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Haftungsbeschränkt: Oktober – Von Totgesagten und Facebook-Killern [Kolumne]

Haftungsbeschränkt: Oktober – Von Totgesagten und Facebook-Killern [Kolumne]

Der Oktober ist der Monat von Halloween, dem Tag, an dem die Toten über Digital Media debattieren – bei ihrer eigenen Konferenz. Marcus John Henry Brown nimmt das zum Anlass, ein paar Geister zu treffen – in seiner Kolumne „Haftungsbeschränkt“.

Haftungsbeschränkt: Oktober – Von Totgesagten und Facebook-Killern [Kolumne]

Oktober – der Monat von Halloween und Geistern. (Foto: Marcus John Henry Brown, …

Als halber Schotte freue ich mich immer zu 50 Prozent über den Oktober. Wegen Halloween. Ich bin mir bewusst, dass ihr wunderbaren deutschsprachigen Internetmenschen Halloween nicht so richtig sexy findet, aber wie bei so vielen anderen tollen Sachen wie Baked Beans, warmem Bier und der Monarchie ist es uns Briten nicht so wirklich gelungen, solche fantastischen Sachen bei euch richtig zu positionieren. Allerdings, glaube ich, sind wir uns alle einig, dass Marmite eine ekelhafte Sache ist. Außer, Sie sind einer von diesen komischen Menschen, die es tatsächlich lieben – was bedeuten würde, dass Sie höchst wahrscheinlich zu 50 Prozent Engländer sind. Und das bin ich weiß Gott nicht.

Ja, wir fünfzigprozentigen Schotten lieben den Oktober: Wir lieben den Duft von Kastanien, nassem Laub, den Geschmack von warmem, billigem Whisky auf unseren Lippen und tolle Gespräche auf düsteren Friedhöfen. Für uns halbe Schotten ist der Oktober der Monat, in dem wir alte verstorbene Freunde wiedersehen können – und die Vorfreude auf gemütliche Debatten mit halb besoffenen Geistern und konstruktive Streitgespräche rund um das Thema „Die Zukunft von Digital-Media-Nutzung – vorgestern, heute und morgen” mit gut gelaunten Sarg-Insassen hält sich kaum noch in Grenzen. Die Vorstellung, dass alle unsere Vorfahren in dieser wunderbaren letzten Oktobernacht in verschiedenen Phasen der Verwesung wieder auferstehen um eine Art „Un-Konferenz“ veranstalten, um mit uns Lebenden zu trinken, Jutetaschen auszutauschen und am Ende des Abends zu Huey Lewis and The News zu tanzen, füllt mich, zu 50 Prozent, mit Stolz und Freude.

Der Oktober gehört den Geistern, Spooks und alten, längst verstorbenen Freunden. Todessozial, sozusagen.

Der Südfriedhof in München. (Foto: Marcus John Henry Brown, CC BY-SA 2.0)
Der Südfriedhof in München. (Foto: Marcus John Henry Brown, CC BY-SA 2.0)

„Das wäre mir Gott weiß mit und Google et. al. heute niemals passiert“

Halloween, als Traditionsbetrieb, ist eine uralte Kiste. Jedoch dachte mein Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Großonkel Edward Johnston Brown (der Zehnte) vor neun Jahren, dass es an der Zeit wäre, seine Verstorbenengemeinde langsam an das Thema „Digitaler Wandel“ heranzuführen. Edward – oder Ed X, wie wir ihn nennen – wurde 1745 zu Tode verurteilt, weil er Freundschaft mit einem Engländer geschlossen hatte. Edward bestreitet bis heute, damals gewusst zu haben, dass der aus England war. „Das wäre mir Gott weiß mit Facebook und Google et. al. heute niemals passiert“, sagt er immer. Das Wissen, wie wir mit solchen neuen Technologien umzugehen haben, ist eine wichtige Sache, „auch für die Verstorbenen unter uns“, sagte Edward damals, und kurzer Hand gründete er das, was wir heute unter dem Namen „Ed X“ kennen – eine Konferenz, die auf verschiedenen Friedhöfen in Europa stattfindet – und zwar immer am 31. Oktober.

Bei „Ed X“ darf jeder mitmachen. Ich muss gestehen, dass ich bis heute der einzige lebende Teilnehmer bei der Ed-X-Konferenz auf dem alten Südfriedhof in München bin. Jeden Tag im Oktober werden mögliche Vortragsthemen besprochen – a bisserl wie bei einem Barcamp, aber wir nehmen uns einfach die Zeit, die Themen vernünftig zu besprechen. Die Gespräche sind immer aufregend und die Themen brandaktuell.

 „So einen Mist kannste bei der IHK machen“

Marcus John Henry Brown (rechts) in Gespräch mit Mathias Pschorr – 1834 bis 1900 (links). (Foto: Marcus John Henry Brown, CC BY-SA 2.0)
Marcus John Henry Brown (rechts) für „Haftungsbeschränkt“ im Gespräch mit Mathias Pschorr – 1834 bis 1900 (links). (Foto: Marcus John Henry Brown, CC BY-SA 2.0)

