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„Müsste ich ein Magazin konzipieren, würde es 8 Seiten haben“ – Blendle-Gründer Marten Blankesteijn im Interview

„Müsste ich ein Magazin konzipieren, würde es 8 Seiten haben“ – Blendle-Gründer Marten Blankesteijn im Interview

Marten Blankesteijn hat nicht viel Zeit für das , maximal dreißig Minuten, dann müsse er leider weiter, nuschelt er ins Telefon. Kein Wunder, schließlich hat der 28-Jährige viel vor: Mit seinem Blendle will er nicht weniger als den „weltbesten Journalismus für alle zugänglich machen“. Und nebenbei beweisen, dass sich mit Journalismus online Geld verdienen lässt. Im Interview spricht Marten Blankesteijn darüber, wie kostenpflichtige Inhalte im Netz erfolgreich sein können und wieso ein Magazin, das er veröffentlichen würde, nur acht Seiten hätte.

„Müsste ich ein Magazin konzipieren, würde es 8 Seiten haben“ – Blendle-Gründer Marten Blankesteijn im Interview
(Foto: Mark Horn)

Das Konzept des Digitalkiosks Blendle, den der Niederländer 2012 zusammen mit seinem Kollegen und Landsmann Alexander Klöpping gegründet hat, ist so einfach wie smart: Blendle stellt Artikel verschiedener Zeitungen auf einer Plattform zusammen und macht sie mit nur einem Klick zugänglich. Nutzer können sich so aus unterschiedlichen Quellen bedienen, ohne sich überall registrieren zu müssen. Und: Sie zahlen nur, was sie wirklich lesen wollen. Bei Nichtgefallen gibt es sogar das Geld zurück. Die Preise legen die mit Blendle kooperierenden Verlage fest, sie liegen pro Artikel zwischen 15 Cent und zwei Euro. 70 Prozent davon gehen an die Zeitungsmacher, 30 Prozent an Blendle.

Die Blendle-Gründer Alexander Klöpping und Marten Blankesteijn. Foto: Leonard Fäustle
Die Blendle-Gründer Alexander Klöpping und Marten Blankesteijn. Foto: Leonard Fäustle

Marten Blankesteijn arbeitet als Journalist, seit er 19 ist. Auf die Idee zu Blendle sei er gekommen, als ihm auffiel, dass keiner seiner Freunde je einen seiner Artikel las, weder in der gedruckten Zeitung noch im Netz. Einer der Gründe, da ist Blankesteijn sich sicher: Insbesondere jüngere Menschen sind immer weniger bereit, ein ganzes Magazin zu kaufen oder gar ein Abo abzuschließen, nur um einen Beitrag zu lesen. Also übertrug er das iTunes-Prinzip auf die Verlagswelt. Wie bei Apple, die statt eines kompletten Musikalbums auch einzelne Lieder verkaufen, können bei Blendle gezielt die Artikel erworben werden, die den Leser interessieren.

Die Zahlen stützen seine These: Im Frühjahr 2014 in den Niederlanden gestartet, verzeichnet Blendle weltweit mittlerweile eine halbe Million Nutzer. In Deutschland, wo die Plattform im September 2015 online ging, liegt Blendle nach eigenen Angaben deutlich über den Erwartungen. Inzwischen haben sich die New York Times und der Axel Springer Verlag mit drei Millionen Euro an Blendle beteiligt, angeblich visiert das Startup jetzt auch den amerikanischen Markt an.

Im Gespräch mit OSK erläutert Marten Blankesteijn, wieso guter Journalismus im Netz auf lange Sicht nicht kostenlos sein kann und wie eine Zeitung aussähe, die er konzipieren würde.

1. Wie zeichnet sich Qualitätsjournalismus in Zukunft aus und was schadet ihm?

Geht es nicht eher um die Frage, wie sich Qualitätsjournalismus in Zukunft finanzieren lässt? Guter Journalismus kann natürlich kostenlos sein – der Guardian zum Beispiel macht seine Inhalte online für alle zugänglich. Aber wenn es darum geht, Journalismus zu finanzieren, ist das problematisch. Denn wenn man Inhalte an einer Stelle kostenlos ins Netz stellt, wird es schwer sein, Menschen an anderer Stelle dafür bezahlen zu lassen. Es ist ja so schon schwierig genug. Beim Spiegel beispielsweise arbeiten großartige Journalisten, die tolle Inhalte produzieren, die aber online schwer zu finden sind – wie hinter einer analogen Paywall. Und dennoch glaube ich, dass junge Leser in Deutschland die Marke eher mit der kostenlosen Website Spiegel Online verbinden.

