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Industrie 4.0: Wie deutsche Startups fürs nächste Wirtschaftswunder schuften

Industrie 4.0: Wie deutsche Startups fürs nächste Wirtschaftswunder schuften

ist das nächste große Ding im Startup-Business. Maschinen sollen vernetzt, Fabriken intelligent und Arbeiter smart werden. Gründer wittern in den futuristischen Ideen ein Milliardengeschäft. Doch das Wettrennen um die Gunst der Konzerne hat seine Tücken. 

Industrie 4.0: Wie deutsche Startups fürs nächste Wirtschaftswunder schuften

(Foto: ProGlove/Workaround)

Ein Handschuh revolutioniert die Fließbandarbeit

Das Produkt, mit dem Thomas Kirchner die deutsche Automobilindustrie revolutionieren will, sieht aus wie ein Arbeitshandschuh aus dem Baumarkt und steckt in seiner Hosentasche. Kirchner ist Gründer und CEO von Workaround, einem Startup aus München, das mit dem so genannten ProGlove einen elektronischen Handschuh entwickelt hat, mit dem Fahrzeugbauer wie BMW deutlich mehr in deutlich weniger Zeit schaffen sollen. „Das ist er“, sagt Kirchner und kramt lässig einen grau-orangefarbenen Stofffetzen hervor. „Damit ermöglichen wir Arbeitern am Fließband, schneller und besser zu arbeiten.“

Gründer Thomas Kirchner auf dem Pioneers Festival in Wien: Hier stellt er seinen elektronischen Handschuh für die Industrie vor. (Foto: Presseportal)
Gründer Thomas Kirchner auf dem Pioneers Festival in Wien: Hier stellt er seinen elektronischen Handschuh für die Industrie 4.0 vor. (Foto: Presseportal)

Keine dumme Idee: „Bei der Vielzahl an Modellen im Fahrzeugbau und der monotonen Fließbandarbeit schleichen sich viele Fehler ein“, sagt Kirchner. Bauteile würden falsch gescannt, sortiert oder verbaut. „Schon ein Verlust von zwei Sekunden ist für BMW viel Geld.“ Mit dem ProGlove soll das nicht mehr passieren: So zeigt der Handschuh etwa an, ob in einer Fertigungslinie die richtigen Bauteile benutzt und Arbeitsschritte richtig umgesetzt werden. Ein integrierter Vibrationsmotor und eine kleine LED-Leuchte am Saum warnen rechtzeitig. Erfasst werden die notwendigen Daten mithilfe zahlreicher Sensoren. Ein Bewegungssensor wurde ebenso verbaut wie ein WiFi-Chip, der eine kabellose Nutzung des Handschuhs ermöglicht.

Entstanden ist die Idee bei einem Hackathon. Vor gut einem Jahr rief der weltweit größte Chiphersteller Intel unter dem Motto „Make it Wearable!“ dazu auf, konkrete Produktideen für seinen Kleinstrechner „Edison“ zu entwickeln. Mit ihrem Handschuh konnten Kirchner und seine Mitgründer die Jury überzeugen – kassierten 150.000 US-Dollar Preisgeld. Seitdem arbeitet das Startup mit Hochdruck daran, den Prototyp in ein serienreifes Produkt zu gießen. „Wir wollen den Handschuh spätestens Anfang 2016 auf den Markt bringen.“

Industrie 4.0: Die 150-Milliarden-Dollar-Chance

Mit diesen Ambitionen ist Thomas Kirchner nicht alleine. Immer mehr Startup-Gründer suchen ihr Glück in einem Markt, den Politiker und Wirtschaftsexperten unter dem Begriff „Industrie 4.0“ zum Jahrhunderttrend auserkoren haben. Industrie 4.0, die vierte – durch das Internet getriebene – industrielle Revolution, meint die Digitalisierung des produzierenden Gewerbes. Es ist die Vision von hochvernetzten Maschinen und selbstlernenden Fabriken, es geht um das Internet der Dinge, aber auch um Big Data und Robotik.

