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Analyse

Warum das Internet immer verrücktere Dinge hervorbringt, die wir nicht verstehen

(Foto: ESB Professional/Shutterstock)

Was steckt hinter den Änderungen in einer Welt, die viele Menschen nicht mehr verstehen? Brexit und Trump – wer hätte das vor zwei Jahren schon für möglich gehalten? Zeit für einen Blick zurück.

Hättest du dir 2015 vorstellen können, dass Donald Trump der nächste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden würde? Und der Brexit? Hättest du geglaubt, dass sich das Vereinigte Königreich für den EU-Austritt entscheiden würde? Und was ist mit dem russischen Einfluss auf die Präsidentschaftswahlen in den USA oder der Rolle von Twitter in der heutigen Gesellschaft?

Die meisten Menschen hätten derartige Vorhersagen als reine Spinnerei abgetan, vielleicht sogar als schieren Wahnsinn. Und dennoch ist all das heute Realität und es ist – anders als man gemeinhin annimmt – kein Zufall. Was wir für Wahnsinn halten mögen, ist die direkte Folge einer massiven Vernetzung unserer Gesellschaft.

Internet – 9600 Tage vernetzte Welt

Ungefähr zu Weihnachten 1990 erfand Tim Berners-Lee das World Wide Web. Seitdem sind über 9600 Tage vergangen und die digitale Vernetzung hat unsere gesamte Welt verändert. Und, da gibt es kein Vertun, die Welt von heute ist eine ganz andere als vor 26 Jahren. Zwar mag sie auf den ersten Blick ziemlich gleich aussehen. Sie ist es aber nicht.

Was die Welt von heute prägt, ist die alles durchdringende weltweite Vernetzung. Mit jedem Tag machen wir das weltweite digitale Netz größer und dichter. Wir verbinden alles mit dem Internet – und damit auch mit allem anderen.

Die höhere Netzwerkdichte und -größe erhöhen auch die Dynamik: Änderungen finden immer schneller statt. Das Telefon brauchte 75 Jahre, bis es 100 Millionen Nutzer hatte. Das Internet erreichte diese Marke schon nach sieben Jahren, Facebook nach vier Jahren, Instagram nach zwei Jahren und Pokemon Go nach einem Monat. Plötzliche Änderungen und Umbrüche können da schlichtweg nicht ausbleiben. Indem wir die Größe und die Dichte von Netzwerken ändern, ändern wir auch ihre Komplexität. Alles kann alles andere beeinflussen, ganz wie der sprichwörtliche Flügelschlag eines Schmetterlings einen Tornado auslösen kann.

Gleichzeitig beschleunigen wir den Takt des Wandels. Größere und dichtere Netzwerke sind dynamischer. In ihnen zeigen sich höhere Ausschläge und ganz neue Muster. Es lassen sich massive Netzwerkeffekte und Anzeichen einer weltweiten kulturellen Angleichung erkennen. Deswegen ist die Welt, in der wir leben, viel schwieriger zu verstehen und vorherzusagen als je zuvor. Das Unwahrscheinliche wird wahrscheinlich. Das Undenkbare wird Wirklichkeit.

Und es gibt noch mehr. Dichtere Netzwerke schaffen auch ein ganz neues Maß an Transparenz. Das belegen die Leaks vor und nach der jüngsten US-Präsidentenwahl. Es wird immer schwieriger, etwas geheim zu halten, und gleichzeitig nimmt das Verlangen nach Privatsphäre explosionsartig zu. Größere Netzwerke produzieren eine unüberschaubare Vielfalt an Optionen, dabei jedoch ebenso einen Mangel an Aufmerksamkeit. So sind ganz neue Phänomene entstanden, etwa „FOMO“ (englisch: Fear of missing out, abgekürzt FOMO), die Angst, etwas zu verpassen, mit dem starken Drang, ständig neue Updates abzurufen.

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... ein exponentielles Wachstum

Netzwerke haben noch eine andere wichtige Eigenschaft, die unsere Welt prägt: Sie unterstützen exponentielles Wachstum. Für uns Menschen lässt sich exponentielles Wachstum nur schwer begreifen. Lineare Abläufe können wir gut verstehen: Hier ein bisschen mehr führt dazu, dass es auch dort ein bisschen mehr gibt. Aber exponentielle Abläufe sind vollkommen anders. Schon nach wenigen Durchgängen kann unsere Vorstellungskraft nicht mehr mithalten.

Ein bekanntes Gedankenspiel illustriert das ganz gut: Stelle dir eine Zeitung mit einer Dicke von einem Zentimeter vor. Stelle dir nun vor, dass du diese Zeitung 100 Mal faltest. Wie dick ist der Stapel, den du dann vor dir hast?

