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Jenseits des Hypes: Wie SoundCloud, Wooga, tape.tv und 6Wunderkinder erwachsen wurden

Jenseits des Hypes: Wie SoundCloud, Wooga, tape.tv und 6Wunderkinder erwachsen wurden

Wer über in Berlin spricht, landet fast unweigerlich bei der Frage: Hype oder nicht? Doch Theorie beiseite – wir haben , Wooga, tape.tv und gefragt, was sie in den letzten Monaten wirklich bewegt hat.

Jenseits des Hypes: Wie SoundCloud, Wooga, tape.tv und 6Wunderkinder erwachsen wurden

Foto: Eric Wahlforss via Flickr, Lizenz: CC BY 2.0

Ist der Startup-Hype in der Hauptstadt vorbei, fängt er gerade erst an oder hat es ihn vielleicht nie gegeben? Diese Diskussion mag ihre Daseinsberechtigung haben, sie verführt allerdings auch zur Generalisierung. Wir haben mit bekannten Vertretern der Berliner Startup-Szene über ihre vergangenen und aktuellen Herausforderungen gesprochen – mit interessanten Erkenntnissen.

SoundCloud: „Skalieren ist die eigentliche Herausforderung in Berlin“

SoundCloud hat mittlerweile mehr als 200 Mitarbeiter. #FLICKR#
SoundCloud beschäftigt mittlerweile mehr als 200 Mitarbeiter. (Foto: juannomore / flickr.com, Lizenz: CC-BY-SA)

SoundCloud gehörte von Anfang an zur Speerspitze der entstehenden Berliner Startup-Szene. Schon kurz nach der Gründung 2008 hat sich das Unternehmen um Alexander Ljung und Eric Wahlforss hier niedergelassen. Immer wieder haben sich Investoren und Medien dem „Vorzeige-Startup“ gewidmet, mit der vermeintlichen Übernahme durch Twitter hat sein Name die Hauptstädter zumindest kurzzeitig von einem spektakulären Exit träumen lassen.

Für SoundCloud-COO Marc Strigel ist es keine Frage, dass Berlin ein toller Standort ist, um ein Startup zu gründen: „Berlin bietet eine tolle Atmosphäre – es hat diese aufregende Mischung aus Punk und Tech. Hier passiert einfach total viel,“ sagt er. Obwohl das Unternehmen neben London und Berlin auch in San Francisco, New York und Sofia vertreten ist, arbeiten auch heute noch über die Hälfte der mittlerweile mehr als 200 Mitarbeiter am deutschen Standort.

„Es ist nicht leicht, Stellen auf dem Senior Level zu besetzen.“

Für Marc Strigel entscheidet sich das Schicksal Berlins als Startup-Hauptstadt aber nicht an den Gründungsbedingungen, sondern an einer ganz anderen Frage: Bietet es den richtigen Nährboden für eine Entwicklung hin zum etablierten Unternehmen? SoundCloud ist mittlerweile an einem Punkt angelangt, an dem es nicht mehr nach den typischen Startup-Talenten sucht. Immer öfter schreibt das Unternehmen auch Senior-Positions aus, braucht Experten mit mehrjährigen Erfahrungen. Diese Talente dazu zu bringen, mit ihren Familien nach Berlin überzusiedeln, koste noch immer viel Überzeugungsarbeit, sagt Strigel. „Und wer schaut, ob sich ein Umzug langfristig lohnt, also was in Berlin nach der Karrierestufe SoundCloud kommen könnte, der findet hier bislang nicht so viel.“ Da seien Städte wie London, Dublin oder selbst Stockholm im Vorteil, da sie elegantere Übergänge bieten könnten.

Gründen, das funktioniert in Berlin hervorragend, erklärt Brigel. Aber skalieren – ob Berlin auch in dieser Hinsicht das Zeug zum Hotspot hat, das müsse sich erst noch herausstellen.

tape.tv: „Beim Content waren wir stark, aber wir mussten den Product-Market-Fit schärfen“

Intuitive Nutzung und persönliche Empfehlungen waren beim Relaunch von tape.tv besonders wichtig. (Screenshot: tape.tv)
Intuitive Nutzung und persönliche Empfehlungen waren beim Relaunch von tape.tv besonders wichtig. (Screenshot: tape.tv)

Auch das Musik-TV-Startup tape.tv war zu seinen Anfangszeiten sehr präsent – in den Medien und auch mit großen Messeauftritten, etwa auf der Vermarkterkonferenz Dmexco. Im vergangenen Jahr war es allerdings relativ still um das Startup – auch hier, wie CEO Conrad Fritzsch erklärt, aus Gründen der Neuausrichtung: „Unsere Vision – Fight For Music – ist dieselbe geblieben, aber wir mussten den Product-Market-Fit nachschärfen.“

