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Reportage

Kale and me: Der Saftladen von der Elbe

    Kale and me: Der Saftladen von der Elbe

Die Gründer von Kale and me: Konstantin Timm, Annemarie Heyl und David Vinnitski. (Foto: Kale and me)

Das Startup Kale and me betreibt mehr als einen reinen Onlineshop: Es produziert seine Säfte selbst – bei einem Mittelständler. Besuch bei zwei ungewöhnlichen Unternehmen.

Das mit den Handschuhen und den Haarnetzen, das sei ja nicht so gut angekommen, sagt Annemarie Heyl. Es war damals ihre erste Saftproduktion, im April 2015. Bis zu diesem Tag gab es das Geschäftsmodell ihres Startups Kale and me nur auf dem Papier. Jetzt wollten sie und ihre Mitgründer Konstantin Timm und David Vinnitski die Idee auch tatsächlich umsetzen. Nur stellten die Mitarbeiter von Rüter Fruchtsaft schon seit Jahrzehnten Säfte her. Handschuhe und Haarnetze, die habe man dafür noch nie gebraucht, sagten sie.

Oder dass man das Obst schneiden muss, statt es mit Stumpf und Stiel in die Presse zu werfen, das leuchtete bei Rüter Fruchtsaft auch keinem so richtig ein. Schließlich wird sowieso noch mal alles gefiltert. So funktionierte es zumindest immer bei Rüter Fruchtsaft. Doch die Kale-and-me-Gründer wollten eine andere Methode ausprobieren, eine mit Karotten schneiden und Rote Beete schälen, eine mit Hygienebedingungen und Saft kaltpressen statt erhitzen. „Das hat schon Überzeugungsarbeit gekostet“, sagt Annemarie rückblickend.

Es sei schon ein Schuss ins Blaue gewesen, sagt Helmut Rüter. Von Säften hätten die ja kaum Ahnung gehabt. Er steht mitten in der großen Halle neben der kleinen Abfüllanlage, die Mandelmilch läuft durch die Maschine, direkt in die kleinen 320-Milliliter-Flaschen. Herr Rüter beobachtet das Abfüllen. Als eine der Flaschen stecken bleibt, macht er einen Schritt nach vorne und drückt sie händisch an die Anlage. „Die wollte nicht“, sagt er.

Der Schuss ins Blaue hat sich sowohl für Annemarie als auch für Herrn Rüter als Treffer herausgestellt. Seit gut einem Jahr produziert das Startup Kale and me frische Säfte auf dem Gelände von Rüter Fruchtsaft, im Nirgendwo der Lüneburger Heide. Doch wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen einem Startup und einem Familienbetrieb, zwischen der digitalen und der analogen Welt, zwischen Innovation und Tradition?

Die Gründung: Saftkuren in Südafrika

Rüter Fruchtsaft stammt aus der traditionellen Welt. Als Helmut Rüters Großmutter Elisabeth das Unternehmen 1948 gründete, da gab es noch keine Computer, keine Smartphones, kein Internet. Weil ihr Mann noch in Kriegsgefangenschaft festgehalten wurde, musste sie ihre beiden Kinder allein versorgen. In dieser Zeit legte sie den Grundstein für die Mosterei. Die ersten Rohstoffe erhielt sie durch Tauschgeschäfte: Sie tauschte Hühner gegen Tee, Tee gegen Kaffee und Kaffee gegen alles andere, um über die Runden zu kommen. Nach der Währungsreform baute sie die E. Rüter Süßmost- und Fruchtweinkelterei auf. Helmut Rüter selbst arbeitete schon früh im Betrieb mit. Nach einem kurzen Ausflug zur Bundeswehr schloss er 1999 sein Studium als Diplom-Braumeister ab. Seitdem leitet er den Betrieb gemeinsam mit seinem Vater.

