups. Seit zwei Jahren produziert er die Serie „Startup Berlin – Stadt der Ideen“, die unter anderem für den Deutschen Wirtschaftsfilmpreis nominiert wurde. Aktuell viel spannender dürfte für ihn allerdings das Krautreporter-Magazin sein, für das er über seine Themen künftig berichten soll – insofern es an den Start geht.

Das Krautreporter-Magazin sammelt derzeit Spenden ein: Insgesamt 900.000 Euro brauchen die Macher, um den Betrieb für ein Jahr zu gewährleisten. Warum dieser Weg? Weil die Verantwortlichen werbefreien Journalismus betreiben möchten, um unabhängig und nicht klick-getrieben arbeiten zu können.

Ich habe mich mit Danijel über das Projekt unterhalten und gefragt, welche Probleme der Online-Journalismus hat, was das Krautreporter-Magazin anders machen möchte und welche Erfahrungen er mit dem Einfluss von Werbepartnern in seinem Arbeitsalltag gemacht hat?

Danijel Višević. (Screenshot: Krautreporter)
Danijel Višević. (Screenshot: Krautreporter)
Andreas Weck: Die „Krautreporter Magazin“-Macher glauben, dass der Online-Journalismus kaputt ist. Warum?

Danijel Višević: Online-Journalisten werden heute stark daran gemessen, wie viele Klicks ihre Arbeit generiert. Das erzeugt Druck und ein Kämmerchen im Hinterkopf, in der die Frage nistet: Wie kann ich möglichst viel werberelevantes Publikum ansprechen? Diese Frage stellt sich mal laut, manchmal auch nur leise, doch sie ist immer da. Und sie überlagert journalistisches Arbeiten häufig in vor allem einer sehr destruktiven Weise: Sie tötet Recherche.

Gute Geschichten brauchen gute Recherche, doch Recherche generiert keine Klicks. Folglich fühlen sich Journalisten häufig gezwungen, schnelle und oberflächliche Beitrage zu liefern statt ausgeruhte und in die Tiefe gehende Geschichten.

Andreas Weck: Glaubst du, dass das werbefinanzierte System aus Sicht des Qualitätsjournalismus gescheitert ist?

Danijel Višević: So etwas zu behaupten wäre anmaßend und realitätsfern – es gibt viele Beispiele für ausgezeichneten Journalismus, der werbefinanziert ist, und ihn wird es in Zukunft auch weiterhin geben. Nur ist man als werbefinanzierter Journalist in seiner Arbeit nie absolut frei und unabhängig: Selbst mit der besten Geschichte kann man Werbekunden verlieren, gerade wenn sie sich auch nur ansatzweise gegen sie richtet. Im extremen Fall kann eine gute Geschichte also wichtige Finanzierungsquellen zerstören.

Andreas Weck: Wo ist das bisher passiert? Und hast du selber schon einmal erlebt, dass eine Geschichte abgewiesen wurde, weil sie einem Werbepartner nicht gefallen hätte?

Danijel Višević: Das prominenteste Beispiel ist vielleicht der Discounter Aldi, der seine Anzeigen in der Süddeutschen stoppte, nachdem die Zeitung kritisch berichtet hatte. Mehr als eine Million Euro kostete das die SZ. Noch bezeichnender finde ich das anschließende Verhalten des Verlags: Statt das Gebaren des Anzeigenkunden anzuprangern, versuchte man alles runterzuspielen, aus Angst, weitere Kunden zu verprellen.

Und ja, ich selbst habe auch erlebt, dass Geschichten abgelehnt wurden aus Rücksicht auf Werbepartner. Es sind Geschichten sogar erst gar nicht angegangen worden, aus Angst vor Werbekunden.

Andreas Weck: Kannst du da etwas konkreter werden?

Danijel Višević: Das kann beziehungsweise will ich nicht, weil ich mir damit absehbar eine Menge Ärger einhandeln würde.

„Selbst mit der besten Geschichte kann man Werbekunden verlieren.“

Andreas Weck: Einige Redaktionen versuchen den Qualitätsanspruch durch Bezahlschranken zu finanzieren. Euer niederländisches Vorbild „De Correspondent“ beispielsweise gibt seine durch die Leser finanzierten Inhalte nicht frei – nur die zahlenden Abonnenten lesen, was das Medium zu bieten hat. Warum folgt das Krautreporter-Magazin nicht diesem Beispiel?

