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Kolumne

Das Internet ist doch keine Weltverbesserungsmaschine

    Das Internet ist doch keine Weltverbesserungsmaschine

(Foto: Shutterstock)

Einst galt das Internet als mögliche Weltverbesserungsmaschine. 2016 lehrt, dass daraus zumindest kurzfristig nichts wird, konstatiert Martin Weigert in seiner aktuellen Weigerts-World-Kolumne.

Das World Wide Web feierte in diesem Jahr sein 25-jähriges Jubiläum. Das Internet als technische Grundlage hat weniger als 50 Jahre auf dem Buckel. Gemessen an der Dauer eines Menschenlebens stellt das zwar eine substanzielle Periode dar, verglichen mit anderen wegweisenden technischen Erfindungen der Vergangenheit sowie der Gesamtdauer der menschlichen Existenz ist das Internet jedoch nach wie vor grün hinter den Ohren.

„Das Internet ist nach wie vor grün hinter den Ohren.“

Daraus resultiert, dass jede Einschätzung der Auswirkungen der globalen Vernetzung zwangsläufig unzureichend ausfällt. Die mit dem Internetzeitalter Einzug haltende enorme Komplexität der Welt würde schier unmenschliche Fähigkeiten des Systemdenkens erfordern, um das Zusammenspiel aller Faktoren korrekt erfassen zu können. Grundsätzlich lässt sich deshalb immer erst im Nachhinein akkurat beurteilen, ob und wie eine Technologie das Leben auf der Erde verändert hat. Die Langzeitfolgen von Buchdruck, Elektrizität und der Eisenbahn können heutzutage eindeutig beschrieben werden. Die endgültigen Effekte des Internets dagegen sind völlig unklar. Denn bislang haben wir lediglich den Anfang gesehen.

Die initialen Hoffnungen bewahrheiten sich nicht

Doch mit jedem Jahr totaler Connectivity wächst der Fundus an Datenpunkten und Informationsstückchen, die als Indizien zur Einschätzung der Wirkung des Internets herangezogen werden können. Fielen die daraus ableitbaren Schlüsse bislang abgesehen von einigen Klagen und Befürchtungen aus bestimmten Wirtschaftsbranchen größtenteils positiv aus, trübt sich das Bild gerade ein. Es lässt sich nur noch schwer leugnen, dass das Internet vermehrt für die Realisierung von Zielen und Durchsetzung von Motiven genutzt wird, die den (aus heutiger Sicht vielleicht naiven) initialen Hoffnungen einer Weltverbesserungsmaschinerie diametral entgegenstehen.

Auch wenn das mit Kausalität und Korrelation immer so eine Sache ist und sich in der Betrachtung Folgen der Vernetzung von anderen Faktoren nicht stets exakt trennen lassen, fungiert das Netz doch bei vielen prägenden Ereignissen und Negativ-Trends des Jahres als Verstärker oder spielt sogar die entscheidende Rolle. Einige Beispiele: Brexit, Donald Trump, Populismus, IS und gobaler islamistischer Terrorismus generell, Amokläufe, organisierte Hetze (ausgeführt von Mobs jeglicher Couleur), Verschwörungstheorien, Massenüberwachung, Datendiebstähle und Hackerangriffe (kommerzieller und politischer Natur), Zensur, Desinformationskampagnen (mediale und politische), Filterblasen und mit ihnen verbundene politische beziehungsweise ideologische Polarisierung, ökonomische Ungleichheit und Konzentration wirtschaftlicher Macht.

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Ist die Menschheit reif für das Internet?

Wie alle Technologien ist das Internet für sich genommen neutral und kann für konstruktive sowie destruktive Zwecke eingesetzt werden. Es liegt in den Händen der Menschen. Oder besser gesagt: der Menschheit. Häufiger als vor einigen Jahren ertappe ich mich beim Grübeln über die Frage, ob die Menschheit intellektuell reif für das Internet ist. Ich nutze hier wohlgemerkt bewusst den Begriff „Menschheit“, nicht „Mensch“. Individuell gesehen würde sicher die Mehrzahl der vor allem jüngeren Menschen korrekt von sich behaupten, das Internet (beziehungsweise das Web) meistern zu können, vom gerne dokumentierten Kampf gegen die digitale Ablenkung und das häufig zum Automatismus werdende Verlangen nach dem stetigen Dopamin-Kick im Netz einmal abgesehen. Was aber in der Masse aus vielen individuellen Handlungen entsteht, ist eine andere Sache. Wenn Bots erfolgreich ein hochgradig wichtiges, wegweisendes Referendum wie das zum Brexit beeinflussen können, dann ist das gravierend.

Durch die einzigartige Kombination des Zugangs zu allen Informationen und des Zugangs nahezu aller Menschen (in den entwickelten Ländern zumindest) ist das Internet ein ideales Werkzeug zum Erreichen von Zielen. Das gilt leider auch für Absichten, welche die meisten denkenden, zivilisierten Personen ablehnen würden. Genau das Streben nach derartigen Zielen scheint aber gerade besonders „erfolgreich“ zu verlaufen.

Viel zu früh für endgültiges Fazit

„Spätestens 2016 hat das Internet seine Unschuld und seinen spielerischen Charakter verloren.“

Vielleicht ist es bereits vor einigen Jahren geschehen, aber spätestens 2016 hat das Internet seine Unschuld und seinen spielerischen Charakter verloren. Es ist ernst geworden. Vom Traum der Vernetzung als Wegbereiter kontinuierlicher Verbesserung geht zumindest ein kleines Stück verloren.