Wie sich die Zeiten geändert haben, hat Karl-Heinz Rüter selbst erlebt. Helmut Rüters Vater ist 80 Jahre alt und immer noch der offizielle Inhaber des Familienbetriebs. Obwohl jetzt sein Sohn das operative Geschäft leitet, schaut er jeden Tag ein Mal in der Anlage in Eimke vorbei. Früher, sagt er, habe es im Umkreis von 20 Kilometern viele Mostereien gegeben: in Uelzen zwei, in Soltau eine, in Ebstorf eine, in Bad Bodenteich eine. Geblieben sind nur die Rüters. So eine Mosterei fresse einfach „unheimliche Investitionen“: Die Waschanlage, die Füller, die Inspektoren, sie kosteten alle 500.000 Euro pro Stück, sagt der alte Herr Rüter. „Die Betriebe sterben aus, weil der Kostenaufwand an Maschinen zu groß ist.“

(Foto: Hegemann)
Obst schneiden bei Rüter Fruchtsaft – natürlich mit Handschuhen. (Foto: Hegemann)

Annemarie ist in der Welt nach dem digitalen Urknall aufgewachsen, in der ein Internetzugang und eine Idee reichen, um ein Unternehmen aufzubauen. Annemarie ist 29 Jahre alt, sie hat Betriebswirtschaftslehre studiert. Auf die Idee mit dem Saft kam sie in Südafrika. Während ihres Master-Studiums verbrachte sie ein Auslandssemester in Kapstadt. Dort lernte sie auch ihren Mitgründer Konstantin kennen. Zusammen trafen sie auf einen Unternehmer, der Saftkuren anbot. Bei diesen Kuren ernähren sich die Nutzer drei Tage lang nur von Saft. Doch das eigentlich Besondere steckt in den Getränken selbst: Gewöhnlich werden Säfte erhitzt, um Bakterien und Keime abzutöten und die Flüssigkeiten haltbar zu machen. Bei diesem Verfahren gehen allerdings auch die Vitamine verloren. Der südafrikanische Unternehmer unterzog das Obst deshalb dem HPP-Verfahren. Bei dieser Form des Haltbarkeitsverfahren bleiben die Nährstoffe erhalten, die Bakterien werden aber trotzdem zerstört.

Gemeinsam entwickelten Annemarie und Konstantin die Idee, solche Saftkuren auch in Deutschland anzubieten. Sie informierten sich über die verschiedenen Wege, Annemarie wälzte monatelang Bücher und versuchte herauszufinden, wie der perfekte Saft entsteht, welche Zutaten er enthält, wie er sich am besten zubereiten lässt. Der Ansatz, gesunde Säfte zu verkaufen, sollte die Grundlage des Startups Kale and me, zu deutsch: Grünkohl und ich, ausmachen. Heute kann Annemarie die Fachtermini der Saftproduktion genauso runterrattern wie die Fachtermini der BWL: hydraulisches Pressen, Cashflow, Rohstoffkosten, HPP-Verfahren.

Mit der Idee im Kopf begann Annemarie, Mostereien in der Gegend abzutelefonieren. Die Krise der kleinen Saftbetriebe bemerkte sie schnell: Die einen, sagt die Gründerin, teilten ihr mit, sie stünden kurz vor der Insolvenz. Die anderen sagten, sie hätten keinen Nachfolger für ihr Unternehmen und würden bald schließen. Für wieder andere sei die Produktionsmenge von Kale and me wahlweise zu klein oder zu groß gewesen. „Herr Rüter war der erste, der sich überhaupt zu einem Treffen bereit erklärt hat.“

In der ganzen Bundesrepublik gibt es heute noch 69 Safthersteller, jeder zehnte musste seit 2008 schließen, schreibt das Statistische Bundesamt. Helmut Rüter kennt diese Zahlen, und er weiß auch, dass er neue Absatzkunden braucht. Deswegen zeigte er sich erst einmal interessiert, als ihn Annemarie 2015 anrief. Er habe die Idee spannend gefunden, sagt Rüter. „Wir probieren uns immer wieder in neuen Geschäftskooperationen aus.“ Bei dem ersten Kennenlernen habe man „grob eruiert, wer sich was vorstellen kann“. Beide Unternehmen fanden: Die Vorstellungen passten zusammen.

