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Haftungsbeschränkt – November: Im Arsch [Kolumne]

Haftungsbeschränkt – November: Im Arsch [Kolumne]

Kim Kardashians Hinterteil löst Ehekrisen aus – und ganz Deutschland wird beherrscht von vielen verschiedenen Filter-Bubbles. Der November? Eindeutig für'n Arsch – meint Marcus John Henry Brown in seiner .

Haftungsbeschränkt – November: Im Arsch [Kolumne]

(Foto: Marcus John Henry Brown / CC BY-SA 2.0)

München und die Bubble: Nichts von all dem ist wirklich echt

Ich sitze hier, schaue aus dem Fenster und betrachte ein München, das einfach da liegt, schön und ummantelt von einer dicken, melancholischen November-Decke. November – ein Monat so grau, so gemein und so arschkalt. November, der Arsch-Monat. Ich sitze hier, beobachte das frühmorgendliche Geschäft auf dem Viktualienmarkt und warte, bis der Arzt – ein Mann, der gleich seinen Finger im mein Hinterteil stecken wird – (ja Männer, auch wir müssen zur Vorsorge!) irgendwas in seinen iMac eintippt, und stelle fest, dass ich noch nie einen Arzt mit einem iMac gesehen habe. Ich stelle auch fest, dass nichts von dem, was ich hier sehen kann – der unfassbar saubere Viktualienmarkt mit den vielen hübschen Ständen voll mit glänzendem Prachtgemüse, die Kirchtürme, die wunderschönen alten Gebäude und Menschen, die trotz Mangel an Oktoberfest in Tracht rumlaufen – echt ist. Ja, nichts von all dem ist wirklich echt.

Angebot! Prall, rund und schön. Kürbisse. (Foto: Marcus John Henry Brown / CC BY-SA 2.0)
Angebot! Prall, rund und schön. Kürbisse. (Foto: Marcus John Henry Brown / CC BY-SA 2.0)

„Es kam mir auf einmal vor, als ob sich jede Bubble ihren eigenen Helden ausgesucht hätte.“

Klar, es ist physisch da – ich kann es alles anfassen, aber meine Liebe zu dieser Stadt hat angefangen, mich, mein Weltbild, meine Hoffnungen, meine Meinungen und meine Haltung zu bestimmen. Ich liebe diese Stadt und ich will hier im hohen Alter sterben, mit all meinen alten EdX-Freunden auf dem alten Südfriedhof begraben werden, und ich verstehe es einfach nicht, warum andere sich das nicht wünschen. Das ist meine München-Bubble.

Als der Arzt mir erklärt, was gleich mit mir passieren wird, fällt mir auf, ihr wundersamen deutschsprachigen Internet-Nasenbären, dass der November voll für'n Arsch war – und zwar dank vieler verschiedener Filter-Bubbles. Es kam mir auf einmal vor, als ob sich jede Bubble ihren eigenen Helden ausgesucht hätte, ein Tribut – wenn man so will –, um entweder den November, sich selbst oder das Internet zu zerstören.

Haftungsbeschränkt: Von Ehekrisen und Foltermethoden

Nüsse. Auch rund und prall.  (Foto: Marcus John Henry Brown / CC BY-SA 2.0)
Nüsse. Auch rund und prall. (Foto: Marcus John Henry Brown / CC BY-SA 2.0)

Es gab zum Beispiel die re:publica-Early-Bird-Ticket-Bubble. Diese Bubble ist allerdings eine Anomalie, da nicht nur ein Tribut losgeschickt wird, sondern alle, die ein Early-Bird-Ticket ergattert hatten. Der Kauf eines Tickets ist natürlich wahnsinnig wichtig und muss berichtet werden. Immer wieder. Mit Fotos. Fotos von re:publica-Tickets.

Dann gab’s Axel Springer und die Axel-Springer-Bubble, die, wenn ich ganz ehrlich bin, meiner München-Bubble sehr ähnelt, weil beide ziemlich realitätsfremd sind. Irgendwann, vor vielen Jahren, hat Axel Springer das Leistungsschutzrecht ins Weltall geschossen, nur um es Jahre später großzügigerweise selbst abzuschiessen.

„Ein kaputtes Internet sollte das Resultat von Kims Hinterteil sein. War es aber nicht.“

Wir hatten eine Rosetta-Bubble. Rosetta war irgendwie richtig cool, weil wir Menschen es tatsächlich geschafft haben, ein Ding, das wir vor zehn Jahren ins Weltall geschossen haben, auf einem Kometen zu landen. Ja, das war cool, aber dann mussten wir zusehen, wie das blöde Ding stirbt. Es hatte einen Namen. Wir nannten es „Philae“, ein stolzes kleines Roboter-Tribut mit Bock auf Forschen und einem Twitter-Account. Auf einmal hatte dieser mutige kleine Weltraum-Held aber keine Kraft mehr. Er verabschiedete sich. Dann war er weg. Im Arsch. Auf sowas Emotionales war ich, ganz ehrlich gesagt, nicht vorbereitet.

