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Kolumne

Instagram ist tot, lange lebe Instagram

    Instagram ist tot, lange lebe Instagram

(Foto: Denys Prykhodov / Shutterstock.com)

Instagrams Stories-Feature könnte den Foto-Dienst revolutionieren und den klassischen Feed ersetzen, meint Martin Weigert in seiner Kolumne Weigerts World – und sieht Parallelen zu Netflix.

In weniger als zwei Jahren feiert Netflix 20-jähriges Bestehen. Innerhalb dieser zwei Dekaden haben sich das Gesicht und Geschäftsmodell des Unternehmens radikal gewandelt. Was als DVD-Aboservice für Kunden in den Vereinigten Staaten begann, ist heute ein weltweiter Streaming-Dienst für Serien und Filme mit einer Vielzahl eigener Produktionen.

Irgendwann nach der Jahrtausendwende sah Netflix-Mitgründer und -CEO Reed Hastings ein, dass physische Medienträger keine Zukunft haben. Für ihn war klar, dass er sein Unternehmen um 180 Grad drehen und auf digitale Inhalte umschwenken muss, um das Überleben von Netflix dauerhaft zu sichern. Aber dies ging nicht von einem Tag auf den anderen. Hastings wusste, dass dies die Marke beschädigen und Millionen Kunden verärgern würde. Zudem benötigte er die sprudelnden Umsätze aus dem DVD-Abogeschäft, um die Streaming-Sparte auf die Beine zu stellen. Also führte er Streaming als ergänzenden Service ein, der dann sachte, aber beständig, über Jahre immer wichtiger und schließlich zum Kerngeschäft wurde. Auch heute können sich US-Nutzer noch DVDs über Netflix leihen. Die Zahl der Mitglieder ist aber seit dem Höchststand im Jahr 2010 um 75 Prozent zurückgegangen. Irgendwann wird das Angebot ganz verschwinden.

Die Geschichte von Netflix als Analogie zu Instagram

(Foto: Netflix)
Auch Netflix hat sein Geschäftsmodell nach der Gründung umgekrempelt. (Foto: Netflix)

Die Verwandlung von Netflix gehört zu den seltenen Fällen, in denen ein Unternehmen sich radikal neu erfunden hat, bevor es durch den technischen Fortschritt und sich verändernde Kundenansprüche überflüssig wurde. Der „Pivot“ von Netflix hilft auch, Instagrams jüngste Neuerung zu verstehen.

„Instagram Stories ist nicht nur eine Spielerei, es ist die anvisierte künftige Kernfunktion.“

Die zu Facebook gehörende Foto- und Video-Sharing-App hat wie berichtet gerade eine neue Funktion namens „Stories“ lanciert, mit der Nutzer Schnappschüsse in einem separaten Vollbild-Stream teilen können, die sich nach 24 Stunden in Luft auflösen. Instagram-CEO Kevin Systrom gibt offen zu, dass es sich um eine Kopie der beliebten Snapchat-Funktion mit gleichem Namen handelt. Ob man ein solches Vorgehen mag oder nicht, sei dahingestellt — Stories bei Instagram ist Realität und spielt eine strategisch kritische Rolle für die Facebook-Tochter. Es besteht nämlich Grund zu der Vermutung, dass Instagrams klassischer scrollbarer Feed die gleiche Rolle einnimmt wie einst das DVD-Geschäft für Netflix: Ein Angebot, das mittel- bis langfristig aus der Mode kommt. Instagram Stories ist deswegen nicht einfach nur eine neue Spielerei. Es handelt sich um die anvisierte künftige Kernfunktion von Instagram.

Zwar ist es ohne interne Aktivitätsdaten schwieriger, Aussagen über die künftige Entwicklung des herkömmlichen Instagram-Feeds zu machen, als über die Zukunft physischer Medienträger. Anlass, die Zeitlosigkeit des Feeds in Frage zu stellen, existiert aber meines Erachtens nach dennoch.

Instagram ist ein Konzept der frühen Smartphone-Jahre

Als Instagram im Jahr 2010 anfänglich nur in einer iPhone-Version das Licht der Welt erblickte, war das Smartphone-Phänomen noch relativ jung. Millionen Menschen liefen plötzlich mit akzeptablen Kameras in ihren Hostentaschen herum. Instagram und eine Reihe von Nachahmern machten sich dies zunutze und boten Smartphone-Anwendern eine Möglichkeit, spontane Schnappschüsse durch Filter aufgehübscht an Ort und Stelle mit der Welt beziehungsweise ihren Followern zu teilen.

„Instagram-Filter entlocken den meisten nur noch ein müdes Gähnen.“

2016 gehören Smartphones für die meisten zum Standard, und Instagram-Filter entlocken den meisten nur noch ein müdes Gähnen. Man hat sich dran gewöhnt. Die Aktivitäten, die vor sechs Jahren noch begeisterten, reißen heute niemanden mehr vom Hocker. Zwar publizieren nach wie vor viele Millionen User Fotos von Coffee Art, Sonnenuntergängen, Stränden und farbenfrohen Speisenkompositionen – hat sich eine Prozedur erst einmal zur Gewohnheit entwickelt, ist sie hartnäckig. Kommt aber etwas Neues, Aufregenderes, Unterhaltsameres, dann wächst dennoch die Gefahr, dass sich die Anwenderpräferenzen sukzessive verlagern. Genau hier kommt Snapchat ins Spiel.