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Die Produktion: Eine Frage der Menge

Seitdem produziert das Startup alle zwei Wochen seine Säfte bei Rüter Fruchtsaft. So auch an diesem Tag im Februar. Es ist sieben Uhr, über der Lüneburger Heide liegt noch der Morgendunst. In Eimke, einem 815-Seelen-Dorf, hat der Tag noch nicht begonnen, die Straßen liegen menschenleer im Morgengrauen. In der Produktionsanlage von Rüter Fruchtsaft herrscht hingegen bereits Betrieb. Sechs Mitarbeiter stehen um einen Tisch herum, mit Brettchen und Messern, und schneiden Möhren im Schein des Heizstrahlers. Mit Haarnetz und Handschuhen, selbstverständlich. Die Stille wird später von den Geräuschen aus der anliegenden Produktionshalle unterbrochen werden, wenn die elektrische Presse dort die Äpfel zermalmt.

Auf dem Produktionsplan stehen 3.900 Flaschen Saft. Sechs Sorten verkauft das Startup in seinem Onlineshop, von Apfel-Karotten-Zitronen-Saft bis hin zur süßlichen Mandelmilch. Annemarie holt eine Liste mit den Mengen heraus, die sie heute produzieren will: 520 Flaschen Ananas-Saft, 760 Flaschen Rote-Beete-Saft, 730 Flaschen Grünkohl-Saft, 650 Flaschen Apfel-Karotten-Saft, 590 Flaschen Avocado-Saft und 650 Flaschen Mandelmilch.

Ingwer, Avocado, rote Beete: Einen Teil des Obsts für seine Säfte kauft Kale and me aus der Region um Hamburg. Produziert wird in der Lüneburger Heide.(Foto: Hegemann)
Ingwer, Avocado, rote Beete: Einen Teil des Obsts für seine Säfte kauft Kale and me aus der Region um Hamburg. Produziert wird in der Lüneburger Heide.(Foto: Hegemann)

Herr Rüter steht in der großen Halle und wiegt den Kopf hin und her. „Also ich hätte ja die Hälfte mehr von der Mandelmilch gemacht“, sagt er.

„Herr Rüter, wir haben das ausgerechnet, das ist jetzt wieder ausgeglichen“, sagt Annemarie.

„Aber wir waren ja heute schon wieder leer.“

Annemarie schüttelt den Kopf. „Aber die Mandelmilch verdirbt am schnellsten.“

Das mit dem Verderben ist bei den Säften von Herrn Rüter nicht so. Wie seine Säfte entstehen, kann er bis ins kleinste Detail erklären. Wie das Obst in ein Außensilo geschüttet wird. Wie es in einem Wassertransportsystem gewaschen wird. Wie es in die Produktionshalle hineingeschwemmt und erneut gereinigt wird. Wie es dann in der Presse zermalmt wird, wie der Saft über die Zentrifuge gefiltert wird, wie er dann erhitzt wird. Durch letzteren Teil des Prozesses bleiben die Säfte monatelang haltbar.

Die Säfte von Kale and me halten sich dagegen nur vier Wochen. Die Mandelmilch kippt manchmal noch früher, wenn sie nicht richtig gekühlt ist. Das liege am pH-Wert, sagt Annemarie. Der sei bei der Mandelmilch höher, weil sie wenig Säure besitze. Dafür sind die Säfte frisch und enthalten noch alle Vitamine. Wegen der kurzen Haltbarkeit produziert Kale and me im Zwei-Wochen-Rhythmus kleinere Mengen, statt in einer großen Produktion den ganzen Jahresvorrat herzustellen. Ein großer Aufwand: In Eimke wird das Obst gepresst und die Säfte in die 320-Milliliter-Flaschen abgefüllt, von dort geht es nach Franken in die HPP-Anlage, wo die Säfte durch ein spezielles Druckverfahren haltbar gemacht werden, dann zurück nach Hamburg ins Lager. Die Arbeit scheint sich zu lohnen: Produzierte Kale and me beim ersten Mal 2015 noch 800 Flaschen und im Februar knapp 4.000, so sind es heute 10.000 bis 15.000 pro Tag. Statt 18 Stunden wie am Anfang braucht eine Produktion inzwischen etwa zehn Stunden. Früher kümmerte sich Annemarie allein um die Herstellung, heute steht ihr Konstantin zur Seite. In Zukunft wollen die Gründer noch häufiger nach Eimke fahren und einmal pro Woche Saft pressen.

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