Ende 2012 zog Fritzsch Bilanz aus den ersten Jahren tape.tv. In seinen Augen gab es zu wenig Interaktion auf der Plattform: Zu viele User schauten nur ein Video und verschwanden dann wieder. Fritzsch entschloss sich zur Überarbeitung des Produkts: „Ich wusste, wir können theoretisch so weitermachen, aber damit holen wir keinen Pokal.“

„Erst mit dem Relaunch entfaltet die Plattform ihr volles Potenzial.“

So hat tape.tv die Plattform in den letzten Monaten grundlegend erneuert. Für ein besseres Nutzererlebnis mussten die Silo-Strukturen überwunden, ein eigener Vorschlagsmechanismus implementiert und die Plattform fit für Mobile gemacht werden – seine App hat das Startup gerade vorgestellt. Statt Entwickler-Arbeiten auszulagern, hat tape.tv seine Inhouse-Kompetenz ausgebaut, zudem kam mit der Übernahme von Amen im Sommer 2013 weitere Expertise aus den Bereichen Produktdesign und Nutzerdialog ins Team: „Wir haben erkannt, dass wir nur als Tech-Company mit der sich ständig wandelnden Mediennutzung Schritt halten können,“ erklärt Fritzsch. „Jetzt sind wir eine Tech-Company mit den Genen eines kreativen Publishers – ‚best of both worlds‘ sozusagen.“

Am hohen Stellenwert originärer Inhalte hat sich bei tape.tv nichts geändert, der Relaunch gibt ihnen aber bessere Chancen auf Viralität. tape.tv will für Künstler eine Einnahmequelle und nicht nur ein Vermarktungskanal sein. Damit das klappt, braucht die Plattform Nutzer: Conrad Fritzsch hofft, dass diese die Plattform jetzt neu für sich entdecken und dieses Mal auch länger bleiben.

Wooga: „Es gibt einfach mehr als Gründerstorys“

Das Wooga-Headquarter in Berlin: Immer noch Treffpunkt für die Startup-Szene. (Foto: Wooga)
Das Wooga-Headquarter in Berlin: Immer noch Treffpunkt für die Startup-Szene. (Foto: Wooga)

Als Berlin begann, zum Startup-Hotspot aufzusteigen, war Wooga eines der Zugpferde der Szene. Konferenz-Sponsoring, Homestories, Fotostrecken und mehr brachten dem bunten Gaming-Startup stetige mediale Aufmerksamkeit.

Bunt ist es bei Wooga immer noch, das Büro erinnert an einen großen Spielplatz. Aber was die Medienpräsenz angeht, versucht Wooga heute, den Blick stärker auf seine Rolle innerhalb des Gaming-Marktes und seine fachliche Kompetenz zu lenken. So sollen etwa die Entwickler der Game-Schmiede bald auf einem eigenen Technik-Blog Einblicke in konkrete Projekte geben. „Wir freuen uns natürlich, wenn Wooga als erfolgreiches Startup portraitiert wird,“ sagt PR-Manager Fabian Heuser, „aber bei uns gibt es einfach mehr als die erfolgreiche Gründerstory.“

„Die Aufmerksamkeit hat vor allem unsere Arbeitgebermarke gestärkt.“

Wooga habe vor allem als Arbeitgeber von der intensiven Coverage der Anfangsphase profitiert: „Das war wertvolles Employer Branding, unseren Namen kennt man nun.“ Jetzt konzentriert sich das Unternehmen auf solides Wachstum und darauf, die Veränderungen auf dem Gaming-Markt – wie beispielsweise den Shift von Social zu Mobile – so früh wie möglich zu erkennen und zu adaptieren. Das sei auf dem vor allem international hart umkämpften Markt überlebensnotwendig, erklärt Heuser. Ein medienwirksamer IPO, wie ihn einige von Woogas Konkurrenten kürzlich durchgeführt haben, steht bei Wooga derzeit nicht auf der Agenda.

Unabhängig von der zurückhaltenden Medienstrategie legt das Team um Gründer Jens Begemann weiterhin viel Wert auf die Vernetzung innerhalb der Berliner Szene. Das Auditorium im Büro an der Saarbrücker Straße stellt es umsonst für Meetings oder Barcamps zur Verfügung. Es gibt Kooperationen mit dem Betahaus und Workshops an den Universitäten. Dieses Engagement sorge langfristig besser für talentierte Nachwuchskräfte, erklärt Heuser – und hat daher gegenüber reinen Aufmerksamkeitsmaßnahmen heute eine deutlich höhere Priorität.

