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Kolumne: Die Rückkehr der Walled Gardens – das freie Web ist vorbei

Erinnert sich noch jemand an die AOL-CDs, die jede Computer-Zeitschrift lange Zeit zierten? Oder erinnert sich gar noch jemand an BTX, damals als wir nix hatten? Das waren alles so genannte Walled Gardens, freundlich ausgedrückt waren es Ökosysteme. Da sind wir bald wieder, wenn auch etwas anders und eventuell etwas bunter.

Kolumne: Die Rückkehr der Walled Gardens – das freie Web ist vorbei

Seit Tim Berners-Lee mit HTML den Standard des Webs geschaffen hat, ist eine lange Zeit vergangen, HTML gibt es immer noch, und eine Fülle neuer Technologien und Standards ebenfalls. Wenn wir zurückblicken auf die Entwicklung des Webs, dann kann man sagen, dass von 1995 bis 2000 extrem hohe Erwartungen an das Web gestellt wurden, die nahezu allesamt nicht erfüllt werden konnten. Ich habe damals mit digitaler Währung rumgespielt, Recommendation-Engines getestet und ruckelige Videos in Briefmarkengröße angesehen. Nach dem Ende der New Economy kam dann die Phase der Ernüchterung und seit 2005 ist das Web in einer erneuten Boom-Phase, nur sind dieses Mal viele Grundlagen bereits vorhanden, von denen man vor 15 Jahren nur träumen konnte: Bandbreite, Speicherplatz, CPU-Leistung, Standards, Libraries und so weiter.

Foto: sportsilliterate, flickr.com. Lizenz: CC BY 2.0

Ökosysteme vs. Plattformen

Nur, was wir eben auch sehen, ist die Herausbildung von Ökosystemen, die zunehmend die Plattformen verdrängen. Ein Ökosystem ermöglicht Dritten den Zugang zu den Nutzern und bietet ihnen damit eine Umgebung, in der diese Inhalte oder Dienstleistungen anbieten können. Eine Plattform bietet seinen Nutzern eigene Inhalte an, Dritte können lediglich Werbung schalten, um die Nutzer ebenfalls zu erreichen, um mal ganz verkürzt eine Unterscheidung zu liefern. Die bekanntesten Ökosysteme sind Apple, Amazon, Google und Facebook, denn diese vier Ökosysteme sorgen gerade dafür, dass sich das Web entscheidend weiterentwickelt. Es gibt noch weitere Ökosysteme, die in diesem Kontext eine untergeordnetere Rolle spielen, also z.B. Microsoft oder SAP. Ökosysteme neuerer Prägung erleichtern das Verknüpfen der Nutzer untereinder, aber auch das Verknüpfen der Nutzer mit Inhalten oder mit anderen Diensten. Und jetzt fängt es an, interessant zu werden.

Bild: lynetter, flickr.com. Lizenz: CC BY 2.0

Web 2.0 - der Nutzer im Mittelpunkt?

Die segensreichen Entwicklungen des Web 2.0 sorgen jetzt dafür, dass eine Verknüpfung von „Tie-in“ und „Lock-in“ dazu führen, dass die Nutzer dauerhaft an ein Ökosystem gebunden sind. Ein Tie-In ist die Verknüpfung von Produkten, die nur in dieser Form im Ökosystem verfügbar gemacht wird, während ein Lock-In dafür sorgt, dass ein Nutzer langfristig gebunden wird. Entweder, weil sie gerne Produkte nutzen, die nur dort angeboten werden, oder weil die sozialen Kosten für einen Wechsel zu hoch sind, da Freunde, Fotos, Musik oder andere Inhalte nur in dem einen Ökosystem vorhanden sind. Die Reichweite der vier großen Ökosysteme ist enorm, auch wenn die Geschäftsmodelle unterschiedlich sind. Als Anbieter von Inhalten, Produkten oder Dienstleistungen ist man nun darauf angewiesen, dass man über die Ökosysteme Aufmerksamkeit und Nutzer bekommt, wodurch die Ökosysteme noch attraktiver für die Nutzer werden.

Das freie Web ist vorbei. Das Web als Netzwerk der Ökosysteme führt zu einem kontrollierten Web, von dem einzig und allein die Ökosysteme profitieren. Die Nischen werden prosperieren, aber der Massenmarkt wird von wenigen Ökosystem dominiert werden.

Über den Autor

Nico Lumma ist Director Social Media bei der Scholz & Friends Group, stolzer Vater zweier Kinder, glücklich verheiratet und bloggt seit etlichen Jahren auf lumma.de. Er ist Ständiger Sachverständiger der Enquete Kommission „Verantwortung in der medialen Welt“ am Landtag Rheinland-Pfalz und wurde 2007 von der Zeitschrift Tomorrow zu den Top 20 Web 2.0 Pionieren in Deutschland gewählt.

