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Digitales Leben

Der Hass ist nur einen Klick entfernt: Wie das Netz in diesem Jahr sein hässlichstes Gesicht zeigt

    Der Hass ist nur einen Klick entfernt: Wie das Netz in diesem Jahr sein hässlichstes Gesicht zeigt

Das hässliche Gesicht des Netzes (Foto:kevin dooley / flickr.com, Lizenz: CC-BY)

Das Jahr 2015 zeigt, wie Beschimpfungen und Hass im Netz nicht nur die Stimmung vergiften und Social-Media-Plattformen ernsthafte Existenzprobleme bescheren könnten. Es zeigt auch, dass der internationale Terror in der heutigen Form ohne das Netz nicht möglich wäre. Die Luca-Analytics-Kolumne von Luca Caracciolo.

Das Jahr neigt sich dem Ende. Die Bäume verlieren ihre letzten Blätter, die Temperatur sinkt, der Weihnachtsurlaub ist bereits eingereicht. In dieser Zeit schreibe ich oftmals einen Trend-Artikel, in dem ich darüber nachdenke, welche technologischen Trends im kommenden Jahr wichtig werden. Ich könnte über meine Virtual-Reality-Faszination schreiben oder darüber, warum verbessertes Machine Learning die Basis für viele neuartige Anwendungen sein wird, die wir im kommenden Jahr erstmals nutzen.

Was sich bei mir persönlich Ende diesen Jahres in Bezug auf technologische Entwicklungen angestaut hat, ist allerdings eine gewisse Nachdenklichkeit. Es geht im Kern um eine latente Unzufriedenheit mit der Entwicklung der sozialen Medien. Einst angetreten als „Revolution“ der menschlichen Vernetzung, als kommunikative Neuerfindung des Menschen – zeigt sich nach nunmehr fast zehn Jahren, dass das Potenzial ihrer globalen Vernetzung sich zwar rasendschnell entfaltet hat, aber dass sich zum Teil zerstörerische Begleiterscheinungen ergeben haben.

Missbrauch und Beschimpfungen

Diese diffuse Unzufriedenheit hat der Autor und Ökonom Umair Haque Anfang Oktober in einen sehr lesenswerten Medium-Artikel mit der plakativen Überschrift „Why Twitter is Dying“ in Text gegossen. Er schreibt darüber, dass Twitter ein so grundlegendes und altgediegenes Problem hat, dass es für die vielen Nutzer und die Betreiber kaum mehr sichtbar ist:

„Here’s my tiny theory, in a word. Abuse. (…) To explain, let me be clear what I mean by abuse. I don’t just mean the obvious: violent threats. I also mean the endless bickering, the predictable snark, the general atmosphere of little violences that permeate the social web… and the fact that the average person can’t do anything about it.“

Der Missbrauch der Plattform für Beschimpfungen jeglicher Art – etwa, wenn man nicht eine bestimmte Meinung teilt oder etwas in Frage stellt. Oder generell die Massenbeleidigungen von Personen des öffentlichen Lebens, wenn diese irgendwas gesagt haben, das nicht dem Netzkodex entspricht. Die Twitter-Powernutzer mögen das als „normal“ empfinden und bereits eine gewisse Abhärtung entwickelt haben. Für alle anderen reicht ein solches Erlebnis aus, um den Dienst dem Rücken zu kehren – wenn sie überhaupt auf die Idee kommen, ihn regelmäßig zu nutzen.

Hatespeech und Alltagsrassismus

Die Thesen von Umair Haque gehen aber über Twitter hinaus – in Teilen lässt sich seine Kritik auf alle sozialen Medien beziehen. Haque schreibt:

„Abuse is killing the social web, and hence it isn’t peripheral to internet business models — it’s central. It has significant chilling effects: given a tipping point, people will simply stop using a network, and walk away.“

Facebook in Gefahr? Sicher nicht. Das größte Soziale Netzwerk der Welt vernetzt mittlerweile über 1,5 Milliarden Menschen. Wer will da ernsthaft von einem Problem sprechen? Und dennoch: Auch Facebook kämpft mit „Abuse“. Hatespeech und verschriftlichter Alltagsrassismus vor allem im Zusammenhang mit der Flüchtlingsdebatte zeigt, dass auch der blaue Gigant kein Ort zivilisierten und geregelten Austausches ist. Wie sich das auf den Multi-Social-Konzern langfristig ausschlägt, ist schwer zu sagen. Doch hat Mark Zuckerberg bereits früh erkannt, dass Facebook als Dienst im Social Web vermutlich nicht immer die zentrale Rolle einnehmen wird – und sich durch Zukäufe entsprechend breit aufgestellt.