Aus Sicht eines Snapchat-Nutzers wirken Instagram und der scrollbare Feed irgendwie antiquiert. Das für animierte und mit grafischen Elementen verzierbare Bewegtbilder angepasste Publizieren und Konsumieren von Schnappschüssen bei Snapchat fühlt sich zeitgemäßer an und macht mehr Spaß (mal abgesehen von der berühmt-berüchtigt nicht-intuitiven Benutzerführung). Zudem ist bei vielen Usern nach Jahren der Konfrontation mit aufpolierten, gekünstelten und immer nur perfekte Lebensverläufe zeigenden Fotos das Bedürfnis nach Authentizität gewachsen. Dass bei Snapchat-Stories alle geteilten Bilder und Clips nur 24 Stunden lang abrufbar sind und dadurch keine Notwendigkeit zum Perfektionismus besteht, hat den Nerv der Zeit getroffen.

Das Nutzerverhalten langjähriger Anwender zählt

(Foto: Worawee Meepian / Shutterstock.com)
Für Instagram ist es auch wichtig, wie sich die langjährigen Anwender verhalten. (Foto: Worawee Meepian / Shutterstock.com)

Instagrams Nutzerzahlen wachsen weiterhin kontinuierlich. Vor einigen Wochen wurde die Marke von 500 Millionen aktiven Anwendern erreicht. Interessanter ist allerdings das Verhalten langjähriger Instagram-User. Zumindest in den USA scheinen die Userzahlen bei rund 100 Millionen Aktiven zu stagnieren, was bedeuten dürfte, dass zwar noch neue Anwender hinzukommen, aber gleich viele ehemalige der App den Rücken kehren. Bei US-Teenagern ist Snapchat, nicht Instagram, das „wichtigste Social Network“. Auch was die Nutzungsdauer angeht, liegt Instagram in den USA vor Snapchat.

Diese Statistiken lassen keine spezifischen Rückschlüsse auf die Entwicklung der Anwenderaktivität im Zeitverlauf zu. Betrachtet man sie aber zusammen mit dem generellen Aufstieg von Bewegtbildern und dafür optimierten Interfaces und berücksichtigt auch die Natur des Menschen, stetig neue Erlebnisse zu suchen, halte ich ein Fortleben des klassischen Instagram-Feeds über viele Jahre hinweg für unwahrscheinlicher als ein Verschwinden.

Die prominente Platzierung der Stories-Funktion oberhalb in der App trotz ihres initialen Fremdkörper-Charakters sowie jeglicher Verzicht darauf, sich von Snapchats eigenem Produkt zu unterscheiden, werte ich als Indizien dafür, dass das Instagram-Management nicht um jeden Preis am bisherigem Feed festhalten will.

Was als nächstes passiert

„Ersetzen die Stories den Feed, wäre das das Ende von Instagram, wie wir es kennen.“

Zwei Szenarien halte ich für denkbar: Entweder sind Instagram-Chef Systrom und sein Boss Mark Zuckerberg der Ansicht, dass Instagram dauerhaft besser aufgestellt ist, wenn es sowohl den Feed als auch eine Komponente wie Stories beinhaltet. Oder sie sehen Stories aus den von mir geschilderten Gründen tatsächlich als Äquivalent dessen, was Streaming einst für Netflix war: Das nächste identitätsstiftende Kernprodukt, welches das ursprüngliche Herzstück Schritt für Schritt ersetzen soll. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass Stories von der Instagram-Community angenommen wird. Sollte dies geschehen, dürfte Stories noch stärker ins Zentrum gerückt werden. Der Feed mit den „statischen“ Fotos rückt dadurch zwangsläufig weiter in den Hintergrund, woraus sich eine Abwärtsspirale entwickelt. Zeitgleich explodiert die Aktivität rund um Stories. Es wäre das Ende von Instagram, wie wir es kennen.

Ein Bonusszenario hätte ich noch: Falls Stories nachhaltig viele Nutzer begeistert, könnte Instagram sich auch dazu entscheiden, die Funktion in eine eigene App auszugliedern, analog dazu, wie Facebook mit seiner Messaging-App vorging. Erstrebenswert wäre dies aus Sicht von Instagram allerdings nur, wenn das Unternehmen seinem ursprünglichen Prinzip unbedingt treu bleiben möchte. Daran habe ich meine Zweifel.

Weitere Kolumnen-Artikel aus „Weigerts World“ findet ihr hier. Ihr könnt dem Autor auf Twitter folgen, seine kuratierten News zur Netzwirtschaft abonnieren oder seinen wöchentlichen E-Mail-Newsletter mit Leseempfehlungen beziehen.

sfreund
sfreund

Aus meiner Sicht ist ein essentieller Kern von Instagram nicht die Funktion des Werkzeugs, sondern die darauf aufbauende Kultur.