Der Guardian macht seine Inhalte frei online verfügbar. (Screenshot: The Guardian)
Der Guardian macht seine Inhalte frei online verfügbar. (Screenshot: The Guardian)

„Wir müssen verdeutlichen, dass es noch immer guten Journalismus gibt, für den es sich zu zahlen lohnt.“

Es gibt drei großen Aufgaben, die auf uns warten: Wir müssen verdeutlichen, dass es noch immer guten Journalismus gibt, für den es sich zu zahlen lohnt. Wir dürfen diese Inhalte nicht umsonst hergeben. Und wir müssen den Menschen, die bereit sind, für Journalismus Geld auszugeben, den Zugang so einfach wie möglich machen.

Auch der Journalismus verändert sich: Besonders große Zeitungen konzentrieren sich jetzt auf Hintergründe, Analysen oder Interviews – einzigartige Artikel, die einordnen, aufklären und den Leser verstehen lassen, was wirklich in der Welt passiert. Zeitungen sind heute eher so etwas wie tagesaktuelle Magazine. Früher wurde klar getrennt: Zeitungen bringen Nachrichten, Magazine die Hintergründe. Das ändert sich.

2. Was sind die großen Trends im Journalismus und was wird sich davon künftig durchsetzen?

„Mich hat überrascht, wie sehr Menschen bereit sind, Geld für Geschichten auszugeben.“

Bei Blendle sehen wir, für welche Inhalte Leser bereit sind, Geld auszugeben. Wir lernen unsere Leser besser kennen. Mich hat überrascht, wie sehr Menschen bereit sind, Geld für Geschichten auszugeben, aus denen sie einen bestimmten Nutzen ziehen, die also ein Service-Element beinhalten. Dies sind zum Beispiel aufwändig recherchierte Texte über gesunde Ernährung oder darüber, warum es nicht gesund ist, Coca-Cola zu trinken. Wenn ich jetzt, wo ich diese Zahlen kenne, ein Printmagazin konzipieren müsste, würde ich mich viel stärker auf Gesundheitsthemen konzentrieren und Geschichten veröffentlichen, die einen Service für den Leser bieten.

Gleichzeitig können wir bei Blendle und im Online-Journalismus mehr darüber lernen, welche Überschriften gut funktionieren und welche nicht. In der gedruckten Zeitung steht eine Überschrift, die dem Redakteur gefallen hat. Online haben wir die Freiheit, auszuprobieren, ob es nicht vielleicht noch eine andere Überschrift gibt, die besser funktioniert. Ich glaube, dass viele altgediente Journalisten einfach davon ausgehen, dass Abonnenten ihre Texte lesen, egal was drüber steht – was natürlich falsch ist. Man muss Leser mit der Überschrift in einen Text hineinziehen. Ich glaube, das können Online-Überschriften besser als Print-Überschriften. Darauf wird es letztlich ankommen: zu wissen, welche Art von Geschichten im Trend liegen – und wie man sie dem Leser schmackhaft machen kann.

3. Wie und wo recherchieren Sie nach guten und spannenden Inhalten?

Bei der New York Times recherchiert Marten Blankesteijn internationale Themen. (Screenshot: New York Times)
Bei der New York Times recherchiert Marten Blankesteijn internationale Themen. (Screenshot: New York Times)

Da gibt es einige niederländische Websites, aber für internationale Nachrichten lese ich vor allem die New York Times oder Buzzfeed und durchkämme Facebook und Twitter. Also ein Mix aus Nachrichten-Outlets und Social Media. Außerdem lese ich Newsletter. Unter den deutschen gefällt mir vor allem der Turi-Newsletter, der mich täglich mit aktuellen Nachrichten aus Deutschland versorgt. Das hilft mir, die deutsche Medienlandschaft im Blick zu behalten. Ich finde Newsletter generell sehr hilfreich, wenn es darum geht, sich schnell einen Überblick zu verschaffen. Wenn ich mich zum Beispiel über die Tech-Branche informieren will, suche ich als erstes einen guten Newsletter, damit ich nichts verpasse.

4. Was muss man als Journalist künftig tun und können, um gelesen und wahrgenommen zu werden?

Nur Inhalte produzieren, die auf einer Skala von eins bis zehn mindestens eine neun erreichen. Das gilt für große Medienhäuser ebenso wie für Freelancer. Es gibt heute so viele Inhalte, aber so wenig davon ist wirklich gut.

Ich kenne Leser, die zehn Euro im Monat für einen Blog zahlen, der nur einmal am Tag eine neue Geschichte bringt. Die Geschichten sind dafür herausragend. Diese Menschen zahlen so viel, wie andere für ihr Spotify-Abo, und das für eine Story am Tag. Viele Zeitungen versuchen, alles abzudecken, aber gerade in Zeiten wie diesen, ist weniger oft mehr.