Industrie 4.0: Unternehmen wollen jährlich 40 Milliarden US-Dollar für neue Technologien ausgeben. Gründer wittern ihre Chance. (Foto: Shutterstock)
Industrie 4.0: Unternehmen wollen jährlich 40 Milliarden US-Dollar für neue Technologien ausgeben. Gründer wittern ihre Chance. (Foto: Shutterstock)

Weil in Logistik, Maschinenbau und der Automobilindustrie in Zukunft mit immer weniger Ressourcen immer größere Mengen produziert werden, ist hier viel Geld zu verdienen: In den nächsten fünf Jahren will allein die deutsche Industrie 40 Milliarden Euro für Produkte aus dem Bereich Industrie 4.0 ausgeben, prognostiziert eine Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC.

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie geht zudem davon aus, dass das Marktpotenzial rund um Industrie 4.0 bis 2020 auf 153,5 Milliarden Euro wächst. Von Produktivitätssteigerungen von bis zu 20 Prozent ist die Rede. Keine schlechten Voraussetzungen, um ein Startup zu gründen.

Mit Google Glass schnell zum richtigen Paket

Christopher Bouveret von Itizzimo will die Lagerhäuser der Versanddienstleister mit Google Glass effizienter machen. (Foto: Xing)
Christopher Bouveret von Itizzimo will die Lagerhäuser der Versandhändler mit Google Glass effizienter machen. (Foto: Xing)

Auch Christopher Bouveret glaubt an diese Chance. Der 36-jährige Würzburger hat zusammen mit einem Schulfreund das Startup Itizzimo gegründet. Ihre Technologie soll nach dem Willen von Bouveret schon bald zum Alltag in den Lagerhäusern großer Versanddienstleister wie Amazon gehören. „Unsere Vision ist es, Geschäftsdaten kontextbasiert ins menschliche Sichtfeld zu bringen“, sagt Bouveret. Itizzimo bietet eine Software für Datenbrillen wie Google Glass an, die Lagerarbeitern bei der Kommissionierung von Paketen hilft.

Heißt in der Praxis: Die Brille informiert während des Schichtbetriebs zum Beispiel über neue Bestellungen und blendet Art und Gewicht des benötigten Artikels ein. Per Sprachsteuerung wird der Arbeiter zum richtigen Regal navigiert. Gescannt wird das Paket am Ende automatisch über das in der Brille verbaute Kameramodul. „Das verringert die Fehlerquote und spart Zeit“, sagt Bouveret.

Doch gerade in Sachen Software gebe es in der Industrie noch jede Menge Aufholbedarf, findet Bouveret: „Wenn man sich die Systeme der Unternehmen anguckt, wirken die Benutzeroberflächen oft wie aus der Steinzeit.“ Das Beispiel mit dem Lagerhaus sei nur eins von vielen. Von Itizzimos Technologie könnten auch Maschinenbau und Forschung profitieren: „Zum Beispiel bei der Wartung von Anlagen oder in der Laborarbeit. Überall, wo freihändig gearbeitet werden muss.“ Erste namhafte Kunden konnte er schon überzeugen: So hat Itizzimo Pilotprojekte mit Airbus, Bayer und E.ON gestartet.

„Am Anfang läufst du dich als Gründer tot“

So vielversprechend die Prognosen sind: Startup-Gründungen in der Industrie sind alles andere als Selbstläufer. Für erste vorzeigbare Erfolge wie die von Itizzimo oder Proglove müssen Gründer harte Vorarbeit leisten. Oft scheuen Unternehmen wegen offener Fragen zu Nutzung, Sicherheit und Zuverlässigkeit die Konfrontation mit . Hinzu kommt: Viele Unternehmen haben die Digitalisierung der industriellen Produktion noch gar nicht auf dem Zettel: Laut einer Umfrage des Branchenverbands Bitkom ist der Begriff „Industrie 4.0“ für rund ein Drittel der Führungskräfte aus Automobilbranche, Maschinenbau und Elektroindustrie noch ein Fremdwort.