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14 Antworten
  1. von ring2 am 22.11.2011 (12:45 Uhr)

    +1 @Nico - und von mir nur noch der Hinweis, dass das einzige Unternehmen, dass sich im wesentlichen immer noch an offene Standards, also auch jederzeit prekär, hält, Google ist.

    Bei aller Kritik, macht das einen wichtigen Unterschied.

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  2. von Nico Lumma am 22.11.2011 (12:47 Uhr)

    ja, das stimmt, aber man muß schon etwas differenzieren, wenn man offene Standards nennt. Facebook setzt massiv auf HTML5, auch das ist ein offener Standard.

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  3. von Gründercoach am 22.11.2011 (13:41 Uhr)

    Herzlichen Glückwunsch zu diesen Guten Artikel. Diese Betrachtungsweise war mir neu. Danke

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  4. von enrico am 22.11.2011 (14:45 Uhr)

    "Das freie Web ist vorbei."

    Dem kann ich nicht zustimmen. Ich gehe in keinem dieser vier großen walled gardens spazieren und kann prima damit leben. Ich kann auch keinen Trend in diese Richtung feststellen. Aber ich kann gut verstehen, dass man diesen Eindruck gewinnt, wenn man seine Seele erst mal an Herrn Zuckerberg verkauft hat. Da gibt es ein gutes Mittel dagegen: Einfach mal die schützenden Mauern des Gartens verlassen und ein Briese "real world" atmen!

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  5. von 50hz am 22.11.2011 (14:56 Uhr)

    "Die Nischen werden prosperieren, aber der Massenmarkt wird von wenigen Ökosystem dominiert werden."
    Wenn die Nischen weiter prosperieren und die Ökosysteme den Massenmarkt, den es ja vorher gar nicht gab, beherrschen, dann ist es mit dem "freien Web" ja nicht vorbei. Nur gibt es dann neben dem freien Web noch ein weniger freies Web.
    Diese Utopie finde ich okay.
    Schwierig wird es, wenn das freie Web verdrängt wird. Eine ja leider auch denkbare Dystopie.

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  6. von Erik am 22.11.2011 (15:17 Uhr)

    Die Email wird ja gerne totgeredet, sicher aus taktischen Gründen. Satt dessen solle man schön und modern über Nachrichten in Social Zeug kommunizieren. Aber mal ehrlich, Email ist eine dezentrale Architektur, bei der kein zentraler, copyrightschwingender Anbieter alles unter Kontrolle hat. das ist besser für uns alle, oder?

    Email ist ein Standard der für alle offen ist und wo es keiner einzelnen Stelle derzeit gelingen dürfte, ein Monopol über alle zu erlangen.


    @enrico: ja sehe ich auch so. Wer anfängt sich über Facebook zu wundern und dann meit Google+ wär ne Alternative und gleichzeitig "Datenaustausch" über iTunes bereibt, dem ist der Weg ins Freie derzeit verschlossen. Ich verwende keinen der o.g. Anbieter und freue mich jeden Tag darüber, unabhängig zu sein

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  7. von drikkes am 22.11.2011 (16:44 Uhr)

    Interessiert den Long Tail wirklich, an welchem Tier er hängt?

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  8. von JK27 am 22.11.2011 (17:28 Uhr)

    Wirklich interessanter Artikel!

    Freiheit ist ein seeeehr philosophischer Begriff... Wie frei kann und will ich sein und was bin ich bereit dafür in kauf zu nehmen? Natürlich kann ich ohne Facebook, Google etc leben. Ich kann auch ohne Autos, Handys und Supermärkte leben. Wie "Frei" oder "Abhängig" man ist muss letztendlich jeder für sich selbst entscheiden. Wichtig ist nur das man gebildet genug ist eine bewusste Entscheidung zu treffen.

    PS: Ob wir überhaupt "bewusste" Entscheidungen treffen ist eine andere Frage ;)

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  9. von Christian am 22.11.2011 (20:21 Uhr)

    Schön, das mal so auf den Punkt gebracht zu bekommen. Interessieren würde mich nun weiterführend, welche möglichen Konsequenzen sich zum einen für die (Nicht-)Nutzer und zum anderen die "Dritten" ableiten lassen. Schliesslich bietet keines der vier Beispiele (ausgenommen eventuell Amazon) eigene Inhalte an, sondern die Inhalte eben jener Dritter.

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  10. von Analog-Tester am 22.11.2011 (20:40 Uhr)

    Komme gerade aus meinem Analog-Experiment - 6 Monate ganz ohne PC und Web privat zu leben - in den Walled Garden Internet zurück. Wohlgemerkt freiwillig.

    Ich muss sagen, die Freiheit war während der Zeit gefühlt viel größer und der digitale Zwang, der uns ja konsequent suggeriert wird, war weg und ich habe ihn nicht eine Sekunde vermisst.