Es wäre natürlich falsch, die aktuelle Stimmungslage als Anlass zu einem endgültigen Fazit misszuverstehen. Wie eingangs erwähnt ist es viel zu früh dafür. Niemand weiß, was in fünf Jahren sein wird. Es ist, wie im Auge eines Tornados zu stehen: Man selbst hat keine Vorstellung von den tatsächlichen Dimensionen. Diese können nur Personen außerhalb einschätzen. Allerdings befindet sich aktuell kein Mensch außerhalb.

Die Zeit für Romantisierungen aber ist abgelaufen. Das Internet als Massenmedium wird von allen Kräften zur Verwirklichung ihrer Visionen und Ideologien genutzt. Es ist keine Weltverbesserungsmaschine, sondern eine Weltverstärkungsmaschine. Das, was schon immer passierte, geschieht nun in extremerer, effektiverer, schnellerer Form.

Weitere Kolumnen-Artikel aus „Weigerts World“ findet ihr hier. Ihr könnt dem Autor auf Twitter folgen, seine kuratierten News zur Netzwirtschaft abonnieren oder seinen wöchentlichen E-Mail-Newsletter mit Leseempfehlungen beziehen.

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5 Reaktionen
Christian W.
Christian W.

Hallo Martin,
bei allem stellt sich mir die Frage, ob es Zeit für die Menschheit wäre, sich zu entscheiden, ob sie weiterhin das Recht behalten möchte, sich überwiegend "anonym" im Internet zu bewegen oder ob jeder von uns per ID nur noch im Internet agieren darf. Vielleicht wäre es ein Weg, den Wahrheitsgehalt des www zu erhöhen und der Masse an Negativem entgegenzuwirken.

Erst dann, wenn jeder Mensch für sein Handeln im Internet Verantwortung übernehmen muss, wird es sich vielleicht doch noch in das entwickeln, was sich viele davon erhofft haben. Es reicht vielleicht schon, wenn es ein Ende von Propaganda, Hetze, Mobbing und einfachen Unwahrheiten bedeuten würde. Das Internet muss ehrlich sein, sonst bringt es der Entwicklung der Menschheit und dem gemeinsamen Gedanken nichts.

Viele Grüße, Christian

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Martin Weigert
Martin Weigert

Ich bin mir nicht sicher, ob Anonymität das größte Problem ist. Es ist ja kein Gesetzesbruch, Falschmeldungen in die Welt zu setzen oder sich per Tweet über jemanden lustig zu machen.

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Benjamin
Benjamin

Das würde definitiv nichts ändern. Man muss sich doch nur mal anschauen wie viele Leute schon heute unter Klarnamen auf Facebook rumhetzen. Konsequenzen hat es für die allermeisten keine weil sie in der Masse untergehen. Und das selbe würde zutreffen wenn man sich nur noch mit ID im Netz bewegen dürfte.

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Christian W.
Christian W.

Auch wenn viele jetzt noch in der Masse vielleicht untergehen – Das Internet vergisst nicht, irgendwann fällt alles auf einen zurück. Wenn jetzt schon darüber diskutiert wird, dass Bots zukünftig HR Aufgaben übernehmen sollen und diese das Netz nach Informationen über Kandidaten durchforsten, kann das für immer ein KO-Kriterium für diese "vielen" Leute werden, wenn die Bots das finden. Wer von denen kann dann noch einen Fuss in den seriösen Arbeitsmarkt setzen?

Was wäre, wenn man nur über seine ID ins Internet gehen kann, diese bei einer Verurteilung - wenn auch nur für einen gewissen Zeitraum - entzogen werden kann? "Führerscheinpflicht" fürs Internet: Verhaltensregeln, Gesetze, etc. Wäre doch schon als Schulfach in frühen Klassen eine interessante Idee. Wer denkt denn über seinen Hetztweet nicht 2x nach, ob einem das Risiko einer Internetsperre nichts ausmacht?

Hetze, Mobbing etc. hat schon oftmals zu Kündigungen der Arbeitsplätze geführt. Hier jetzt die Frage: Hetzen diese Menschen trotzdem weiter, oder hat es bei ihnen persönlich etwas bewirkt? Es gibt gute Beispiele, wo Menschen nach einem harten Einschnitt "Shitstorm der Öffentlichkeit" oder einer Strafe "aufgewacht sind". Ein gutes Beispiel ist Justine Sacco.

http://www.deutschlandradiokultur.de/jon-ronson-in-shitgewittern-erinnern-sie-sich-noch-an.950.de.html?dram:article_id=368942

Somaro
Somaro

Wenn Pseudoanonymität das Problem wäre, könnte man darüber diskutieren.
Aber ganz ehrlich? Nur weil ein paar Konservative meinen, das Schlimmste auf der Welt wären beleidigende Kommentare, wird dies nicht automatisch wahr.

Es wird mithilfe des Internets Krieg geführt, ob Hans Müller jetzt unter seinem Klarnamen schreibt oder unter IchHetzeGegenAlles fällt da nicht ins Gewicht.

Bitte in realistischen Maßen denken und nicht im BILD-Format.

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