Über 80 Prozent der 14- bis 29-Jährigen setzen auf Messenger wie WhatsApp, um mit ihren Mitmenschen zu kommunizieren. (Foto: Shutterstock
Über 80 Prozent der 14- bis 29-Jährigen setzen auf Messenger wie WhatsApp, um mit ihren Mitmenschen zu kommunizieren. (Foto: Shutterstock / Stock Rocket)

Und ein Trend ist bei der jungen Generation bereits abzusehen: Schaut man sich etwa die Nutzerzahlen bei den 14- bis 29-Jährigen, so zeigt sich, dass über 80 Prozent Messenger wie WhatsApp nutzen, hingegen „nur“ 60 Prozent auf Online-Communites wie Facebook setzen. Das als Abkehr von Facebook zu interpretieren, wäre Quatsch. Vielmehr ist hier von einer klaren Parallel-Nutzung auszugehen, mit Präferenzen für das private Gespräch mit Einzelpersonen oder kleinen Personengruppen. Was die nackten Zahlen allerdings nicht verraten, ist die qualitative Nutzung der Dienste. Kurz mal Facebook checken – als quasi Kontakt-Netzwerk – und dann aber über WhatsApp und Co ausgiebig kommunizieren, scheint mir das dominierende Nutzungsszenario der jungen Generation zu sein.

Der Terror in Paris

Dass Hass sich verbal im Netz auflädt, ließ sich in Deutschland in diesem Jahr also zur Genüge – vor allem auf Facebook – verfolgen. Dass es aber auch dafür taugt, konkrete Terror-Aktionen weltweit zu planen und höchst organisiert durchzuführen, haben die Terroranschläge von Paris vor Augen geführt.

Wie Kollege Martin Weigert in seiner Kolumne beschreibt, ist zu beobachten, dass Software und digitale Kommunikationstechnologien das Weltgeschehen in bisher noch nicht gekannter Weise intensivieren. Das gilt auch für den internationalen Terrorismus. Ohne moderne Kommunikationstechnologien wie Messenger und die sozialen Medien wäre die Durchschlagskraft des internationalen Terrorismus, die wir heute erleben, so nicht vorhanden. Wie ist es anders zu erklären, dass eine Terrororganisation wie der IS, in so kurzer Zeit weltweit nicht nur Anhänger rekrutiert, sondern es auch schafft, konkrete Anschläge zu verüben?

Der Hass ist nur einen Klick entfernt

Missbrauch, Beschimpfungen, Rassismus, Hass, Terror – Im und durchs Netz erleben diese negativen Elemente menschlicher Existenz in diesem Jahr eine Hochkonjunktur. Natürlich hat es Beschimpfungen, rassistische Tiraden und Hatespeech im Netz auch vor 2015 schon gegeben; und ich will sie auch nicht auf eine Stufe mit Terroranschlägen stellen – aber der Terror in Paris markiert in gewisser Hinsicht eine Art traurigen Höhepunkt, weil er zeigt, wie durchs Netz Hass und Gewalt in jeden Winkel der Erde reicht. Kleine, bewegliche Terrorzellen finden hier einen idealen Nährboden, um ihre Hassbotschaften in der Welt zu verbreiten und neue Anhänger zu rekrutieren. Lokale Bildungs-, Sozial- und Integrationsprobleme und davon betroffene Personen – wie in Frankreich – treffen im Netz plötzlich auf Hassgemeinschaften, die geographisch gesehen, tausende Kilometer entfernt sind – aber übers Netz eben nur einen Klick. Der französische Philosoph Geoffroy De Lagasnerie hat insofern ganz Recht, wenn er sagt, dass die Terroranschläge von Paris eine Fortsetzung der Aufstände in den Pariser Vorstädten vor zehn Jahren sind.

Es war vermutlich immer schon naiv zu glauben, dass das Netz und digitale Kommunikationstechnologien per se die Welt zu einem besseren Ort machen. Spätestens seit diesem Jahr ist dieses Narrativ endgültig gestorben.

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4 Reaktionen
www.neuvolution.de
www.neuvolution.de

Wie man so schön sagt: "Das Internet ist eine große Bahnhofstoilette. Jeder kann schreiben was er will in der Hoffnung nicht erwischt zu werden"
Klar war 2015 ein Paradebeispiel dafür das es sich Online viel einfacher hetzt und hasst als in der tatsächlichen Realität. Die konsequenziellen politischen Vorstöße die daraus aber entstanden sind, zeigt wie weltfremd die Online Welt wahrgenommen wird. Es werden immer nur die Auswüchse bekämpft auch unter Verletzung jeglicher Grundrechte, nie aber die tatsächlichen Ursachen.

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Fair Use
Fair Use

Das System versucht seine Miswirtschaft zu erhalten gilt für alle korrupten Diktaturen.

Konstruktive Diskussionen will ich schon ewig. Leider kenne ich keinen Ort wo man sowas ohne Abmahnungen und Softwarepatente realisieren kann. Wo Leute konstruktiv und zeit-effizient täglich NEUES - und nicht immer dasselbe immer wieder und immer wieder - diskutieren hätten Korruption und Miswirtschaft ein echtes Problem.