    Ist die digitale Freiheit nicht auch ein Stück weit "Sucht" und Süchtige handeln ja bekanntlich nicht immer logisch.

    Bei dieser News muss ich irgendwie an THE WALL von Rodger Waters denken......

    Stellt euch doch mal das Internet vor, wenn alle User für nur eine Woche gleichzeitig den Stecker ziehen würden. Dann sitzen sie inside the wall, alone in the clouds (all blue)......

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  11. von Jens Grochtdreis am 23.11.2011 (08:41 Uhr)

    Nein, das freie Internet ist nicht vorbei. Verwechsle bitte nicht das "Social Web" mit dem Internet. Mich persönlich interessiert Facebook nicht und ich fänd auch eine Alternative zu GoogleDocs. Das Internet besteht für mich im Wesentlichen aus Newsseiten und Fachblogs. Das sind keine walled gardens. Fratzenbuch ist für mich ein unbedeutender Nervfaktor und das geht allen meinen Bekannten so, die NICHT mit dem Internet zu tun haben.

    Klar, Facebook wird mächtiger. Aber deshalb verschwinden weder zeit.de noch meine geliebten Fachblogs. Ergo: es kommt auf den eigenen Fokus an. Und wer sich nur auf "Social" fokussiert kann halt hin und wieder vergessen, dass es ein Leben und ein Internet ausserhalb von Fratzenbuch gibt. Und das bleibt glücklicherweise so.

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  12. von Christian am 23.11.2011 (08:59 Uhr)

    @Jens Grochtdreis
    Gerade Newsseiten sind von Facebook begrängt, denn die Masse der Leute im Internet zu denen scheinbar weder du noch deine offline Bekannten gehören verbringen mehr und mehr Zeit auf Facebook. Zeit, die ihnen für andere Dinge im Internet fehlt wie z.B. Newsseiten.
    Fachblogs wiederum gehören zu Internet Subkulturen, je nachdem welches Thema. Die wird es weiter geben. Newsseiten werden sich aber auf absehbare Zeit konsolidieren. Kleinere werden verschwinden und grössere überleben. Wirklich profitabel zu sein, wird aber extrem schwer.

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  13. von Jens Grochtdreis am 23.11.2011 (09:21 Uhr)

    @Christian: Klar gibt es einen Zug zu Facebook und die Nutzer verbringen dort viel Zeit. Ich finde nur die Argumentation, dass sich deshalb alles ändert, nicht schlüssig. Dahinter steckt die Idee der Alternativlosigkeit. Und die gibt es ja gerade im Netz nicht.

    Sollen doch 40% der Deutschen in Facebook kommunizieren. Mir egal. Ich überlebe auch - wie die meisten Zeitungen -, dass die BILD die auflagenstärkste "Zeitung" in Deutschland ist. Niemand glaubt, deshalb die FAZ abschaffen zu müssen.

    Wesentlich trauriger, als die walled gardens ist doch, dass die Nutzer zu freizügig mit ihren Daten umgehen und umgekehrt der Staat mit unseren Daten, die öffentlich nutzbar wären, hinter dem Berg hält. OpenData würde eine neue Form der Bürgerbeteiligung ermöglichen, obgleich auch da nur wieder die eines Teils. Aber das ist normal.

    Wenn jemand wegen eines kleinen Trends gleich eine große, alles umwälzende Veränderung ausruft, sollte man vorsichtig sein. Bei "Soschl"-Typen wie Nico Lumma ist das zwar nicht verwunderlich, aber es auch da sollte man den eigentlichen Zweck der Meinungsäußerung hinterfragen. Nico ist bei diesem Thema ein Lobbyist ;-)

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  14. von Erik am 23.11.2011 (11:41 Uhr)

    Ich habe den Autor schon so verstanden dass er eseine eigene Prognose abgibt, aber nicht unbedingt dass er das notwendigerweise total befürwortet. Es ist eine Vermutung was passieren könnte wenn die Welt sich genauso weiterentwickelt wie sie heute schon ist.

    Daher fand ich es gut dass mal jemand die Thematik so direkt rüberbringt. Es schwingt für alle die sich angesprochen fühlen auch eine "Handlungsaufforderung" mit, sich bewusst für etwas anderes zu entscheiden.

    Zum Beispiel so:
    - ich kaufe bestimmte Öko-Bioprodukte weil sie für mich besser sind und weil deren Produktion für die Welt besser ist. Das ist also Konsumentenbewusstsein.

    - ich nutze bestimme Internetdienste und andere nutze ich nicht, weil das dann so für mich sinnvoller ist und meiner Vorstellung einer digitalen Zukunft besser entspricht. Das ist ebenso Konsumentenbewusstsein.

    Fazit: die Masse der Facebook-Apple-Sektenmitglieder verhält sich schon ein bisschen so wie Leute die sich komplett bei Aldi-Lidl ernähren...

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