Danijel Višević: Weil wir wollen, dass unsere Geschichte gelesen und gesehen werden von möglichst vielen Menschen. Klar, jetzt stellt sich die Frage: Warum soll ich dann bitte zahlen? Na, für die ganzen Extras, die wir noch anbieten wollen (Anmerkung upgrademeblog: Extras findet ihr hier aufgelistet). Und übrigens: Auch die Correspondent-Geschichten sollen nicht nur von den zahlenden Abonnenten gelesen werden. Die Leser sollen die Geschichten für bis zu zehn Freunde freigeben dürfen.

So soll es aussehen, das Online-Magazin der Macher um Krautreporter. 900.000 Euro sind für die Umsetzung notwendig. (Screenshot: t3n)
So soll es aussehen, das Online-Magazin der Macher um Krautreporter. 900.000 Euro sind für die Umsetzung notwendig. (Screenshot: t3n)
Andreas Weck: Ich habe auch erfahren, dass die Krautreporter-Berichte weitestgehend meinungsfrei sein sollen. Bedeutet das für die Leser einen komplett objektiven und somit neutralen Journalismus?

Danijel Višević: Objektiven und neutralen Journalismus gibt es nicht, jeder Journalist hat eine Meinung, auch wenn er vorgibt, objektiv zu berichten. Natürlich wird bei uns Meinung stattfinden, ganz einfach schon aus dem Grund, weil allein journalistische Arbeit schon Meinung ist: Entscheide ich mich zu einem Thema etwas zu machen, entscheide ich mich gleichzeitig gegen andere Themen. Zack, Meinung.

Andreas Weck: Einige Krautreporter unter euch sind bekannt für ihre klare Haltung, die sie in ihren Artikeln auch aufschreiben. Auf diese flammenden Meinungsstücke dürfen wir – insofern ihr euer Crowdfunding-Ziel erreicht – also auch beim Krautreporter-Magazin hoffen?

Danijel Višević: Absolut.

Andreas Weck: Du bist ja nun vor allem für die Themen „IT und Startups“ zuständig. Meine persönliche Meinung ist ja, dass der Tech-Journalismus bisweilen viel zu optimistisch über die Branche berichtet. Datenschutzvergehen, fragwürdige Übernahmen und horrende Kreditsummen, die künftige Blasen heraufbeschwören dürften, bekommen oft nicht die Aufmerksamkeit, die eigentlich angebracht wäre. Wird das Krautreporter-Magazin hier kritischer berichten?

Danijel Višević: Was wir uns mit Krautreporter ermöglichen wollen ist vor allem, mehr Zeit für Recherche zu haben. Als Resultat werden wir zweifelsohne die von Dir genannten Themen noch besser beobachten können – freier, fundierter und kritischer. Mir selbst fehlt bei der Deutschen Welle dafür die Abspielfläche: Nur Reportagen mit einer maximalen Länge von fünf Minuten kann ich hier unterbringen. Und Beiträge mit aufwändigerer Recherche werden mit dem Standardsatz bezahlt. In der Folge versuchen manche Reporter Stücke zu machen, die schnell zu erledigen sind. Gut für den Journalismus ist das nicht.

Andreas Weck: Die Krautreporter-Autoren bekommen eine Pauschale von 2.000 bis 2.500 Euro pro Monat und sollen dafür einen tief recherchierten Text pro Woche abliefern. Ist das genug um als Reporter guten Journalismus zu machen?

Danijel Višević: Die Pauschalen sind für Reporter gedacht, die Texte erstellen. Ich als Fernsehmensch kann ehrlich gesagt schwer einschätzen, ob das viel oder wenig ist. Für mich als Videomacher kann ich sagen, dass ich für dieses Geld eine tief recherchierte Reportage liefern kann, die fünf bis 15 Minuten lang ist. Es gibt Geschichten, die hat ein Experte in zwei Tagen durchaus tief recherchiert, weil er sich in der Thematik auskennt und weiß wen er anrufen muss und wen er wann und wo treffen kann.

