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Von der Nerd-WG zur Luxus-Yacht: Hacker Hostels geben Valley-Neulingen ein Dach über dem Kopf

Von der Nerd-WG zur Luxus-Yacht: Hacker Hostels geben Valley-Neulingen ein Dach über dem Kopf

Hacker Hostels richten sich an Webworker aus der ganzen Welt, die als Neuankömmlinge in und dem ihr Unternehmen vorantreiben wollen. Unser US-Korrespondent Andreas Weck zeigt, wie es in den Räumen der „Bed|n|Build“-Einrichtung aussieht.

Von der Nerd-WG zur Luxus-Yacht: Hacker Hostels geben Valley-Neulingen ein Dach über dem Kopf

Hacker Hostels in San Francisco. (Foto: Bed|n|Build)

An der Ecke Stanyan und Fulton steht ganz unscheinbar in beigen Farbton mit grün lackierten Tür- und Fensterrahmen ein Haus, wie es rein äußerlich überall in San Francisco zu finden ist. Der Victorianische Baustil deutet auf einen Spatenstich während der Goldgräberzeiten im 19. Jahrhundert hin. Damals erfuhr die Stadt einen Aufschwung und machte einige Einwohner nicht nur wohlhabend, sondern sogar reich. Das Stadtbild ist geprägt von diesen Gebäuden. Heute leben jedoch ganz andere Glücksritter in den Häusern, die nicht nach wertvollen Edelmetallen in den umliegenden Hügeln und Wäldern graben, sondern dem Rohstoff des digitalen Zeitalters auf den Fersen sind – Daten.

Hacker Hostel „Bed|n|Build“: Mehr als nur eine Jugendherberge für Nerds

Das Haus an der besagten Ecke ist heute ein sogenanntes „Hacker Hostel“, das den passenden Namen „Bed|n|Build“ trägt. Die Einwohner sind Gründer, Entwickler, Designer und Marketing-Fachleute, die in San Francisco ein IT-Unternehmen aufbauen, einfach nur Erfahrungen im Tech-Mekka sammeln oder Kooperationen knüpfen wollen und eben ein Dach über den Kopf brauchen. Die meisten von ihnen sind männlich und zwischen 20 und 30 Jahre alt. Sie alle sind hungrig und talentiert, sie wollen etwas bewegen und sind dafür bereit alles zu geben – vor allem ihre Freizeit und ein ausgefülltes Privatleben.

Der Großteil der Gäste lebt in Gemeinschaftszimmern, sogenannten „Shared Rooms“, die Namen wie „Google“ oder „Apple“ tragen. Die Mieten sind mit rund 1.000 US-Dollar pro Monat vergleichsweise günstig. Die Einrichtung erinnert an eine Jugendherberge: Doppelstock-Betten, Kleiderschränke und Nachtischlampen bieten das Nötigste an Komfort um sich nach einem langen Arbeitstag zu betten. Wer etwas mehr Geld zur Verfügung hat, kann auch einen „Private Room“ für in etwa 1.300 US-Dollar pro Monat mieten, der die gleiche Ausstattung, aber eben mehr Privatsphäre bietet. Auch über deren Türen prangen Namen wie „What’s App“ oder „Uber“.

Hacker Hostels dienen als Unterkunft für junge Webworker. (Foto: Andreas Weck)
Hacker Hostels dienen als Unterkunft für junge Webworker. (Foto: Andreas Weck)

Sinn und Zweck dieser Hacker Hostels ist es jedoch nicht nur Schlafplätze an IT-Talente zu vergeben, sondern den Besuchern auch ein Netzwerk an Gleichgesinnten zu bieten und einen Austausch zu fördern. Programmierer aus Deutschland, Frankreich, Kanada, Indien oder den USA sitzen in den Abendstunden gemeinsam in der Küche oder dem Wohnzimmer und stellen ihre aktuellen Projekte vor.

