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Mit breiter Brust: „Am 10. Oktober werden sie alle auf die Huffington Post gucken!“

Mit breiter Brust: „Am 10. Oktober werden sie alle auf die Huffington Post gucken!“

„Scheißladen“, Anti-Journalismus, unmoralisch – schon vor ihrem Start in Deutschland hat die mit ordentlich Gegenwind zu kämpfen. Die Macher aber scheint das nicht zu stören. Mit breiter Brust und Optimismus blicken sie dem 10. Oktober entgegen – und ihrem Plan, nach dem sie 2015 schwarze Zahlen schreiben wollen.

Mit breiter Brust: „Am 10. Oktober werden sie alle auf die Huffington Post gucken!“
Tomorrow-Focus-CEO Toon Bouten. (Foto: Tomorrow Focus)

Die Huffington Post kommt – der Aufstand in der Blogger-Szene auch?

Noch ist auf huffingtonpost.de nicht viel zu sehen. (Screenshot: huffingtonpost.de)
Noch ist auf der deutschen Seite der Huffington Post nicht viel zu sehen. (Screenshot: huffingtonpost.de)

Ist das noch Sorge um den Journalismus oder schon die Angst vor einem neuen Konkurrenten? Ausgerechnet Springer-Chef Mathias Döpfner, einer der mächtigsten Männer der Medienwelt, kanzelte das Geschäftsmodell der Huffington Post in einem Interview kürzlich erstaunlich deutlich ab. Es widerspreche „den Ansichten von den Urheberrechten der Autoren und den Leistungsschutzrechten“ bei Springer, die HuffPo sei „das Anti-Geschäftsmodell für Journalismus“. Arianna Huffingtons Antwort: „Kritiker verstehen unser Geschäftsmodell in der Regel nicht richtig.“ Für einen Geisteswissenschaftler wie Döpfner, der heute dem Vorstand eines milliardenschweren Konzerns vorsitzt, eine Ohrfeige.

Doch nicht nur in den Chefetagen der Medienunternehmen, auch quer durch das Netz spaltet der Deutschland-Start der Huffington Post das Land. Seit zoomer.de hat wohl kein Netzprojekt mehr für so viel Debatte in Deutschland gesorgt. Von einem „Scheißladen“ war da zu lesen, als die durchaus amüsante Replik des Bloggers Kai Petermann auf das Angebot der HuffPo im Netz die Runde machte. „Ich gebe Ihren Vorschlag an meinen Vermieter, den Lebensmittelhändler, den Tankwart und die Telekom weiter. Vielleicht kann ich dort in Zukunft auch alle nötigen Dinge ohne Bezahlung bekommen“, schrieb der – und erntete Applaus aus vielen Richtungen. Von einem „Aufstand in der Blogger-Szene“ sprach Andreas Noll in der Webschau bei DRadio Wissen, und Stephan Goldmann fragte auf lousypennies.de laut, wie ernst der hinter der HuffPo stehende Burda-Verlag sein Angebot wohl selbst nehme. Von vielen Medienhäusern sei man „einen fast dogmatischen Linkgeiz gewohnt“ und er sei skeptisch, dass das bei der Huffington Post anders aussehen werde.

Doch es finden sich auch Gegenstimmen zur Kritik und Häme, die im Netz in den vergangenen Wochen so laut gewirkt hat. „Sind die Leute, die jammern, weil sie umsonst für eine Onlinezeitung schreiben sollen dieselben, die jammern, weil die Onlinetageszeitung Geld will?“, twitterte beispielsweise der Entwickler Volker Göbbels vor einigen Tagen, daneben äußerten sich nicht wenige Blogger begeistert – sie würden liebend gerne für die HuffPo schreiben.

Toon Bouten: „Das ist eine deutsche Debatte“

Tomorrow-Focus-CEO Toon Bouten. (Foto: Tomorrow Focus)
Tomorrow-Focus-CEO Toon Bouten. (Foto: Tomorrow Focus)

Fragt man Toon Bouten nach dieser Debatte, lehnt sich der charmante Holländer selbstbewusst zurück und setzt ein Grinsen auf, das unmissverständlich ist. Das Grinsen sagt: „Ihr könnt mir gar nichts.“ Toon Bouten aber sagt nur: „Das ist eine deutsche Debatte. Wenn man nicht aus Deutschland kommt, versteht man das gar nicht.“ Antonius „Toon“ Bouten ist 54 und seit Januar 2013 CEO der Tomorrow Focus AG, einem Internetkonzern mit rund 700 Mitarbeitern, der zu Burda gehört und dessen Tochterunternehmen Tomorrow Focus Media die Huffington Post in Deutschland erfolgreich machen will. Dass Bouten auf die teils harsche Kritik so gelassen reagiert, hat einen guten Grund: Er weiß um den Buzz, den die Debatte für ihn produziert. „Ich habe vor kurzem mit Tim Armstrong von AOL gesprochen, der auch sagt, in keinem anderen Land hätten wir eine solche Aufmerksamkeit bekommen. Am 10. Oktober werden sie alle auf die Huffington Post gucken!“