Wie man auch hier erkennt sind die meisten News mit 0-3 überwiegend sinnvollen Kommentaren versehen. Aber es gibt kommerzielle und Bezahlposter-Schwerpunkte wo offensichtlich bezahlte Postings zum Vorteil des Systems stattfinden und der Sinn-Gehalt kurzer konstruktiver Kommentar-Ketten durch Rauschen drastisch verringert wird. Da gibts durchaus Lösungs-Möglichkeiten. Leider muss ich warten bis US-Startups meine Ideen 10-15 Jahre später irgendwann mal (meist sehr optimierungs-würdig) durchziehen und wie üblich meist scheitern oder aufgekauft (wie bisher alle Internet-4-People-Startups) und beendet werden wie fast alle Google/Yahoo/Amazon/Ebay...-Käufe ausser Youtube und sehr wenigen sonstigen Ausnahmen.

Das viele Leute ihre Emails aufgeben weil die Millionärs-Spamwelle noch gigantischere Ausmaße als die Krankenkassen-Vergleiche angenommen hat, fehlt in der Liste übrigens. Youtube, Prime und Netflix ruckeln vermutlich oft weil ein Rechner infiziert wurde und als Botnetz-Bot arbeitet...

Transparenz ist der Feind der Miswirtschaft. Wenn Linke und Gewerkschaften und Verbraucherschützer die Crowd-Möglichkeiten breitflächiger Informations-Gewinnung wie z.B. Lohnverteilung oder Handwerker-Qualität kostengünstig nutzen wurden, würde Deutschland deutlich besser stehen...
Als Privatperson kann man sowas ja leider nicht überall realisieren und nicht jeder wohnt in USA.
Liquid beispielsweise schafft es auch nicht obwohl JEDES Vereinsmitglied, jeder Steuerzahler und jeder Kleinaktionär sowas sofort nutzen würde. Die Rechtskosten sind mir zu teuer. Sonst gäbe es direct-feedback längst und Politiker, alle Talkshows und alle Mißmanager müssten es nutzen und sich dem Feedback stellen statt Fake-Facebook-Fanbois aus unbekannten Ländern zu kaufen weiter im Hinterzimmer zu regieren...

Internet verbessert ständig vieles. Weil aber zu wenig Interesse herrscht, gibts immer noch rückständige Strukturen wie Online-Banking (das wollte ich schon besser haben bevor das Wort Fintech überhaupt existierte), Paket-Transport, Menschen-Transport usw. die durch Internet immer noch nicht optimiert werden obwohl eigentlich jeder darauf wartet. Aber sogar Fernseher und Settopboxen sind überwiegend rückständig und auch amazon Prime zeigt die US-Versionen von Serien nicht an obwohl Netflix das schon ewig kann...

An VW und aktuell Audi sieht man die Motivation und Ehre mancher IT-Mitarbeiter... Sogar das BSI kritisiert die ganze Branche inzwischen:
http://t3n.de/news/it-sicherheit-deutschland-bsi-658277/
Wer war besser ? Die Medizin vom Mittelalter oder die Software von heute ?
Wer ist glaubwürdiger ? Ein US-Autohändler aus TV-Serien oder Bill Gates ?
http://news.bbc.co.uk/2/hi/business/3426367.stm
http://www.maclife.de/news/11-besten-sprueche-des-bill-gates-10071440.html
(An den Suchergebnissen mit 1000 und mit 0 Ergebnissen lernte ich am einfachsten, die Shop-Suche zu optimalisieren als Anmerkung zu "du lernst am meisten von den unzufriedensten Software-Nutzern" wohingegen Mainstream-Medien Kritik als persönlichen Angriff werten und oft erst dazulernen wenn US-Startups das Produkt bringen).

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Anonymous
Anonymous

"Es war vermutlich immer schon naiv zu glauben, dass das Netz und digitale Kommunikationstechnologien per se die Welt zu einem besseren Ort machen. "

Moment - das hat irgendwer, irgendwann, außerhalb von Traumphasen & Trunkenheit mal geglaubt? :o

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Dr. Christian Salzborn
Dr. Christian Salzborn

Ein guter Beitrag, der das Hassproblem des Netzes auf den Punkt bringt. Dass es der Autor dabei schafft, ausschließlich von Hatespeech zu sprechen und all den Hass nicht in die Shitstormschublade steckt (wie in den letzten Jahren in den Medien gerne geschehen), rechne ich ihm hoch an. Habe ich doch in meiner Diss mehrmals darauf hingewiesen, dass Shitstorms nicht mit Hatespeech und Flamewars gleichzusetzen sind. Toll, dass ein solch bekanntes Medium nun diesen Schritt gegangen ist. Weiter so! VG

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