Diese beruht auf einem einfach nachvollziehbaren Paradigma: Chronologie.

Einfach. Nachvollziehbar. Kontrollierbar.

Mit dem neuen Feed-Algorithmus hat Instagram begonnen, diesen Kern zu beschädigen. Aus dieser Chronologie erwuchs das Gefühl von Kontrolle durch den Nutzer. Jetzt erscheinen Posts in nicht nachvollziehbarer Auswahl und Reihenfolge.

Instagram ist ein kleines Abbild der Welt gewesen. Es gab "die weite Welt", die ich über die Suche und Hashtags erschließen konnte. Und es gab "mein Dorf". Das sind Menschen, denen der Nutzer folgt. Im Feed zogen die Legenden, Geschichten, Dramen über den Dorfplatz. Einige authentisch, andere künstlich. Anhand der Chronik eines Profils hatte der Nutzer die Chance die Authenzität eines Profils selbst zu bestimmen und zu bewerten. Es gab Codes und Konventionen, die aus der Chronologie und Nachvollziehbarkeit erwuchsen. Konventionen, die einfach und nachvollziehbar waren.

So konnten sich unterschiedliche Nutzungskulturen etablieren: Den reinen Konsumenten, der unreflektiert irgendwelchen Profilen folgt, Hauptsache die Bilder sind geil. Den Followerjäger. Den Likehascher. Den Narzissten. Und so weiter ... Und es gibt eine große Gruppe von Menschen, die die Marktplatzathmosphäre zu schätzen wussten. Die sich eine eigene Welt aufgebaut hatten. Mit eigener Kommunikation und eigenen Werten. Mit Selbstdarstellern, Tratschtaschen, Idealisten, Verrückten, Fotojunkies und einfach Menschen, die ihre Ideen und Gedanken teilen wollen.

Wichtig scheint dort ein essentieller Askpekt zu sein: Simplizität und Verlässlichkeit, die ihren Ursprung in Chronologie und Kontrollierbarkeit haben.

Menschen möchten Ankerpunkte in einer zunehmend komplexen und verwirrenden Welt haben. Keep it small an simple - but keep it save!

Ich glaube, dass der größte Teil des Erfolgs von Instagram in diesem Urbedürfnis liegt. Sicherheit.

Stories spiegeln dieses Bedürfnis nicht wieder. Sie verhindern Kontrolle, sowohl beim Produzenten, als auch beim Konsumenten. Und sie sind zwar ergänzend mal ganz lustig, aber in meiner Einschätzung kein "identitätsstifendes Kernprodukt", weil ihnen die Seele fehlt, die Instagram groß gemacht hat. Und das ist der Unterschied zur Netflix-Story.

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Martin Weigert

Interessanter Punkt, danke. Ich verstehe gut was du meinst. Gleichzeitig bin ich nicht überzeugt dass es sich mit der von dir beschriebenen emotionalen Bindung an das bisherige Instagram-Modell nicht wie mit allen Gewohnheiten verhält - sie erscheinen heilig bis sie, aus welchem Grund auch immer, geändert werden - und rückblickend vermisst man sie dann weitaus weniger, als man es dachte.

Sofern aber das Bedürfnis nach der von dir beschriebenen Kontrolle, Verlässlichkeit und Chronologie beim Publizieren und Konsumieren doch nicht einfach verfliegt, dann bestünde im Prinzip jetzt eine riesige Chance für einen Rivalen, der Instagrams bisheriges Konzept weiterführt. Zumindest in einer Nische. Ob die allerdings dann lukrativ genug ist? Wenn das Netzwerk zu klein ist, macht es auch wieder keinen Spaß. Ist es aber groß, dann entfaltet selbst eine neue Funktion wie Stories unmittelbar ihre Wirkung.

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kassandra

Ehrlich gesagt hatte ich gehofft, dass man die Stories irgendwo "ausschalten" könnte.. :-/

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Saar-Pirat
Saar-Pirat

Interessanter Artikel mit spannender Sichtweise. Ich für meinen Teil halt Instagram nach wie vor für Wertvoller aus Nutzersicht als Snapchat. Denn zu oft Teile ich Bilder die ich auf Instagram gefunden habe mit meinen Freunden.
Auch hilft das recherchieren von Bildern auf Instagram sehr oft zu meinem Nutzerverhalten. Eine rein auf Stories basiertes Instagram kann ich mir deswegen einfach nicht vorstellen. Ich halte die Kombination aus Feed und Stories für die perfekte Symbiose.
Viele der Social Influencer denen ich folge scheinen inzwischen auch mehr auf Instagram zu posten als auf Snapchat.
Calvin Hollywood z.B. hat bereits durchblicken lassen, dass er auf mit den Instagram-Stories eine deutlich höhere Reichweite als bei Snapchat hat und er deswegen prüft auf welchem Kanal er zukünftig seine "Snaps" veröffentlicht.

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