Ähnlich selbstbewusst gibt sich Oliver Eckert, Geschäftsführer von Tomorrow Focus Media. „Wir wollen in fünf Jahren so groß sein wie Focus Online heute – also etwa bei neun Millionen Unique Usern“, sagt er und fügt hinzu: „Das Know-how von Focus Online werden wir natürlich für die Huffington Post nutzen, bei der Vermarktung, im Marketing, aber auch redaktionell. Am Anfang wird es auch Teasertexte der Huffington Post bei Focus Online geben. Eine Content-Übernahme schließe ich allerdings erst mal aus.“ Und auch Paid Content ist für Eckert kein Thema. „Die Huffington Post ist und bleibt werbefinanziert.“

Oliver Eckert, Geschäftsführer von Tomorrow Focus Media. (Foto: Tomorrow Focus)
Oliver Eckert, Geschäftsführer von Tomorrow Focus Media. (Foto: Tomorrow Focus)

Bouten, der Niederländer, und Eckert, der Rheinländer, sitzen die Diskussion aus, könnte man meinen, doch fragt man sie selbst, scheint es gar keine Diskussion zu geben. „Wir bauen einen sehr großen Stamm an Menschen auf, die für uns schreiben möchten, zum Start werden das 15 Redakteure und etwa 50 Blogger sein“, sagt Eckert. „Und was die Debatte um die freien Autoren angeht, kann ich nur sagen, dass wir nicht viele negative Reaktionen bekommen haben. Wir vergleichen das Konzept gerne mit einer Fernseh-Talkshow. Da freuen sich die Gäste auch, eingeladen zu werden.“ Zweckoptimismus? Oder einfach eine breite Brust?

In zwei Jahren will die Huffington Post schwarze Zahlen schreiben

Klar ist: Auch in Deutschland freuen sich Blogger, eingeladen zu werden, das ist hierzulande nicht anders als in Frankreich oder England – und die Expansion geht weiter. „Bis Ende 2014 wird es die Huffington Post in 14 Ländern geben“, sagt Eckert. „Wir sind auf Globalisierungskurs, und da ist Deutschland ganz klar einer der wichtigsten Märkte.“

Wenn Toon Bouten das Wort „Märkte“ hört, kommt zu seinem Grinsen ein eindeutiges Funkeln in den Augen dazu. Bouten ist Geschäftsmann, er ist Manager – er weiß, was er will: „Wir wollen innerhalb von zwei Jahren profitabel sein, und bis dahin werden wir etwa zwei bis drei Millionen Euro in das Projekt investiert haben. Unser Vorteil ist, dass wir sehr gut wissen, wie das Online-Geschäft funktioniert und mit unseren bestehenden Beteiligungen Synergien heben können, zum Beispiel können wir die Vermarktung inhouse abwickeln.“

Zwei bis drei Millionen, das ist im Medienbusiness nicht viel, aber es könnte genug sein, um aus der Huffington Post Deutschland eine erfolgreiche Marke zu machen. Oliver Eckert zumindest ist sicher, dass die wenige Zeit, die sich der Verlag für den Break Even gegeben hat, nicht zu kurz bemessen ist: „Meine These ist, dass die Huffington Post über die mobilen Apps schnell wachsen wird. Wir starten direkt crossdigital, wir haben eine wunderschöne iPad-App und eine super performante iPhone-App. Unser Vorteil ist, dass wir damit von Anfang an loyale Nutzer aufbauen können.“

Auch Toon Bouten, der lange Jahre für Philips gearbeitet hat, spricht viel von den Nutzern – er weiß, dass er sie brauchen wird, um erfolgreich zu sein. „Mit der Huffington Post werden wir die Verlagslandschaft in Deutschland bereichern – und das ist gut für die Nutzer in Deutschland“, sagt Bouten zum Beispiel. Er sagt aber auch: „Wir geben der Branche Energie!“ Nicht jeder in der Branche allerdings wird diese Energie wollen – einigen kleineren Verlagen dürfte sie sogar das Genick brechen. Bouten aber will überhaupt niemandem das Genick brechen, sagt er. „Ich hoffe, die gedruckte Zeitung besteht noch lange, und ich glaube auch, dass die verschiedenen Formate gut nebeneinander bestehen können, wenn sie sich ergänzen. Ich glaube nicht, dass es in zehn Jahren kein Print mehr gibt.“