Kein Wunder, dass Startups die Industrie selbst erst mal schlau machen müssen. Vor allem bei Hardware hätten viele Unternehmen noch Vorbehalte, sagt Bouveret. „Man muss beraten, Möglichkeiten aufzeigen und zusammen mit den Unternehmen konkrete Anwendungsfälle erarbeiten.“ Nicht immer könne man dabei zwischen ernst gemeintem Interesse und werbewirksamen PR-Ambitionen der Unternehmen unterscheiden. „Gerade am Anfang“, sagt Bouveret, „läuft man sich als Gründer tot. Man rennt von einem Meeting zum anderen. Häufig ohne Ergebnis. Aber die Brille, tja, die will halt jeder mal aufsetzen.“

Auch Thomas Kirchner muss bei seiner Zielgruppe noch Ängste abbauen, ehe sein High-Tech-Handschuh zur obligatorischen Arbeitskleidung am Fließband gehört. Angesichts des in der Industrie geltenden Mantras, „die Linie steht nie still“, kämen auf ihn und sein zehnköpfiges Team große Herausforderungen zu: „Es geht vor allem um Ausfallsicherheiten. Unsere Kunden planen neue Systeme oft für zehn Jahre ein, das geht mit hohen technischen Standards und entsprechenden Serviceansprüchen einher“, erklärt Kirchner. „Als Startup können wir die natürlich nicht so gewährleisten, wie das etwa Siemens könnte.“

Industrie 4.0: Siemens geht auf Kuschelkurs

Gut deshalb, wenn es Startups gelingt, sich frühzeitig einen Weltkonzern ins Boot zu holen. So wie Magazino: Das Startup aus München entwickelt automatisierte Packroboter für Logistikunternehmen und konnte Siemens erst vor wenigen Wochen als strategischen Partner gewinnen. Der Elektronikkonzern ermöglicht dem Startup Zugang zu technischem Know-how und einem engmaschigen Netzwerk aus Kunden und Lieferanten.

Das Beispiel könnte zum Vorbild für die Branche werden. Immerhin will sich zumindest die Hälfte der Industrieunternehmen stärker mit Startups vernetzen. „Insbesondere, wenn es darum geht, neue, digitale Geschäftsmodelle aufzubauen“, heißt es in der Studie von Bitkom. Über 80 Prozent der befragten Unternehmen geben an, dass in fünf Jahren vertiefte Kooperationen und eine intensivere horizontale Vernetzung einen wichtigen Stellenwert haben werden.

Thomas Kirchner mit seinem High-Tech-Handschuh bekommt davon schon heute etwas zu spüren. Seit er mit seinem Prototypen auf dem Intel-Hackathon abgeräumt hat, hätten ihm von den 20 größten Automobilherstellern schon 15 eine E-Mail geschickt. Der Inhalt? „Immer der Gleiche“, sagt Kirchner und lacht: „Hey Jungs, wir müssen mit euch reden.“

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2 Antworten
  1. von Olaf Barheine am 01.08.2015 (19:11 Uhr)

    Viele Unternehmen wissen gar nicht, dass das, was sie da in ihren Forschungs- und Entwicklungsabteilungen treiben, man in Politik, Medien und Marketingabteilungen "Industrie 4.0" nennt. ;-)

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  2. von Ben am 05.08.2015 (05:01 Uhr)

    Letztens ein paar Mitarbeiter von Audi auf dem TOA getroffen. Die machen sich sorgen, dass Google sie auf dem Standstreifen überholt. Elektronischer Handschuh my ass. Wir können nur froh sein, dass die ex-VW-Mitarbeiter in China absichtlich schlechte Autos bauen.

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