„Müsste ich ein Magazin konzipieren, würde es acht Seiten haben.“

Müsste ich ein Magazin konzipieren, würde es acht Seiten haben, auf denen acht großartige Geschichten zu lesen sind. Stell dir vor, du würdest alle Artikel lesen, und ein Artikel wäre der beste, den du jemals gelesen hättest. Das wäre so viel interessanter als all diese Zeitungen, die achtzig Seiten dick sind und voller mittelmäßiger Storys.

5. Die technologischen Veränderungen sind rasant – wie müssen sich vor diesem Hintergrund der Journalismus verändern und dessen Anbieter anpassen?

Was die Technik angeht, kommt es vor allem darauf an, denjenigen mehr Verantwortung zu übergeben, die tatsächlich etwas davon verstehen: Will ein Verlag auf Facebook, Twitter oder Snapchat Präsenz zeigen, muss jemand dafür zuständig sein, der die Sachen selbst aktiv nutzt. Das sind meistens die Mittzwanziger. Das verlangt Mut auf beiden Seiten, bei den jungen Verantwortlichen, aber auch bei den Herausgebern, die Kontrolle abgeben müssen.

In vielen Bereichen hängen die europäischen Verlage aber noch hinterher. Sie investieren zwar Geld, aber nicht genug, stellen vielleicht mal fünf Entwickler ein, aber das reicht nicht. Beim Boston Journal beispielsweise denken Hunderte Entwickler und Strategen über die Zukunft des Journalismus nach. Ich meine, auch die Medienhäuser hier könnten Kooperationen eingehen mit Firmen, die solche Strategen beschäftigen. Aber viele wollen lieber alles alleine machen. Und dann machen sie nicht genug.

6. Wie verdient der Großteil der Medien künftig Geld?

Klassische Nachrichtenportale wie Spiegel Online oder Focus Online werden auch weiterhin auf Werbung setzen. Für Printzeitungen wird es immer schwieriger werden, Anzeigenkunden zu werben, das ist sicher. Bei Onlinewerbung bin ich mir noch nicht sicher, aber auch diese wird sich im Angesicht von AdBlockern und technischen Neuheiten verändern. Letztlich werden aber immer mehr Inhalte hinter Paywalls stehen – wie beispielsweise auch bald bei YouTube.

7. Wie sehen Ihrer Ansicht nach journalistische Inhalte und die Angebotslandschaft in fünf Jahren aus?

Ich fürchte, für einige Printprodukte wird es schwer werden. Manche werden verschwinden. Wer jetzt noch eine Auflage von über 250.000 hat, den wird dieses Schicksal nicht so schnell ereilen, aber kleinere Zeitungen mit einer Auflage von um die 50.000 Exemplare werden es schon bald sehr schwer haben. Im Onlinebereich hoffe ich auf eine größere Bereitschaft, mit Paywalls zu experimentieren.

Bei Blendle zahlen Nutzer pro Artikel. (Screenshot: Blendle)
Bei Blendle zahlen Nutzer pro Artikel. (Screenshot: Blendle)

Ich vergleiche das gerne mit Spotify: Eigentlich ist es völlig sinnlos, auf Spotify für Songs zu bezahlen und ein Abo abzuschließen, schließlich findet sich bislang alles auch irgendwo kostenlos auf YouTube. Manche Alben, wie etwa das neue von Adele, gibt es nicht einmal auf Spotify. Trotzdem zahle ich gerne und viel für die Plattform, weil mir der Service gefällt. Vor zehn Jahren hat man noch illegal Musik heruntergeladen. Man konnte jeden Song jederzeit im Netz finden, ohne auch nur einen Cent dafür zu bezahlen. Ich hätte wetten können, dass sich das niemals ändert. Hat es aber doch. Früher hat kein Mensch für Musik im Netz gezahlt, heute sind es vielleicht 50 bis 60 Prozent. So könnte sich auch der Online-Journalismus entwickeln.

8. Welches Medium fehlt heute noch auf dem Markt?

„Ich würde mir eine Plattform wünschen, auf der ich eine einzige richtig gute Story am Tag lesen könnte.“

Schwer zu sagen. So ein Medium erkennt man erst dann, wenn es da ist. Ich würde mir eine Plattform wünschen, auf der ich eine einzige richtig gute Story am Tag lesen könnte. Das fände ich viel besser, als aus hundert Artikeln auswählen zu müssen, welchen ich denn jetzt lesen will.

Blendle ist eine wichtige Erfindung – weil wir Menschen zeigen, wie viele großartige Storys es gibt. Ich bekomme immer wieder E-Mails, selbst von Verlegern, die mir schreiben, wie sie auf Blendle tolle Geschichten aus überraschenden Quellen entdeckt haben, beispielsweise aus Regionalzeitungen wie der Rheinischen Post. Uns geht es primär darum, dass Menschen gute Inhalte entdecken, ganz leicht dafür bezahlen können und so den Autor fair vergüten.

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