In einer dieser Runden sitzt auch Falko Krause, Entwickler und Mitgründer des Startups Webpgr, das einen Editor für interaktive Webseiten bereitstellt. Er und sein Berliner Team sind derzeit im Programm des German Silicon Valley Accelerators untergekommen. An der Westküste versuchen sie unter anderem zu lernen, wie sie richtig gegenüber US-amerikanischen Investoren pitchen. Zudem wollen sie wissen, wie interessant das eigene Projekt in den Augen der Tech-Avantgarde in Kalifornien ist.

Falko lebt seit einigen Monaten im „Bed|n|Build“. Er schätzt das Angebot sehr und ist froh in einem Hacker Hostel leben zu können. „Neben den Impulsen, die wir im Accelerator sammeln, sind auch die Eindrücke aus dem Appartement wichtig. Es ist spannend zu sehen, was andere Neuankömmlinge so leisten und woran sie arbeiten.“ Zudem bemerkt Falko, dass „jeder ein anderes Netzwerk aufbaut und seine Kontakte mit den Mitbewohnern bei Bedarf teilt“. Besonders die regelmäßig stattfindenden Happy Hours, die die Betreiber der Wohngemeinschaft anbieten eigenen sich zum Netzwerken. Die Mitbewohner können dann auch neugewonnene Bekanntschaften einladen – für Leib und Wohl sorgen die Vermieter.

Hacker Hostels für Webworker als Antwort auf den schwierigen Wohnungsmarkt

Hacker Hostels wie „Bed|n|Build“, aber auch andere Beispiele wie „The Negev“ oder „RockIT CoLabs“ sind über die gesamte Stadt verteilt. Die ersten haben sich in etwa vor zwei Jahren gebildet – wie so oft aus einer Not heraus: Der Wohnungsmarkt ist schwierig in San Francisco und passende Unterkünfte sind für die Besucher nur schwer zu finden – noch heute geht oft ein langer Besichtigungsprozess mit dutzenden Mitbewerbern voraus. Zudem müssen Wohnungssuchende im Innenstadtgebiet ebenfalls mit einer Miete ab 1.300 US-Dollar für ein Zimmer rechnen. Wesentlich günstiger ist ein Einzelzimmer – die es hundertfach auch auf Airbnb oder Craigslist gibt – in einem Hacker Hostel nicht, aber in Anbetracht des frei Haus gelieferten Anschluss zu anderen IT-Talenten, sind sie schwer ins Verhältnis zu herkömmlichen Wohnungsangeboten zu setzen.

Der Andrang auf „Bed|n|Build“ ist jedenfalls groß genug, dass der Vermieter Oliver Hanisch bereits überlegt zu expandieren. Er sieht sich derzeit nach weiteren Häusern im nahegelegenen Panhandle-Park und in Palo Alto um. Zudem sucht er nach Sponsoren für die Zimmer, damit er die Mieten für die Bewohner senken kann. Auf die Frage hin, was für Preise er denn gerne weitergeben würde, verrät er uns: „Schön wäre es, wenn wir die Räume irgendwann kostenfrei anbieten können!“

Hacker Hostels, das i-Tüpfelchen in der Gentrifizierungsdebatte

Ganz ohne Kritik sind die Hacker Hostels jedoch nicht. Einwohner und Aktivisten klagen seit einigen Jahren darüber, dass der Wohnraum mehr und mehr nur noch für Tech-Worker bezahlbar ist. Dass nun auch noch Häuser vom Markt verschwinden, um für kommende IT-Talente als Hostel zu dienen, gilt in den Augen der Kritiker nur noch mehr als i-Tüpfelchen in der Debatte. Auch das New York Magazine fand für derartige Projekte zuletzt eher zynische Worte und schrieb in einem kürzlich erschienenen Artikel, dass die Idee der Kommunen aus dem anti-kapitalistischen „Summer of Love“ der Stadt, nun zum kapitalistischen Symbol der Tech-Branche wird. Die IT-Szene erfährt derzeit viel Gegenwind.

t3n im Silicon Valley

Andreas WeckAndreas Weck hat 2014 für t3n aus San Francisco und dem Silicon Valley über neue Trends, spannende Tools und interessante Orte des Tech-Epizentrums berichtet. Sein Eindruck: Im Valley gibt es viele schlaue Köpfe und genauso viele bekloppte Geschäftsideen. / Twitter, Facebook.

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