Schöne Bescherung. Heiligabend, ich Heimatbesuch (Graz), sie zu Hause (Berlin). Dort: Internet geht nicht. Erste Heilversuche per SMS: „Kabelmodem resetten, am besten: Hauptschalter Steckerleiste“ - „Schon probiert, bringt nix.“ - Ich: „Dann musst wohl die Hotline anrufen.“ - Sie: „Und die Nummer find ich im Internet...“ Auf der südlichen Seite des Alpenhauptkamms funktioniert das Netz aber noch - der Herr nimmt, Google gibt. Die Nummer geht per SOS-SMS (Telefonieren ist im Ausland/mit deutschen Netzen ja sündhaft teuer) in das digitale Krisengebiet. Sie, nach einer Weile: „Hab grad telefoniert, die kümmern sich wohl jetzt drum“. Puuh, na wenigstens das. Blöd zwar, hätte gerne mit ihr geskyped (nein wirklich, die Mobilfunkpreise in diesem Land sind eine Frechheit), sie wollte auch Weihnachts-Mails schreiben, aber was soll's, Heiligabend ist, da trifft man die Familie, es geht besinnlich zu, und später schaut man wie immer „Stirb langsam“.
Tag 1: Panik, erste Anzeichen
Der Tag danach. Lageabfrage, doch im Nordosten nichts Neues. Spontane Selbstheilung hat nicht stattgefunden. Egal, bald geht es in den Flieger, dann schaut sich der Fachmann das an. Also ich. Eine Autofahrt, ein Flug, eine Bus- und eine U-Bahn-Fahrt später: Tatsächlich, geht nicht. Das Kabelmodem zeigt zwei leuchtende Lämpchen, das darunter blinkt traurig, jenes mit „Online“ beschriftete bleibt gleich ganz aus. Mist. Sicherheitshalber nochmal resetten. Kabel überprüfen (alle bombenfest). Dezent befummeln, andrücken und liebhaben, vielleicht ist es ja nur ein Wackler. Nichts. Das Ganze gleich paar Mal, so ein Reset hat manchmal seinen ganz eigenen Willen.
Panik, erste Anzeichen. 25. Dezember, wie viele Techniker da wohl unterwegs sind? Die U-Bahnen fahren doch auch, Krankenhäuser haben auf und stand da nicht „Fernsehtechnik“ auf dem Wagen, der gerade auf der Straße vorbeigefahren ist? Fenster auf, doch vor dem „Huhu, hieieer! Sie suchen sicher mich!“-Ruf: Weg war er, der beschriftete weiße Lieferwagen.
„Schatz, es ist so langweilig ohne Internet“
„Schatz, es ist so langweilig ohne Internet, ich weiß gar nicht was ich tun soll. Ich hab jetzt sogar schon ein Buch gelesen“, sagt sie. Tatsächlich, die Freizeitgestaltung erweist sich als stark eingeschränkt. Kein stundenlanges Herumsurfen, kein Google, keine Medien, keine Downloads, keine Mails, keine Netzwerke, kein Sinn. Und, für sie ganz besonders schlimm: keine Games, kein „Balla-Balla“, wie sie (erwachsene Frau) sagt. Gemeint sind damit Xbox Live Arcade-Spiele, „Zuma“, „Lumines“ und andere Tetris-Varianten. Die liegen zwar auf der Festplatte, die Vollversionen können aber nur gestartet werden, wenn das Internet aktiv ist. Fail.
„Lass uns was machen.“ Gute Idee, Kino wäre fein, „Avatar“ in 3D. Doch ohne Online-Reservierung? Anrufen geht gar nicht, wer weiß auf welchen Plätzen wir da landen. Alternativvorschlag: Essen gehen. Feiertag, was hat offen? Und überhaupt: Reservieren wär' auch nicht schlecht. Natürlich: Keine einzige Nummer im Handy gespeichert, Telefonbuch war das letzte Mal Anfang des Jahrtausends im Haus.
„Schauen Sie doch am besten im Internet nach...“
Ja, es gibt die Telefon-Auskunft, aber die setzt ein Mindestmaß an eigener Entschlossenheit voraus: „Guten Tag, wie kann ich helfen?“ – „Ja, ich würde gerne essen gehen, nicht zu weit entfernt, nicht zu teuer, nette Atmosphäre, vielleicht asiatisch, kann aber auch ruhig was anderes sein, und lesen Sie mir auch bitte gleich die Speisekarte vor. Was können Sie mir empfehlen?“ - „Tut mir Leid, schauen Sie doch am besten im Internet nach...“
Letztlich landen wir beim Mexikaner um die Ecke, statt „Avatar“ gibt’s später eine Blu-ray aus der Videothek. Dort schenkt uns der Chef einen Schoko-Weihnachtsmann, achwienett. Das Internet schenkt einem nie was, zumindest nichts zum Naschen. Nach Ende des Films („Hangover“) noch ein bisschen in den Extras gestöbert und ohne nachzudenken auf „BD Live Extras“ (also Internet-Zusatzinhalte für Blu-ray...) geklickt. Geht nicht gibt’s doch, und prompt hängt sich der Player auf. Auch übliche After-Film-Rituale entfallen: „Wo hat der Schauspieler nochmal mitgespielt?“ Kein imdb.com, keine Ahnung.