„Die Huffington Post etabliert ein völlig neues Verständnis von Journalismus“

Bouten wie Eckert wissen aber auch, dass sie mit dem Modell der Huffington Post gerade in Deutschland einen Nerv treffen. „Journalismus funktioniert heute meistens immer noch wie der Frontalunterricht in den 50ern“, sagt Eckert. „Der Journalist steht als Lehrer vorne und die Leser hören zu. Das wollen wir ändern. Die Huffington Post etabliert ein völlig neues Verständnis von Journalismus. Wir nehmen unter Gleichgesinnten Platz. Wir bringen News, holen Leser mit ihren Meinungen auf die Seite und lassen all das wieder in neue Artikel einfließen.“ Was auch bei der Huffington Post nicht neu sein wird, ist dagegen das Verständnis vom Leistungsschutzrecht. „Wir haben uns durch das Opt-in von Google schon bei Focus Online genötigt gesehen, und aktuell sehen wir auch bei der Huffington Post keine Alternative dazu“, sagt Eckert. „Google ist die große Autobahn, über die die User kommen, aber wir haben auch immer gesagt, dass das Opt-in unter Vorbehalt steht und wir damit nicht das Leistungsschutzrecht aus der Hand geben.“ Und Toon Bouten fügt knapp, aber deutlich hinzu: „Das Thema Leistungsschutzrecht und Google News steht gerade erst am Anfang, da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.“

Auch bei der Huffington Post ist das letzte Wort noch nicht gesprochen – es ist noch nicht einmal das erste geschrieben. Doch wenn am 10. Oktober Arianna Huffington nach Deutschland kommt, um neben Chefredakteur Sebastian Matthes auch den Herausgeber oder die Herausgeberin vorzustellen, wird sich zeigen, ob das Konzept aufgehen kann. Ohne Prominenz nämlich, ohne aufmerksamkeitsstarke Kolumnisten und Gastautoren wäre auch die US-Huffington-Post nicht so groß geworden, wie sie heute ist. Wer Herausgeber oder Herausgeberin wird, mag Oliver Eckert noch nicht verraten. Doch „es wird eine prominente Persönlichkeit sein“. Man glaubt ihm das, denn eigentlich können Bouten und Eckert gar nicht anders bei dieser Personalentscheidung – es muss noch ein Paukenschlag kommen. Nach dem Buzz der vergangenen Wochen wäre alles andere eine Enttäuschung.

Eure Meinung zur Huffington Post Deutschland?

Wie findet ihr das Konzept der Huffington Post? Ist das Geschäftsmodell kritikwürdig und untergräbt es die Interessen der bezahlten Autoren? Oder ist die Strategie der Plattform richtungsweisend und zeigt wie man mit neuen Herangehensweisen für wertige Inhalte sorgt? Wir sind gespannt auf eure Meinung – in der Umfrage, wie auch im Kommentarbereich.

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3 Antworten
  1. von Markus Sekulla am 23.09.2013 (14:30 Uhr)

    Hi Florian,
    ich bin einer der Autoren der Huffpo in Deutschland und habe auch für andere Blogs in Deutschland geschrieben... u.a. auch bei Euch t3nnern und den Jungs von allfacebook.de und besonders viel anders ist das System für freie Autoren ja bei den beiden genannten auch nicht.
    Klar, man kann ein paar Euro bekommen, doch da nehme ich persönlich die größere Autorenbox was ja immer einige Fans und Follower bringt. Für mich ein guter und Fairer tausch. Wie ich schon in einem Artikel über Blogger Relations geschrieben habe (http://krawattentraeger.de/2013/06/27/blogger-relations-from-hell-wie-geht-man-als-unternehmen-nicht-mit-blogs-um/) sollte man sich als Blogger nicht um die 100 Euro reissen, sondern probieren über das Bloggen mit Unternehmen in Kontakt zu kommen... und das wird bei dem Huffpo System möglich sein, zumindest war es das in den USA.
    Grüße und bis die Tage
    Markus

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  2. von herr stoltenhoff am 24.09.2013 (09:10 Uhr)

    dann ist es eine »deutsche debatte«, aber dummerweise sind es auch deutsche leser.
    hoffen wir einfach auf den hippen gemüsehändler um die ecke, der clicks gegen broccoli wechselt.

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  3. von Heiner am 24.09.2013 (11:24 Uhr)

    Es scheint typisch "deutsch" zu sein, erstmal alles schlecht zu reden - noch vor dem Start.

    Wäre Google in Deutschland erfunden worden, gäbe es das Unternehmen seit 13 Jahren nicht mehr.

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