Dann hatten wir die Kim-Kardashian-Bubble. Zwei sogar. Kim dachte offensichtlich, dass sie unbedingt was für die Frauenbewegung machen sollte. Auf Kims Popo war ich auch nicht vorbereitet und auch hier hätte ich mir deutlich mehr Zeit gewünscht, um mich emotional darauf vorzubereiten. Ein kaputtes Internet sollte das Resultat von Kims Hinterteil sein. War es aber nicht. Jetzt wissen Millionen von Ehepartnern und Freundinnen, dass ihre Männer und Partner(innen) wissen, wie Kim Kardashian nackt und ölig aussieht, was teilweise zu unangenehmen Frage-und-Antwort-Stunden geführt hat.

Der November ist auch der Monat, in dem wir Halb-Schotten den Engländern dabei zuschauen, wie sie wie jedes Jahr Guy Fawkes verbrennen, was auch voll für’n Arsch ist, weil sie nicht ansatzweise wissen, warum sie es tun. Ja, das mit dem „Gunpowder-Plot“-Dingens ist klar, aber die meisten wissen nicht, dass sie eigentlich das Leben irgend eines englischen Königs feiern. Dass Guy Fawkes ein katholischer Terrorist war, wissen sie nicht. Dass er nichts mit irgendeiner Comic-Figur zu tun hat, wissen sie wahrscheinlich auch nicht. Die meisten glauben, dass er sich ziemlich gut mit „Computer-Sprache“ auskennt und obwohl sie wissen, dass er Guy Fawkes heißt, glauben sie auch, dass er keinen Namen hat. Was dieses Jahr bemerkenswert zu sehen war, war das Interesse an seiner Unterschrift, bevor und nachdem er gefoltert worden war. Grausam, haben die meisten getwittert. Ich hab mich ehrlich gesagt nur gewundert, dass jemand 1606 überhaupt eine Unterschrift hatte, aber ja, nach tagelanger Folter ist man halt a bisserl im Arsch. Schätze ich.

Haftungsbeschränkt: Ein Versuch, nicht über Kim Kardarshians Pobacken nachzudenken, scheiterte kläglich

Liesl Karlstadt schaut hoch zu meinem Urologen und fragt sich, was das ganze Rumgeschreie soll. (Foto: Marcus John Henry Brown / CC BY-SA 2.0)
Liesl Karlstadt schaut hoch zu meinem Urologen und fragt sich, was das ganze Rumgeschreie soll. (Foto: Marcus John Henry Brown / CC BY-SA 2.0)

Als ich auf dem Untersuchungstisch lag, beide Knie unterm Kinn, dachte ich an alle diese eigenartigen November-Bubbles – die Luftballons in Berlin, die a bisserl billig wirkten, aber für wahnsinnig viele Menschen soviel bedeuteten, die Snapcash-Bubble und die unglaublich wichtige Facebook-Organic-Reach-Bubble, durch die sämtliche Social-Media-Experten fast an ihren eigenen erbrochenen Prezi-Präsentationen erstickt wären, wären sie nicht zu beschäftigt damit gewesen, sich gegenseitig irgendwelche „Thanks-for-being-a-Friend“-Videos hin- und herzuschicken. Ich dachte über Amazons Echo nach – eine vollkommene Dystopie, eine Bubble, in der junge Menschen nach „Rock Music“ verlangen. Ich dachte über die Nokia-Bubble nach, eine Welt, in der sie tatsächlich glauben, dass sie mit einem Tablet einen Hauch von einer Chance hätten. Ich dachte über Popstars nach, Menschen, die einmal alle 30 Jahre traurig aus der Wäsche gucken und voller geheucheltem Mitleid über Pest und Afrika singen. Ein Versuch, nicht über Kim Kardarshians Pobacken nachzudenken, scheiterte kläglich.

München: ummantelt von einer dicken, melancholischen November-Decke. (Foto: Marcus John Henry Brown / CC BY-SA 2.0)
Haftungsbeschränkt: München – ummantelt von einer dicken, melancholischen November-Decke. (Foto: Marcus John Henry Brown / CC BY-SA 2.0)

Und als ich wieder auf meinem Stuhl saß, und der Artzt mir Blut abnahm, schaute ich noch mal mein München an und verglich es mit den Bildern von Ferguson, die ich am Morgen in meinem Twitter-Stream gesehen hatte. Nicht nur aus Ferguson, sondern auch aus Boston, New York, von überall aus Amerika – Bilder, die die Filter durchbrochen hatten und in meiner schönen, idiotischen Welt gelandet waren. Eine kleine Erinnerung daran, dass unsere heile Welt nicht sonderlich heil ist, nicht mal auf einer Maker-Messe. Nicht mal in München.

20 Minuten später stand ich wieder unten am Gehweg. Ich schloss mein Fahrrad auf und betrachtete noch mal diesen kalten, grauen, gemeinen November. Ja, der November war wirklich im Arsch. Meine Prostata allerdings nicht.

Bleibt gesund, ihr Lieben.

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Eine Antwort
  1. von reraiseace am 29.11.2014 (21:54 Uhr)

    Deine Kolumne ist nicht fürn Arsch. Schöne Zusammenfassung des Novembers und wie immer echt gut geschrieben :) Weiter so.

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