Internet-Cafés? Web-Legebatterien...
Kurzum: Nach rund einem Jahrzehnt mit Flatrate, also der ständigen und selbstverständlichen Präsenz des Mediums Internet, verlernt man die Existenz ohne dieses Medium komplett. So steht beispielsweise Wegfahren zur Diskussion, zu Hause ist es ja langweilig. Doch wohin? Stünde theoretisch alles im Internet, Hotel-Reservierung und ähnliches inklusive. Und selbst, wenn man das Ziel schon kannte, wie ist das Wetter dort in rund einer Woche? Nicht mal die aktuelle Temperatur hier in Berlin ist ohne Wetter-Widget zu sehen.
Da könnte manch einer sagen: „Jetzt reiss dich zusammen, jammer' nicht rum, in der Steinzeit sind wir auch wieder nicht“. Wohl wahr, man kann auch per Handy-Verbindung ins Web, Internet-Cafés gibt’s in der Gegend auch genug. Ersteres ist aber in der Regel zu teuer, vor allem ohne entsprechenden Tarif (den man aber ansonsten nicht braucht). Zweiteres ist zwar billiger, aber noch weniger akzeptabel: Zwar suggeriert das Wort Café eine gewisse Gemütlichkeit, in Realität sind das aber Web-Legebatterien, bei dem der Abstand zur Tastatur des Nachbarns gerade mal so der Breite der Maus entspricht.





9 Answers
von Roland 11.02.2010 (10:30Uhr) 1.
JAAAHH, ICH BIN NICHT ALLEIN!!! ;-)
von herby 11.02.2010 (11:01Uhr) 2.
Einfach köstlich. Ich weiss nicht, was ich in solch einer Situation hätte machen sollen.
von René Fischer 11.02.2010 (11:56Uhr) 3.
Einfach zu geil. Hab das Schmunzeln noch immer auf den Lippen.
Kleiner Tipp am Rande: Für so etwas hat man immer einen Prepaid UMTS-Stick parat. Internet für 2,50 EUR am Tag (Fonic) ist immer noch besser als keins ;)
von Sven Johannsen 11.02.2010 (14:47Uhr) 4.
Sehr unterhaltsam! Und doch genieße ich stets meine webfreien Tage wie 2 Wochen Urlaub ohne digitalen Anschluss. Viel lesen, neugierig in die Welt schauen, die ganze Aufmerksamkeit der Liebsten widmen. Wunderbar!!
von Dominik 11.02.2010 (16:03Uhr) 5.
Hmmm ... also wenn ich in den Urlaub fahre dann bin ich freiwillig 2 Wochen ohne Internet und tauche nicht in die digitalen Welten ein. Ein Buch zu lesen, Spazieren zu gehen, das Schwimmbad zu besuchen und vieles mehr ist heute zwar oft eher eine exotische Tätigkeit ... aber das entspannt und man merkt wie lebendig man eigentlich ist, wenn man nicht auf das eckige Wunderding namens Monitor guckt.
2 Wochen sind also durchaus akzeptabel und wie schon von Vorgängern geschrieben, wenn man es für die Arbeit oder so braucht gibt's ja UMTS-Sticks und andere Alternativen.
von Vlad 11.02.2010 (17:14Uhr) 6.
OMG!!!
2 wochen ohne, ist sehr hart !
In der Zeit hätte ich geübt mit einem Gamepad buchstaben so zu sortieren dass sie einen Sinn ergeben.
Übrigens tolle Google anzeigen unten an der Seite.
Alkoholentzug in 21 Tagen lol
von Max 11.02.2010 (18:08Uhr) 7.
diesen Tag würde ich gelassen nehmen
von Paul 13.02.2010 (14:49Uhr) 8.
Ich glaube das viele Firmenstrukturen zusammenbrechen würden. Privat gesehen ist das aber eine Bereicherung. Arbeit kann man so nicht mehr so einfach mit nach hause nehmen. =)
von Stephan 15.02.2010 (12:11Uhr) 9.
Ich hab ja in letzter Zeit die Erfahrung gemacht, dass google öfter mal stehen bleibt. In Bezug auf die Aufnahme oder die Updates meine ich
gruss
stephan