Dieses Jahr zum Beispiel findet Mathilde die Rückkehr von Twin Peaks wahnsinnig aufregend. Nicht nur, weil sie selbst vor 180 Jahren Hofschauspielerin war, sondern auch, weil das Marketingpotential von Twitter für längst gestorbene Media-Formate riesig zu sein scheint. Da auch sie schon seit einer Ewigkeit tot ist, wittert sie natürlich selbst ein mögliches Comenback; wenn auch nur als Teil eines „Bauer-sucht-Frau“-Formats oder als aufgedunsene Wasserleiche beim #Tatort. Auch bei ehemaligen Staatsmännern wie Herrn Johannes Nepomuk Ritter und Edler von Langriesser und Carl August Freiherr von Seckendorf hat Twitter, seit dem handgeschriebenen Tweet von Königin Elisabeth II., an Bedeutung gewonnen. Und Karl August Ritter von Abel, der einst bayerischer Innenminister und Staatsrat war, will ein „Jenseits-Reputations-Management“-Model vortragen, das aber – zum Glück – die 17-minütige Vortragsregel von Ed X um circa zweieinhalb Stunden sprengen würde. „So einen Mist kannste bei der IHK machen“, sagte Hermine Gröber, die ehemalige Bezirksamts-Assessors-Gattin, „aber nicht an Halloween!“ Er schreibt stattdessen jetzt ein kostenloses E-Book darüber und hat vor, es auf Sobooks zu veröffentlichen.

„Vorgestern konnte ich mit Mathias Pschorr sprechen, was ich besonders aufregend fand, weil ich sein Bier mag.“

Ein Riesenthema dieses Jahr scheinen Facebook-Killer zu sein. Da gleich fünf Leute über Ello und Tsu sprechen wollten, wurde kurzerhand eine Panel-Session daraus gemacht. Der 1852 verstorbene Sprachforscher Dr. Johannes Andreas Schmeller und der ebenfalls tote Franz von Kobell (Dialektdichter) werden das Thema „Facebook-Killer – Ist Google+ immer noch der beste Ort, um einen Leiche zu verstecken?“ durchleuchten. Darauf bin ich ganz besonders gespannt, weil fast alle Bewohner des alten Südfriedhofs Ello-Mitglieder sind. Es gab sogar eine Online-Befragung und Aloisius Senefelder, Erfinder der Lithographie, hat eine Infografik erstellt.

Vorgestern konnte ich mit Mathias Pschorr sprechen, was ich besonders aufregend fand, weil ich sein Bier mag. Er spricht dieses Jahr über „Die Zukunft der Arbeit“ und sieht für seine Gemeinde enormes Potential in Pest und Kaltem Krieg. Er sagt eine große Welle von qualifiziertem Personal voraus. Sein Vortrag „Leveraging Death – Füße hoch, die Hierarchie kommt flach“ wird bestimmt für viele ein Highlight des diesjährigen Halloween.

Die „Ed X“? – Auch auf einem Friedhof in ihrer Nähe

Die Visitenkarte von Aloisus Senefelder – aufwendig und schön. (Foto: Marcus John Henry Brown, CC BY-SA 2.0)
Die Visitenkarte von Aloisus Senefelder – aufwendig und schön. (Foto: Marcus John Henry Brown, CC BY-SA 2.0)

Reizthemen scheinen Weihnachten und Günther Oettinger zu sein. Weihnachten, und insbesondere der Weihnachtsmann, regen die Friedshofsgemeinde irre auf, weil es ihn „einfach nicht gibt“. Auch die Eröffung des Weihnachtsmarkts in Egelsbach am 5. Oktober führte zur einer Art Mini-Shitstorm, bei dem die Geister von vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Weihnachten einen Warnstreik hinlegten. Oettinger nervt, weil es nicht sein kann, dass ein Mann in seinem Alter sich so unfähig anstellen kann. Professor Konrad Mannert, so sagen sie, ist 258 Jahre alt und war durchaus in der Lage, das OS-X-Yosemite-Update zu installieren und gleichzeitig Stylesheets und seine Kolumne für „Werben und Verwesen“ zu schreiben.

„Gruselig? Ja. Relevant? Leider nein.“

Mein Vortrag „Facebook-Stickers – wie Fist-Bumping-Power-Rangers die Media-Landschaft verändern werden“, wurde leider abgelehnt – mit der Begründung, dass das Sticker-Thema weder beim Frühstücksfernsehen noch bei „Galileo Big Picture“ aufgetaucht ist, und somit zero Relevanz für eine lebendige tote Demografie hat. Gruselig? Ja. Relevant? Leider nein.

Sie können sicher sein, dass das gleiche auch auf einem Friedhof in ihrer Nähe statt finden wird. Ja, es gibt eine „Ed X“ mit Toten in Ihrer Nähe, aber bei uns auf dem alten Südfriedhof kann ich nicht nur hochwertige Themen wie „tsu – und nu?“ oder „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast, Edward Snowden“ vom ehemaligen Münchener Geheimrat Kajetan von Weiller anbieten, sondern auch einen Livestream mit Edward X selbst. Das Ganze wird abgerundet von „Michael Hutchence Sings Huey Lewis and the News“. Unplugged, versteht sich.

Jeder kann kommen. Ich war letzte Woche Freitag auf den Medientagen in München und kann ihnen versichern, dass Sie mehr Leben bei uns auf dem Friedhof finden werden als dort. Sollten Sie aber vorbeischauen und nichts sehen liegt es, wie so oft in unserer komischen digitalen Welt, an Ihrem Mangel an Glauben und nicht, wie Sie vielleicht denken, an gesundem Menschenverstand. Oder Fakten.

Happy Halloween, ihr Lieben.

Weitere Kolumnen-Artikel aus „Haftungsbeschränkt“ findet ihr hier.

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2 Antworten
  1. von christof_versacommerce.de am 31.10.2014 (08:49 Uhr)

    Boah, was für ein klasse Artikel! Witz + Verstand + Haltung = Mehr davon :)

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  2. von reraiseace am 01.11.2014 (22:19 Uhr)

    Der Artikel ist echt spitze! Respekt, die Idee muss man erstmal haben. Weiter so :)

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