6Wunderkinder: „Junge Unternehmen können sich aggressive PR erlauben“

Längst nicht mehr zu sechst: Startup 6Wunderkinder. (Screenshot: 6Wunderkinder)
Längst nicht mehr zu sechst: Startup 6Wunderkinder. (Screenshot: 6Wunderkinder)

Als das Startup 6Wunderkinder 2012 das Aus seines Produktivitäts-Tools „Wunderkit“ verkündete, standen die Zeichen auf Krise. Bei nicht wenigen dürfte das zu einem schadenfrohen Lächeln geführt haben – hatten die „Wunderkinder“ sich doch zuvor als Vorzeige-Startup inszeniert und einen regelrechten Hype um Wunderkit aufgebaut.

Im Rückblick erklärt Chief Design Officer Benedikt Lehnert die damalige Strategie so: „Für ein junges Unternehmen ist es gut, auch mal selbstbewusst aufzutreten. Wir haben die Welle der Medienaufmerksamkeit bewusst mitgenommen und unsere eigenen Impulse gesetzt.“ Als klar wurde, dass man zurückrudern und den Fokus wieder auf die To-Do-App Wunderlist legen müsse, entschied sich das Startup erneut für einen Frontalangriff und legte in einem Blogpost die Fakten auf den Tisch. Auch das könne sich ein Startup eben leisten, sagt Lehnert. Und für den ehrlichen Kurs gab es auch viel Anerkennung.

„Die Phase nach Wunderkit war hart für das Team.“

Die dann folgende Phase war schwierig für das Team: „Es ist hart, wenn du ein Jahr lang voller Begeisterung an einer Sache arbeitest und dich dann von ihr verabschieden musst.“ Die Erfahrung mit Wunderkit habe viel zur internen Fokussierung des Teams beigetragen: „Wunderlist wurde aufgrund seiner Einfachheit zu einem internationalen Erfolg. Mit Wunderkit hatten wir uns zu sehr von diesem Grundsatz entfernt. Wir wollten zurück zu etwas, das man in wenigen Worten erklären kann.“

Dass 6Wunderkinder letztlich gestärkt aus dem Prozess hervorgegangen ist, zeigt das Investment des umschwärmten Wagniskapitalgebers Sequoia aus den USA. Es sei eine Mischung aus dem bisherigen internationalen Erfolg, der Ambition und den richtigen Fähigkeiten im Team gewesen, die den Amerikanern gefallen habe, erklärt Lehnert.

Im Sommer steht ein großes Update für Wunderlist an, das mittlerweile über sieben Millionen Nutzer hat. Großartig angekündigt wird es dieses Mal aber nicht: 6Wunderkinder sei nun ein erwachsenes Unternehmen und fahre konsequenterweise andere Strategien: Transparent will man weiterhin kommunizieren. Aber, so Lehnert: „Wir wollen dieses Mal zuerst abliefern und die Leute dann selbst ihre Begeisterung ausdrücken lassen.“

Fazit

Jenseits der vor allem in den Medien geführten Gefechte über die Existenz oder Nichtexistenz des berüchtigten „Hypes“ haben viele Berliner Startups, wie SoundCloud, tape.tv, 6Wunderkinder und Wooga zeigen, eine spannende Entwicklung durchlaufen. Die Herausforderungen, denen sich diese Unternehmen nun gegenüber sehen, sind erwachsener Natur. Ob sie sie in Berlin meistern können, wird zur nächsten Bewährungsprobe für die Hauptstadt – wir sind gespannt.

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Eine Antwort
  1. von Oink am 22.05.2014 (15:42 Uhr)

    Bei Soundcloud wundern mich die 200 Mitarbeiter. Ich frage mich, was diese den ganzen Tag machen... Die Entwicklung der Seite geht realtiv träge voran und das Design wird einfach mal zu 70% als fertig gelauncht. Das die ganze Statistik noch im alten Layout war, störte wohl nur die Soundcloud User die auch Content hochladen. Das wurde ja mittlerweile nun auch angepasst. Einfache Funktionen wie zufälliges Abspielen von Songs in einer Playlist fehlen immer noch. An sich mag ich Soundcloud, aber die häufen Probleme in der Vergangenheit und das relativ "unsaubere" Weiterentwickeln der Plattform selbst haben einen Faden Beigeschmack.

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