Das Problem des Online-Journalismus heute ist ja auch, dass in den großen Redaktionen alle alles machen, was dazu führt, dass Agenturmeldungen zusammengeschrieben werden, ohne dass wenigstens ein eigener Anruf getätigt wird. Als Krautreporter wollen wir die Recherche neu definieren, indem wir unsere Mitglieder mit einbeziehen, was beim Online-Journalismus eigentlich längst selbstverständlich sein müsste: Ihr seid die Crowd, wir die Reporter, gemeinsam sind wir Krautreporter.

Krautreporter-Magazin: Die Crowdfunding-Kampagne ist noch bis 13 Juni aktiv.

Ursprünglich publiziert bei upgrade.me-Blog.

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3 Reaktionen
Peter P
Peter P

Jo klar, für materielle Güter nimmt man eben leider eher Geld in die Hand als für digitale; das ist leider so, auch wenn es nicht berechtigt ist. Die Alles-kostenlos-Fraktion wird's immer geben, aber bei einem Mehrwert zum kleinen Preis lässt sich ein Teil davon sicherlich konvertieren.

Was ich damit sagen will: es gibt offensichtlich einen Haufen Interessenten an Allerweltsmeldungen, vielen Menschen fehlt schlicht und einfach die Zeit und/oder Motivation, ausführliche Hintergrundberichte zu lesen. Und genau diesen Menschen kann man eben auch Mehrwerte bieten (s.o.)

Antworten
Digitaler Kiosk
Digitaler Kiosk

Auch AdBlocker haben Zeitschriften-Abos und sind somit bereit, für vernünftiges zu bezahlen oder zu unterstützen. Aber Allerweltsmeldungen die man überall lesen kann und oft nicht viel nachdenken spart man sich vielleicht besser mal.

Papier zu bedrucken und zu liefern muss wohl extrem preisgünstig sein.

Es gibt Pay-TV-Anbieter ab 25 Euro pro Monat und welche unter 10 Euro die in USA einen Großteil des Internet-Traffics machen.
Für 10 Euro im Monat abonnieren Leute vielleicht wieder eine digitale Zeitung.
RTL macht Millionengewinne mit Filmen und Serien die sie selber produzieren müssen oder lizensieren müssen und mit Werbung senden.
Probleme bei der Digitalisierung sind hohe Softwarekosten, Provisionen der Stores (Amazon Kindle, Apple Appstore, Google ...), Ebook-Preisbindung usw.

Trotzdem könnte man mit wenig Aufwand und mehr Motivation und Erkenntnis der Möglichkeiten von Online-Journalismus dem Agentur-Copy-Paste-Journalismus etwas lesenswerteres entgegensetzen. Da gibt es viel was man mal eben programmieren könnte. Als Journalist hat man besseren Rechtsschutz. Leider hatten die bisher diese Ideen nicht oder können es vielleicht nicht programmieren.
Als Google aufkam war Altavista Standard. Durch Mundpropaganda sprach es sich herum das google passendere Suchergebnisse hat.
Lesenswerterer Journalismus wäre wohl recht einfach.

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Peter P
Peter P

... immer diese "kaputt"-Analogie, passt in die heutige Zeit. "Schmeißen wir's halt weg und holen uns was Neues". Vielleicht gibt's aber auch eine Möglichkeit, den Status Quo zu reparieren?

Es gibt einen Haufen Leute, für die reißerische Headlines, Klickstrecken und Werbung völlig i.O. sind - die sind z.B. auf SPON gut aufgehoben. Aber wie wär's wenn ich für 2EUR im Monat treffende Überschriften statt Keyword-Konstrukte bekomme und Click- und Share-Baiting-Artikel rausfiltern kann? Plus 1EUR dafür, mich nicht mit mehreren Klicks durch einen Inhalt kämpfen zu müssen? Nochmal 2EUR um Werbebanner auszublenden?

Es muss doch auch etwas zwischen den bösen Alleskostenloswollern und den guten Gerneunterstützern geben, nein? Klar, den Adblock-Usern wird man nichts aus den Rippen leihern können, aber abgesehen von denen wären sicherlich viele Leute für eine angemessene und nachvollziehbare Bezahl-Lösung zu haben.

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