Häufig genannte Antworten sind ein Meter, ein Kilometer oder von hier bis zum Mond. Die korrekte Antwort lautet: 1,3 Billionen Lichtjahre, das ist 14,4-mal die Länge des bekannten Universums.

Exponentielle Prozesse haben direkte Auswirkungen auf unser Leben. Die Datenmenge, die wir weltweit produzieren, steigt von Jahr zu Jahr an. Die Wachstumsrate hat sich offenbar auf jährlich 60 Prozent eingependelt. Das mag auf den ersten Blick ganz gut handhabbar erscheinen, aber schon nach fünf Jahren hat sich die Datenmenge somit verzehnfacht. In 15 Jahren müssen wir das Tausendfache der heutigen Datenmenge handhaben.

Der Faktor 1000 ist mehr als nur ein quantitativer Unterschied. Er bedeutet eine ganz andere Qualität. Als Vergleich kann der Unterschied zwischen dem Gehirn einer Maus und dem eines Menschen dienen.

Der Faktor 1000 ist mehr als nur ein quantitativer Unterschied. Er bedeutet eine ganz andere Qualität. Als Vergleich kann der Unterschied zwischen dem Gehirn einer Maus und dem eines Menschen dienen. Genetisch sind sie zu über 90 Prozent identisch. Und trotzdem benehmen sich Menschen nicht bloß wie größere und klügere Mäuse. Durch eine verstärkte Kommunikation in dichteren Netzwerken hat das menschliche Gehirn ganz neue Muster ermöglicht.

Es hat Sprachen erschaffen, die Schrift, den Buchdruck, Radio und Kino. Wir haben wissenschaftliches Arbeiten entwickelt, Demokratie, Kultur, Krieg, Ethik und das Internet. Es ist uns gelungen, weltweit zu kommunizieren und in den Weltraum zu fliegen, es gibt die Quantentheorie und künstliche Intelligenz. Alle diese Konzepte sind neue Muster und für eine Maus nicht einmal ansatzweise vorstellbar. Diese Muster können nur in größeren und dichteren Netzwerken vorkommen als sie bei Mäusen möglich sind. Und sie haben fundamentale Änderungen mit sich gebracht.

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5 Reaktionen
gembalapoker
gembalapoker

Oh, und, was mir der Artikel noch aufzeichnet, ist, dass Karl Marx in seiner Prophezeiung Poker Uang Asli, dass die Veränderung der Besitzverhältnisse der Produktionsmittel einen neuen Typ Menschen hervorbringen wird, der zum Kommunismus führt, total daneben lag.

Roland
Roland

Oh, und, was mir der Artikel noch aufzeichnet, ist, dass Karl Marx in seiner Prophezeiung, dass die Veränderung der Besitzverhältnisse der Produktionsmittel einen neuen Typ Menschen hervorbringen wird, der zum Kommunismus führt, total daneben lag. Aber die Vernetzung der Welt könnte das bewirken, da sie nicht nur eine Entnationalisierung, sondern eine - nach heutigem Verständnis des Begriffes - auch Entprivatisierung nach sich ziehen dürfte. Sehr faszinierend, finde ich.

Roland
Roland

Das ist ein wirklich guter Artikel, dem ich Lehrbuchcharakter bescheinige. Eine Analyse, die über das Fimenkonsequenzdenken hinaus gesamtgesellschaftlich Relevanz hat, da sie die Frage aufwirft: "Machen Politiker wirklich noch Politik?". Und meine Grdanken zur ergänzenden Konsequenz treibt, dass es mehr und mehr Menschen geben wird, die - bildlich gesprochen im Sinne des Artikels - Mäuse bleiben werden. Das sind nicht nur wenige Ausnahmen. Bei 7 Milliarden auf der Erde sind das viele Millionen. Die können sehr laut werden. Die können Waffen benutzen. Gesellschaftliche Umbrüche können sich lange hinziehen und viele - nicht virtuelle - Opfer kosten. Das Zeitalter der hochdichten Vernetzung ist auch das Zeitalter der Entnationalisierung der Welt. Es werden erst unsere Enkel sein, die in einer solchen leben werden.

Alex
Alex

Der „russische Einfluss auf die Präsidentschaftswahlen“? Bleibt bei lieber bei euren Nerd-Themen, Ihr Anscheinsjournalisten!

Werner
Werner

Schöner Artikel..d'accord!
Mir fehlt noch eine Antwort: Was sind "Bessere Inhalte"?
Ich weiss was mir gut tut. Ob das was mir gefällt auch für andere Menschen oder Lebewesen passt?

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